mini|hochkant=1.25|Blick von der Kasbah des Oudaïas in Rabat auf die Silhouette von Salé mit dem 250 m hohen Tour Mohammed VI Salé (, , ) ist die Nachbarstadt von Rabat auf dem nördlichen Ufer des Bou-Regreg an der Atlantikküste von Marokko. Salé ist Hauptort der gleichnamigen Präfektur innerhalb der Region Rabat-Salé-Kénitra. Der Name leitet sich von der römischen Stadt Sala Colonia her, die am gegenüberliegenden Ufer des Bou-Regreg innerhalb der heutigen Chellah lag. Gegründet Anfang des 11. Jahrhunderts war Salé ab dem 12. Jahrhundert eine bedeutende Handelsstadt und während des gesamten Mittelalters der bedeutendste Atlantikhafen Marokkos. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bildete Salé den Mittelpunkt eines von den Alawiden-Sultanen unabhängigen Piratenstaates. Bis ins 19. Jahrhundert war die Stadt für ihre Islamschulen (Madrasas) und Sufi-Heiligen bekannt. Heute gehört sie zum schnell wachsenden Ballungsgebiet von Rabat, in dem ihre Neubausiedlungen die Rolle als Wohnstadt für Fabrikarbeiter übernehmen.

Lage Salé liegt gut 100 km (Fahrtstrecke) auf der Autobahn A 3 nordöstlich von Casablanca und knapp 240 km auf der Autobahn A 1 südlich von Tanger. Das breite Mündungsgebiet des Bou-Regreg stellt an der geradlinigen Atlantikküste einen natürlichen geschützten Hafen dar, dem die Stadt ihre geschichtliche Bedeutung zu verdanken hat. Die Altstadtzentren von Rabat am linken und Salé am rechten Flussufer trennen 3 km Luftlinie; beide Städte liegen auf Felsterrassen oberhalb der Meeresküste. Den Bou-Regreg überquert die Pont Hassan-II (ersetzt seit 2011 die vierspurige, zu Beginn des 21. Jahrhunderts erbaute Straßenbrücke Pont Moulay El Hassan), etwa 2 km von der Küste entfernt, die Straße (Boulevard er Rahba) führt nördlich der Brücke am Jachthafen entlang bis zum östlichen Altstadtrand. Für den Fernverkehr kommen zwei weitere Straßenbrücken einige Kilometer landeinwärts hinzu. Der Flughafen Rabat-Salé befindet sich etwa 6 km östlich des Zentrums.

Bevölkerungsentwicklung Jahr 1994 2004 2014 2024Einwohner 579.850 760.186 890.403 945.801Salé – Bevölkerungsentwicklung Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Rabat und Salé zusammen etwa 30.000 Menschen. Im Jahr 1912 wurden für Rabat 27.000 und für Salé 19.000 Einwohner geschätzt.

Das Stadtgebiet (commune urbaine) von Salé ist in 5 Arrondissements unterteilt: Bab Lamrissa, Tabriquet, Bettana, Laayayada und Hssaine. Die ersten beiden sind an das neuentstehende Straßenbahnnetz angeschlossen.

Wirtschaft Im Mittelalter graste das Vieh von Salé im Norden bis zum Ufer des Sebou, ab dem 19. Jahrhundert gehörte nur noch eine Schwemmlandebene zwischen der Sandküste und einem felsigen Gebiet im Hinterland und etwa 16 km nördlich bis zum Ort Bouknadel zum Weideland der Stadt. Felder mit Baumwolle, später mit Trauben und ab 1900 mit Gemüse wurden in der näheren Umgebung im Flusstal angelegt. Heute wird das flache Hinterland des Bou-Regreg-Beckens ähnlich wie die vom Sebou bewässerte Gharb-Ebene für den Anbau von Getreide, Gemüse und Obstbäumen genutzt.Kenneth L. Brown, S. 25. Zugleich gehört der Küstenstreifen ab der 40 km nördlich gelegenen Industriestadt Kénitra bis nach Casablanca im Süden zu den am dichtesten besiedelten Regionen des Landes und verfügt über die stärkste Industrieproduktion Marokkos.

