Der Islam ist im Jemen die Religionszugehörigkeit der absoluten Mehrheit der Bevölkerung. Die vorherrschenden islamischen Richtungen im Jemen sind die sunnitischen Schafiiten und die schiitischen Zaiditen. Daneben gibt es eine kleine Minderheit von ebenfalls schiitischen Taiyibī-Ismailiten. Der Sufismus war in der frühen Neuzeit weit verbreitet, ist aber heute auf den Hadramaut beschränkt. Im 20. Jahrhundert haben sich verschiedene moderne Bewegungen verbreitet wie die Muslimbrüder, den Salafismus und die Huthi-Bewegung.

Religiöse Situation im vorislamischen Jemen mini|Der Baran-Tempel, ein vorislamisches Heiligtum in Ma'rib Die vorislamische Geschichte der arabischen Halbinsel zeichnet sich durch eine tribal geprägte Gesellschaft aus. Die soziale Struktur basierte hauptsächlich auf Stämmen, die eine zentrale Rolle im Leben der Menschen spielten. Unter den arabischen Stämmen gab es ein großes Machtgefälle. Einige waren eher schwach, andere hatten schon lange vor dem Islam eigene Staatswesen gegründet, wie etwa die Kinda und Himyar in Südarabien. Die religiöse Landschaft war insgesamt sehr vielfältig, Polytheismus war weit verbreitet. Ein arabisches Heiligtum von überragender Bedeutung war die Kaaba in Mekka, in dessen Innerem sich ein Standbild des Gottes Hubal befand. Ein Heiligtum von ähnlich großer Bedeutung befand sich in dem südwestarabischen Ort Tabāla zwischen Mekka und dem Jemen. Hier verehrten die Stämme der Daus, Chathʿam und Badschīla die Gottheit Dhū l-Chalasa in Gestalt eines Kultsteins. Aufgrund seiner Beliebtheit als Wallfahrtsziel wurde das Heiligtum auch als die „südliche Kaaba“ (al-Kaʿba al-yamānīya) bezeichnet, im Gegensatz zur „nördlichen Kaaba“ (al-Kaʿba aš-šāmīya) in Mekka.

Daneben waren ab dem 5. Jahrhundert auch das Judentum, Christentum und der Zoroastrismus im Südwesten der arabischen Halbinsel präsent. Das persische Sassanidenreich hatte einen erheblichen Einfluss auf die Verbreitung des Judentums in der Region, das Christentum wurde durch das äthiopische Reich von Aksum gefördert. Unter seinem Einfluss wurde Nadschran im nördlichen Jemen zu einem Zentrum des Christentums. Etwa um 525 eroberte ein aksumitisches Heer im heutigen Äthiopien den Jemen. Der seit ca. 535 im Jemen herrschende aksumitische Vizekönig Abraha ließ an mehreren Orten Kirchen errichten, in seiner Hauptstadt Sanʿāʾ erbaute er eine Kathedrale. Offensichtlich empfand er das heidnische Heiligtum von Mekka als Konkurrenz. Das lässt sich daran erkennen, dass er um die Mitte des 6. Jahrhunderts einen Feldzug unternahm, um dieses unter seine Kontrolle zu bekommen. Bei diesem Feldzug, der letztendlich scheiterte, soll er Elefanten mitgeführt haben. Das Ereignis war so bedeutend, dass die Araber nach diesem Jahr des Elefanten die Zeit datierten. Auch im Koran wird dieses Geschehen gespiegelt (vgl. Sure 105). Die Sassaniden stationierten im Jemen eigene Soldaten und trugen somit ebenfalls zur religiösen Vielfalt bei, denn diese Soldaten waren überwiegend Zoroastrier. Im Staat der Himyar, wo Judentum und Christentum besonders verbreitet waren, wurde der monotheistische Gott verehrten.

Durch Juden- und Christentum fand in dieser Zeit auch der Monotheismus Eingang in die religiöse Vorstellungswelt der Araber. Der monotheistische Gott wurde in Südarabien unter den Namen ilahan sowie rḥmnan (von jüdisch-aramäisch raḥmānā) angerufen und in offiziellen Inschriften des Staates Himyar unter beiden Namen genannt. Beide Namen haben als Bezeichnung für den Einen Gott in etwas veränderter Form, Allāh (von al-ilāh „der Gott“) und ar-Rahmān, auch Eingang in den Islam gefunden.

