mini|hochkant=1.6|Ernst Thiele: Sieben Männer der Samoa-Völkerschau, ohne Ortsangabe, Foto von 1890

Cunninghams Samoa-Völkerschau 1889–1891 war eine Völkerschau (im heutigen Sprachgebrauch auch Menschenzoo), bei der eine Gruppe von neun Samoanern und einer Samoanerin in Nordamerika und Europa zur Schau gestellt wurde.

Veranstalter der Schau war Robert A. Cunningham (1837–1907) aus Kanada, der die Gruppe im Juni 1989 anwarb und anschließend zunächst in den USA und anschließend in Europa zur Schau stellte. Nur vier Personen überlebten die Völkerschau-Tournee.

Vorgeschichte Der Impresario R. A. Cunningham Der sich nach seinem Vorbild des US-amerikanischen Schaustellers und Zirkuspioniers P. T. Barnum mit seinen Initialen abkürzende R. A. Cunningham aus Kanada gilt in der Forschung als „Prototyp des schlechten, rücksichtslosen Völkerschau-Impresarios“, der ausschließlich auf Profit aus war.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Frankfurt am Main 1989. Schon zu seinen Lebzeiten galt er – nicht zuletzt aufgrund seiner Selbstinszenierung – als „Menschenjäger“ und „Freak-Catcher“.Roslyn Poignant: Professional Savages. Captive Lives and Western Spectacle. New Haven, London 2004. Cunningham hatte 1883 eine Gruppe von neun „Aborigines“ entführt und sie in Nordamerika und Europa zur Schau gestellt. Sechs indigene Australier starben im Laufe der über vier Jahre dauernden Völkerschau-Tournee.

Anwerbung Cunningham hielt sich im Juni 1889 auf den Samoa-Inseln auf, um eine Völkerschau-Gruppe anzuwerben. Die Inselgruppe stand damals im Fokus verschiedener Kolonialmächte, darunter auch das Deutsche Reich und die USA. Anfang 1889 hatte ein Hurrikan sechs amerikanische und deutsche Kriegsschiffe in der Bucht von Apia vor der Insel Upolu zerstört. Cunningham warb in seinem Prospekt damit, dass der zur Völkerschau-Gruppe gehörende Häuptling Manogi an der Bergung der deutschen Kriegsschiffe Adler und Eber beteiligt gewesen sei.

Trotz des Widerstands des Samoa-Häuptlings Mata’afa (auch Malietoa) und der örtlichen Behörden gelang es Cunningham, eine Gruppe von neun Männern von der nahegelegenen Insel Tutuila anzuwerben. Er handelte einen Dreijahresvertrag aus, in dem er sich verpflichtete, ihre Ausgaben zu übernehmen, sie mit der notwendigen Kleidung zu versorgen, jedem 12,50 Dollar pro Monat zu zahlen und sie nach Ablauf ihres Vertrags nach Hause zurückzubringen.Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Frankfurt am Main 2005, S. 66, und Roslyn Poignant: Professional Savages. Captive Lives and Western Spectacle. New Haven, London 2004, S. 198.

Gruppe der Samoaner Zur von Cunningham als „Samoan Warriors“ beworbenen Gruppe der Saomaner gehörten anfangs vermutlich neun Männer und eine Frau. Die Frau hieß Prinzessin Silaulii. Von ihr ist ein Foto während des Aufenthaltes in Chicago überliefert.1889 Cunninghams Samoaner. Online unter: humanzoos.net, abgerufen 8. Februar 2025. Laut Rudolf Virchow sei sie während des Aufenthaltes in den USA „wieder nach Hause gereist“.Rudolf Virchow: Hr. Virchow stellt der Gesellschaft vor eine Anzahl von Samoanern. (Sitzung vom 21. Juni 1890) In: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Jg. 1890, S. 387–394, hier S. 388. Die Männer trugen ihre Eigennamen: Häuptling Manogi, Autofau, Fu, Leasusu, Mua, Letuugaifo, Lealofi, Foi und Tasita.

Verlauf der Völkerschau

Über den Verlauf der Völkerschau gibt es nur eine lückenhafte Überlieferung. Zuerst stellte Cunningham die Gruppe in San Francisco zur Schau, anschließend dann in Chicago und in New York, wo sie am 18. Oktober 1889 zum ersten Mal im Koster and Bail’s Theatre auftrat. Von dort reiste Cunningham mit der Gruppe nach Europa, wo er im November eine Tournee durch mehrere Städte startete. Zuerst wurden die Samoaner ab November 1889 in Umlauffs Weltmuseum in Hamburg gezeigt. Nach einer Winterpause war die zweite Station Brüssel. Während des dortigen Aufenthaltes verstarb Autofau. Ihm wurde die tätowierte Haut des Unterkörpers abgezogen und konserviert.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Das Phänomen der Völkerschauen. In: dies. (Hrsg.): From Samoa. With Love? Samoa Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich. Eine Spurensuche. München 2014, S. 79–90, hier S. 89. Anschließend kam die Samoa-Völkerschau im April 1890 nach Köln, worüber die Kölnische Zeitung ausführlich berichtete:

mini|C. L. Keller: Abbildung zum Vortrag von Rudolf Virchow am 21. Juni 1890 während des Aufenthaltes der Samoa-Völkerschau in Berlin.Rudolf Virchow: Hr. Virchow stellt der Gesellschaft vor eine Anzahl von Samoanern. (Sitzung vom 21. Juni 1890) In: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Jg. 1890, S. 387–394. hier Tafel IV.

