mini|Liebfrauenkirche Zürich, Ansicht vom Lindenhof mini|Ansicht von der Weinbergstrasse mini|Der Dachstuhl mini|Innenansicht mini|Blick zur Orgelempore mini|Das Westportal mini|Der Wegweisende, Skulptur des Johannes des Täufers von Albert Schilling Die Kirche Liebfrauen ist die römisch-katholische Pfarrkirche für die Stadtzürcher Stadtgebiete Niederdorf, das Hochschulviertel sowie Teile des Zürichbergs. Sie gilt als «bedeutendste Nachbildung einer altchristlichen Basilika auf schweizerischem Boden».André Meyer, nach: Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 37 Die Liebfrauenkirche steht an der Weinbergstrasse 32, 8006 Zürich, nahe dem Hauptbahnhof, dem Central sowie der beiden Hochschulen ETH und Universität Zürich.

Geschichte Hintergründe Im 19. Jahrhundert wanderten zunehmend Katholiken aus der Ost- und Innerschweiz nach Zürich, weshalb das Bedürfnis nach einer katholischen Kirche in der reformierten Zwinglistadt Zürich entstand. 1842 vermietete die Zürcher Regierung die Augustinerkirche an die katholische Gemeinde, welche damals etwa 5 % der Bevölkerung ausmachte. Nach der Abspaltung der Christkatholiken im Jahr 1871 erbauten die römisch-katholischen Gläubigen im Arbeiterquartier Aussersihl 1874 die Kirche St. Peter und Paul. Die wachsende Zahl der Katholiken in Zürich hatte zur Folge, dass die Pfarrei St. Peter und Paul in den 1890er Jahren zur grössten römisch-katholischen Pfarrei der Schweiz wurde, weshalb die Errichtung weiterer Kirchen nötig wurde.Stadt Zürich, Amt für Städtebau (Hrsg.): Katholische Kirchen der Stadt Zürich. Bestandesverzeichnis Denkmalpflege der Stadt Zürich. S. 72.Elias Wetli, in: Erinnerungszeitung zum 50 Jahrjubiläum. Bis es so weit war, fanden für die rechts der Limmat ansässigen Katholiken seit 1881 Sonn- und Festtagsgottesdienste in der Friedhofskapelle der Hohen Promenade statt (heute anglikanische Kirche St. Andrew’s), seit 1887 bestand auch die Möglichkeit des Gottesdienstbesuchs im katholischen Privatspital Theodosianum an der Kreuzstrasse, und 1891 stand ihnen mit dem Gesellenhaus am Wolfbach ein erstes Gemeindezentrum zur Verfügung.Stadt Zürich, Amt für Städtebau (Hrsg.): Katholische Kirchen der Stadt Zürich. Bestandesverzeichnis Denkmalpflege der Stadt Zürich. S. 72.

Entstehungs- und Baugeschichte 1886 erfolgte die Gründung eines Kirchenbauvereins mit dem Ziel, in Zürich neben der Kirche St. Peter und Paul Aussersihl eine zweite katholische Kirche zu bauen. 1889 hätte ein Bauareal für den Bau einer Kirche am Ufer des Zürichsees erworben werden können, was jedoch wegen konfessioneller Vorbehalte verhindert wurde.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 9 Nach diesem Misserfolg erfolgte mit der Genehmigung des Bischofs von Chur ein Spendenaufruf, der auf die prekäre Lage der meist armen Katholiken in Zürich aufmerksam machte und die nötigen finanziellen Mittel für den Erwerb von Baugrundstücken und für die Planung von Kirchen erbrachte. 1891 konnte sowohl in Unterstrass als auch in Oerlikon die Baugrundstücke für die Kirchen Liebfrauen und Herz Jesu Oerlikon gekauft werden.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 10–11 Der Landkauf für die Liebfrauenkirche war indirekt mit dem Standortentscheid des Schweizerischen Landesmuseums verknüpft. Um die katholischen Stände für den Standort Zürich zu gewinnen, wurde angeboten, den Kauf des gewünschten Baugrundes für die Liebfrauenkirche zu ermöglichen. Die Bauerlaubnis für die Kirche erteilte am 19. August 1892 die Gemeinde Unterstrass, welche durch die Eingemeindung 1894 zu einem Quartier Zürichs wurde, sodass der Stadtrat von Zürich dem katholischen Kirchenbauverein «zur Vollendung des würdigen Baus, welcher unter den Bauwerken der Stadt einen hervorragenden Platz einnimmt», gratulierte.Stadt Zürich, Amt für Städtebau (Hrsg.): Katholische Kirchen der Stadt Zürich. Bestandesverzeichnis Denkmalpflege der Stadt Zürich. S. 72–74. mini|links|Gesamtansicht innen.

