Siegfried Höxter (* 17. Januar 1906 in Jesberg; † 26. April 1957 in Washington, D.C.), in US-amerikanischen Dokumenten oft auch nur als Siegfried (Sig) Hoxter oder Hochster auffindbar, war ein deutsch-amerikanischer Wissenschaftler, Mathematiker, politischer Aktivist und aktiver Widerstandskämpfer, der sich vor allem in Südhessen den Nationalsozialisten entgegenstellte. Er engagierte sich im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und bildete mit Carlo Mierendorff die nach ihnen benannte illegale Mierendorff-Höxter-Gruppe. Im Spätsommer 1933 musste Höxter fliehen und emigrierte über das Saargebiet nach Frankreich, wo er unter anderem den Bund Freie Presse und Literatur mitbegründete. Im Sommer 1941 floh er über Spanien und Kuba in die USA, wo er 1942 in die United States Army eintrat. Ab 1943 gehörte er dem Office of Strategic Services (OSS) an und kehrte als dessen Angehöriger 1945 nach Deutschland zurück. Er hatte eine führende Funktion im Labor Desk (auch Labor Division) inne, dessen Aufgabe es war, Beziehungen zum illegalen Widerstand aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung aufzubauen.Jonathan S. Gould: The OSS and the London “Free Germans”, in: Studies in Intelligence, Vol. 46, No. 1 (2002) Von seinem Dienstsitz in Hochheim am Main aus war Höxter massiv involviert in den Wiederaufbau der SPD. Nach seinem frühen Tod wurde er am 3. Mai 1957 auf dem Nationalfriedhof Arlington beerdigt.In der Datenbank von Ancestry steht ein Foto seines Grabsteins zur Verfügung.
Der Hochheimer Meisterspion
„Unser Meisterspion hieß nicht James Bond, und er war auch nicht beim MI6. Nein, er war bei der CIA, und dort nannte man ihn Stephan Haller.“ So beginnt das Hochheimer Stadtführer-Video über die dortige Villa Graeger und einen dort nach dem Zweiten Weltkrieg residierenden US-amerikanischen Geheimdienstmitarbeiter. Der Vortrag orientiert sich – abgesehen von lokalen Anekdoten – an Patrick R Bellers Aufsatz The Life and Work of Stephan Haller. Dabei bleibt allerdings unberücksichtigt, dass es in der von Richard Helms aus dem Jahr 1959 stammenden Vorbemerkung zu Bellers Ausführungen heißt, dass Stephan Haller nicht der richtige Name der Person ist, um die es in dem Aufsatz geht, und „ein Pseudonym verwendet [wird], da seine Kontakte noch aktiv sind und einige seiner Operationen weiterhin sensibler Natur sind“.„A pseudonym is used here because his contacts are still active and several of his operations continue to be of a sensitive nature.“ (Patrick R Beller: The Life and Work of Stephan Haller. S. 1)
1996 erschien Monica KingreensMonica Kingreen (* 10. Januar 1952 in Lüdenscheid; † 2. September 2017) war langjährige Mitarbeiterin am Fritz Bauer Institut und Autorin zahlreicher Publikationen zur Lokal- und Regionalgeschichte der Juden und ihrer Verfolgung und Ermordung im Nationalsozialismus. Studie Siegfried Höxter – ein kämpferischer Sozialdemokrat. Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie die zwei Jahre zuvor freigegebene Studie von Beller oder das dort verwendete Pseudonym kannte. Ihre Arbeit basiert vor allem auf vielen Interviews mit Weggefährten von Siegfried Höxter. Diese Quellen reichten aber aus, ein Beller ebenbürdiges Bild von Höxter/Haller zu zeichnen. Während Beller allerdings seinen Protagonisten aus Gründen der Geheimhaltung eine Frankfurter Biografie andichtete (die auch in das Hochheimer Video Eingang fand), rekonstruierte Kingreen Höxters Herkunft aus Nordhessen. Nach Frankfurt kam er erst 1926 im Zuge eines Wechsels seines Studienortes.
Inzwischen sind weitere OSS-Dokumente öffentlich zugänglich, die unter anderem auch Höxters Arbeit in London betreffen. In ihnen ist er als Siegfried Hoxter zu finden; das von Beller verwendete Pseudonym taucht dort nicht auf.
