Die Sächsische Plattform ist ein 2021 bestellter niederfluriger Fahrzeugtyp der Straßenbahn Leipzig, der von HeiterBlick (wagenbaulicher Teil) und Kiepe Electric (elektrische Ausrüstung) gebaut wird, die dabei als Konsortium mit dem Namen Leiwag auftreten. Ursprünglich war sie ein gemeinsames Projekt der Leipziger Verkehrsbetriebe, der Görlitzer Verkehrsbetriebe und der Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau. Letztere stiegen jedoch 2025 nach der Insolvenz HeiterBlicks aus dem Projekt aus. Ungewöhnlich ist, dass die Entwicklung und Bezeichnung als Plattform von den Verkehrsbetrieben und nicht herstellerseitig initiiert wurde. Der einzige tatsächlich zu bauende Fahrzeugtyp, genannt NGT12+, ist als fünfteiliger Drehgestell-Gelenkwagen mit zwei laufwerkslosen Mittelteilen konstruiert. Die Fahrzeuge werden sämtlich als Einrichtungswagen ausgeführt.
Geschichte
Ausschreibung Im Sommer 2019 begannen die drei Verkehrsbetriebe mit der Ausarbeitung der Ausschreibungsunterlagen für die gemeinsame Fahrzeugbeschaffung mit dem vollständigen Projekttitel Sächsische Plattform – Straßenbahn der Zukunft. Gegenüber getrennten Beschaffungen beabsichtigten die beteiligten Verkehrsbetriebe die Nutzung technischer und wirtschaftlicher Synergieeffekte auch bei der Zulassung und beim Betrieb der Fahrzeuge. In Leipzig sollen die Fahrzeuge die letzten Hochflurwagen des Typs T4D sowie die ältesten dortigen Niederflurwagen der Typen NGT8 und NB4 ersetzen. In Görlitz und Zwickau wären die Hochflurwagen des Typs KT4D zu ersetzen gewesen.
In der im Februar 2020 veröffentlichten Ausschreibung wurden die Fahrzeuge in die zwei Größenklassen L (ca. 30 Meter lang) und XXL (ca. 45 Meter lang) gegliedert. Der Umfang des Grundauftrags wurde mit 25 XXL für Leipzig, acht L für Görlitz und sechs L für Zwickau zur Lieferung von 2023 bis 2025 definiert. Darüber hinaus wurden Optionen für weitere Fahrzeuge festgelegt:
für Leipzig (vorgesehene Lieferung 2025 bis 2030): Option 1: acht XXL Optionen 2 bis 5: jeweils zwölf L Option 6: 56 XXL Option 7: 18 L für Görlitz (vorgesehene Lieferung 2027 bis 2028): Option 1: sechs L für Zwickau (vorgesehene Lieferung 2025 bis 2026): Optionen 1 und 2: jeweils sechs L
Als Wagenbreite wurden 2,4 Meter für Leipzig sowie 2,3 Meter für Görlitz und Zwickau definiert. Aus den Parametern der Streckennetze ergeben sich auch weitere Unterschiede, insbesondere bei der Spurweite von 1458 mm in Leipzig sowie 1000 mm (Meterspur) in Görlitz und Zwickau, aber auch bei zu befahrenden Bogenradien und Streckenneigungen. Darüber hinaus sollten die Leipziger L in Doppeltraktion einsetzbar sein (auch Heck an Heck), wohingegen für alle anderen Fahrzeuge lediglich eine mechanische Kuppelbarkeit zum Abschleppen gefordert wurde. Als Höchstgeschwindigkeit wurden jeweils 70 km/h festgelegt.
Bestellung Unterschrieben wurde der Liefervertrag schließlich im Dezember 2021. Der Kostenvorteil gegenüber getrennten Beschaffungen wurde von den beteiligten Unternehmen mit 27 Millionen Euro in Bezug auf die Grundbestellung angegeben. Zu diesem Zeitpunkt war der Beginn der Lieferungen für 2024 geplant. Für die 25 Leipziger Fahrzeuge beauftragte HeiterBlick Alstom zur Herstellung der Wagenkästen am Görlitzer Standort. Im Juni 2023 und im Januar 2024 wurden in Leipzig und Görlitz Mock-Ups des Führerstands und eines kleinen Teils des Fahrgastraums präsentiert.
Zum Auftragsumfang gehörte auch die Aufstellung eines Konzepts zur Energieversorgung der Fahrzeuge mit Wasserstoff und Brennstoffzellen statt per Oberleitung. Im Rahmen eines geförderten Projekts unter anderem mit der Technischen Universität Chemnitz und dem Unternehmen Hörmann Vehicle Engineering sollte ein solches Brennstoffzellenfahrzeug für Görlitz gebaut werden.