In den Jahren 1892–1894 wurde die Liebfrauenkirche nach Plänen des Architekten August Hardegger (1858–1927) errichtet, der die Kirche im Stil einer frühchristlichen Basilika nach Vorbildern römischer und ravennatischer Bauten entwarf.Rainald Fischer, in: Guido Kolb: 100 Jahre St. Peter und Paul. S. 195 Die Idee dazu hatte Hardegger zusammen mit dem einflussreichen Kunsthistoriker und Einsiedler Pater Albert Kuhn (1839–1929) entwickelt, der den Kirchenbauverein überzeugte, die Kirche in diesem Stil zu realisieren.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 12

Die Anlehnung der Liebfrauenkirche an italienische Vorbilder sollte die Verbundenheit der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz mit dem Papst und mit Rom ausdrücken, ganz im Sinne des Ultramontanismus in der Zeit des Kulturkampfs. Durch diese Positionierung grenzte sich römisch-katholische Kirche, die sich in Zürich in der Diaspora befand, sowohl von der 1871 abgetrennten christkatholischen Kirche als auch von der reformierten Kirche ab. Auch die Wahl der Muttergottes als Patronin, die in Absprache mit den Pfarrern und dem Churer Bischof erfolgte, drückt nicht nur die marianische Frömmigkeit der Zeit aus, sondern auch die nachdrückliche Unterscheidung der katholischen von der reformierten Konfession.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 12

Zunächst war die Liebfrauenkirche für 1200 Personen geplant und sollte zwei Kirchtürme erhalten. Aus Kostengründen musste jedoch die Kirche auf 1000 Sitzplätze reduziert und auf einen der beiden Kirchtürme verzichtet werden.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 12 Am 13. Mai 1893 fand die Grundsteinlegung an der nordöstlichen Ecke des Turms statt. Zeitgleich mit der Kirche wurde auch das erste Pfarrhaus von Liebfrauen in neuromanischem Stil nordwestlich unterhalb der Kirche erbaut. Die Einsegnung der Kirche erfolgte am 7. Oktober 1894.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 13 und Robert Schönbächler: Kirchen und Gotteshäuser der Stadt Zürich. S. 65

Gleichzeitig mit der Eingemeindung von zehn Vororten am 1. Januar 1893 wurde die zur Liebfrauenkirche gehörige Pfarrei Zürich-Hottingen geschaffen. Sie umfasste das ganze rechtsufrige Stadtgebiet mit den Quartieren Wipkingen, Unterstrass, Oberstrass, Fluntern, Hottingen, Hirslanden und Riesbach sowie die angrenzenden Gebiete von Männedorf am Zürichsee bis nach Höngg an der Limmat.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 8

Wegen ihrer zentralen Lage übernahm die Pfarrei Liebfrauen auch wichtige Funktionen für die öffentlich-soziale und politische Tätigkeit der Katholiken in Zürich. Neben verschiedenen katholischen Vereinen und sozialen Instituten wie Spitälern und Wohnheimen, die für die schweizerischen und ausländischen Immigranten wichtig waren, sind insbesondere auch die Schulen zu nennen. Seit 1897 bestand im Pfarrhaus von Liebfrauen eine Kleinkinderschule. Weitere Lehrstätten entstanden 1923 nach der Bildung des katholischen Schulvereins: 1923 wurde die Mädchenschule am Hirschengraben (heute Sitz der Zentralkommission und des Generalvikariats von Zürich und Glarus) eingeweiht.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 9 Im Jahr 1949 wurde an der Sumatrastrasse 33 das zweite Schulhaus eröffnet, in dem sich heute eine Sekundarschule sowie das 10. Schuljahr der Freien Katholischen Schulen befindet.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 169

