Zakaria Muhammad 'Abd al-Rahman Zubeidi (, geboren 1976) ist Politiker der palästinensischen Partei Fatah, ehemaliger Kommandant der al-Aqsa-Märtyrerbrigaden von Dschenin, Mitbegründer des Freedom Theatre und eine prominente Figur der palästinensischen Gefangenenbewegung.
Für Palästinenser ist er ein „Symbol der Zweiten Intifada“ und „das, was einer lebenden Legende am nächsten kommt“,: „the closest thing to a living icon“ in israelischen Medien gilt er vereinzelt ebenfalls als „Freiheitskämpfer“, häufiger aber als „Symbol des Terrorismus“.
Kindheit und Jugend
Zubeidi wurde 1976 als eines von acht Kindern von Mohammed und Samira Zubeidi im Flüchtlingslager Dschenin geboren, das im Norden des seit 1967 von Israel besetzten Westjordanlands liegt. Seine Familie stammte ursprünglich aus dem kleinen Fischerdorf Qisarya, wurde aber 1947 noch vor der NakbaZur Vertreibung der Bewohner von Qisarya vergleiche von dort vertrieben.
Im Flüchtlingslager wuchs Zubeidi in einer Umgebung auf, die von Armut,Vergleiche : „The camps, originally temporary tent villages, are now condensed, haphazard collections of mud brick and concrete block huts. The typical hut houses a family of five and is about 3 meters square. Living conditions are poor.“ der israelischen Besatzung und der Erinnerung an die Vertreibung geprägt war. Sein Altersgenosse und Parteifreund Jamal Huweil beschrieb das Aufwachsen dort als Leben „mitten in der palästinensischen Tragödie […]. Ich konnte sehen, dass die Menschen außerhalb des Lagers anders lebten, und ich hörte Geschichten über unser ursprüngliches Dorf und darüber, wie wir daraus vertrieben wurden. Schon früh verstand ich, worum es in unserer Sache ging.“Übersetzt nach : „Growing up in Jenin in the 1970s and the 1980s meant to grow up in the middle of the Palestinian tragedy […]. I could see that people outside the camp lived differently and I heard stories of our original village and how we were expelled from it, and I understood what the cause was all about from an early age.“ Ähnlich berichtete Zubeidi, in seinem Elternhaus seien „Revolution und Wut auf die Besatzung die dominanten Themen“ gewesen. Schon als Kind habe er seine Eltern immer wieder über „Palästina, über das Land, das uns die Israelis genommen haben, und darüber, dass unser Platz nicht im Flüchtlingslager ist,“Übersetzt nach sprechen hören. Später schrieb er, sie hätten ihn „mit dem Geschmack der Freiheit, der nährenden Milch der Freiheit, genährt“, um am Ende „für diese Freiheit zu sterben“.Übersetzt nach : „The taste of freedom, the nurturing milk of freedom, was fed to me by my parents who both died themselves for this freedom.“
Sein Vater war ausgebildeter Englischlehrer. Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der palästinensischen Partei Fatah wurde ihm jedoch die Ausübung seines Berufs von den israelischen Behörden untersagt, sodass er stattdessen in einem israelischen Eisenwerk arbeitete und nur nebenbei des Abends Jugendliche im Englischen unterrichtete und mit ihnen über Widerstand gegen die Besatzung diskutierte. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er mehrfach inhaftiert, zuletzt für vier Jahre ab 1988. Bereits vor dieser Gefangenschaft war bei ihm ein Hirntumor festgestellt worden. Nachdem er sich geweigert hatte, für eine medizinische Behandlung Informationen preiszugeben, verstarb er um 1992 kurz nach seiner Haftentlassung.
