Die Geschichte und Kultur der Kel Ajjer (auch Kel Azjar, Kel Azger, Kel Azdjer), einer Konföderation von Tuareg im heutigen Algerien und Libyen, gilt als bedeutend in der Sahara.
Geschichte der Kel Ajjer Historische gesellschaftliche Struktur mini|Historische Weide- und Siedlungsgebiete der Kel Ajjer-Volksgruppen
Die Gesellschaft der Kel Ajjer besaß, wie alle anderen Konföderationen der Tuareg, eine streng hierarchische Struktur. Im Folgenden ihr Aufbau und wichtige dazugehörige Volksgruppen: An der Spitze der Pyramide der Kel Ajjer standen die Adligen, die Ihaggaren (Imuschar, Imuhar). Sie bildeten traditionell eine Krieger-Aristokratie, gestützt auf die alleinige Kontrolle über Kamele und gewisse Waffen.Jeremy Keenan: The Lesser Gods of the Sahara, Frank Clas Publishers, London, 2004, ISBN 978-0-203-32762-3, Kap. The Social and Political Structure of Ahaggar at Independence Sie sorgten für die Sicherheit der Volksgruppe, überwachten Feinde und schützten die Karawanen. Sie stellten den Amenokal und lebten von Kamelzucht, Karawanenhandel und den Abgaben der Vasallen.Hanne Schönig: Feudalistisch organisierte Nomaden im Wandel der Zeit: Die Tuareg in Südostalgerien, Orient-Institut Istanbul, 1996, S. 10 PDF, 2 MBCatherine Vaudour: Présentation des Kel‑Ajjer, Presses de l'Inalco, 2018, ISBN 978-2-85831-287-0, Abschnitt 51 PDF, 2 MB Urarhen (Uraghen, Oraghen), aufgeteilt in Kel Imirhou, Kel Arrikine, Kel Tardja. Sie waren im 19. Jahrhundert die einflussreichste Volksgruppe. El Hadj Ikhenoukhen war ein Urarhen und um 1860 Amenokal der Kel Ajjer. Imenan Imanrhasaten (Imrnr'asaten, Imerassaten) Ihadanaren
Eine eigene Gruppe, in gleicher gesellschaftlicher Position wie die Adligen, bildeten die Volksgruppen mit religiösen Führern, den Korangelehrten, den Ineslimen. Sie befassten sich auch mit Justiz und Diplomatie. Iforhas (Ifor'as, Ifoghas) Scheich Othman stammte väterlicherseits von den Iforhas ab, war ein Freund der Franzosen, starb 1874.Gabriel Gardel: Les Touareg Ajjer, Edition Baconnier, Algier, 1961, S. 107
Auf der nächsten Stufe standen die Vasallen: Imrad (Imerod, Kel Ulli). Die Imrad zahlten jährlich Tribute an die Adligen in Form von Naturalien. Ab Mitte 19. Jh. begannen sie, an der Seite der Adligen zu kämpfen und eigene Raubzüge zu unternehmen.Jeremy Keenan: The Lesser Gods of the Sahara, Frank Clas Publishers, London, 2004, ISBN 978-0-203-32762-3, Kap. The Social and Political Structure of Ahaggar at Independence Kel Tobran (Kel Toubren), Vasallen der Urarhen Kel Iherir (Kel Aherir) Kel Tin Alkum. Freie Volksgruppe, zahlte keine Tribute. Sie flohen Anfang des 17. Jahrhunderts in kriegerischer Zeit in den Fezzan. Zurück blieb der Name der Siedlung.Gabriel Gardel: Les Touareg Ajjer, Edition Baconnier, Algier, 1961, S. 47 Imeqqerrhesen (Imoquarassen) Kel Meddak Kel Itunen (Kel Intounine). Sie war 1960 mit etwa 600 Personen die weitaus größte und die wohlhabendste Volksgruppe der nomadisierenden Kel Ajjer.Guy Brossollet: Touareg Ajjer, sitemafox, 1960 Kel Djanet. Sie waren in drei Untergruppen aufgeteilt, die jede einen Ksar in Djanet bewohnte: Azellouaz, El-Mihan und Adjahil. Kel Terourit Iseggaren: Eine eigene Gruppe auf der Stufe der Vasallen, auch Haratin genannt: Oasenbauern auf gepachtetem Land, dunkelhäutig.
Auf der untersten Stufe standen die Sklaven; Iklan (sing. Akli). Sie waren dunkelhäutig und stammten aus dem Sahel. Sie gehörten zur Familie ihres Herrn und verrichteten häusliche Tätigkeiten.
