Die Herrschaft der Dreißig () war eine acht Monate – von August 404 bis März 403 v. Chr. – dauernde Terrorherrschaft von 30 Oligarchen im antiken Athen.

Unterstützt vom spartanischen Feldherrn Lysander, rissen nach Oligarchie strebende Männer nach der Niederlage Athens im Peloponnesischen Krieg die Macht an sich und ließen während ihrer Herrschaft mehr als 1500 politische Gegner ermorden. Ihr Sturz unter Führung des Thrasybulos machte den Weg zur Wiederherstellung der attischen Demokratie frei.

Situation nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges Nach dem Ende des Peloponnesischen Krieges schien Athens Zukunft zunächst ungewiss, denn in den spartanischen Friedensbestimmungen stand nichts über den zukünftigen Status Athens. Immerhin blieben der Stadt hohe Unterhaltszahlungen an Sparta und Kolonisten erspart. Trotzdem war die Lage in Athen angespannt, da mit dem siegreichen Lysander auch Emigranten und Verbannte, unter denen auch ehemalige Mitglieder des oligarchischen Rates der Vierhundert waren, zurückgekommen waren. Die Anhänger der Oligarchie wie die der Demokratie versuchten zunächst, an die Macht zu gelangen. Kurz vor der Rückkehr Lysanders aus Samos setzten sich die Oligarchen durch; sie ließen durch den Rat der Fünfhundert die Führer der demokratischen Kräfte verhaften. Zwar waren die Anhänger der Demokratie danach weitgehend isoliert, aber erst durch Drohungen Lysanders wurden sie in einer Volksversammlung eingeschüchtert und der Beschluss gefasst, dreißig Männer mit der Neufassung der Gesetze zu beauftragen, nach denen sie den Staat verwalten sollten. In der Folge schalteten die Dreißig die Volksversammlung als Entscheidungsorgan zugunsten des von ihnen dominierten Rates aus und errichteten eine Herrschaft, in deren Verlauf mehr als 1500 Athener ermordet wurden.

Die Dauer der Herrschaft der Dreißig Die Ereignisse zwischen der Kapitulation Athens am 16. Munichion 404 v. Chr. und der Einsetzung der Dreißig bedingen eine mehrmonatige Zwischenzeit, da Lysander nach Samos segelte, die Stadt belagerte, einnahm, die dortigen Verhältnisse ordnete und sich anschließend nach Athen begab.

Da nach Xenophon die Herrschaft der Dreißig acht Monate dauerte, Lysanders Fahrt nach Samos im Anschluss an die Wahl der Dreißig mit einer Sonnenfinsternis am 3. September 404 v. Chr. zusammenfiel, fand die Absetzung, den ersten und letzten Monat mitgerechnet, im April des Jahres 403 v. Chr. statt. Ausgehend davon, dass Lysander für die Fahrt nach Samos auch eine gewisse Zeit benötigte, muss angenommen werden, dass der Beginn der Herrschaft der Dreißig schon im August 404 v. Chr. anzusetzen ist. Gestützt wird der August-Anfang dadurch, dass Lysander nach der Einsetzung der Dreißig Ende des Sommers 404 v. Chr. nach Samos fuhr.

Es ist somit festzuhalten, dass die Herrschaft der Dreißig Mitte/Ende August 404 v. Chr. begann und dass sie nach achtmonatiger Herrschaft im März 403 v. Chr. gestürzt wurde.

Die spartanische Besatzung Die Athener erbaten von den Spartanern eine Besatzung und erhielten daraufhin eine 700 Mann starke Besatzungsmannschaft unter der Führung des Harmosten Kallibios. Nach Aristoteles wurde die spartanische Besatzung erst nach dem missglückten Feldzug der Dreißig gegen die Festung Phyle und nach dem Tod Theramenes’ gerufen, während nach anderen Berichten die Hinrichtungen vieler Bürger bereits unter dem Schutz der spartanischen Truppen geschahen. Trotzdem ist den Angaben Aristoteles’ Glauben zu schenken.

Als Grund für das Gesuch nach der militärischen Unterstützung durch die Spartaner gibt Xenophon an, dass die Dreißig die Besatzung erbeten hätten, um „mit der Stadt ganz nach ihrer Willkür zu verfahren“ (Xen. Hell. 2,3,13) und die gewünschte Verfassung einrichten zu können. Aristoteles dagegen berichtet, dass die Dreißig Gesandte nach Sparta schickten, um die Tötung Theramenes’ zu rechtfertigen und um Unterstützung für einen Schlag gegen Thrasybulos zu bitten. Das bedeutet, dass die Dreißig die spartanische Besatzung erst holten, als sie sie zur Herbeiführung einer Entscheidung und zur Stabilisierung ihrer durch die Niederlage bei Phyle erschütterten Stellung benötigten. Diese Gründe lagen aber in der Anfangszeit ihrer Herrschaft nicht vor.