1954–1955 wurde das erste Pfarrhaus durch das heutige Gebäude ersetzt, das von Karl Higi (1920–2008) als schlichter Kubus errichtet wurde.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 16

In den Jahren 1980–1981 wurde die Kirche nach Plänen des Architekten Otto Glaus (1914–1996) renoviert und die Krypta eingebaut, die am 5./6. Dezember 1981 eingesegnet wurde.Robert Schönbächler: Kirchen und Gotteshäuser der Stadt Zürich. S. 65 Bei der Renovation der Kirche wurden dabei die beiden Seitenaltäre entfernt und der bisherige Terrazzo-Belag durch einen neuen Mosaikboden ersetzt.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 17 Bei der Wiedereröffnung der Kirche nach der Renovation von 1980–1981 schenkte das Kloster Einsiedeln der Pfarrei Liebfrauen Reliquien der Stadtheiligen St. Felix und Regula, die unter dem Volksaltar der Liebfrauenkirche in einer Nische aufbewahrt werden.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 169 und Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 33

1988 wurde das nach Plänen vom Architekten Bert Allemann neu erbaute Pfarreizentrum durch Bischof Cabrera aus Los Alaminos (Philippinen) eingeweiht.Henri Truffer: Verband der römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich. S. 169 2010 bis 2011 erfolgte eine Innenrenovation der Kirche durch die Architekten Staffelbach und Meier.Stadt Zürich, Amt für Städtebau (Hrsg.): Katholische Kirchen der Stadt Zürich. Bestandesverzeichnis Denkmalpflege der Stadt Zürich. S. 71.

Tochterpfarreien und Gegenwart Da das Pfarreigebiet von Liebfrauen sehr gross war (es reichte von Männedorf bis nach Höngg), wurden schon bald provisorische Gottesdienstlokale gesucht und nach und nach das Gebiet von Liebfrauen in selbständige Pfarreien aufgeteilt. Schon kurz nach der Gründung der Pfarrei Liebfrauen machte sich Herz Jesu (Oerlikon) im Jahr 1895 selbständig. 1898 folgten Küsnacht und Männedorf. Auf Stadtzürcher Gebiet entstanden die Tochterpfarreien St. Anton (Hottingen) 1908, Guthirt (Wipkingen) 1923, Bruder Klaus (Unterstrass) 1933 und St. Martin (Fluntern) 1940.Rainald Fischer, Die katholischen Kirchen in der Stadt Zürich, in: Guido Kolb, 100 Jahre St. Peter und Paul. S. 190–191

Die Pfarrei Liebfrauen ist mit 4‘255 Mitgliedern (Stand 2021) eine der mittelgrossen römisch-katholischen Kirchgemeinden der Stadt Zürich.Katholische Kirche im Kanton Zürich. Jahresbericht 2021. S. 106.

Würdigung und Baubeschreibung Die Liebfrauenkirche zählt zu den bedeutendsten und harmonischsten Bauten des Historismus in der katholischen Diaspora.Rainald Fischer, Die katholischen Kirchen in der Stadt Zürich, in: Guido Kolb, 100 Jahre St. Peter und Paul. S. 195 Sie erhebt sich auf einer künstlich geschaffenen Terrasse oberhalb der Leonhard- und Weinbergstrasse. Aus topografischen Gründen ist die Kirche nach Norden ausgerichtet.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 17–18 Am Äusseren des Kirchenbaus wird ersichtlich, dass es sich bei der Liebfrauenkirche um einen Longitudinalbau mit breiter Vorhalle und basilikaler Gliederung in ein Haupt- und zwei Seitenschiffe handelt. Abgeschlossen wird der Bau mit einer Chorapsis, an die der Glockenturm angefügt wurde.Rainald Fischer, Die katholischen Kirchen in der Stadt Zürich, in: Guido Kolb, 100 Jahre St. Peter und Paul. S. 195 Um die Apsis ist ein geschlossener Chorumgang angelegt, der als Sakristei dient.Flurina Pescatore und Marius Winzeler: Die katholische Pfarrkirche Liebfrauen in Zürich. S. 18

Kirchturm und Glocken