Geschichte Vorgeschichte Unweit der Atlantikküste, rund fünf Kilometer nordöstlich des Zentrums von Salé, wurde im Jahr 1971 beim Abbau von Sandstein aus einer fossilen Düne von Steinbrucharbeitern der teilweise erhaltene Schädel einer vermutlich erwachsenen Frau geborgen. Diesem Fossil – benannt nach dem Fundort „Salé 1“ – wird ein Alter von 400.000 Jahren zugeschrieben. Aufgrund seiner Beschaffenheit und seines Alters wurde der Fund zunächst Homo erectus zugeschrieben. Jedoch weist der Schädel auch Merkmale auf, die jenen des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) gleichen, sodass er auch als archäischer Homo sapiens interpretiert wird.Eintrag Salé 1 in: Bernard Wood: Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Chichester u. a. 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6. Älter datiert als die homininen Funde vom Djebel Irhoud ist der Schädel wie diese ein Beleg dafür, dass das Gebiet des heutigen Marokko bereits in der Zeit des Entstehens der typischen Merkmale von Homo sapiens durch frühen Verwandte der heute lebenden Menschen besiedelt war. Antike Abgesehen von neolithischen Siedlungsspuren am nördlichen Ufer des Bou-Regreg waren die ersten Bewohner im Gebiet nach antiken Berichten Phönizier, die wohl ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. einen Flusshafen unterhielten. Der erste nachweisbare Siedlungsplatz geht vermutlich auf die Karthager des 3. Jahrhunderts v. Chr. zurück. Er hieß Sala und befand sich am südlichen Ufer. Dieser Ort wurde von den Römern unter Kaiser Claudius Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. erobert und unter dem Namen Colonia Sala zur südlichsten Stadt der mauretanischen Provinz erhoben. Plinius der Ältere (um 23–79 n. Chr.) beschrieb Salé als eine von Elefanten bedrohte Wüstenstadt. Die Grundmauern der römischen Siedlung wurden innerhalb der ummauerten mittelalterlichen Nekropole Chellah freigelegt. Islamische Zeit Ein Ort namens Salā von unbekannter Siedlungsgröße wurde im 9. Jahrhundert zur Zeit der Idrisiden erwähnt. Er scheint um diese Zeit bereits islamisiert gewesen zu sein. Nach Ankunft der arabischen Fatimiden bestand am südlichen Flussufer eine islamische Grenzfestung (Ribāt), von der die spätere Stadt Rabat ihren Namen übernahm. Die Kämpfe der Fatimiden an der Westgrenze ihrer eroberten Gebiete waren gegen die lokalen Berberstämme um Salé gerichtet. Im 10. Jahrhundert war Salé der Hauptort der Banu Ifran, eines zu den Zanata gehörenden Berberstammes, dessen Einflussbereich sich bis in die Region um Kasba Tadla und ins Atlasgebirge erstreckte.John Ralph Willis (Hrsg.): Studies in West African Islamic history. Bd. 1 The Cultivators of Islam. Routledge/Curzon 1979, ISBN 0-7146-1737-7, S. 94. Für 1030 wird von einer Stadt berichtet, die unter den Almoraviden (1061–1147) und Almohaden (1147–1269) einen bedeutenden Markt und einen überregionalen Seehafen besaß. Was in späteren europäischen Schilderungen als Salé zusammengefasst wurde, bestand zur damaligen Zeit aus drei Teilen: einer alten Stadt am nördlichen Ufer (Salé), einer neuen Siedlung am südlichen Ufer (Rabat) und dort an der Flussmündung eine Kasbah (Kasbah des Oudaias) an der Stelle des früheren Ribat.Peter Lamborn Wilson, S. 73.

In den 1120er Jahren begann in Südmarokko der Aufstand der Almohaden gegen die wegen ihrer Niederlagen auf der iberischen Halbinsel militärisch geschwächten Almoraviden. Im Jahr 1132 besetzte der erste Almohaden-Kalif Abd al-Mu'min (reg. 1130–1163) Salé. 30 Jahre später errichteten die Genuesen in Salé und 1253 in Safi (südlich von Casablanca) Handelsstützpunkte. Konkurrierende Handelsnationen waren Spanien und Portugal. Der Warentausch zwischen Europäern und aus dem Süden kommenden Karawanen brachte den Hafenstädten Wohlstand; mit den aus Andalusien zugewanderten Muslimen gelangte die reiche maurische Kultur an die marokkanische Küste.