Aufgrund der gegenüber zuvor beschafften Fahrzeugen zehn Zentimeter breiteren Wagenkästen können die Leipziger Wagen zunächst nicht das gesamte Streckennetz befahren, bis dessen seit Mitte der 1990er erfolgter Ausbau für 2,4 Meter breite Fahrzeuge abgeschlossen ist. Für den Anfang sind nur die Linien 15 und 16 als Einsatzgebiet vorgesehen. Auch in Görlitz wären Umbauten an den Gleisen erforderlich gewesen. In Zwickau hätten dagegen nur einige Bahnsteige zur weiteren Annäherung an die Barrierefreiheit angepasst werden müssen.
HeiterBlicks Insolvenz Nachdem HeiterBlick im April 2025 Insolvenz angemeldet hatte, kündigte man zunächst an, dass die Produktion fortgeführt werde. Im Juli 2025 wurde jedoch bekannt, dass Alstom wegen der Nichterfüllung zentraler Vertragsbestandteile die Wagenkastenproduktion für die Leipziger Fahrzeuge eingestellt hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren erst die Wagenkästen für drei Wagenteile geliefert. Vor der Insolvenz war bereits angekündigt, dass sich die Auslieferung der ersten Leipziger Fahrzeuge auf Anfang 2026 verzögern werde. Im Oktober 2025 veröffentlichten die Görlitzer Verkehrsbetriebe und die Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau eine neue Ausschreibung über ihre Anteile des Auftrags. Sie traten im Oktober (Zwickau) bzw. November (Görlitz) vom Vertrag zurück.
Der Leipziger Stadtrat hingegen beschloss im Dezember 2025 den Kauf 30 zusätzlicher Fahrzeuge der Variante XXL durch die Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft, weil dies als Bedingung für die Übernahme HeiterBlicks durch Pesa angesehen wurde. Weitere Optionsausübungen waren jedoch nicht vorgesehen. Mit der Bestätigung der Übernahme des Herstellers wurde angekündigt, dass die Wagenkästen im Pesa-Werk in Bydgoszcz gebaut werden. Schließlich wurden auch diese 30 Triebwagen nicht per Optionsausübung bestellt, weil die finanzielle Förderung aus EU-Mitteln bei diesem Vorgehen als unsicher galt. Stattdessen wurden die 30 XXL neu ausgeschrieben, ergänzt um Optionen über je dreißig weitere XXL und L.
Technik und Aufbau Der erste, der dritte und gegebenenfalls der fünfte Wagenteil laufen jeweils auf zwei Drehgestellen, zwischen denen mittig eine Doppeltür angeordnet ist. Der zweite und gegebenenfalls der vierte Wagenteil sind ohne eigenes Drehgestell zwischen den anderen Wagenteilen eingehängt. In diesen gibt es jeweils mittig eine Doppeltür. Darüber hinaus gibt es jeweils vor dem führenden und hinter dem hinteren Drehgestell des Gesamtfahrzeugs eine Einzeltür. Beim fünfteiligen NGT12+ sind die Radsätze im ersten und fünften Wagenteil angetrieben. Bei den dreiteiligen NGTG und NGTZ wären im ersten Wagenteil alle Radsätze und im dritten Wagenteil diejenigen des hinteren Drehgestells angetrieben gewesen.
Die Drehgestelle sind alle mit H-Rahmen konzipiert, für Leipzig innengelagert, für Görlitz und Zwickau dagegen außengelagert. Die Radsätze haben klassische durchgehende Radsatzwellen. Gemäß 2024 veröffentlichten Visualisierungen des Fahrgastraums ist dieser über den Laufdrehgestellen vollständig stufenfrei ausgeführt. Über den Triebdrehgestellen gibt es jedoch deutliche Unterschiede. Bei den Leipziger Fahrzeugen ist der Fußboden über diesen insgesamt um eine Stufe gegenüber den Niederflurbereichen angehoben. Die vollständig abgefederten Antriebe liegen quer im Drehgestell. Bei den Görlitzer und Zwickauer Fahrzeugen wäre der Durchgang dagegen stufenfrei mit deutlichen Rampen ausgeführt worden. Nur zu den Bereichen seitlich des Gangs hätte es Stufen gegeben. Die ebenfalls vollständig abgefederten Antriebe wären längs an den Seiten der Triebdrehgestelle angeordnet worden.
Weblinks
Produktseite von HeiterBlick zum NGT12+ Produktseite von HeiterBlick zum NGTG, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) Produktseite von HeiterBlick zum NGTZ, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar)
Einzelnachweise
Kategorie:Schienenfahrzeug (Spurweite 1458 mm) Kategorie:Straßenbahnfahrzeug (HeiterBlick) Kategorie:Straßenbahnfahrzeug (Leipzig) Kategorie:Straßenbahnfahrzeug (Kiepe)