Eine eigene Gruppe außerhalb der Hierarchie bildeten die Schmiede: Ineden. Bei den Kel Ajjer gab es nur wenige von ihnen. Als Handwerker verarbeiteten sie Metall, Holz und Leder. Sie wurden gemieden, denn sie hatten den Ruf furchteinflößender Zauberer. Die Anstandsregeln waren für sie weniger streng, sie brauchten nicht „durch die Blume“ zu reden.Hanne Schönig: Feudalistisch organisierte Nomaden im Wandel der Zeit: Die Tuareg in Südostalgerien, Orient-Institut Istanbul, 1996, S. 10 PDF, 2 MBCatherine Vaudour: Présentation des Kel‑Ajjer, Presses de l'Inalco, 2018, ISBN 978-2-85831-287-0, Abschnitt 51 PDF, 2 MB
Vor der Kolonisierung Über die Herkunft der Tuareg gibt es Legenden, die von Lemtuna, der Urahnin der Berber erzählen, die in der Gegend von Ghadames gelebt haben soll.Karl G. Prasse: The Tuaregs: The Blue People, Copenhagen: Museum Tusculanum Press, 1995, ISBN 978-87-7289-313-6 |(Vorschau, S. 2) abgerufen am 14. Februar 2025mini|Streitwagen als Felsritzung, Oued Djerat Zwischen 1500 und 1000 v. Chr. drangen Völker von der Mittelmeerküste Afrikas in die Zentralsahara ein und gründeten im Fezzan das Reich der Garamanten. Sie verwendeten Pferde und Streitwagen. Diese sind auch auf Felszeichnungen im Tassili n'Ajjer abgebildet. Über das Tassili n'Ajjer wanderten sie in den Hoggar, in den Aïr und den Adrar der Iforas ein. Die Pferdeleute vermischten sich mit der einheimischen Bevölkerung zu den Tuareg.Catherine Vaudour: Présentation des Kel‑Ajjer, Presses de l'Inalco, 2018, ISBN 978-2-85831-287-0, Abschnitt 20, 21 PDF, 2 MB
Im 10. Jahrhundert n. Chr. traten die Tuareg zum Islam über.Hanne Schönig: Feudalistisch organisierte Nomaden im Wandel der Zeit: Die Tuareg in Südostalgerien, Orient-Institut Istanbul, 1996, S. 6–7 PDF, 2 MB Im 12. Jahrhundert beschrieb der arabische Geograf Muhammad al-Idrisi das Volk der Azgar, das 18 Tagesmärsche von Ghadames entfernt lebe.Dominique Casajus: Henri Duveyrier. Un saint-simonien au désert. Ibis Press, 2007, halshs- 00138013, 2020, S. 2 PDF, 2 MB Das 16. Jahrhundert dominierten nacheinander die Imenan und die Urarhen.E.B.: Ghât, Encyclopédie Berbère, 1998, Abschnitt 4 , Französisch, abgerufen am 7. Februar 2025
Aus dem 18. Jahrhundert wird berichtet, dass die Kel Ajjer vom Karawanenhandel (Transport, Eskortierung, Einzug von Wegzoll, Beraubung jener, die keinen Zoll zahlen wollten) lebten, und selbst Kamel- und Ziegenherden hielten, sowie Anbau betrieben.Marceau Gast: Ajjer, Encyclopédie Berbère, 1990, Abschnitt 14 , Französisch, abgerufen am 7. Februar 2025 Das 19. Jahrhundert war von Streitigkeiten unter den Tuareg, mit dem arabischstämmigen Volk der Chaambas, den RezzousRezzous waren Raubzüge durch Plünderer, die Tiere oder Ernteerträge raubten. Baron Henri Aucapitaine schrieb 1864 über die Tuareg: Oft sind sie untereinander im Streit und mit ihren Nachbarn sozusagen in ständiger Feindschaft. Mit ihren Nachbarn führen sie einen Krieg der List und der Überraschung, in dem alle Ehre demjenigen gebührt, der es am besten versteht, unerwartet über den Feind herzufallen und ihm seine Herden wegzunehmen. Der Ruhm wird nicht am überwundenen Widerstand gemessen, sondern am Reichtum der Beute und an der Geschicklichkeit, mit der man die Wachsamkeit des Gegners getäuscht hat. Honneur et politique-les choix stratégiques des Touaregs pendant la colonisation françaies, Fußnote S. 23 pdf, 6 MB, abgerufen am 14. Februar 2025 und Konterrezzous geprägt.
Kel Ajjer und Kel Ahaggar im Krieg Um 1868 starb der Chef der Imanrhasaten, El Hadj Djebbour ag Cheikh. Um seine Nachfolge entbrannte ein Streit. Dabei ging es auch darum, welche der adligen Volksgruppen der Kel Ajjer die Vorherrschaft innehatte. Die Herausforderer waren die Urarhen. Im Verlaufe der Streitigkeiten baten die Imenan die Kel Ahaggar um Hilfe. In der Folge gab es zwischen 1874 und 1878 mehrere Gefechte: 1874 standen bei Ghat 900 Ajjer den Ahaggar gegenüber. Bei den Kämpfen wurden die Ajjer zurückgedrängt und zogen sich hinter die sicheren Mauern von Ghat zurück. Die Ajjer hatten 10 Tote, die Ahaggar 3. Die niedrige Zahl der Toten rührt von der Kampfweise her, wie sie bei internen Konflikten zwischen Tuareg angewendet wurden. Es waren Einzelkämpfe, mit schweren Schlägen auf den Schild des Gegners, mit hohen Sprüngen, Beleidigungen, Schreien, was selten tödliche Folgen hatte.
Die Ajjer suchten Unterstützung bei den Türken in Murzuk. Diese waren nur dazu bereit, wenn Ghat sich ihnen unterstellte. Das akzeptierten sie, und die Türken stellen etwa 400 arabische Kämpfer zur Seite. Verstärkt durch den Zuzug aus dem Fezzan, machten sich 1877 1000 Kämpfer auf den Weg in den Hoggar, in das Oued In-Dalladj, wo sie auf die Kel Ahaggar trafen. Im darauffolgenden Gefecht wurden die Ahaggar besiegt.
1877, zehn Monate später, zogen die Kel Ahaggar mit 800 Kriegern ins Gebiet der Kel Ajjer. Die ahnungslosen Ajjer wurden bei Tarat überrascht und von den Ahaggar besiegt. In der Folge gab es weitere Rezzous, auch Rachefeldzüge, mit vielen Toten und Verlusten an Leib und Gut. 1878 kam es zum Friedensschluss im Tadrart. - In der Zwischenzeit hatten sich 1875 die Türken in Ghat mit einer Garnison von 200 Mann installiert.Gabriel Gardel: Les Touareg Ajjer, Edition Baconnier, Algier, 1961, S. 140, 144–156
Kolonisierung der Kel Ajjer 1830 wurde Algier durch die Franzosen besetzt. Im Laufe der nächsten 14 Jahre stießen sie bis zu den ersten großen Oasen am Nordrand der Sahara vor. Im Jahr 1858 setzte Marschall Randon, der Generalgouverneur der Kolonie Algerien, das Ziel, die Kolonialgebiete in Nordafrika mit jenen im Sudan (heute Sahel) mit Transsahararouten zu verbinden.Gabriel Gardel: Les Touareg Ajjer, Edition Baconnier, Algier, 1961, S. 142 Vorerst sollte das auf friedlichem Weg erfolgen. Damit trat Frankreich in einen Wettstreit mit England um die Kolonisierung Afrikas.
Noch 1858 übertrug Randon Bou Derba, einem einheimischen Dolmetscher der Armee und Moslem, den Auftrag, eine Erkundungsreise bis nach Ghat zu unternehmen. Unterwegs traf dieser auf Scheich Othman, den Anführer der IforhasDie Chefs der Iforhas waren Ineslimen und gehörten der islamischen Bruderschaft der Tidjaniya an. Diese war eher franzosenfreundlich. Die Tidjaniya stand in Konkurrenz zur Sanusiya, welche alle "Ungläubigen" bekämpfte, die islamische Völker kolonisieren wollten. Mehr darüber: Marceau Gast: Ajjer, Encyclopédie Berbère, 1990, Abschnitt 17, Französisch, abgerufen am 7. Februar 2025. Er ermöglichte es Bou Derba, unter seinem Schutz unbehelligt über Ghadames nach Ghat zu reisen. Damit war er Wegbereiter für weitere Erkundungsreisen. Die wichtigste war jene von Henri Duveyrier, der 1860/61 im Land der Kel Ajjer weilte, geografische, naturwissenschaftliche und ethnologische Studien betrieb und Scheich Othman als Freund gewann - 1862 wurde Scheich Othman nach Frankreich eingeladen. Dabei wurde er auch Kaiser Napoleon III vorgestellt. Große Erwartungen wurden bei der französischen Handelskammer geweckt. Man erhoffte sich sichere Handelsrouten von Algier durch das Land der Tuareg in den Sudan.Gabriel Gardel: Les Touareg Ajjer, Edition Baconnier, Algier, 1961, Teil 3: Les Ajjer chez eux
Doch ab 1870 schloss sich das kurze Zeitfenster der Öffnung der Sahara für Europäer wieder. Es gab Widerstand gegen die Kolonisierung, und es brachen Konflikte unter den Volksgruppen aus. Victor Largeau, einer der französischen Erkundungsreisenden, schrieb etwa 1877:
Erste Expedition Flatters mini|Route der ersten Expedition Flatters 1880 startete der französische Oberst Paul Flatters die erste Expedition Flatters, mit dem Auftrag, eine mögliche Route für die geplante Transsahara-Eisenbahnstrecke zu erkunden. Am 4. März verließen sie Ouargla. Nachdem sie den Östlichen Großen Erg durchquert hatten, stießen sie ins Gebiet der Kel Ajjer vor, von denen sie eine Durchgangsgenehmigung erhalten wollten. Am 12. April trafen sie auf eine Delegation der Chefs einiger Volksgruppen der Kel Ajjer. Henri Brosselard, einer der Offiziere der Expedition, schrieb in seinem Bericht über die Kel Ajjer:
Doch auch die französische Seite versuchte, die Tuareg zu beeindrucken. Auf Wunsch der Tuareg, wie es im Bericht heißt, beauftragte der Oberst Hauptmann Brosselard mit der Vorführung ihrer Gewehre. Dabei steigerte er erfolgreich die Schussdistanz bis auf 1000 Meter.