mini|Bab el-Mrisa, Haupttor an der Südostecke. 1260er Jahre Von Nordosten kommend eroberten ab der Mitte des 13. Jahrhunderts die Meriniden das Almohadenreich. Im Jahr 1248 machten sie Fès zu ihrer Hauptstadt, drei Jahre später dehnten sie ihre Kontrolle bis nach Salé und in den folgenden Jahren bis Sidschilmasa im Südosten aus. Als der erste Merinidensultan Abu Yahya Abu Bakr im Jahr 1258 starb, war ein Großteil Marokkos erobert. Sein Nachfolger Abu Yusuf Yaqub hatte einige Schwierigkeiten mit der weiteren Befriedung des Reiches, unter anderem, weil ihm sein Neffe Yaqub ibn Abdullah den Herrschertitel streitig machte, denn im Jahr 1259 ergriff der Aufständische Besitz von den Nachbarstädten Rabat und Salé und erklärte sie für unabhängig. Um seine Position auszubauen, suchte Yaqub ibn Abdullah Unterstützung bei König Alfonso von Kastilien, der 1260 einen Kreuzzug gegen die Meriniden plante. Für die Spanier schien der Hilferuf des Gouverneurs von Salé zur Unterstützung seiner Revolte eine günstige Gelegenheit, um von dort aus das Christentum weiterzutragen. Alfonso entsandte von Cádiz eine Flotte bestehend aus 37 Schiffen, die Anfang September 1260 Salé erreichte. Den zunächst für Händler gehaltenen Spaniern fiel es leicht, in die Stadt einzudringen, wo sie mordeten, plünderten und Verwüstungen anrichteten. Abu Yusuf Yaqub eilte mit seiner Armee in schnellem Marsch von Taza im Osten zur Befreiung von Salé. Nach zweiwöchiger Belagerung gaben die Spanier auf und zogen, nachdem sie Feuer gelegt hatten, Ende September mit ihren Schiffen ab. Yaqub ibn Abdullah hatte sich schon vorher zu anderen Abtrünnigen seiner Familie in die nördlichen Rifberge zurückgezogen. Die vermutlich beabsichtige Einrichtung eines spanischen Stützpunkts war misslungen. Als Konsequenz daraus wurde die Stadt befestigt.

Erst mit der Einnahme von Marrakesch (1269) durch Abu Yusuf Yaqub war die Herrschaft der Almohaden vollständig beendet. Abu Yusuf Yaqub blieb bis 1271 in Marrakesch. Auf dem Rückweg nach Fès kam er durch Salé, wo er seinen Sohn Abu Yaqub Yusuf (reg. 1286–1307) offiziell zu seinem künftigen Nachfolger ernannte.Joseph F. O’Callaghan: A History of Medieval Spain. Cornell University Press, New York 1983, S. 364; Jamil M. Abun-Nasr, S. 104–106.

mini|Qubba von Sīdi Aḥmad Ibn ʿĀšir am Westrand der Altstadt Während der Merinidenzeit wurde Sidi Ahmed ben Aschir (Sīdi Aḥmad Ibn ʿĀšir al-Anṣārī, 1300–1362) als Sufi-Heiliger der Stadt berühmt. Aus ganz Marokko kamen Pilger zu ihm, um seinen Segen (Baraka) zu erhalten. Ben Aschir konnte das raue Meer und Stürme beruhigen, weshalb seine Grabstätte später zu einem Pilgerort für Seefahrer und Piraten wurde. Der beste Schüler ben Aschirs wurde Ibn ʿAbbād (1332–1390) aus dem spanischen Ronda, der nach seiner Ausbildung in der malikitischen Rechtstradition in Tlemcen und Fès nach Salé kam. Er war ein sehr disziplinierter Anhänger des Schādhilīya-Ordens, der nach alter asketischer Tradition nur jeden zweiten Tag Nahrung zu sich nahm. Salé war für ihn ein Ort der Meditation und geistigen Genesung. Um das Jahr 1375 kehrte Ibn ʿAbbād nach Fès zurück, wo er Imam der Qarawiyin-Moschee wurde und die kleine Sammlung von 54 Briefen verfasste, die einen bedeutenden Beitrag zur Schadhiliyya-Mystik darstellen. In seinen Schriften hat der römisch-katholische Priester Miguel Asín Palacios im Jahr 1933 als Erster einen Einfluss auf die christlichen Lehren des Johannes vom Kreuz (1542–1591) gesehen.Muhammad Ibn Ibrahim Ibn 'Abbad: Ibn 'Abbad of Ronda: Letters on the Sufi Path. Paul & Co., Sydney 1986, ISBN 0-8091-2730-X, S. 49; Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus. Insel, Frankfurt 1995, S. 357–359.

Piratenrepublik Bou-Regreg mini|Salé im 17. Jahrhundert