Aristoteles beschreibt die Besatzung der Spartaner als notwendig für die Beherrschung des Staates durch die Dreißig: „Sie [die Dreißig] hatten nun den Staat sicher unter Kontrolle, wobei Kallibios und die anwesenden Peloponnesier sowie außerdem einige von den Hippeis sie unterstützten“ (Arist. AP 37,1). Das bedeutet, dass die Dreißig den Staat nur mithilfe der Besatzung regieren konnten bzw. dass sie auf die Unterstützung durch die Besatzung angewiesen waren. Über diese Unterstützung durch die Besatzung ist aber bei Aristoteles nichts zu finden. Xenophon dagegen geht auf die Besatzung an einigen Stellen etwas genauer ein. Er beschreibt, dass die Dreißig Gesandte nach Sparta schickten, um eine Besatzung für die Zeit zu erbitten, „bis sie das niedere Gesindel aus dem Wege geschafft und die neue Verfassung eingerichtet hätten.“ (Xen. Hell. 2,3,13) Diese Stelle lässt zwei mögliche Deutungen zu: Entweder sagt die Stelle wirklich nur etwas über die Zeitdauer der Besatzung aus bzw. über das Ende der Besatzung oder aber sie ist so zu verstehen, dass die Dreißig die Besatzung brauchten, um ihre Ziele durchzusetzen. Dass letztere Deutung die wahrscheinlichere Möglichkeit darstellt, wird im Folgenden deutlich.

Nachdem die Besatzung in Athen angekommen war, wurde Kallibios sehr höflich durch die Dreißig behandelt, um sich so seiner Zustimmung zu ihren Vorhaben sicher zu sein und weil er den Dreißig immer genügend Leute seiner Wachmannschaft zur Verfügung stellte. Als Grund für die Anforderung und zuvorkommende Behandlung der Spartaner ist anzuführen, dass die Dreißig die Besatzung erbaten, um den Staat einrichten zu können und weil sie deren Waffengewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele benötigten. Dies aber bedeutet, dass die Dreißig die Besatzung nicht zum Schutz vor äußeren Feinden erbaten, sondern zur Durchführung ihrer Vorstellung von Herrschaft. Und die Besatzung unter Kallibios scheint ein willfähriges Instrument der Dreißig geworden zu sein, denn die Besatzungssoldaten traten immer dann in Erscheinung, wenn die Dreißig ihren Entscheidungen Taten folgen lassen wollten. So schüchterten die Dreißig die Ratsherren nach der Verurteilung Theramenes’ durch die vor dem Rathaus stehenden Besatzungssoldaten ein. Aber auch das Volk wurde durch die Soldaten in Furcht versetzt. Und auch bei der Abstimmung über die verhafteten Männer aus Eleusis und Salamis setzten die Dreißig die Soldaten zur Einschüchterung ein.

Somit bleibt festzuhalten, dass die Dreißig die Besatzung nach Athen holten, um mit ihnen ihre Entscheidungen bzw. ihre Herrschaft auch gegen das eigene Volk zu sichern und dass sie die Besatzungstruppen zur Unterdrückung missbrauchten. Zugleich bedeutete die Besatzungstruppe für Athen aber auch die Abhängigkeit von Sparta, da die Herrschaft der Dreißig durch die Besatzungstruppe stabilisiert wurde.

Dem Harmosten Kallibios ist vorzuwerfen, dass er sich missbrauchen ließ und wohl ein williges Werkzeug der Dreißig wurde. Die Besatzung hat durch die Einschüchterung des Volkes und der Unterstützung der Dreißig dazu beigetragen, dass sich die Dreißig an der Macht halten konnten.

Die Herrschaft der Dreißig Die Vorgeschichte der Herrschaft Als Lysander nach dem Beginn der Schleifung der Langen Mauern nach Samos fuhr, war noch nicht absehbar, dass in Athen bald die Herrschaft der Dreißig beginnen sollte. Aber die Anhänger der Demokratie mussten vorsichtig sein, da mit Lysander auch Emigranten und Vertriebene zurückgekommen waren; so auch ehemalige Mitglieder des oligarchischen Rates der Vierhundert, die Rache für ihre Verbannung wollten. Auch von den wieder aktiven Hetairien ging eine Gefahr für die Demokratie aus. Auf der Gegenseite formierten sich Strategen, Taxiarchen und angesehene Bürger, um die noch bestehende Demokratie zu erhalten. Theramenes wollte den oligarchischen Umsturz vorantreiben und erbat schließlich von Lysander Unterstützung. Durch diese Unterstützung wurde die kommende Herrschaft faktisch ein Satellitenregime Spartas.

