Kinnari vina (, , Telugu kinnāra, Tamil kinnaram) ist eine historische und in der regionalen indischen Volksmusik in einigen Varianten bis heute verwendete Stabzither mit Bünden, meist ein oder zwei Saiten und zwei oder drei zur Resonanzverstärkung dienenden Kalebassen. Der Name kinnari vina für ein allgemein vina genanntes Saiteninstrument ist in Sanskrittexten seit dem 11. Jahrhundert überliefert. Form und Spielweise der kinnari vina gelten als Vorbild für die seit dem 15. Jahrhundert erwähnte Rudra vina der klassischen nordindischen Musik. mini|hochkant=1.4|In der südindischen Volksmusik gespielte einfache Form einer kinnari vina mit zwei Saiten übereinander und elf Bünden. Abbildung von 1891
Herkunft mini|Rudra vina mit hoch stehenden Bünden und fünf Saiten in einer Ebene. Rajasthan, zweite Hälfte 18. Jahrhundert. Musikinstrumentenmuseum in der Cité de la musique, Paris Vina ist mindestens seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. die in Indien am weitesten verbreitete Bezeichnung für Saiteninstrumente ungeachtet ihrer Form; zuerst dokumentiert um 1000 v. Chr. im Yajurveda. Im älteren Rigveda wird das „Lied“ des Jagdbogen erwähnt, was ein Hinweis auf dessen Verwendung als Musikbogen sein könnte. Gegenüber dem Musikbogen, dem mutmaßlich ältesten Saiteninstrument, ist die Harfe entwicklungsgeschichtlich jünger. Die Bogenharfe erscheint auf Siegeln der Indus-Kultur (3. Jahrtausend v. Chr. bis um 1800 v. Chr.) und auf frühbuddhistischen Reliefs vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. In den vedischen Texten wird die vina in Nordindien als Ritualinstrument und ab der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. auch als Instrument der höfischen Unterhaltungsmusik beschrieben.Alastair Dick: Vīṇā. 1. Early history. In: Grove Music Online, 29. Oktober 2019 In der mittelvedischen Zeit (um 1200–850 v. Chr.) war vana eine alternative Bezeichnung für vina und bedeutete offenbar eine Bogenharfe mit „einhundert“ Saiten (satatantri). Der Tamil-Name für die in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. abgebildete südindische Bogenharfe war yazh. Im Natyashastra, einem um die Zeitenwende verfassten Werk über Musik und Tanz, werden unterschiedliche Saiteninstrumente namentlich genannt und behandelt. Die vipanci vina war demnach eine neunsaitige und die citra vina eine siebensaitige Bogenharfe.Walter Kaufmann, 1981, S. 35
Die ersten Lauten mit einem birnenförmigen Korpus und einem kurzen Hals wurden ab dem 2./3. Jahrhundert zunächst an buddhistischen Heiligtümern (Stupas) in der Region Gandhara abgebildet. In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends verschwanden die Bogenharfen vollständig aus Indien und wurden von Lauteninstrumenten und von Stabzithern ersetzt.
In dieser Zeit übernahmen verschiedene Stabzithern mit Kalebassenresonatoren die Funktion als höfische Melodieinstrumente und erscheinen seitdem auch anstelle der Kurzhalslauten an Tempelwänden. Die ältesten Abbildungen von Stabzithern stammen vom Ende des 5. Jahrhunderts. Möglicherweise wurden Stabzithern bereits vorher in der Volksmusik verwendet. Als einfachste Urform von Stabzithern gilt der Typus der in der Volksmusik des nordostindischen Bundesstaates gespielten Bambusröhrenzither gintang,Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India: Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kalkutta 1978, S. 129; ders.: The development of chordophones in India. In: Sangeet Natak Akademi, Neu-Delhi 1977, S. 10–18, hier S. 11 der in Zentralindien durch die bhuyabaja und in Nepal durch die yalambar vertreten ist. Stabzithern sind auf zahlreichen Wandmalereien und Reliefs an spätbuddhistischen und hinduistischen Heiligtümern dargestellt. Damit gehören sie zur altindischen Schicht der indischen Musikinstrumente und nicht zur ab etwa dem 10. Jahrhundert mit den muslimischen Einwanderern entstandenen indo-persischen Musiktradition.
