mini|Erstes Blatt des Psalmen-Kommentars Didymus’ des Blinden (P. Köln Theol. 54, S. 17) Die Tura-Papyri sind eine Gruppe spätantiker christlicher Papyri in koine-griechischer Sprache, die 1941 in einem Steinbruch bei Tura, etwa zehn Kilometer südlich von Kairo, entdeckt wurden. Es handelt sich um acht Codices, die im 6./7. Jahrhundert geschrieben, ohne ihre Einbände in einem Stollen deponiert und dort der Verwitterung preisgegeben wurden. Sie sind die ältesten und teilweise auch die einzigen Textzeugen von Schriften des christlichen Philosophen und Bibelkommentators Origenes († 253/254) und von Schriften Didymus des Blinden († um 398), der die meisten biblischen Bücher im Stil des Origenes kommentierte. Origenes und Didymus legten stets die griechische Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta) aus, nicht den hebräischen Text. Origenes und Didymus waren auf dem Zweiten Konzil von Konstantinopel (553) als Häretiker gebrandmarkt worden.
Es gibt vergleichsweise verlässliche Informationen über die Fundumstände der Tura-Papyri. Das ist bei vielen anderen ägyptischen Papyri nicht der Fall.
Fundumstände mini|Von der Royal Air Force 1944–1945 genutzter Steinbruch bei Tura Im Jahr 1941 gestattete die Regierung des Königreichs Ägypten den britischen Streitkräften, pharaonenzeitliche Galeriesteinbrüche bei Tura als Munitionslager zu nutzen. Die ägyptische Antikenverwaltung stimmte dem zu. Lokale Subunternehmer erhielten den Auftrag, den Schutt auszuräumen, den Boden einzuebnen und die Wände zu stabilisieren, bevor die Anlagen vom Militär übernommen wurden.Octave Guéraud: Note préliminaire sur les papyrus d’Origène découverts à Toura, 1946, S. 85.
Jahrhundertelang, bis in die Ptolemäerzeit, war im Gebirgsareal gegenüber von Memphis Baumaterial gewonnen worden, indem man vom Plateau und von den Wadis aus Schächte und Stollen in den Berg trieb, um an die tieferen Lagen des Kalksteins heranzukommen, die eine hohe Qualität hatten. Im Lauf der Zeit entstanden so teils untereinander verbundene Höhlen- und Gangsysteme unterschiedlicher Größe, die bis zu 100 Meter in den Berg hineinführten. Die Klosterruine Deir al-Qusayr, ein einstiges griechisch-melkitisches Antonioskloster,Nicht identisch mit dem koptischen Kloster des Heiligen Antonius. Der Fundkeramik zufolge war die Klosteranlage bei Tura vom 6. Jahrhundert bis ins Spätmittelalter bewohnt; in literarischen Quellen ist das Kloster erstmals mit Baumaßnahmen unter dem melkitischen Patriarchen Eustathios (802–804) bezeugt und findet dann bis ins 14. Jahrhundert immer wieder Erwähnung; Mitte des 16. Jahrhunderts war das Kloster einem russischen Reisebericht zufolge unbewohnt. Vgl. Ludwig Koenen, Wolfgang Müller-Wiener: Zu den Papyri aus dem Arsenioskloster bei Ṭurā, 1968, S. 59–62. befindet sich auf dem Plateau eines solchen von Wadis durchfurchten Kalksteinmassivs; dieses Kloster war in Spätantike und Mittelalter Zentrum einer ausgedehnten Einsiedlerkolonie. Die christlichen Mönche nutzten einige der vom Steinabbau zurückgebliebenen Höhlen als Wohnstätten.Ludwig Koenen, Wolfgang Müller-Wiener: Zu den Papyri aus dem Arsenioskloster bei Ṭurā, 1968, S. 53–55. Vgl. auch: Rosemarie Klemm, Dietrich Klemm: Steine und Steinbrüche im Alten Ägypten. Springer, Berlin u. a. 1992, S. 67 ff.
