mini|Isaac Babel Die Geschichte meines Taubenschlags (Originaltitel: Istoria moej golubjatni) ist der Titel einer Erzählsammlung von Isaak Babel. Vier Geschichten erzählen von der Kindheit eines jüdischen Jungen in Odessa, die vier anderen zeigen weitere Lebensstationen des Protagonisten bis zur Oktoberrevolution. 1926 erschien die erste deutsche Übersetzung von Dmitri Umanski.im Erzählband Geschichten aus Odessa, Malik Verlag, Berlin W 50. Inhalt Nikolajew und Odessa Die Geschichte meines Taubenschlags (Originaltitel: Istoria moej golubjatni. Erstveröffentlichung: Krasnaja gazeta, Leningrad 1925). Der Erzähler wächst bei seinen Eltern in Nikolajev auf. Als jüdisches Kind muss er für die Aufnahme an eine höhere Schule die Barriere eines strengen Numerus Clausus überwinden. Trotz großer Unterstützung seines ehrgeizigen, vom Aufstieg in die russische Gesellschaft träumenden Vaters und Vorbereitungsunterricht besteht der begabte Junge erst im zweiten Jahr die Prüfung und wird von seiner Familie auf einem großen Fest gefeiert. Zur Belohnung darf er sich seinen Wunsch erfüllen und drei Taubenpärchen kaufen.

Auf dem Heimweg vom Händler gerät in den Oktoberpogrom 1905. Der bisher bei den Kindern beliebte invalide Zigarettenverkäufer Makarenko entreißt ihm den Sack mit den Tauben, zerquetscht sie, schlägt ihn und reibt ihm die blutigen Federn ins Gesicht. Seine Frau schreit, „den Samen von denen [müsse] man ausrotten“.Isaak Babel: Die Geschichte meines Taubenschlags. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 20. Zu Hause angekommen erfährt er, dass russische Randalierer und gedungene Mörder den Laden seines Vaters Manus verwüstet und seinen prahlerischer Großonkel Schoil, einen Fischhändler, der sich zur Wehr gesetzt hat („Alle hat er verflucht […] so ein Prachtkerl“), getötet haben. Die Familie versteckt sich im Nachbarhaus bei einem Steuerinspektor.

Erste Liebe (O: Pervaja ljuboc‘. E: Krasnaja gazeta, Leningrad 1925. Nach Babels Planung sollte die Erzählung zusammen mit dem Taubenschlag erscheinen). Mit 10 Jahren verliebt sich der Erzähler in die schöne Galina Andrejevna Appolonovna Rubkova. Deren Mann ist 1905 mit vielen kostbaren Geschenken aus dem japanischen Krieg in das Haus seines Vaters, des Steuerinspektors Rubcov, heimgekehrt, bei dem die Familie des Erzählers nach dem Pogrom vorübergehend untergekommen ist. Als der Junge mit Taubenblut verschmiert zurückkehrt, reinigt sie ihn und tröstet ihn. Vor Aufregung bekommt er einen permanenten Schluckauf und träumt, Mitglied der jüdischen Selbstverteidigung zu sein und die Rubkova „noch bitterer, heißer, hoffnungsloser zu lieben, und vielleicht auch, weil das Maß des Leids zu groß war für einen zehnjährigen Jungen“.Isaak Babel: Erste Liebe. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 30. Er erkrankt und die Ärzte diagnostizieren ein Nervenleiden. Nach 10 Jahren seiner Kindheit in Nikolajev fährt seine Mutter Rachel mit ihm nach Odessa zu seinem Großvater Lejvi-Itzchok und Onkel Simon.

Im Keller (O: V podvale. E: Novyi mir 1931.) Der 12-jährige Erzähler befreundet sich mit dem Klassenbesten Mark Borgman, dem Sohn des Direktors der Russischen Außenhandelsbank, der von seinen phantasievoll erfundenen Geschichten begeistert ist. Die Ausstattung der Borgmannschen Villa beeindruckt den armen Jungen und er hat Hemmungen, den Freund in die Kellerwohnung seiner Tante Bobka einzuladen. Doch diese ist stolz auf die Freundschaft ihre Neffen und bereitet ein Essen vor. Der trunksüchtige Onkel Simon-Wolf wird ins Wirtshaus und der skurrile Großvater zu den Nachbarn geschickt. Um Mark von der ärmlichen Unterkunft abzulenken, beginnt der Erzähler aus den Schriften seines Großvaters vorzulesen und dann die Antonius Rede am Leichnam Caesars aus Shakespeares Tragödie begeistert zu rezitieren.