Der persische Geograph Ibn Chordadhbeh (um 820 – um 912) berichtet von einer einsaitigen indischen Stabzither kankala mit einer Kalebasse. Auch der Name kingra, eine Variante von kengra, taucht um diese Zeit in arabischen Schriften auf. Der arabische Schriftsteller al-Dschāhiz (um 776–869) nennt ein indisches Saiteninstrument kingira, der arabische Philosoph al-Masʿūdī (um 895–956) beschreibt die kingira als einsaitiges Instrument mit einer Kalebasse als Resonanzkörper.Henry George Farmer: The Instruments of Music on the Ṭāq-i Bustān Bas-Reliefs. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 3, Juli 1938, S. 397–412, hier S. 407 Kingra kommt ferner in den Versen Amir Chusraus (1253–1325) vor. Außerdem spielten Chusrau zufolge die indischen Dhrupad-Sänger (kalāwant)Daniel M. Neuman: The Life of Music in North India. The Organization of an Artistic Tradition. University of Chicago Press, Chicago/London 1990, S. 87f als einziges Musikinstrument die Stabzither alawan.Jon Barlow, Lakshmi Subramanian: Music and Society in North India: From the Mughals to the Mutiny. In: Economic and Political Weekly, Band 42, Nr. 19, 12.–18. Mai 2007, S. 1779–1787, hier S. 1783
Drei Stabzithertypen In der von Sharngadeva im 13. Jahrhundert verfassten Musiktheorie Sangitaratnakara werden die mittelalterlichen indischen Stabzithern drei hauptsächlichen Typen zugeordnet: alapini, ekatantri und kinnari. Allen gemeinsam sind ein Saitenträger aus einem Bambusrohr, eine darüber gespannte Saite und eine oder mehrere Kalebassen (tumba) zur Resonanzverstärkung. Nach Bauform und Spielweise unterscheiden sich die drei Typen.
Alapini vina: mini|Ein Kinnara (himmlisches Wesen) spielt eine einsaitige Stabzither alapini vina mit einem Resonator aus einer Kalebassenhalbschale vor der Brust. Felsrelief in Mamallapuram, 7. Jahrhundert Die alapini vina war eine Stabzither aus einem dünnen Saitenträger mit einer daran befestigten Kalebassenhalbschale. Auf einem Felsrelief in Mamallapuram aus dem 7. Jahrhundert ist ein Kinnara (himmlisches Wesen) zu sehen, der eine alapini vina mit der Öffnung der Kalebassenhalbschale gegen die Brust und den Saitenträger waagrecht nach rechts hält. Indem der Musiker den Abstand der Kalebassenöffnung zur Brust verändert, kann er den Klang beeinflussen. Diese erstmals im Sangitaratnakara beschriebene Spielweise verbindet die alapini vina mit der heute in der regionalen Volksmusik von Odisha verwendeten tuila sowie der ebenfalls auf die indische Tradition zurückgehenden kse diev (in Khmer „eine Saite“) in Kambodscha und der phin phia in Thailand. Mit dem Mittelfinger der rechten Hand zupfte der Musiker die Saite, während er den ausgestreckten Zeigefinger derselben Hand an bestimmten Stellen leicht auf die Saite legte und mit den Fingern der linken Hand zugleich die Saite verkürzte, um eine Reihe von Harmonischen zu produzieren.
Ekatantri vina: mini|Musiker mit einer ekatantri vina. Relief am Harshnath-Tempel im Distrikt Sikar von Rajasthan aus dem 10. Jahrhundert Bis auf diese seltenen, in regionale Volksmusiken herabgesunkenen Nachfahren ist der Typus der alapini vina verschwunden. Dagegen bildet die völlig andere Spielhaltung der ekatantri vina den Ausgangspunkt für einige vina genannte heutige Stabzithern, darunter die in der nordindischen klassischen Musik gespielte Rudra vina. Bei der ekatantri vina (Sanskrit, „einsaitig“, vgl. ektara) war eine Kalebasse am oberen Ende des Saitenträgers befestigt. Der Musiker legte die vina mit der Kalebasse über seine linke Schulter und hielt den Saitenträger schräg vor seinem Oberkörper nach unten. Im Sangitaratnakara wird die ekatantri vina als das Saiteninstrument erwähnt, das die meiste Wertschätzung genießt. Zwar ließ sich in dieser Spielposition nicht mehr durch die Bewegung des Resonanzkörpers der Klang verändern, dafür konnte der Spieler mit seiner linken Hand freier an der Saite entlang gleiten, um sie mit einem kurzen Stab (kamra oder kamrika)Alastair Dick: Kamrā. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016 aus Holz oder Bambus auf dem bundlosen Saitenträger zu verkürzen. Wie bei der heutigen Rudra vina wurde die Saite mit Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand gezupft. Alle Töne, nicht nur Harmonische, ließen sich so erzeugen.
