Die Madonna des Kanonikus Joris van der Paele (), auch kurz Paele-Madonna, ist ein Ölgemälde des altniederländischen Malers Jan van Eyck aus dem Jahre 1434–36. Es zeigt zentral die thronende Jungfrau Maria mit dem Jesusknaben, auf der linken Seite Donatian von Reims und auf der rechten Seite den Kanonikus und Stifter Joris van der Paele sowie dessen Namenspatron, den heiligen Georg. Es handelt sich um das zweitgrößte Werk des Künstlers nach der Anbetung des Lammes, einem Teil des Genter Altars.Sandra Hindriks: Jan van Eycks früher Ruhm und die niederländische »Renaissance«. Paderborn 2019.

Bildbeschreibung Zentral dargestellt ist die Jungfrau Maria in einer Bedeutungsperspektive, das Jesuskind auf dem Schoße und auf einem reich verzierten Thron sitzend. Sie hält einige Blumen in ihrer linken Hand, nach denen das Jesuskind mit seiner linken Hand greift. Mit der Rechten hält er einen Halsbandsittich. Beide sind im Begriff, sich dem Kanonikus zuzuwenden.Hermann Beenken: Hubert und Jan van Eyck. München 1941. Der durch zwei Stufen erhöhte Thron besteht aus einem Brokatbaldachin, dessen florale Motive sich in der Ausschmückung der Rückenlehne fortsetzen. Vor dem Thron liegt ein reich verzierter Teppich. Die linke Armlehne (aus Sicht der Betrachtenden) zeigt eine figürliche Darstellung der Ermordung Abels durch seinen Bruder Kain. Darunter ist in einer Nische mit gotischer Architektur eine Darstellung des Adam eingelassen, die in der rechten Armlehne (aus Sicht der Betrachtenden) durch eine Darstellung Evas vervollständigt wird. Statt Kain und Abel ziert hier eine Darstellung Simsons mit einem Löwen die Lehne. Zu Marias Linken kniet der Stifter Joris van der Paele, gekleidet in ein Chorhemd und ein Gebetbuch sowie seine Brille in den Händen haltend. Neben ihm steht der heilige Georg. Dieser zieht seinen Helm aus und grüßt Jesus über die Aufschrift auf seiner Brustplatte mit Adona[i] („Herr“ auf Hebräisch), während er mit dem rechten Arm den Kanonikus gegenüber Maria empfiehlt. Außerdem hält er eine weiße Flagge mit rotem Kreuz. In einem Schild auf seinem Rücken ist in einer Spiegelung eine weitere Figur zu erkennen. Aufgrund der Ähnlichkeit mit der Spiegelung in van Eycks Arnolfini-Hochzeit könnte es sich hierbei um eine Selbstdarstellung des Künstlers handeln. Zu Marias Rechten steht, in ein Pluviale gekleidet, der heilige Donatian von Reims. Das Pluviale ist dabei mit Goldstickereien versehen, die einige Heilige – darunter der heilige Johannis und der heilige PetrusGünter Busch: Jan van Eyck. Die Madonna des Kanonikus Paele. Stuttgart 1959. – darstellen. Seinem Amt gemäß trägt er eine Mitra. In der Hand hält er einen Krummstab sowie sein Attribut: ein Rad mit fünf brennenden Kerzen. Die Szene ist in die Architektur einer reich verzierten Apsis im romanischen Stil eingebettet.