Mit dem Islam kam der Jemen erstmals in den 620er Jahren in Berührung, als einzelne Jemeniten wie Abū Huraira und Abū Mūsā al-Aschʿarī nach Medina auswanderten und sich dem Propheten Mohammed anschlossen.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 172. Bis zum Frühjahr 630 stand der Jemen aber noch nicht unter der Kontrolle Mohammeds. Das lässt sich daran erkennen, dass nach der Eroberung Mekkas im Januar 630 ein wichtiger Gegner des Propheten, ʿIkrima ibn Abī Dschahl in den Jemen flüchtete. Kurz danach sandte Mohammed Briefe an die im Jemen lebenden Stämme und forderte sie auf, den Islam anzunehmen. Außerdem sandte Mohammed mehrere seiner Gefährten, unter anderem Muʿādh ibn Dschabal in den Jemen, um dort die Sadaqa einzusammeln. Muʿādh baute in seiner Residenzstadt al-Dschanad nördlich von Ta'izz eine Moschee. Auf Befehl soll in dieser Zeit auch schon die Große Moschee von Sanʿāʾ errichtet worden sein. Als Muhammad nach Medina zurückkehrte, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand erheblich. Am 8. Juni 632 starb er.

Aufstieg des Islams im Jemen Nach dem Tode des Propheten setzte bei den Stämmen der Arabischen Halbinsel eine breite Absetzbewegung ein, die in den Quellen als Ridda-Kriege bezeichnet wird. Im Jemen etablierte sich der Gegenprophet al-Aswad al-ʿAnsī, der in kurzer Zeit weite Gebiete Südarabiens unter seine Kontrolle bringen konnte. Er trat wie Mohammed im Namen Allāhs auf und verstand es, Ressentiments gegen die neue Abhängigkeit von Medina für seine Sache auszunutzen. Diejenigen Stämme, die sich der Ridda-Bewegung anschlossen, weigerten sich, weiterhin die Zakāt zu zahlen. Der erste Kalif Abū Bakr sandte gegen die Aufständischen im Jemen eine Armee unter dem Kommando von ʿIkrima ibn Abī Dschahl und al-Muhādschir ibn Abī Umaiya aus. Folglich kam es zu Kämpfen im Jemen. Fast die gesamte Bevölkerung nahm den Islam an, mit Ausnahme einiger jüdischer und christlicher Gemeinden. Besonders erbitterten Widerstand leisteten die Kinda unter ihrem letzten Stammeskönig al-Aschʿath ibn Qais. Mit der Einnahme ihrer Festung Nudschair im Hadramaut endete die Ridda-Bewegung.

Jemenitische Stämme spielten danach eine führende Rolle in den arabisch-islamischen Eroberungsfeldzzügen im Vorderen Orient und siedelten sich mit ihren Familien in den eroberten Städten an. Als der zweite Kalif ʿUmar ibn al-Chattāb 638 Jerusalem für die Muslime in Besitz nahm, war es ein zum Islam übergetretener Jude aus dem Jemen, Kaʿb al-Ahbār, der ihn begleitete und anschließend den Tempelberg reinigte. Für den Jemen ergab sich durch die Eroberungszüge ein großer Verlust seiner politisch und kulturell aktiven Bevölkerung.

In zwei jemenitischen Städten, al-Dschanad und Sanʿāʾ, entstanden bedeutende Stätten der islamischen Traditionsgelehrsamkeit. In Sanʿāʾ war Wahb ibn Munabbih (654–732) aktiv, der auch Qādī der Stadt war. Er galt als ein Kenner biblischer Überlieferung und zog diese für die Auslegung der koranischen Prophetengeschichten heran. Zu den bedeutendsten Vertretern der Traditionsschule von Sanʿāʾ gehörte ʿAbd ar-Razzāq as-Sanʿānī (744–827).Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 172.

Nach dem Tod von ʿUmar trat ʿAlī als sein Nachfolger auf, seine Tötung brachte eine mehrjährigen Periode der Zwietracht über die islamische Gemeinschaft, die in den arabischen Quellen als Fitna („Versuchung“) bezeichnet wird.

Bereits früh drangen oppositionelle Richtungen neben dem sunnitischen Islam in den Jemen ein, dessen Gebirge ihnen Rückhalt boten.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 172. Die Größe der charidschitischen Armee schwoll, ab circa 685, unterdessen immer weiter an.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 172. Eine charidschitische Bewegung bildete sich auf der Arabischen Halbinsel. Der Charidschit Nadschda ibn ʿĀmir trat 686 in al-Yamāma in Ostarabien als Führer einer Gruppe von Charidschiten hervor und konnte ein großes Gebiet, darunter Teile des Jemen und Hadramauts im Süden, unter seine Herrschaft bringen. In Sanʿāʾ spielten frühe islamische Gelehrte eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der islamischen Tradition, darunter der Traditionierer und Koranexeget ʿAbd-ar-Razzāq.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 172.