Eine weitere prägende Person in Zubeidis Kindheit war Arna Mer-Khamis. Diese israelische Aktivistin, die einen Palästinenser geheiratet und sich mit den Palästinensern solidarisiert hatte, gründete zu Beginn der Ersten Intifada (1987 bis 1993) das Kinder-Theaterprojekt „Arna’s House“. Der damals zwölfjährige Zakaria und sein älterer Bruder Daoud bildeten mit vier weiteren Kindern den Kern der Schauspielergruppe. Zakarias Mutter stellte als Proberaum das Dachgeschoss der Familie zur Verfügung, das Mer-Khamis 1993 vom Preisgeld für den Right Livelihood Award zum „Stone Theatre“ ausbauen sollte; eine Anspielung auf die Steine, die bei palästinensischen Protesten auf das Militär geworfen wurden. Arnas Sohn, Juliano Mer-Khamis, betonte später in einem Interview, dass es weder bei diesem Projekt noch bei seinem und Zubeidis Nachfolgeprojekt (s. u.) darum gegangen sei, den Kindern in Dschenin eine Alternative zum Widerstand zu bieten. Vielmehr sei das Theater ihr Beitrag zum palästinensischen Befreiungskampf gewesen: Es sollte den Kindern ermöglichen, ihre Gewalt „auf einen produktiveren Weg zu lenken […] – nicht als Ersatz und nicht als Alternative zum Widerstand“.Übersetzt nach : „We didn’t try to heal their violence. We tried to challenge it into more productive ways. And more productive ways are not an alternative to resistance. What we were doing in the theatre is not trying to be a replacement or an alternative ot the resistance of the Palestinians in the struggle for liberation. Just the opposite. This must be clear. I know it’s not good for fundraising, because I’m not a social worker, I’m not a good Jew going to help the Arabs, and I'm not a philantropic Palestinian who comes to feed the poor. We are joining, by all means, the struggle for liberation of the Palestinian people, which is our liberation struggle.“ Entsprechend wurden später alle sechs Schauspieler Mitglieder militanter Gruppen, die gewaltsam gegen die Besatzung ankämpften. 2004 dokumentierte Juliano Mer-Khamis im Film „Arnas Kinder“Englisch: das Theaterprojekt und zeigte, dass in der Zwischenzeit alle bis auf Zubeidi entweder wegen mutmaßlicher Beteiligung an Anschlägen inhaftiert worden oder bei bewaffneten Auseinandersetzungen beziehungsweise Selbstmordanschlägen ums Leben gekommen waren.
Bereits während seiner Kindheit beteiligte sich Zubeidi wiederholt an Protesten gegen die israelische Besatzung, bei denen er unter anderem Steine auf Soldaten warf. 1989 wurde er im Alter von 13 Jahren von einer Kugel ins Bein getroffen und verbrachte daraufhin ein halbes Jahr im Krankenhaus. Nach vier Operationen blieb ihm ein dauerhaftes Hinken. Ein Jahr später, im Alter von 14 Jahren, wurde er erstmals für sechs Monate inhaftiert. Kurz nach seiner Entlassung folgte 1990 eine erneute Inhaftierung, diesmal für viereinhalb Jahre, nachdem er Molotowcocktails geworfen hatte. Kurz zuvor war auch sein ältester Bruder inhaftiert worden; zwei Jahre später auch noch drei weitere Brüder.
Frühes Berufsleben
Nach seiner erneuten Entlassung kehrte er nicht in die Schule zurück. Im Gefängnis war er von der Fatah rekrutiert worden, weshalb er ab 1993 kurze Zeit bei der Polizei der neugegründeten Palästinensischen Autonomiebehörde arbeitete. Bald darauf verließ er sie jedoch wieder – nach eigenen Angaben desillusioniert durch die weitverbreitete Korruption und Vetternwirtschaft. Anschließend arbeitete er für eineinhalb Jahre illegal unter einer gefälschten Identität als Bauarbeiter in Israel. Zudem versuchte er sich in Haifa als Autodieb, wurde jedoch erwischt und kam für weitere 14 Monate ins Gefängnis. Daraufhin wurde er wieder in das Westjordanland abgeschoben.
Dort war er einige Jahre mobiler Gemüsehändler und dolmetschte nebenbei für die israelischen Aktivisten um Arna Mer-Khamis. Mit einer Reihe israelischer Freunde veranstaltete er häufiger Partys im Haus seiner Mutter. Nachdem Israel das Westjordanland als Reaktion auf den Beginn der Zweiten Intifada (2000 bis 2005) abgeriegelt hatte, konnte er auch seinen Gemüsehandel nicht mehr ausüben.
Bei den Al-Aqsa-Brigaden
mini|Das Flüchtlingslager Dschenin nach der Militäroperation 2002
Zu Beginn der Zweiten Intifada beschränkte sich Zubeidi nach eigenen Angaben auf Demonstrationen und erneute Steinwürfe auf israelische Soldaten. Sein Bruder Taha dagegen war Anführer der Al-Quds-Brigaden, sein Freund Ala el-Sabagr, ebenfalls eines von „Arnas Kindern“, war einer der Anführer bei den neu gegründeten Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden (AMB).