Ikonografie Die Figuren Van der Paele Die Darstellung folgt dem Grundtypus einer Sacra Conversazione. Es handelt sich hierbei auch um eines der ältesten Gemälde dieses Typs. Zuvor war eine Darstellung der Heiligen auf einem separaten Panel üblich. Van der Paele wird kniend und mit einem Gebetbuch in der Hand dargestellt, um seine Frömmigkeit zu unterstreichen. Zwar ist der Text des Gebetbuches nicht lesbar, jedoch deutet eine Inschrift auf dem Rahmen (Buch der Weisheit 7,29 und 26) auf eine Verehrung Mariens hin. Natürlich handelt es sich bei der Darstellung nicht um eine tatsächliche Begegnung, sondern um eine Vision vor Paeles geistigem Auge. Dadurch kann auch sein starrer Blick, der die Heiligen nicht zu bemerken scheint und in Richtung des Krummstabes gerichtet ist, erklärt werden. Die Betrachtenden müssen sich jedoch fragen, welche Aspekte der Begegnung Fiktion und welche real sind, was aufgrund von van Eycks naturnahen Malweise nur schwer zu entscheiden ist.Till-Holger Borchert: Van Eyck bis Dürer. Altniederländische Meister und die Malerei in Mitteleuropa, Stuttgart 2010, S. 146. Zitiert nach Sandra Hindriks: Jan van Eycks früher Ruhm und die niederländische »Renaissance«. Paderborn 2019. Betont wird Marias Rolle als Fürsprecherin und die Verbildlichung der Verehrung Mariens soll das Seelenheil van der Paeles sicherstellen. Die Erkrankung van der Paeles ist bereits deutlich erkennbar und ausgesprochen detailliert festgehalten. Dies steht im Gegensatz zur Maltradition der damaligen Zeit, in der die Darstellung eines Auftraggebers häufig idealisiert erfolgte.Karl Voll, 1923. Nach Günter Busch: Jan van Eyck. Die Madonna des Kanonikus Paele. Stuttgart 1959, S. 24–25. Der Bruch mit dieser Tradition gibt dem Werk einen besonders persönlichen Charakter und betont, dass es sich hierbei spezifisch um van der Paeles Vision handelt. Während die von Paele gehaltene Brille aufgrund seiner Erkrankung von ihm benötigt wurde, steht sie laut Purtle auch für den Aspekt, dass das Wort Gottes jedermann zugänglich gemacht werden könne.

Das Jesuskind Der Jesusknabe präsentiert sich dem Betrachter heute wieder in seiner ursprünglichen und unbekleideten Form. Da jedoch nach der Fertigstellung des Werkes anhaltende Kritik ob der Enthüllung seiner Genitalien geäußert wurde, fügte ein unbekannter Maler vermutlich in der Zeit nach den Bilderstürmen ein Lendentuch hinzu. Möglicherweise handelte es sich dabei um Jakob van Oost der Ältere, der 1632–33 mit Restaurierungsarbeiten betraut wurde. Das Lendentuch wurde erst 1933–34 bei Restaurierungsarbeiten als Übermalung erkannt und die Veränderung rückgängig gemacht. Der Griff des Kindes nach dem Blumenstrauß kann als spontane Geste des Schenkens an van der Paele gedeutet werden.Carol J. Purtle: The Marian Paintings of Jan van Eyck. Princeton 1982. Der von der anderen Hand berührte Halsbandsittich stand im Mittelalter durch seine Fähigkeit des Sprechens häufig für eine Begrüßung.Lawrence Naftulin. Nach Carol J. Purtle: The Marian Paintings of Jan van Eyck. Princeton 1982. S. 92. Durch seine Positionierung in der Bildmitte sowie der Schnittstelle zwischen Jesus und Maria begrüßt er van der Paele in der Nachwelt.

Die Heiligen Ebenfalls für ihn sprechen soll der heilige Georg, der als Namenspatron eine besondere Bedeutung für den Kanonikus hat. Allerdings kann auch ein regionaler Bezug zur Sint-Donaaskathedraal hergestellt werden, da dort eine Reliquie des hl. Georg aufbewahrt wurde. Des Weiteren tritt der hl. Georg auf das Gewand des Kanonikus, was als Bezug zu Vergeiselung gesehen werden kann. Bei diesem Prozess der zeitgenössischen Rechtsgestik, welcher eine Form der Bürgschaft darstellte, ergriff der Bürge symbolisch einen Teil des Gewandes des Schuldners. In diesem Sinne kann einer Verbürgung Georgs für den Kanonikus in Kombination mit der Gestik gesehen werden.Dieter Jansen: Similtudo. Untersuchungen zu den Bildnissen Jan van Eycks. Köln–Wien 1988. Ebenfalls in der Sint-Donaaskathedraal aufbewahrt wurden einige Reliquien des hl. Donatians von Reims, daher auch die Weihung der Kathedrale in seinem Namen. Er war damit ein weiterer wichtiger Patron im Leben des Kanonikus, da dieser sein Amt in Donatians Kathedrale ausübte. Die explizite Erwähnung der religiösen Tätigkeit in seiner Kirche sollte eine Fürsprache Donatians sicherstellen. Sein verziertes Pluviale und seine Mitra entsprechen der Beschreibung eines Pluviales und einer Mitra, die in der Sint-Donaaskathedraal aufbewahrt wurden und somit von van der Paele getragen worden sind. Dies unterstreicht erneut die Verbundenheit van der Paeles mit dem hl. Donatian. Ebenfalls vor Ort aufbewahrt wurde der Krummstab, der ein Stück des Kreuzes Christi enthalten haben soll. Auf diesen Stab ist auch der Blick des zu diesem Zeitpunkt bereits erkrankten van der Paeles gerichtet, nicht etwa auf Maria oder Jesus. Somit steht der drohende Tod unmittelbar im Zentrum des Werkes, aber ebenso auch die Auferstehung.