In den 730er Jahren hatte sich eine neue Strömung gebildet, die auf religiös-politischen Ausgleich bedacht war. In den verschiedenen Außenposten der ibaditischen Gemeinde kam es ab 745 zu Aufständen. Im Hadramaut wurde 746 ein erstes ibaditisches Imamat begründet, dessen Truppen 747 Sanʿāʾ, die Hauptstadt Südarabiens, sowie Mekka und Medina einnehmen konnten, aber 748 von umaiyadischen Truppen niedergeworfen werden.

Nach der Etablierung der Ziyadiden, der ersten autonomen Dynastie im islamischen Jemen, im Jahr 819, entstand in ihrer Hauptstadt Zabid eine bedeutende Traditionsschule. Als ihr Begründer gilt Abū Qurra Mūsā b. Ṭāriq, der als Richter von Zabid und Verfasser eines Kitāb as-Sunan bekannt ist. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich Zabid zu einem zentralen Ort sunnitischer Gelehrsamkeit im Jemen.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 172.

Geschichte der verschiedenen islamischen Strömungen Die Zaiditen Auch die zaiditischen Schiiten blieben weiter aktiv, 893 wurde ein zaiditisches Imamat in der jemenitischen Stadt Saʿda errichtet. Dieses Imamat hatte, mit kurzen Unterbrechungen, bis ins 20. Jahrhundert Bestand.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 173. Danach wurden viele Sāda (Nachfahren des Propheten) enteignet und verfolgt, was die politische und gesellschaftliche Struktur des Jemen grundlegend veränderte.Wachowski: “Säda in Sanʿāʾ”. 2004, S. 85. Im Jemen hat sich die Zaidīya als eigene schiitische Lehrrichtung auch bis heute erhalten. In der Theologie orientierten sich die Zaiditen durchgehend an dem Rationalismus der Muʿtazila.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 174. Die Theologie der Muʿtazila war im frühen Islam verbreitet, geriet später aber in Verruf. Im 12. Jahrhundert gelangten viele mutazilitische Werke aus der kaspischen Zaiditengemeinde in den Jemen, wo sie erhalten blieben, auch nachdem diese Gemeinde im 16. Jahrhundert unterging.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 175.

Die Ismailiten Während die Zaiditen lokale Herrschaften begründeten und sich in ihren theologischen Grundlagen festigten, entstand parallel eine andere Bewegung, die ebenfalls großen Einfluss auf die islamische Welt ausübte: die ismailitische Daʿwa. Im Jahr 881 entsandte die Bewegung zwei Dāʿīs, Ibn Hauschab und ʿAlī ibn al-Fadl, in den Jemen, wo sie eine Burgruine zur Dār al-Hidschra („Stätte der Auswanderung“) ausbauten und offen zur Gefolgschaft des erwarteten Mahdī aufriefen.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 175. Innerhalb weniger Jahrzehnte (875–900) spann die ismailitische Daʿwa ein Netzwerk von Gemeinden, das von Nordafrika bis Südasien reichte und den gesamten islamischen Raum erfasste. Nach dem Tod der ismailitischen Missionare Ibn Hausab und Ali b. al-Fadl brach deren Bewegung zusammen, und ihre Anhänger wurden weitgehend ausgelöscht.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 175.

mini|Dschibla, die Hauptstadt der sulaihidischen Königin ʿArwa im Jemen Anschließend ergriffen im Jemen verschiedene fatimidische Aliden die Macht und vertrieben die abbasidischen Gouverneure aus ihren Positionen. Abū Saʿīd al-Dschannābī in Ostarabien und ʿAlī ibn al-Fadl im Jemen fielen mit ihren Gemeinden von dem „Betrüger“ in Salamya ab. Ihren größten Erfolg errang die fatimidische Daʿwa im Jemen, wo 1047 der Dāʿī ʿAlī as-Sulaihī eine neue den Fatimiden gegenüber loyale ismailitische Dynastie begründete und Sanʿāʾ sowie Aden in seine Gewalt brachte.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 175. Die jemenitischen Muslime erkannten den Fatimidenkalifen al-Mustaʿlī und seinen Sohn und Nachfolger al-Āmir als Imame an, sie werden Mustaʿlīten genannt. Doch die sulaihidische Königin ʿArwa (reg. 1086–1138) nutzte die Gelegenheit, die fatimidische Oberhoheit abzuschütteln, denn sie erkannte den zum Nachfolger erhobenen Vetter des Ermordeten nicht an. Später blieb die Taiyibīya die vorherrschende Form der Ismāʿīlīya im Jemen.Madelung: “Der Islam im Jemen”. 1987, S. 173.

Die sunnitischen Rechts- und Theologenschulen