Die Etablierung der Herrschaft Wie bereits betrachtet, begann die Herrschaft der Dreißig unter dem Archonten Pythodoros Anfang September 404 v. Chr. Vorausgegangen war ihre durch Lysander erzwungene Wahl, da er feststellte, die Athener hätten die Bedingungen des Friedensvertrages gebrochen, und weil sie seiner Meinung nach die Mauern später als vereinbart niedergerissen hätten. Somit votierte die Volksversammlung unter der massiven Bedrohung durch Lysander zugunsten der Oligarchie als Herrschaftsform und wählte die Dreißig, zehn aus jeder Partei, nach dem Vorschlag des Drakontides aus Aphida. Ihre Aufgabe sollte darin bestehen, die Gesetze der Väter in einer Verfassung neu zu bündeln und nach dieser den Staat zu verwalten. In dieser Aufgabe und in der Wahl der Dreißig kann aber nicht die Bildung einer Regierung gesehen werden, sondern nur der Versuch der Dreißig, ihre Rechte so zu legalisieren, dass sie alle Macht in der Polis ausüben konnten. Gesichert ist dieses aber nicht, zumal Aristoteles berichtet, dass die Dreißig sich schnell über die Beschlüsse hinwegsetzten: „Nachdem sie Herren der Stadt geworden waren, mißachteten sie alle anderen Beschlüsse über die Verfassung“ (Arist. AP 35,1). Sie wählten daher zunächst aus den 1000 Vorgewählten die 500 Ratsmitglieder und dann aus ihren Freunden die Beamten für die übrigen Staatsämter, um so gefügige Werkzeuge zu haben. – Die Ekklesie schalteten sie zugunsten des von ihnen dominierten Rates aus. „Außerdem wählten sie zu ihrer Unterstützung zehn Archonten für den Piräus, elf Gefängnisaufseher und dreihundert mit Peitschen bewaffnete Gehilfen und hielten so die Polis unter Kontrolle.“ (Arist. AP 35,1) – Diese Gehilfen sind als Leibgarde anzusehen, mit der die Dreißig sich gegen Widerstände schützten.

Als Regierungsprogramm lassen sich zwei Vorhaben anführen: 1. Die Säuberung Athens von schlechten Elementen (Sykophanten und Aristokraten) und 2. die Anleitung der Bürger zu Tugend und Gerechtigkeit. „Zunächst nun waren sie den Bürgern gegenüber maßvoll und gaben vor, die althergebrachte Staatsordnung (pátrios politeía) vor Augen zu haben; die Gesetze des Ephialtes und des Archestratos über die Areopagiten entfernten sie vom Areopag.“ (Arist. AP 35,2) Danach hoben sie die Gesetze Solons auf, schafften die Volksgerichte ab und übertrugen die Rechtsprechung dem Rat, während sie selbst den Vorsitz im Gericht behielten. Als erste Maßnahme ihrer neuen Machtfülle ließen die Dreißig die verhafteten Strategen, Taxiarchen und angesehene Bürger zur Verurteilung der Ratsversammlung vorführen, obwohl das Volk sie vor ein Gericht aus 2000 Richtern stellen wollte. Alle außer Agoratos wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Ebenso verfuhren sie mit allen, die während der Zeit der Demokratie vom Sykophantenwesen gelebt hatten. Einer Rede Kritias’ ist zu entnehmen, wie weit diese Ausschaltung ging: „Und wenn wir bemerken, dass jemand ein Gegner der Oligarchie ist, so versuchen wir, so weit es geht, ihn aus dem Wege zu schaffen“ (Xen. Hell 2,3,26). Trotzdem fand das Vorgehen der Dreißig die Billigung der Bürger.

Die Dreißig haben durch ihr Vorgehen zwei verschiedene Ziele erreicht: Sie haben sich unliebsamer Gegner, neben Sykophanten und Demagogen auch prominenter Demokraten, entledigt und die Gunst des Volkes erworben. Beides bedeutete Festigung ihrer Herrschaft.

Die Ausübung der Herrschaft