In Köln verstarb Fu. Die sieben überlebenden Samoaner traten im Juni zunächst im Frankfurter ZooLino Weist: „Ei guckemol, die Kerl sein jo angestriche“. Völkerschauen im Frankfurter Zoologischen Garten 1878–1931. Frankfurt am Main 2022, S. 125–129. Frankfurt und anschließend in Castans Panoptikum in Berlin auf, wo sie in auftraten und von Rudolf Virchow untersucht und am 21. Juni 1890 in einem Vortrag vorgestellt wurden.Rudolf Virchow: Hr. Virchow stellt der Gesellschaft vor eine Anzahl von Samoanern. (Sitzung vom 21. Juni 1890) In: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Jg. 1890, S. 387–394. Große Beachtung in der Presse fand ein Vorfall im Juli 1890, als zwei der Samoaner, Leasusu und Lealofi, die Völkerschau-Gruppe während des Aufenthaltes in Halle verließen.

Laut Roslyn Poignant verstarb kurz darauf Max Hauske, der Ehemann der „Dame in Charlottenburg“, weshalb eine Autopsie angeordnet wurde. Leasusu und Lealofi hätten schließlich auf Kosten von Frau Hauske die Heimreise nach Samoa angetreten. Ob Cunningham sich mit seiner Schadensersatzforderung durchsetzte, ist nicht überliefert. Er kehrte kurz darauf mit der Gruppe der restlichen fünf Samoaner zurück nach New York. Dort trennte sich Cunningham von der Gruppe und übergab sie einem Agenten namens Marshall mit den Worten: „I’ve got all out of them that I could. Now you take them and see what you can do“. Außerdem habe Cunningham ihnen weniger Geld als vereinbart ausgezahlt. Marshall reiste mit der Gruppe im Herbst und Winter 1890/91 durch verschiedene US-amerikanische Städte. Latuugaifo starb in Denver an Schwindsucht. Sein Leichnam wurde einbalsamiert und ausgestellt. Nach der Tournee soll Marshall die Gruppe in New York ausgesetzt und dort ihrem Schicksal überlassen haben. Manogi, Tasita, Mua und Foi waren schwer erkrankt und in einem schlechten gesundheitlichen Zustand. Ein Journalist der New York World mit Nachnamen Jones berichtete über ihre Notlage. Daraufhin beauftragte die amerikanische Regierung Jones, die Samoaner nach Hause zu bringen. Das Finanzministerium übernahm die Hälfte der entstehenden Kosten. Manogi starb auf der Rückreise in einem Pullman Palace-Eisenbahnwaggon. Jones ließ ihn in Rawlins in Wyoming beerdigen. Neben der Prinzessin Silaulii überlebten nur Tasita, Mua und Foi die Völkerschau und kehrten nach Tutuila zurück.

Forschungsstand Die australische Anthropologin Roslyn Poignant (1927–2019) veröffentlichte 2004 die Monographie Professional Savages. Captive Lives and Western Spectacle, in der sie ihre über zwei Jahrzehnte dauernde Recherche zu Robert A. Cunningham und seinen drei Völkerschau-Tourneen darstellt.Den Schwerpunkt des Bandes bildet aber die Völkerschau der „Aborigines“ 1883–1888; Roslyn Poignant: Professional Savages. Captive Lives and Western Spectacle. New Haven, London 2004, S. 1–188. Außer der Monographie von Poignant haben Cunninghams Völkerschauen nur relativ wenig Niederschlag in der Völkerschau-Forschung gefunden. Es gibt bislang keine umfassende deutschsprachige Darstellung, sondern nur punktuelle Erwähnungen.

Literatur Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-593-37732-2. Roslyn Poignant: Professional Savages. Captive Lives and Western Spectacle. Yale University Press, New Haven, London 2004, ISBN 978-0-300-20847-4. Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-593-34071-2. Hilke Thode-Arora (Hrsg.): From Samoa. With Love? Samoa Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich. Eine Spurensuche. Hirmer-Verlag, München 2014, ISBN 978-3-7774-2237-4. Lino Weist: „Ei guckemol, die Kerl sein jo angestriche“. Völkerschauen im Frankfurter Zoologischen Garten 1878–1931. Frankfurt Academic Press, Frankfurt am Main 2022, ISBN 978-3-86638-393-7.

Zeitgenössische Literatur R. A. Cunningham: Beschreibung der Samoa-Krieger unter Führung ihres Häuptlings Manogi auf ihrer Reise um die Welt. Verlag Adolph Friedländer, Hamburg 1890. Rudolf Virchow: Hr. Virchow stellt der Gesellschaft vor eine Anzahl von Samoanern. (Sitzung vom 21. Juni 1890) In: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Jg. 1890, S. 387–394.

Weblinks 1889-1891 Samoans. Online unter: Toen de zien, 11. November 2020, abgerufen am 8. Februar 2025.

Einzelnachweise

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