Alle vier Figuren zusammen ergeben die heraldischen Farben der Stadt Brügge, nämlich Blau (Donatian), Rot (Maria), Weiß und Gold (Van der Paele und sein Schutzpatron).

Die Architektur Unter Kunsthistorikern herrscht Uneinigkeit, ob es sich bei der Architektur um einen tatsächlich existierenden Raum handelt und wo dieser gegebenenfalls zu verorten sei. Einige, darunter Jansen, vertreten die These, es habe sich um eine Apsis der Sint-Donaaskathedraal gehandelt; dies kann aufgrund der Zerstörung der Kathedrale während der Französischen Revolution jedoch nicht mehr überprüft werden. Von anderen wurde die Grabeskirche in Jerusalem vorgeschlagen: Auf dem Gebiet jener Kirche habe sowohl die Kreuzigung als auch die Auferstehung stattgefunden, wodurch die Thematik des Werkes noch mehr betont werden würde. Purtle führt außerdem die Bezeichnung Jerusalem des Nordens für Brügge und die dort kurz zuvor gebaut Jerusalemkirche an, wodurch eine Anspielung van Eycks von seinen Zeitgenossen verstanden worden wäre. Es kann jedoch nicht mit Sicherheit festgestellt werden, ob ein solcher Bezug van Eycks Absicht gewesen ist. Günter Busch hebt hervor, dass es sich beim Stile der Apsis um die Romanik handle, während der Thron und die Rüstung des hl. Georg in den Stil der Gotik falle. Er sieht darin eine Untermalung der Vision van der Paeles: Während das Massive und Geschichtliche der Romanik die Szene in der Wirklichkeit verankern, so würden die gotischen Elemente ins Transzendente reichen und den Aspekt der Vision untermalen.

mini|Auferstehung Christi (1499) von Perugino zeigt Jesus mit einer vergleichbaren Flagge.

Eindeutig ist jedoch die Platzierung der Szene in einer Kirche: Dabei befinden sich Maria und Jesus an dem Ort, der normalerweise dem Altar vorbehalten ist. Die Bildfläche ist außerdem ikonografisch in zwei Hälften zerteilt, die sich mit der Kreuzigung und Auferstehung Christi befassen: Während der Brudermord von Kain an Abel zur Rechten Marias den Tod verdeutlicht, zeigt links die Zähmung des Löwen durch Samson den Sieg über den Tod. Das Kapitell links im Hintergrund zeigt Szenen mit Bezug zum Tode im Namen Gottes, darunter die Bindung Isaaks. Rechts ziert das Kapitell Szenen der Rettung Lots und des Kampfes von David gegen Goliat – beides Bibelstellen, die den Triumph über den sicheren Tod zum Thema haben. Hinzu kommt die Flagge des heiligen Georgs, die zwar einerseits ein Attribut von ihm ist, jedoch auch häufig von Jesus in Darstellungen der Auferstehung gehalten wird. Es ist hierbei zu bemerken, dass die Darstellungen der Auferstehung in der gleichen Bildhälfte wie der Kanonikus verortet sind. Durch die Ikonografie des Todes Christi und der Auferstehung rechts und links der Figuren wird ein Bezug zur Eucharistie hergestellt. Dies wird durch das Kapitell links unterstrichen, da die Bindung Isaaks ebenfalls eine Deutung mit Bezug zur Eucharistie erfahren hat.

Die Rahmung Mariens durch die Struktur des Thrones könne auch mit einer Ädikula oder einem Tabernakel verglichen werden. Diese Darstellung Marien war im Mittelalter üblich um Maria als Personifikation der Kirche als Institution zu kodieren.Marylin Lavin. Nach Carol J. Purtle: The Marian Paintings of Jan van Eyck. Princeton 1982. S. 91. In diesem Fall würde es sich hierbei um van Eycks ersten Versuch dieser Darstellungstradition handeln.