Kinnari vina:
Die mittelalterliche höfische kinnari vina könnte aus älteren einfachen Stabzithern der Volksmusik gleichen Namens entwickelt worden sein. Sie entsprach in ihrer Spielhaltung der ekatantri vina, besaß jedoch am unteren Ende einen zweiten Kalebassenresonator und manchmal eine dritte Kalebasse in der Mitte. Die Saite wurde wie bei der ekatantri vina mit Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand gezupft. Im Unterschied zu jener besaß die kinnari vina dem Sangitaratnakara zufolge jedoch 12 bis 14 unverschiebbare, hoch auf dem Saitenträger stehende Bünde, weshalb die Saite nicht mit einem darüber gleitenden Stab, sondern mit den Fingern verkürzt wurde. Ein Relief am Chennakeshava-Tempel in Belur vom Anfang des 12. Jahrhunderts zeigt eine weibliche Figur, die eine Stabzither mit 13 Bünden spielt. Eine weitere vina mit 13 Bünden ist auf dem Girnar, dem heiligen Berg der Jains mit zahlreichen Tempeln in einer Gruppe, am Vastupala-vihara vom Anfang des 13. Jahrhunderts abgebildet.Karaikudi S. Subramanian, 1985, S. 17 Die heute bekannteste indische Zither mit Bünden ist die Rudra vina. Zum Typus der kinnari vina gehört beispielsweise auch die regional im nordwestlichen Indien gespielte king, die mit der kingra im 1598 für den Mogulherrscher Akbar verfassten Geschichtswerk Āʾīn-i Akbarī namensverwandt ist.Alastair Dick: King (fretted stick zither). In: Grove Music Online, 20. Januar 2016
Neben diesen drei Typen erwähnt das Sangitaratnakara außerdem die Stabzithern nakula mit zwei Saiten und tritantrika mit drei Saiten.Richard Widdess, Philippe Bruguière: Vīṇā. 4. Medieval stick zithers. In: Grove Music Online, 29. Oktober 2019 Insgesamt kommen im Sangitaratnakara zehn Bezeichnungen für unterschiedliche Saiteninstrumente (vina) vor, die zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert in Gebrauch waren: adatantri, nakula, tritantri, chitra, vipanchi, mattakokila, alapini, kinnari, pinaki und nishant-vina. Davon war die mattakokila („trunkener Kuckuck“) mit 21 Saiten wahrscheinlich keine Stabzither, sondern eine Kastenzither wie die heutige swarmandal.Alastair Dick: Surmaṇḍal. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016 Im von Ahobala im 17. Jahrhundert verfassten Musiktraktat SangitaparijataEmmie te Nijenhuis: Ahobala. In: MGG Online, November 2016 werden acht Namen für die zu jener Zeit bekannten vina genannt: Rudra vina, Brahma vina, taumbura (von arabisch tambūr, seit dem 8. Jahrhundert, wahrscheinlich eine Langhalslaute mit Bünden, nicht die heutige tanpura), swaramandala, pinaki, kinnari und ravanakara.Louise Wrazen: The Early History of the Vīṇā and Bīn in South and Southeast Asia. In: Asian Music,. Band 18, Nr. 1, Herbst–Winter 1986, S. 35–55, hier S. 36
Spätere Kommentare zum Sangitaratnakara, die weitere Ausführungen zu den Spielweisen machen, sind das von Simhabhupala um 1330 verfasste Sangitasudhakara und das um 1430 entstandene Kalanidhi des Autors Kallinatha. Im Āʾīn-i Akbarī von 1598 wird auch eine Stabzither sirbin mit zwei Kalebassen und drei Saiten erwähnt. Die sirbin besaß keine Bünde und wurde vermutlich mit einem Gleitstab gespielt.Alastair Dick: Sirbīṇ. In: Grove Music Online, 20. Januar 2016 Moderne Weiterentwicklungen dieser zweiten Spielweise sind die vichitra vina in Nordindien und die gottuvadyam in Südindien.
Bünde mini|Zweisaitige kinnari vina mit drei Kalebassen und ursprünglich mindestens neun Bünden, die in der Volksmusik von Karnataka gespielt wurde. Government Museum, Chennai, Tamil Nadu