Die Islamische Front in Syrien () war eine Koalition syrischer islamischer Oppositionsgruppen in Syrien in den frühen 1980er Jahren, die danach strebte, das Regime von Hafiz al-Assad zu stürzen und einen islamischen Staat zu gründen. Sie wurde unter Beteiligung der syrischen Muslimbruderschaft im Oktober 1980 in Saudi-Arabien gegründet,Pierret: Religion and State in Syria: The Sunni Ulama from Coup to Revolution. 2013, S. 189. als in Syrien bereits seit mehreren Jahren eine bürgerkriegsähnliche Situation herrschte.Pierret: Religion and State in Syria: The Sunni Ulama from Coup to Revolution. 2013, S. 210. Die Islamische Front war die erste Organisation syrischer islamischer Religionsgelehrter (ʿUlamā'), die ein detailliertes politisches Programm verabschiedete: die Charta der Islamischen Front in Syrien, die am 17. Januar 1981 veröffentlicht wurde.Pierret: Religion and State in Syria: The Sunni Ulama from Coup to Revolution. 2013, S. 190.
Mitglieder und Vorstand Neben den Muslimbrüdern gehörten dem Bündnis ungefähr 100 im Exil lebenden islamische Gelehrte an. Als Präsident fungierte der ehemalige Leiter der Muslimbrüder ʿAbd al-Fattāh Abū Ghudda, als Generalsekretär der aktivistisch orientierte Gelehrte Muhammad Abū n-Nasr al-Bayānūnī (1945–1987), Anführer der Abū-Dharr-Gemeinschaft (ǧamāʿat Abī Ḏarr), die eine ähnliche Ausrichtung hatte wie die Muslimbruderschaft.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 125. Beide stammten aus Aleppo. Der Front gehörten jedoch auch prominente Gelehrte aus Damaskus und anderen Regionen Syrien an. Sowohl al-Bayānūnī als auch viele der Mitglieder der Front gehörten der 1946 gegründeten „Liga der ʿUlamā'“ (Rābiṭat ʿUlamāʾ) an.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 124.
Indem sie Abū n-Nasr al-Bayānūnī zu ihrer sichtbarsten Figur machte, wollte die Führung der Islamischen Front die Bedeutung der ʿUlamā' innerhalb des Bündnisses hervorheben, doch hielt die Front die Namen der beteiligten Organisationen und Personen aus Sicherheitsgründen geheim, wodurch diese Maßnahme weitgehend ihrer symbolischen Bedeutung beraubt wurde.Pierret: Religion and State in Syria: The Sunni Ulama from Coup to Revolution. 2013, S. 189f. Al-Bayānūnī lebte nicht in Syrien, sondern zog zwischen verschiedenen Ländern hin und her, um der Entdeckung durch die syrische Geheimpolizei und ihre Agenten zu entgehen.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 123.
Vorgeschichte und Gründung Hinsichtlich der Frage, von wem die Initiative für die Bildung des Bündnisses ausging, gibt es unterschiedliche Ansichten. Karl Binswanger schloss aus der Tatsache, dass die Symbole auf der von der Front veröffentlichten Broschüren auffällige Übereinstimmungen mit denjenigen der Muslimbruderschaft aufweisen, darauf, dass die Front eine von der Bruderschaft initiierte Bewegung war. Umar F. Abd-Allah verweist darauf, dass die syrische Muslimbruderschaft schon im Herbst 1979 Briefe an die ʿUlamā' Syriens ausgesandt und sie darin aufgefordert habe, mit der Bruderschaft eine gemeinsame Front gegen das Assad-Regime zu bilden.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 116. Nach Abū n-Nasr al-Bayānūnī dagegen ging die Initiative zur Bildung der Front nicht von der Muslimbruderschaft aus, sondern von den ʿUlamā'. Eine Gruppe von ihnen habe sich getroffen und beschlossen, ein Vorbereitungsgremium (haiʾa taḥḍīrīya) zu bilden, um die Möglichkeit einer Islamischen Front zu prüfen. Nachdem die Gründung der Front beschlossen war, habe das Gremium ein Follow-up-Komitee gewählt, das den Auftrag erhalten habe, eine Charta auszuarbeiten und einen Generalsekretär der Front zu nominieren.Mayer: “The Islamic Opposition in Syria, 1961–1982”. 1983, S. 599. Dieses Komitee habe auch einen provisorischen Konsultativrat für die Front gewählt.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 132f.