Unerwartet kommen Onkel und Großvater teils betrunken zurück, streiten wie üblich und die Situation wird immer grotesker. Mark ergreift die Flucht, der Erzähler stürzt sich in einen Bottich mit kaltem Wasser und wird von der Tante mit Schüttelfrost ins Bett gepackt. „Er muss[-] weinen, zum ersten Mal an diesem Tag, und so gewaltig und wunderschön [ist] die Welt der Tränen, dass sich vor [s]einen Augen alles außer den Tränen ver[liert].“Isaak Babel: Im Keller. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 45.

Das Erwachen (O: Probuždenie. E: Molodaja guardija 1931). Der Vater des Erzählers träumt vom Aufstieg seines Sohnes zu einem berühmten Musiker und lässt ihn bei Meister Zagurskij im Violinspiel unterrichten. Der 14-jährige ist jedoch dafür weder begabt noch motiviert, schwänzt das Training und treibt sich am Hafen beim alten Matrosen Trottyburn herum, der handgemachte Pfeifen verkauft. Ihn beeindrucken auch die Schwimm- und Tauchkünste der Straßenjungen, aber auch dies erweist sich für ihn als „unerlernbar“. Durch die Bekanntschaft des Korrektors der Odessaer Nachrichten Jefim Nikitič Smolič wird er aus seinen vergeblichen Schwimm-Versuchen erlöst. Als dieser hört, dass der Junge „schriftstellert“, testet er seine Kenntnisse der Pflanzen- und Tierwelt und stellt seine Mängel fest: „Dir fehlt das Gefühl für die Natur […] Ein Mensch, der nicht in der Natur lebt, wie ein Stein oder ein Tier, wird in seinem ganzen Leben keine zwei Zeilen zustande bringen, die etwas taugen … Deine Landschaftsbeschreibungen gleichen Kulissen. […] was haben deine Eltern die ganze vierzehn Jahre lang gedacht?“ Er beantwortet die Frage für sich: „Sie dachten an protestierte Wechsel, an die Villen“ berühmter Wunderkinder.Isaak Babel: Das Erwachen. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 52, 53.

Zu Hause angekommen hat der Vater von seinen Eskapaden erfahren, tobt wie wahnsinnig und wird von den Frauen nur mühsam vor einem Angriff auf seinen Sohn abgehalten. Seine Tante Bobka bringt ihren Neffen nachts zu seiner Großmutter. Es ist ein weiter Weg und sie hält ihn fest an der Hand: „Sie hatte recht. Ich dachte an Flucht.“Isaak Babel: Das Erwachen. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 55.

Von Odessa nach Petersburg Babels Kindheitserzählungen waren als Zyklus unter dem Titel Geschichte meines Taubenschlags angelegt.Isaak Babel: Briefe 1925-1939. Herausgegeben und übersetzt von Gerhard Hacker. Verlag Johannes Lang, Münster 1995, S. 148. Dieses Projekt konnte aber nicht abgeschlossen werden. Deshalb haben Heftrich und Kaibach in ihre Ausgabe vier weitere Erzählungen aufgenommen, die den Weg des Protagonisten vom 14. Lebensjahr bis zur Oktoberrevolution verfolgen.

Di Grasso (E: Ogonëk 1937). Der 14-jährige Erzähler verkauft in Odessa für einen Schwarzhändler Theaterkarten. Das leidenschaftliche Spiel des italienischen virtuosen Tragöden begeistern ihn. Nach der Vorstellung sieht er auf dem Heimweg zum ersten Mal „das illuminierte Laub am Boulevard, den Bronzekopf Puškins mit dem matten Widerschein des Mondes darauf, ich sah zum ersten Mal alles ringsum, so wie es wirklich war – still und unaussprechlich schön.“Isaak Babel: Di Grasso. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 62.

Mein erstes Honorar (O: Moj pervyi gonorar. E: Vozdušnye putti, New York 1963, datiert 1922–1928). Inzwischen ist der Erzähler 20 Jahre alt und arbeitet in einer Druckerei in Tiflis. Durch eine akustisch mitverfolgte Paarung in der Nachbarwohnung angeregt, geht er im Tifliser Frühling mit seinem ersten Honorar zur Prostituierten Vera. Er ist abgestoßen durch die klinische Atmosphäre ihrer routinierten Vorbereitungen und erzählt ihr wortreich eine Phantasiegeschichte, in der er sich für Männer prostituiert. Sie sieht in ihm einen Kollegen, hat Mitleid mit dem „Schwesterchen“, behandelt ihn persönlich liebevoll und lehnt seine Bezahlung ab: „Ich erfuhr in dieser Nacht Geheimnisse, die ihr nie erfahren werdet, erlebte eine Liebe, die ihr nie erleben werdet, hörte Worte, gesprochen von Frau zu Frau. […] Die Welt war schön, uns zum Gefallen.“Isaak Babel: Das Erwachen. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 73.

Seit diesem Erlebnis sind viele Jahre vergangen und der Erzähler hat viele Honorare erhalten. Sie waren viel niedriger als der Lohn, den er von seiner „ersten Leserin“ erhielt, aber er empfindet keinen Groll: „[W]eil ich weiß, dass ich nicht sterben werde, ehe ich nicht den Händen der Liebe noch einen Goldrubel entreiße – und der wird mein letzter sein“.Isaak Babel: Mein erstes Honorar. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 74.

Guy de Maupassant (O: Gju de Mopassan. E: 30 dnej 1932, datiert 1920–1922) Im Winter 1916 kommt der 20-jährige Erzähler mit falschem Pass nach Petersburg und findet Unterschlupf bei einem Lehrer für russische Literatur. Dieser vermittelt ihm einen gut bezahlten Auftrag des gesellschaftlich arrivierten jüdischen Rechtsanwalts und Verlegers Benderskij. Dessen Frau Raisa Michajlovna versucht, Maupassants Erzählung Miss Harriet zu übersetzen („Maupassant ist die einzige Leidenschaft meines Lebens“) und kommt damit nicht zurecht. Der Erzähler korrigiert ihren korrekten, aber leblosen Text und bringt die leichte und fließende Satzmelodie Maupassants mit ein. Gemeinsam nehmen sie sich weitere Erzählungen vor. Als er eines Tages mit einem Manuskript zur Überarbeitung in ihrer Wohnung vorbeikommt, verabschiedet sie gerade angeheitert eine fröhliche großbürgerlichen Gesellschaft, die zusammen mit ihrem Mann zu einer Opernaufführung aufbricht. „Ihr Lächeln, schläfrig und zärtlich, bringt Garnisonsoffiziere um den Verstand“. Bei der Übertragung von Maupassants Das Geständnis setzt Raisa, angeregt durch den teuren Wein ihres Mannes („Mein Mann schlägt mich tot, wenn er das erfährt.“), die Sexszene der Erzählung in der Bibliothek vor dem Regal mit den 29 Maupassant-Bänden in die Tat um.

Auf dem Weg nach Hause „wall[-]en Nebelschwaden. Hinter den brodelnden Mauern heul[-]en Ungeheuer. Die Fahrdämme [hauen] denen, die über sie hinweg[schreiten] die Füße ab“. Noch in derselben Nacht liest der Erzähler eine Maupassant-Biographie: „Mein Herz zog sich zusammen. Eine Vorahnung der Wahrheit streifte mich.“Isaak Babel: Guy de Maupassant. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 84, 85.

Der Weg (O: Doroga. E: 30 dnei 1932, datiert 1920–1930) Nach der zerbröckelnden Front im November 1917 reist der Erzähler von Kiew nach Petersburg. Auf der Zugfahrt erlebt er die Verelendung der Menschen, Razzien und Erschießungen von Juden. Er wird bestohlen, muss auf nackten Füßen durch den Schnee fliehen und kommt mit Erfrierungen in ein Spital. Schließlich erreicht er Petersburg, meldet sich bei der Čeka, der Geheimpolizei, und wird zu seinem Unteroffizier im Šujskij-Regiment Vanja Kalugin weitergeleitet. Dieser residiert im Aničkov Palast, zeigt ihm die Schätze des ehemaligen Besitzers und vermittelt ihm die Anstellung als Übersetzer in der Auslandsabteilung, wo die „Aussagen von Diplomaten, Kriegshetzern und Spionen“ bearbeitet werden: