Aus semantischer Sicht ist ein Tempus (die Bedeutung einer Zeitform) ein zeitlicher Umstand, in dem ein Ereignis relativ zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindet.‘Tense’ is a ‘deictic’ category, by which the state of affairs expressed by the predication is located in time. – Pinkster, 1990, 11.1.2.Tense is a deictic (meta)category: it is concerned with (external) temporality, i.e. the temporal location of a state of affairs with respect to the speaker-now context (or “deictic centre”, “moment of speech/writing”, “speech time”). – Aerts, 2018, S. 108.Es lo que llamamos 'tiempo': la categoría deíctica morfosintáctica que determina la situación en el tiempo del evento expresado por el verbo con respecto a un punto de referencia. (This is what we call 'tense': the deictic morphosyntactic category that determines the temporal circumstance of the event represented by the verb relative to a reference point [in time].) – Augustín Ramos Guerreira, 2021, “Tiempo y Aspecto” in José Miguel Baños Baños, “Sintaxis Latina”, Band I, S. 479. Das Tempus ist absolut (primär, erststufig), wenn die Zeit des dargestellten Ereignisses relativ zur Zeit des Sprechereignisses konstruiert wird,Absolute tense relates a state of affairs directly to the speaker-now context (e.g. the actual and historic present, the narrative perfect, the future). – Aerts, 2018, p.108'The state of affairs can [...] be related to the moment of writing or speaking. – Pinkster, 1990, 11.1.2Tiempo absoluto es aquella marca por la que la formación verbal señala directamente un momento del tiempo con relación al punto de referencia. (absolute tense is the mark by which the verbal wording directly points out a temporal circumstance relative to a reference point.) – Guerreira, 2021, p.481von der Gengenwart des Sprechenden aus gehört ein Geschehen einer der drei Zeitstufen Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft an: selbständiger oder absoluter Tempusgebrauch. (regarding the temporal circumstance of the speaking person, the event belongs to one of three periods Present, Past and Future: standalone or absolute tense.) – Hans Rubenbauer & J.B. Hofmann, 2018, "Lateinische Grammatik", §209 und es ist relativ, wenn die Zeit des dargestellten Ereignisses relativ zur Zeit eines anderen Ereignisses im Kontext des Diskurses gebildet wird.Relative tense is subordinate to a matrix verb phrase (participles and infinitives). – Aerts, 2018, p.108'or [the state of affairs can be related] to another moment known from context or situation. – Pinkster, 1990, 11.1.2Es tiempo relativo si la formación verbal señala un momento del tiempo anterior, simultáneo o posterior a otro momento distinto al punto de referencia. (the tense is relative if the verbal phrase determines a temporal circumstance that is anterior, interior or posterior to a time other than the reference point.) – Guerreira, 2021, S. 481.von der Zeit einer anderen Handlung aus gesehen ist ein Geschehen entweder gleichzeitig, vorzeitig oder nachzeitig: bezogener oder relativer Tempusgebrauch. (the event is either interior, anterior or posterior regarding another event.)Hans Rubenbauer, J. B. Hofmann, 2018, Lateinische Grammatik. §209. Ein Tempus kann wiederum „relativ zum absoluten Tempus“ (sekundär, zweitstufig) sein,(i) It specifies time reference other than reference to the time of the speech event, i.e. ‘secondary’ tense: past, present or future relative to the primary tense. – Halliday & Matthiessen (2014), Halliday’s introduction to functional grammar. S. 151. wenn die Zeit des dargestellten Ereignis relativ zu einem primären Tempus konstruiert wird.Absolute-relative tense relates a state of affairs to the speaker-now context via a reference point (e.g. the pluperfect, the future perfect) (Comrie, 1985). – Aerts, 2018, p.108En ocasiones una referencia relativa puede incorporar también valores absolutos inferidos y cumplir ambas funciones. Es lo que Comrie (1985: 64-82) denomina tiempo absoluto-relativo, existente solo, como es lógico, para señalar de doble manera tiempos anteriores o posteriores al punto de referencia. – Augustín Ramos Guerreira, 2021, “Tiempo y Aspecto” in José Miguel Baños Baños, “Sintaxis Latina”, Band I, S. 482.

In Indikativsätzen gibt es im Lateinischen drei primäre TemporaLa división ordinaria de la temporalidad suele acoger tres deíxis básicas: el pasado, el presente y el futuro. (The primary division of time [in Latin] has as usual three basic deixes: the past, the present and the future.) - Augustín Ramos Guerreira (2021), “Tiempo y Aspecto” in José Miguel Baños Baños, “Sintaxis Latina”, Band 1, S. 479. und drei Reihen der sekundären Tempora. Die primären Tempora sind das Zukünftige ('ich werde tun'), das Gegenwärtige ('ich tue'), und das Vergangene ('ich tat'). Die drei Reihen der sekundären Tempora sind: 1) die Reihe der sekundären Zukünftigen ('ich werde zu tun planen'), ('ich plane zu tun') und ('ich plante zu tun'); 2) die Reihen der sekundären Gegenwärtigen ('ich werde dabei sein, zu tun'), ('ich bin dabei, zu tun') und ('ich war dabei zu tun'); und 3) die Reihe der sekundären Vergangenen ('ich werde getan haben'), ('ich habe getan') und ('ich hatte getan').

Von einer formalen Sicht werden die Verben durch deren Stamm und deren Affixen in Zeitformen gruppiert.

Primäres Tempus Im Lateinischen lassen sich drei primäre Tempora für ein Geschehen bilden: das Zukünftige, das Gegenwärtige und das Vergangene.

Zukünftige Geschehen Das primär zukünftige Tempus ist die Nachzeitigkeit eines Geschehens zum Sprechakt. Für die meisten Verlaufbegriffe des lateinischen Wortschatzes wird das zukünftige Tempus des Geschehens durch ein Verb in der Zukunftsform wie faciam („ich werde tun“) gebildet. Im Frühlateinischen gab es auch die sogenannte sigmatische Zukunftsform mit "s" wie faxo („ich werde tun“). Für einige mentale Verläufe gibt es Begriffe wie meminī („ich erinnere mich“), ōdī („ich hasse“), nōvī („ich weiss“), für die sich das zukünftige Tempus von einem Verb in der Futur-II-Form bilden lässt: z. B. meminerō („werde mich erinnern“). Es gibt auch Zustandsbegriffe wie mortuus est („ist tot“) and dīvīsum est („ist aufgeteilt“), für die sich das zukünftige Tempus von einer "Sum"-Perfektperiphrase in der Zukunftsform bilden lässt: z. B. mortuus erit („wird tot sein“). +Einfache und mehrfache Zeitformen für zukünftige GeschehenHauptverbstammPeriphraseFinitverbzeitformBeispielÜbersetzungPräsensstamm ---Futurin sequentī librō explicābō (Vitruvius)„Das werde ich im nächsten Buch erklären“Präsensstamm ---Sigmafuturfaxō haud inultus prandium comēderīs (Plautus)„Ich werde dafür sorgen, dass du dieses Mittagessen nicht ungestraft gegessen hast“Perfektstamm ---Futur IImeminerō. dē istōc quiētus estō. (Plautus)„Ich werde daran denken. Mach dir darüber keine Sorgen.“Supinumstamm"Sum"-PerfektperiphraseFutursi scribas temonemque insuper addas, qui medium volt te scindere, pictus erit. (Priapea)„Wenn du darüber berichtest und einen Zeugen angibst, wird der, der dich in zwei Hälften schneiden möchte, bloßgestellt sein.“

Gegenwärtige Geschehen Das primär gegenwärtige Tempus ist die Gleichzeitigkeit eines Geschehens zum Sprechakt. Meistens wird das gegenwärtige Tempus durch ein Verb in der Präsensform wie faciō („ich tue“) gebildet. Für einige mentale Verläufe gibt es Begriffe wie meminī („ich erinnere mich“), ōdī („ich hasse“), nōvī („ich weiß“), für die sich das zukünftige Tempus von einem Verb in der Perfektform bilden lässt. Es gibt auch Zustandsbegriffe wie mortuus est („ist tot“) and dīvīsum est („ist aufgeteilt“), für die sich das zukünftige Tempus von einer "Sum"-Perfektperiphrase in der Präsensform bilden lässt.

Dazu gibt es Gestaltungsverläufe, dessen lateinische Begriffe sich von "habeō"- und "teneō"-Perfektperiphrasen in der Präsensform ergänzen lassen, damit ein gegenwärtiges Geschehen dargestellt wird: z. B. habet subornātum („bewahrt auf“) and saeptum tenet („hält umschlossen“). +Einfache und mehrfache Zeitformen für gegenwärtige GeschehenHauptverbstammPeriphraseFinitverbzeitformBeispielÜbersetzungPräsensstamm ---Präsenssenātus haec intellegit; cōnsul videt; hic tamen vīvit (Cicero)„Der Senat versteht das; der Konsul sieht es; dennoch lebt dieser Mann“Perfektstamm ---Perfektmeminī mē adesse (Cicero)„Ich erinnere mich, dabei gewesen zu sein“Supinumstamm"Sum"-PerfektperiphrasePräsenspasser mortuus est meae puellae (Catullus)„Der Spatz meiner Freundin ist tot“Supinumstamm"Habeō"-PerfektperiphrasePräsensHorolōgium in triclīniō et bucinātōrem habet subōrnātum, ut subinde sciat quantum dē vītā perdiderit! (Petronius)„Er bewahrt eine Uhr sowie ein Horn im Triklinium auf, um sich von Zeit zu Zeit daran zu erinnern, wie viel Zeit seines Lebens er bisher verbracht hat.“Supinumstamm"Teneō"-PerfektperiphrasePräsenspopulī Rōmānī exercitus Cn. Pompeium circumsedet, fossā et vallō saeptum tenet, fugā prohibet (Cicero)„Die Armee des römischen Volkes belagert Gnaeus Pompejus, hält ihn mit einem Graben und einer Mauer umschlossen und hindert ihn an der Flucht.“

Vergangene Geschehen Das primär vergangene Tempus ist die Vorzeitigkeit eines Geschehens zum Sprechakt. Meistens wird das vergangene Tempus einer Handlung durch ein Verb in der Perfektform wie fēcī („ich habe getan“) gebildet, wenn das Subjekt aktiv ist, sowie durch eine "Sum"-Perfektperiphrase in der Präsensform wie factum est („wurde getan“), wenn das Subjekt passiv ist. Für einige mentale Verläufe gibt es Begriffe wie meminī („ich erinnere mich“), ōdī („ich hasse“), nōvī („ich weiß“), für die sich das vergangene Tempus von einem Verb in der Pluperfektform bilden lässt: z. B. memineram („ich habe mich erinnert“). Es gibt auch Zustandsbegriffe wie mortuus est („ist tot“) and dīvīsum est („ist aufgeteilt“), für die sich das vergangene Tempus von einer "Sum"-Perfektperiphrase in der Imperfektform bilden lässt: z. B. mortuus erat („war tot“).

Im Gegensatz dazu werden in Erzählungen vergangene Ereignisse oft durch Verben in der Präsensform dargestellt, als ob diese Ereignisse gleichzeitig zur Erzählung stattgefunden hätten. Wenn der Zeitpunkt der Erzählung lange zurückliegt, wird jedoch die Imperfektform anstelle der Präsensform verwendet, als ob diese Ereignisse von einem in der Geschichte verharrenden Beobachter lebhaft in Erinnerung behalten würden. +Einfache und mehrfache Zeitformen für vergangene GeschehenHauptverbstammPeriphraseFinitverbzeitformBeispielÜbersetzungPerfektstamm ---Perfektvēnī, vīdī, vīcī (Suetonius)„Ich kam, ich sah, ich siegte“Supinumstamm"Sum"-PerfektperiphrasePräsensubī occīsus est Sex. Rōscius? – Rōmae (Cicero)„Wo wurde Sextus Roscius ermordet? – In Rom“Perfektstamm ---Pluperfektmeminerant ad Alesiam magnam sē inopiam perpessōs (Caesar)„Sie erinnerten sich daran, wie sie in Alesia einen großen Mangel ertragen hatten“Supinumstamm"Sum"-PerfektperiphraseImperfektmortuus erat Agis rex, frater Agesilai: filium reliquerat Leotychidem. (Cornelius Nepos)„Gestorben war König Agis, Bruder Agesilas: einen Sohn hatte er hinterlassen, Leotychid.“Präsensstamm ---Präsensvidet imminēre hostēs ... capit arma ā proximīs ... (Caesar)„Er sah denen Feind kommen … und er erbeutete die Waffen derer, die in der Nähe waren …“Präsensstamm ---Imperfektcaedēbātur virgīs in mediō forō Messanae civis rōmānus... (Cicero)„Ein römischer Bürger wurde mitten auf dem Hauptplatz von Messana mit Ruten geschlagen …“

Sekundäres Tempus Im Lateinischen lassen sich drei sekundäre Tempora für ein Geschehen bilden: das sekundär Zukünftige, das sekundär Gegenwärtige und das sekundär Vergangene.

Sekundär zukünftige Geschehen