In ihrer eigenen Charta gibt die Islamische Front an, sie sei inmitten eines dringenden Bedürfnisses nach Einheit gegründet worden. Islamische Gruppen (ǧamāʿāt) basierten heute im Allgemeinen auf unterschiedlichen Ansätzen, Interpretationen (iǧtihādāt) und Programmen (manāhiǧ), was die Entwicklung starker Bindungen untereinander und eine enge Zusammenarbeit erschwere. Die gegenwärtigen Umstände in Syrien würden jedoch erfordern, dass Meinungsverschiedenheiten bei Einzelheiten (ǧuzʾīyāt) nicht länger eine Zusammenarbeit bei grundlegenden Dingen, über die Einigkeit bestehe, verhinderten.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 118.
Nach Hans Günter Lobmeyer diente die Islamische Front vor allem dem Ziel, vor dem Hintergrund eines innerislamistischen Konkurrenzkampfes zwischen der Muslimbruderschaft einerseits und kleineren islamistischen Gruppen sowie einiger ʿUlamā' die Machtverhältnisse zurechtzurücken. Al-Bayānūnīs Aufruf im ersten Kommuniqué, mit der Muslimbruderschaft die Reihen fest zu schließen, bedeutete nach Lobmeyer nicht eine Anerkennung von deren Führungsanspruch, sondern sollte die Dominanz der Muslimbruderschaft innerhalb des islamistischen Lagers verringern und den anderen islamistischen Gruppen und den ʿUlamā' einen stärkeren Einfluss sichern. Dass die Initiative zur Gründung der Islamischen Front von den kleineren Gruppen ausging, geht auch aus einer Erklärung des Generalsekretärs vom März 1981 hervor, in der dieser klarstellte, dass „andere Islamisten“ der Muslimbruderschaft die Bildung eines Bündnisses vorgeschlagen hätten. Die Muslimbruderschaft trat dem Bündnis nach Lobmeyer eher widerstrebend bei. Er verweist auch darauf, dass Saʿīd Hauwā, der zu jener Zeit einer der Anführer der syrischen Muslimbruderschaft war, sie in seinen Memoiren mit keinem Wort erwähnt.Lobmeyer: Opposition und Widerstand in Syrien. 1995, S. 312f.
Deklarationen Das erste Kommuniqué vom 10. Oktober 1980 Ein erstes Kommuniqué, das von Abū n-Nasr al-Bayānūnī unterzeichnet war, erschien am 10. Oktober 1980 und wurde unter den Pilgern in Mekka und über geheime Kanäle auch in Syrien verteilt.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 115. In dieser Deklaration wurde „das leidgeprüfte syrische Volk“ aufgerufen, sich „nach all den Opfern, die gebracht worden sind, um dieses verräterische Regime zu stürzen,“ sich mit der Islamischen Front zu vereinen. Zu den Punkten, die der Text an der Herrschaft des Assad-Regimes beklagt, gehören: Bemäntelung eines sektiererischen Regimes durch eine politische Partei Einschränkung politischer Freiheiten, Verfolgung jeglicher Opposition, Unterdrückung des Rechts auf freie Meinungsäußerung, Todesstrafe auf Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft Bekämpfung des Glaubens der Nation, Abschaffung religiöser Institutionen und Organisationen, womit wahrscheinlich die Verstaatlichung der Waqf-Stiftungen gemeint war „Verbreitung sektiererischen Gedankenguts und Verwicklung des Volks in unerträgliche Spannungen unter dem Vorwand des Klassenkampfes“ Bestechung, Korruption, Ausbeutung, Inflation und allgemeine Wirtschaftskrise Ablenkung der Armee von ihren eigentlichen Aufgaben durch den Auftrag zur Folter und zum Plündern von Häusern und Privateigentum Verrat an der Sache PalästinasZitiert bei Binswanger: “Politischer "islamischer Fundamentalismus": das Beispiel der syrischen Muslimbruderschaft”. 1981, S. 645. Die Verfasser des Kommuniqués präsentieren sodann den Islam als „Retter“ und proklamieren folgende Ziele: Sturz des Assad-Regimes, verklausuliert formuliert als „Aufhebung der Gefahr, die unser Land und unser Volk bedroht, verursacht durch das jetzige Regime“ Bildung eines Islamischen Staates Abfassung eines politischen Konzepts Koordinierung aller islamischen Kräfte, Einführung des islamischen Rechts auf der Grundlage eines allgemein akzeptierten Programms Unterstützung aller Befreiungsbewegungen in der Welt, die das Joch der Tyrannei abschütteln wollen.Zitiert bei Binswanger: “Politischer "islamischer Fundamentalismus": das Beispiel der syrischen Muslimbruderschaft”. 1981, S. 645f. Das Kommuniqué erwähnt eine von ihr begutachtete „Deklaration der Islamischen Revolution“. Hierbei scheint es sich um den Entwurf der von der Syrischen Muslimbruderschaft herausgegebenen Schrift Deklaration und Programm der Islamischen Revolution in Syrien zu handeln.Binswanger: “Politischer "islamischer Fundamentalismus": das Beispiel der syrischen Muslimbruderschaft”. 1981, S. 646.
Die Charta vom 17. Januar 1981 Die „Charta der Islamischen Front in Syrien“ mit 36 Seiten Umfang erschien am 17. Januar 1981 und wurde über verdeckte Vertriebskanäle in ganz Syrien verbreitet. Zwar trug sie nur die Unterschrift des Generalsekretärs Abū n-Nasr Muhammad al-Bayānūnī, doch soll sie das Ergebnis einer kollektiven Bemühung und umfassender Konsultationen im Einklang mit dem islamischen Prinzip der Schura sein.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 131f.
Inhalte Erstes Ziel, so wird in der Charta angegeben, sei es, das Regime von Hafiz al-Assad und die Diktatur der konfessionellen syrischen Baath-Partei zu beenden.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 132. Die Islamische Front wünsche sich ein „modernes Syrien“, das seinen rechtmäßigen Platz in der arabischen und islamischen Welt einnehme und ein dynamischer Teil der gegenwärtigen Zeit sei. Hierbei weist die Charta das Vermächtnis von Syriens unmittelbaren Vergangenheit auch nicht vollständig zurück, sondern erkennt an, dass es Verbesserungen bei Lebensbedingungen der Arbeiter und Bauern sowie Fortschritte in Richtung Industrialisierung gab. Zwar wünsche sich die Front, dass Syrien ein idealer Islamischer Staat werde, doch sei sie sich völlig der Bedingungen des modernen Zeitalters und der Möglichkeiten des syrischen Volkes bewusst.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 136.
Auch der Prozess der Machtübernahme nach der Revolution ist in der Charta festgelegt. Dort heißt es, dass unmittelbar nach dem Sieg eine Volksabstimmung abgehalten werden solle, um ein konstituierendes Gremium (haiʾa taʾsīsīya) zu bilden, das eine tragfähige Verfassung ausarbeitet, die die Rechte aller Bürger schützt, der Nichtmuslime ebenso wie der Muslime.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 137. An mehreren Stellen der Charta wird betont, dass zur Errichtung eines islamischen Staates, der sich durch universelle Brüderlichkeit auszeichnet und frei von Klassen-, ethnischen und religiösen Spaltungen ist, die Rechte aller Minderheiten gewahrt und geschützt werden müssten. Die Front müsse allen Bürgern völlige Freiheit und Chancengleichheit gewährleisten, um die Vorherrschaft einer Sekte oder ethnischen Gruppe zu verhindern.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 140.
Die Islamische Front würdigt in ihrer Charta die früheren demokratischen Institutionen Syriens, kritisiert jedoch, dass diese nicht angemessen waren.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 144. Die von ihr vorgeschlagene demokratische Regierung bezeichnet sie als Schūrā-System (niẓām aš-šūrā). Dieses soll durch eine parlamentarische Vertretung (tamṯīl niyābī) gekennzeichnet sein und die Freiheit zur Bildung politischer Blöcke und zur Ausübung politischer Aktivitäten innerhalb der verfassungsmäßigen Grenzen garantieren.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 146f. Bezüglich der Rechtsordnung fordert sie, dass alle Gesetze, die dem Islam zuwiderlaufen, aufgehoben werden müssten.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 148. Zur Bekämpfung der Korruption wird vorgeschlagen, dass alle Regierungsangestellten verpflichtet werden sollten, ihr Vermögen und ihre Einkünfte offenzulegen.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 149. Die syrische Armee sollte auf dem islamischen Prinzip des Dschihad aufbauen.Abd-Allah: The Islamic Struggle in Syria. 1983, S. 150.