Leben 1906–1941 Siegfried Höxter war der Sohn von Jakob (1873–1950) und Franziska Höxter (1876–1923). Das Ehepaar hatte drei Kinder: Gertie Karoline (verheiratete Strauß; 1902–1962), Manfred (1904–1979) und Siegfried. Der Vater war Lehrer, Schächter und Kantor der Jüdischen Gemeinde in Jesberg und ab 1926 in Heldenbergen.Jakob Höxter, sein Sohn Manfred und die Familie seiner Tochter konnten 1939 nach Brasilien emigrieren und zogen von dort 1943 nach Brasilien. Zur Familiengeschichte der Höxters gibt es weitere Hinweise bei Monica Kingreen sowie auf der Webseite von Alemannia Judaica: Heldenbergens Jüdische Geschichte.
Monica Kingreen geht davon aus, dass Siegfried Höxter seine erste Schulbildung durch seinen Vater erhielt. Inwieweit er dadurch auch religiös geprägt wurde, ist unklar. Marion Keller behauptet, er sei „gemäß den jüdischen Traditionen erzogen worden“ und hätte „sich nach dem frühen Tod seiner Mutter vom Judentum als Religion ab- und dem Sozialismus zugewandt“.Marion Keller: «Gegen Faschismus und Hochschulreaktion» Bei Patrick R. Beller heißt es dagegen, es habe häufige Auseinandersetzungen zwischen ihm und dem orthodoxen Vater gegeben, und obwohl Höxter von einem materialistischen Konzept aus argumentiert habe, sei er laut einem engen Freund in seinem späteren Leben tief religiös gewesen, habe dies aber immer zu verbergen versucht.Patrick R. Beller: The Life and Work of Stephan Haller Der Grabstein in Arlington trägt einen Davidstern.
Höxter verließ 1917 Jesberg und besuchte die folgenden drei Jahre die Samson-Schule in Wolfenbüttel, bevor er im Sommer 1920 an ein naturwissenschaftliches Gymnasium in Marburg wechselte. Wie lange Höxter dort verweilte, ist nicht dokumentiert, aber nach Kingreen waren die anschließenden Stationen seines Bildungsweges je ein Semester Mathematik in Genf und Gießen, bevor er sich „zum Sommersemester 1926 in Frankfurt [immatrikulierte], um Mathematik, Philosophie und Naturwissenschaften zu studieren“.Monica Kingreen: Siegfried Höxter – ein kämpferischer Sozialdemokrat
Es gibt eine relativ umfangreiche Literatur über die antifaschistischen Auseinandersetzungen an der Goethe-Universität zwischen den späten 1920er Jahren und den Verfolgungen linker Studentinnen und Studenten zu Beginn der Nazi-Herrschaft.Als Beispiel seien hier genannt: Gerda Stuchlik: Goethe im Braunhemd. Universität Frankfurt 1933–1945. Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-87682-796-5; Christoph Dorner, Lutz Lemhöfer, Reiner Stock, Gerda Stuchlik, Frank Wenzel: Die braune Machtergreifung. Universität Frankfurt 1930–1945, AStA der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt am Main 1989; die Arbeiten von Marion Keller (siehe Literatur) Fast durchweg stehen darin studentische Gruppierungen links der SPD im Fokus der Untersuchungen. Findet sich dennoch eine Erwähnung des auch in Frankfurt aktiven SPD-nahen Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDStB), dann gibt es kaum einen anderen Namen, als den von Siegfried Höxter. 1927 kandidierte er bei einer inoffiziellen AStA-Wahl auf Platz 1 einer linken Einheitsliste, und auch für die folgenden Jahre gibt es immer wieder Belege dafür, dass Höxter gemeinsam mit der Roten Studentengruppe (RSG) und den in ihr zusammengeschlossenen kommunistischen oder kommunismusnahen Gruppierungen gemeinsam demonstrierte und agitierte – trotz der auch von der RSG vertretenen Sozialfaschismusthese. Eine solche punktuelle Zusammenarbeit der RSG mit SPD-Mitgliedern war nach Marion Keller „in Frankfurt am Main wahrscheinlich deshalb möglich, weil in der RSG zu diesem Zeitpunkt diejenigen tonangebend waren, die politisch der KPD-Opposition (KPD-O) und der SAPD nahestanden und für eine Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus eintraten“Marion Keller: Rote Studentengruppe(n). Antifaschistische Organisierung an Universitäten in Deutschland, 1930 bis 1933 – anders als die Anhänger der KPD.
Höxter war für den SDStB auch über Frankfurter hinaus aktiv. Er gehörte dem Bundesvorstand an und war Leiter des SDStB-Bezirks Südwestdeutschland, zu dem die Universitäten Marburg, Frankfurt, Gießen, Heidelberg und München sowie die Technische Hochschule Darmstadt gehörten.
Der, wie von Kingreen zitierte Zeitzeugen berichteten, rhetorisch außerordentlich begabte Höxter beschränkte seine Aktivität jedoch nicht vorrangig auf die Universität, sondern engagierte sich in und für die hessische SPD und trat als Agitationsredner für die Eiserne Front und das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold (kurz: Reichsbanner) auf. Der Haupttenor seiner Reden galt dem Kampf gegen die NSDAP und ihrer Formationen. Es sollte mit allen Mitteln versucht werden, die Machtübernahme der Nazis zu verhindern. Er war ein beliebter Redner auf Parteiveranstaltungen, hatte aber auch den Mut, in NSDAP-Versammlungen das Wort zu ergreifen und die Politik dieser Partei scharf zu kritisieren.
Die Mierendorff-Höxter-Gruppe 1932 hatte die SPD – mit wenig Erfolg – damit „begonnen, in einigen Bezirken, darunter auch in Hessen, den Prototyp eines konspirativen Pioniersystems für den Fall des bereits befürchteten Parteiverbots zu schaffen“.Axel Ulrich: Kampf gegen Hitler Daran anknüpfend, „versuchten im Frühjahr 1933 SPD-Aktivisten aus dem Umfeld Wilhelm Leuschners eine erste funktionsfähige konspirative Struktur zu schaffen“.Axel Ulrich: Politischer Widerstand gegen das „Dritte Reich“ um Rhein-Main-Gebiet Carlo Mierendorff und Siegfried Höxter gehörten zu den Anführern dieser nach ihnen benannten Gruppe – „einer sich [..] vorsichtig weiter formierenden völlig neuen sozialistischen Organisationsformin der Region um Frankfurt, Offenbach, Darmstadt und Mainz mit Ausläufern bis nach Gießen und Worms sowie nach Heidelberg und Mannheim“.Axel Ulrich: Carlo Mierendorff kontra Hitler Die Hauptaufgabe der Gruppe sollte „antinazistische Zersetzungsarbeit“ sein.
Der Gruppe gelange es, auch nach dem 30. Januar 1933 noch illegale Treffen zu organisieren. Anfang Juni 1933 fand in Frankfurt eine als Geburtstagsfeier getarnte Veranstaltung statt, an der zwischen 50 und 100 Personen teilgenommen haben sollen. Heinrich Ritzel, der auch zu den führenden Köpfen der Mierendorff-Höxter-Gruppe zählte, berichtete von mindestens zwei weiteren konspirativen Treffen, an denen neben Mierendorff und Höxter zumindest einmal auch Wilhelm Leuschner und Kurt Schumacher anwesend waren.
Das Wirken der Gruppe kam von zwei Seiten unter Beschuss: durch die Kommunisten und durch die Nazis. Im Mai 1933 erschien der R.G.O. Scheinwerfer –Organ der Verkehrsbetriebe Wiesbaden mit dem Aufmacher: „Achtung S.P.D.–Arbeiter. Der Verrat Eurer Führer geht noch weiter!“ Darin werden Mierendorff und Höxter, denen Opposition gegen den [SPD] Parteivorstand attestiert wird, namentlich angegriffen und unterstellt, sie wollten mit SPD-Abtrünnigen (SAP) und von der KPD Ausgeschlossenen (Trotzkisten, Brandler-Gruppe) eine neue „Arbeiter-Partei“ gründen,
Ulrich sieht in diesem Artikel eine „unausgesprochene[.] Aufforderung an die NS-Verfolgungsorgane“, den Aktivitäten von Mierendorff und Höxter ein baldiges Ende zu bereiten. Ob die NS-Organe aber auf diese Hinweise von kommunistischer Seite noch angewiesen waren, darf bezweifelt werden. Mierendorff war seit dem 24. März 1933 Verfolgungen durch die SA ausgesetzt und wurde am 13. Juni 1933 in Frankfurt verhaftet.
Auf der Flucht vor den Nazis Siegfried Höxter, der bereits nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 von den Nazis verfolgt wurde, und die auch seinen Vater in Heldenbergen deswegen drangsalierten, wurde am 25. August 1933 von den Nazis zur Festnahme ausgeschrieben und konnte mit Hilfe eines Freundes im Spätsommer 1933 fliehen: zunächst nach Belgien, und von dort über das Saargebiet nach Luxemburg. Dort wurde er verhaftet und am 7. Februar 1934 nach Belgien abgeschoben. Er ging abermals ins Saargebiet, das er am 15. Januar 1935 nach der Saarabstimmung, in der die Saarländer mit mehr als 90 % der Stimmen für den Anschluss an das Deutsche Reich votiert hatten, in Richtung Frankreich verließ. Über Höxters Jahre in Frankreich gibt es Details in dem CIA-Bericht von Patrick R. Beller und in einem von Monica Kingreen abgedruckten Brief Höxters an seine inzwischen nach Brasilien emigrierte Familie.