Im Sommer 1941 entdeckten Arbeiter in einem Steinbruch bei Tura unterhalb dieser Klosterruine ein Depot von Papyruscodices und losen Lagen. Die Fundhöhle hatte eine hohe Vorhalle, von der aus drei schmale Eingänge in langgezogene Stollen führten.Vgl. Kurt Aland, Hans-Udo Rosenbaum (Hrsg.): Kirchenväter-Papyri, Berlin / New York 1995, S. 467 f.: „eigentlich sind das große Kuppelsäle von ca 60 m Durchmesser und 10-15 m Höhe, von denen strahlenförmig etwa 5 m hohe und wesentlich schmalere Gänge ins Berginnere führen.“ An der Längswand eines dieser Stollen, etwa 20 bis 25 Meter hinter dem Eingang, wurden die Papyri gefunden. Die langsame Desintegration der Stollendecke hatte im Lauf der Jahrhunderte dazu geführt, dass sich an den Seitenwänden bankartige, etwa einen Meter hohe Ablagerungen von Schutt und Staub gebildet hatten. Beim Abtragen dieses Materials kamen die Papyri etwa auf Bodenniveau zum Vorschein; sie waren an der Wand aufgestapelt, aber nicht gegen Zerfall geschützt worden. Da es am Fundort dunkel war, hatte man die Manuskripte hier wohl nicht gelesen, sondern versteckt. Belege für die Anwesenheit von Eremiten in der Höhle gab es nicht, bzw. die Arbeiter achteten beim Ausräumen des Schutts nicht darauf.Octave Guéraud: Note préliminaire sur les papyrus d’Origène découverts à Toura, 1946, S. 86; Ludwig Koenen, Wolfgang Müller-Wiener: Zu den Papyri aus dem Arsenioskloster bei Ṭurā, 1968, S. 44 f. Ein bei der Auffindung anwesender Arbeiter sagte später aus, man habe den ägyptischen Aufseher (raïs) informiert, der den europäischen Vorarbeiter in Kenntnis setzte, der wiederum die Polizei kontaktierte. Die Polizei sei erschienen und habe alle Funde konfisziert. Dies scheint aber eine Schutzbehauptung gewesen zu sein. Die Funde gelangten offensichtlich in den Antikenhandel. Für unglaubhaft erklärte Octave Guéraud die bald umlaufenden Geschichten, dass unwissende Arbeiter einige Papyri als Brennmaterial zum Kaffeekochen genutzt hätten: Dass Papyri auf dem Antikenmarkt einen guten Preis erzielten, wusste in der Bevölkerung praktisch jeder, zumal im Umland von Kairo.Octave Guéraud: Note préliminaire sur les papyrus d’Origène découverts à Toura, 1946, S. 87.
Am 10. August 1941 wurde dem Ägyptischen Museum Kairo ein Papyrus-Fragment bekannt, das angeblich aus einem Neufund stammte. Einen Tag später erschien der für die Region Tura zuständige Inspektor der Altertümerbehörde mit einem kleinen Koffer voller Papyri im Kairoer Museum, die bei einer Polizeiaktion sichergestellt worden waren. Der ägyptische Geheimdienst stellte weitere Papyri sicher. Da man vermutete, dass weitere Geheimdienst- und Polizeiaktionen nicht effektiv sein würden, beauftragte König Faruk den bekannten Antiquitätenhändler M. Nahman, so viele aus dem Depot in Tura stammende Papyri wie möglich für das Ägyptische Museum zu erwerben. Die Preise stiegen schnell, und nachdem das Museum sein Hauptinteresse, den Erwerb von Papyri mit Origenes-Texten, befriedigt hatte, verlor Nahman seine Sonderstellung. Die noch auf dem Markt befindlichen Papyri verschwanden spätestens zu diesem Zeitpunkt in den Depots anonymer Privatsammler; ein Teil davon gelangte später in öffentliche Sammlungen.Kurt Aland, Hans-Udo Rosenbaum (Hrsg.): Kirchenväter-Papyri, Berlin / New York 1995, S. 468 f. Tura-Papyri befinden sich in Australien, Südafrika, Deutschland, Spanien, der Schweiz, Italien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Im Jahr 1952 schenkte ein Privatmann 196 Blätter dem Ägyptischen Museum. Im Jahr 1968 stellte Ludwig Koenen fest, dass der Verbleib von 1808 Seiten geklärt sei, weitere 208 Seiten seien verschollen.Ludwig Koenen, Wolfgang Müller-Wiener: Zu den Papyri aus dem Arsenioskloster bei Ṭurā, 1968, S. 41 f.; Brent Nongbri: God’s Library: The Archaeology of the Earliest Christian Manuscripts, New Haven / London 2018, S. 99. Im Sommer 1982 erhielt die Brigham Young University in Provo zehn Blätter der Tura-Papyri: Einer der amerikanischen Ingenieure, die 1941 in Tura eingesetzt waren, hatte nämlich eine komplette Lage aus Codex V erworben und sie seinem Schwager in Neuengland geschickt. Der Empfänger legte die Blätter in ein Buch ein, das er auf dem Dachboden verstaute. Beim Ausräumen des Dachbodens wurden sie 30 Jahre später gefunden.Thomas W. Mackay, C. Wilfred Griggs: The Recently Rediscovered Papyrus Leaves of Didymos the Blind. In: Bulletin of the American Society of Papyrologists, Band 20 (1983), S. 59 f.; Brent Harker: Didymos the Blind Sees the Light of the Day. In: BYU Today, Band 39 (Juni 1985), S. 18–20.
Beschreibung mini|Ein Doppelblatt aus Codex I der Tura-Papyri, dem einzigen Textzeugen von Origenes’ Schrift „Über das Pascha“ (Ägyptisches Museum Kairo, JE 88746) Alle identifizierten Texte wurden entweder Origenes († 253/254) oder Didymus dem Blinden († um 398) zugeordnet, zwei frühchristlichen Bibelkommentatoren, die auf dem Zweiten Konzil von Konstantinopel (553) als Häretiker verurteilt wurden. Hubertus Drobner schreibt: Nach dem Traktat Justinians gegen Origenes (543) „konfiszierte und vernichtete die kaiserliche Polizei alle origenischen Schriften, deren sie habhaft werden konnte, worauf die heutige so lückenhafte Quellenlage zurückgeht.“Hubertus Drobner: Lehrbuch der Patrologie. Herder, Freiburg / Basel / Wien 1994, S. 120. Didymus war ein zu Lebzeiten einflussreicher theologischer Lehrer, der fast alle biblischen Bücher in der Tradition des Origenes kommentierte; infolge seiner Verurteilung war von seinem Werk bis zu den Tura-Funden nur ein von Hieronymus übersetzter Traktat über den Heiligen Geist und einige Fragmente in Katenen bekannt.
Die Tura-Papyri werden ins 6./7. Jahrhundert datiert.Für die Kölner Codices aus dem Tura-Fund vgl. Sophie-Elisabeth Breternitz: Katalog der Kodizes der Kölner Papyrussammlung, Leiden / Boston 2020, S. 152–154: Sie wurden mit Eisengallustinte im 6. Jahrhundert geschrieben. Sie stammen aus Codices, deren Lagen im Regelfall vier Bögen (= 8 Blätter = 16 Seiten) umfassten. Ihre Einbände waren buchbinderisch professionell abgelöst worden. Der Erhaltungszustand ist sehr unterschiedlich. Einige Lagen waren flach übereinander gestapelt und sind sehr gut erhalten. Andere waren zusammengerollt und teilweise verschnürt. Die Lagen des Kohelet-Kommentars des Didymus waren in der Antike zusammengerollt, plattgedrückt und mit einem scharfen Instrument in der Mitte durchgeschnitten worden. Einige Lagen dieses Kommentars hatten einen Wasserschaden erlitten; die Tinte war zerlaufen, die Blätter miteinander verklebt – sei es durch einen unsachgemäßen, nach 1941 unternommenen Versuch, die Rolle anzufeuchten und dann auseinanderzuwickeln, sei es durch eine in der Spätantike ansatzweise erfolgte Weiterverarbeitung des Materials zu Kartonage, vielleicht für Buchdeckel.Ludwig Koenen, Wolfgang Müller-Wiener: Zu den Papyri aus dem Arsenioskloster bei Ṭurā, 1968, S. 45–48; Brent Nongbri: God’s Library: The Archaeology of the Earliest Christian Manuscripts, New Haven / London 2018, S. 100 f.
Stand 1995 umfasst der Tura-Fund 913 zu Codices gehörige Folia, einen Rotulus und ein weiteres Einzelblatt. Die meisten Blätter sind vollständig oder leicht beschädigt, einige wenige fragmentiert. Davon befinden sich 604 Folia im Ägyptischen Museum Kairo, das alle 93 Folia mit Origenes-Texten besitzt. Die Folia mit Texten Didymus’ des Blinden befinden sich außer in Kairo im Institut für Altertumskunde der Universität Köln (117 Folia), in der Bibliotheca Bodmeriana in Cologny (25 Folia) und in der British Library (7 Folia). Zwei Blatthälften besitzt das Institut für Papyrologie der Università Statale in Mailand; die jeweils anderen Hälften befinden sich in Köln.158 Blätter befinden sich im Besitz von anonym bleibenden Privatsammlern. Mindestens 92 Blätter fehlen, wobei unsicher ist, ob sie bereits bei Deponierung in der Spätantike fehlten oder ob sie heute im Besitz von unbekannten Privatsammlern sind (was wahrscheinlicher ist).Kurt Aland, Hans-Udo Rosenbaum (Hrsg.): Kirchenväter-Papyri, Berlin / New York 1995, S. 470.
Die Blätter lassen sich folgendermaßen acht Codices zuordnen:Kurt Aland, Hans-Udo Rosenbaum (Hrsg.): Kirchenväter-Papyri, Berlin / New York 1995, S. 471. Codex I (82 Seiten, Blattformat 32 × 14,4 cm): Origenes, Über das Pascha. Origenes, Gespräch mit Herakleides. Die professionell aus dem Codex herausgelösten Lagen waren zu einer Rolle zusammengewickelt worden, die mit einem Papyrusband verschnürt worden war.Kurt Aland, Hans-Udo Rosenbaum (Hrsg.): Kirchenväter-Papyri, Berlin / New York 1995, S. 471.