Darüber, was ihn letztlich dazu bewog, auch selbst wieder zur Waffe zu greifen, kursieren unterschiedliche Versionen. In einem Interview berichtete er, es sei Reaktion auf wiederholte Tötungen von Demonstranten gewesen: „Beinahe jeden Tag wurde einer der Demonstranten erschossen. Irgendwann gaben wir es auf, Steine zu werfen, und am selben Ort, an dem [zuvor] Palästinsenser getötet worden waren, töteten wir einen israelischen Soldaten.“Übersetzt nach : „Almost every day, one of the demonstrators was shot dead. Eventually, we gave up throwing stones and in the same place where the Palestinians had been killed, we killed an Israeli soldier.“ In einem anderen Interview sagte er aus, sein konkreter Anlass sei gewesen, dass 2001 ein enger Freund erschossen worden war. Häufig ist zu lesen, primärer Beweggrund sei gewesen, dass 2002 noch vor der israelischen Militäroperation in Dschenin zunächst seine Mutter und kurz darauf auch sein Bruder Taha von israelischen Scharfschützen erschossen wurden; Zubeidi selbst dagegen schrieb in einem autobiographischen Text, zu dieser Zeit sei er bereits fest im bewaffneten Widerstand verwurzelt gewesen.
Zubeidi stieg bei den AMB schnell zum Kommandeur, dann zu el-Sabagrs Stellvertreter und nach dessen Tod im November 2002 zum Dscheniner Anführer der Brigaden auf. Die AMB waren von 2002 bis 2005 für zahlreiche Anschläge verantwortlich.Siehe auch die Liste der AMB-Anschläge zwischen Dezember 2002 und 2006 in der Global Terrorism Database (abgerufen am 12. Februar 2025). Zwischen 2003 und 2006 gingen die Tode von 87 Israelis, darunter 66 Zivilisten, auf ihr Konto.
Während des Höhepunkts der israelischen Militäroperation in Dschenin heiratete Zubeidi seine Frau Alaa.
Bei den AMB führte er auch selbst Bombenanschläge aus. Am 24. Dezember 2001 misslang ihm ein solcher Anschlag: Eine vorzeitige Explosion verletzte ihn schwer, hinterließ dauerhafte Narben in seinem Gesicht und beeinträchtigte seine Sehkraft. Durch diesen Anschlag wurde auch seine Identität enthüllt; Zubeidi wurde zum gesuchten Mann. Zu einem weiteren Anschlag bekannte sich Zubeidi öffentlich im Namen der AMB.Vergleiche Dabei rechtfertigte er jedoch diese Anschläge als bloße Reaktion auf israelische Militäraktionen und bestritt, dass die AMB als Aggressoren handelten:
Ferner behauptete Zubeidi, die Anschläge der AMB seien ausschließlich gegen illegitime israelische Siedler im Westjordanland verübt worden,Zur Logik vergleiche : „A Fatah activist and former combatant, believes ‚settlers are like soldiers and they are under the protection of the military‘. Therefore they are to be regarded as exactly the same as soldiers, not civilians (Author interview).“ nie jenseits der Grünen Linie. Beim selben Interview von 2004 allerdings übernahm er auch die Verantwortung für einen medial stark rezipierten Anschlag auf ein Likud-Quartier in Bet Scheʾan mit sechs Todesopfern um 2002,Zum Anschlag vergleiche der als Racheakt für die Tötung el-Sabagrs unternommen worden sei. Auch für einen weiteren Anschlag in Tel Aviv um 2004 machte Israel ihn verantwortlich. Der Journalist Graham Usher schrieb ihm die Verantwortung für die Anschläge „dutzender“ AMB-Mitglieder innerhalb Israels zu, die sich auch gegen „Zivilisten, Mütter und Brüder“ richteten. Israel nahm ihn auf die Liste der meistgesuchten Personen auf und versuchte zwischen 2004 und 2006 mit mindestens vier Militäroperationen und gezielten Tötungsversuchen, ihn auszuschalten. Er überlebte alle Versuche, was auf palästinensischer Seite weiter zur Legendenbildung um Zubeidi beitrug, während er in Israel den Spitznamen „die schwarze Ratte“ erhielt. Auch eine der besagten Militäroperationen ist hiernach benannt: „Jagd auf die schwarze Ratte“. Eine andere der Militäroperationen – „Tränen des Drachen“ – erinnert an seinen Spitznamen bei Palästinensern: „Der Drache“.
Israelische Medien beschrieben ihn zu dieser Zeit als den „De-facto-Herrscher“ und „König von Dschenin“. Auch Zubeidi selbst stellte sich so dar: