mini|Martin Luserke (um 1925)

Martin Otto Rudolf Luserke (* 3. Mai 1880 in Berlin;Geburtsurkunde Martin Otto Rudolf Luserke, Standesamt III Berlin, Nr. 751/1880, vom 7. Mai 1880; durch einen ergänzenden Vermerk wurden die Vornamen des Neugeborenen am 30. Juni 1880 standesamtlich eingetragen. Der Vater Carl Friedrich Wilhelm Luserke gab seinen Beruf mit Architekt an. † 1. Juni 1968 in Meldorf, Holstein) war ein deutscher Reformpädagoge, Barde, Erzähler, Schriftsteller und Theaterschaffender.Winfried Mogge: Luserke, Martin. In: Neue Deutsche Biografie, Bayerische Akademie der Wissenschaften. Historische Kommission. Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 533f., auf: deutsche-biographie.de Er gehörte zu den bedeutenden Persönlichkeiten der deutschen ReformpädagogikLuserke, Martin. In: Deutsches Archiv für Theaterpädagogik, auf: archiv-datp.de und gilt als ein Wegbereiter der heutigen Erlebnispädagogik.Herbert Giffei: Martin Luserke – Ein Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik? (= Wegbereiter der modernen Erlebnispädagogik, Heft 6). Klaus Neubauer Verlag, Lüneburg 1987, ISBN 3-88456-040-9 Er war Mitgründer der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf und der Schule am Meer auf Juist, Initiator und Mitgründer der ersten auf einer Insel im Meer angesiedelten reformpädagogischen deutschen Schule und Initiator der einzigen freistehenden Theaterhalle einer deutschen Schule.

Als herausragende pädagogische Leistung Luserkes wird die Einführung des „Darstellenden Spiels“ (Laienspiel),Stefan Kreuzer: Das Wiener Schultheater an der Schwelle zum 21. Jahrhundert – eine Stellenwertbestimmung. Diplomarbeit, Universität Wien, März 2009, S. 10 das sich vom professionellen Theater abgrenzte,Mirona Stanescu: Vom Laientheater zur Theaterpädagogik. Ein historischer Werdegang der Theaterpädagogik in Deutschland. In: Neue Didaktik, Heft 1, 2011, S. 11–29 in die Schul- und Jugendarbeit betrachtet. Dieses wurde auch in die Jugendbewegung integriert.Ulrich Schwerdt: Martin Luserke (1880–1968). Reformpädagogik im Spannungsfeld von pädagogischer Innovation und kulturkritischer Ideologie. Eine biographische Rekonstruktion. Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main u. a. 1993, ISBN 3-631-46119-4, S. 209–210, 232–233 Er gilt daher als Begründer des Laienspiels an den Schulen Deutschlands. Die Begriffe „Bewegungsspiel“Hörfunkinterview mit Martin Luserke zur Shakespeare-Forschung, Norddeutscher Rundfunk 1955, 5:45 Min. und „Darstellendes Spiel“Stefan Kreuzer: Das Wiener Schultheater an der Schwelle zum 21. Jahrhundert – eine Stellenwertbestimmung. Diplomarbeit. Universität Wien, März 2009, S. 10 gehen auf Luserke zurück. Als erster Pädagoge entwickelte Luserke eine eigene Theorie des Schultheaters.Werner Kohlschmidt, Wolfgang Mohr (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Band 2: L – O. de Gruyter, Berlin 2001, ISBN 3-11-017252-6, S. 3

Leben Kindheit, Jugend und Familie Martin Otto Rudolf Luserke, geboren in der Großgörschenstraße 65 in der Schöneberger Vorstadt,Karl-Ulrich Meves: Martin Luserke, in: Mitteilungen 108 (2006), Vereinigung ehemaliger Schüler und der Lehrer der Meldorfer Gelehrtenschule e. V. (Hrsg.), S. 33–41 war einer von vier Söhnen des Carl Friedrich Wilhelm Luserke (1851 in Breslau; † 30. Dezember 1931 in Klotzsche) und dessen aus Westfalen stammender Ehefrau Amalie Elisabeth (* 28. Oktober 1855 in Osnabrück; † 5. Februar 1942 in Dresden), geborene Lindhorst.Luserke, Carl Friedrich Wilhelm. In: Deutsche Biografie, auf: deutsche-biographie.deSterbeurkunde Carl Friedrich Wilhelm Luserke, Standesamt Klotzsche, Nr. 63/1931, 31. Dezember 1931Sterbeurkunde Amalie Elisabeth Luserke, geb. Lindhorst, 6. Februar 1942 Die Familie Luserke stammte ursprünglich aus Breslau in Schlesien, väterlicherseits seit vielen Generationen Zimmerleute.Karl Körner: Martin Luserke. In: Meldorfer Hausfreund – Amtliche Zeitung für die Bekanntmachungen der Behörden der Stadt Meldorf und des Meldorfer Wirtschaftsraumes, 7. Jg., Nr. 35, 3. Mai 1955, S. 1 Sein Vater hatte nach einer mit 14 Jahren begonnenen Maurerlehre durch ein Stipendium ohne Reifeprüfung an der Technischen Hochschule Aachen studiert. Er war dann als technischer Zeichner an der Errichtung des Anhalter Bahnhofes beteiligt und später als Bauleiter tätig, bezeichnete sich selbst als Architekt. Als Prüfungsbeauftragter eines Berliner HochbauamtesAnneliese Peters: Meldorfer Charakterköpfe – Lebenswege im 20. Jahrhundert. (= Edition Dithmarscher Landeskunde). Books on Demand, Norderstedt 2015, ISBN 978-3-7431-1659-7, S. 65–88 konnte sich seine Familie ein eigenes Haus in der gutbürgerlichen Tempelhofer Kaiserin-Augusta-Straße leisten. Martin Luserke hatte einen älteren Bruder, Johannes Fridrich Wilhelm (* 6. April 1877 in Berlin; † 4. April 1949 in Dresden),Geburtsurkunde Johannes Fridrich Wilhelm Luserke, Standesamt 3 Berlin, Nr. 491/1877, 9. April 1877 und einen jüngeren Bruder, Otto Karl Gottfried (* 19. November 1887 in Berlin).Geburtsurkunde Otto Karl Gottfried Luserke, Standesamt 4 Berlin, Nr. 3663, 24. November 1887

In seiner Kindheit und Jugend hatte Martin Luserke Gelegenheit, den Hamburger Hafen, die Elbe und die deutsche Nord- und Ostseeküste kennenzulernen, darunter per Segelboot und Dampfschiff auch die ostfriesische Insel Spiekeroog und die Insel Helgoland in der Deutschen Bucht. Den schriftlichen Erinnerungen seiner Mutter zufolge fühlte er sich schon sehr früh zum Meer hingezogen.Die Lebensfahrt des Martin Luserke. Vortrag von Kurt Sydow zum 100. Geburtstag Martin Luserkes am 3. Mai 1980, auf: luserke.net Die Eltern verweigerten ihrem Sohn jedoch den Wunsch, zur See zu gehen.Karsten Kröger: Der Beitrag Martin Luserkes zur reformpädagogischen Bewegung. Erziehungswissenschaftliche Hausarbeit im Rahmen der Lehramtsstaatsprüfung. Universität Hamburg, 1984, S. 8 Er wird als ein lebhaftes und phantasiebegabtes Kind beschrieben und scheute offenbar keine Waghalsigkeit, um das Meer und die Wellen zu erleben.

Ab dem Alter von zehn Jahren soll Luserke Werke von Schiller gelesen haben, mit 13 Jahren Shakespeare, Goethe und Ibsen – umfänglich und mit großer Intensität.D. H. Schortinghuis: Begegnung mit Martin Luserke. In: Ostfriesland Magazin 9, September 1993, auf: luserke.netKarsten Kröger: Der Beitrag Martin Luserkes zur reformpädagogischen Bewegung. Erziehungswissenschaftliche Hausarbeit im Rahmen der Lehramtsstaatsprüfung. Universität Hamburg, 1984, S. 11 Den ersten Kontakt mit dem Theater soll er im Alter von etwa fünfzehn Jahren am Schauspielhaus Berlin gehabt haben, wo er eine Max-Reinhardt-Inszenierung des Schauspiels Wilhelm Tell nach Friedrich Schiller miterlebte.Heinke Brandt: Martin Luserke, in: Meldorfer Gelehrtenschule, 11 (1957). Hrsg. v. d. Meldorfer Gelehrtenschule, staatliches neusprachliches und mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium für Jungen und Mädchen, Meldorf, 1957, S. 7–9 Allerdings sollen dabei seine phantasievollen Erwartungen, die sich durch die vorherige Lektüre des Werks gebildet hatten, maßlos enttäuscht worden sein, was offenbar auf die von ihm als überbordend üppig empfundene und ablenkende Kulisse zurückzuführen war.Martin Kießig: Martin Luserke. Gestalt und Werk. Versuch einer Wesensdeutung. Philosophische Inaugural-Dissertation, Universität Leipzig, J. Särchen Verlag, Berlin 1936, S. 13 Seine eigenen Bilder im Kopf ließen sich mit dem Illusionstheater auf der Profibühne nicht in Einklang bringen. Dies war womöglich ein Anlass für ihn, daraus Schlüsse für das eigene spätere Theaterschaffen zu ziehen.

Im Alter von fünfzehn Jahren brach Luserke mit seinem Elternhaus. Als ein wesentlicher Auslöser dafür gilt der Moment, als ihm seine Mutter eine heimlich gelesene fünfbändige Gesamtausgabe von William Shakespeare wegnahm und verbrannte.Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung „Martin Luserke – Reformpädagoge – Schriftsteller auf dem Meer und an den Meeresküsten“ von Jörg W. Ziegenspeck im Morgenstern-Museum, Bremerhaven, 9. Oktober 1988, auf: uni-marburg.de Daraufhin versuchte der Schüler Luserke, die unterbrochene Lektüre des letzten Stücks Der Sturm für sich selbst zu Ende zu dichten.

Die achtunddreißig Jahre später erfolgte reichsweite Bücherverbrennung der Nationalsozialisten am 10. März 1933 musste der 52-jährige Luserke daher als ein Déjà-vécu-Erlebnis empfinden, als Begrenzung seiner latenten Bestrebungen nach Selbstbestimmung.

Seinem etwa 1895 datierten Bruch mit dem eigenen Elternhaus lag ein von ihm als einengend und „unfroh“ empfundenes kleinbürgerliches Familienleben mit großer Autoritätsgläubigkeit und „durchkälteter“ Religiosität zugrunde, in dem weltliche oder als unchristlich charakterisierte Literatur keinen Platz hatte. Als Kind wurde Luserke zur Strafe in den Keller des Hauses gesperrt, an dessen Wand er mit Kreide „Jungenarrestanstalt!“ schrieb. Freies Denken, Diskutieren und Handeln erschienen ihm dadurch von ganz besonderer Bedeutung, auch für seine späteren Schüler, Kollegen und Mitarbeiter. Andere Meinungen und Lebensentwürfe waren für ihn daher kein Ausschlussgrund, wohl aber Handlungen gegen die „Schulgemeinde“ (Gemeinschaft).

Am 30. September 1908 heiratete er Marie Anna „Annemarie“ Elisabeth Gerwien (* 15. Februar 1878 in Erfurt; † 4. Oktober 1926 in Juist), die er durch seine Lehrtätigkeit für die Freie Schulgemeinde in Wickersdorf kennengelernt hatte. Sie stammte aus einer alten preußischen Offiziersfamilie und war Tochter des Oberstleutnants a. D. Paul Vincenz Gerwien (* 7. Dezember 1843 in Neisse; † 12. September 1923 in Dresden)Gerwien, Paul Vincent. In: Deutsche Biographie, auf: deutsche-biographie.deEv. Taufregister Nysa, Oberschlesien, Nr. 2/1844, Paul Vincenz Gerwien, geb. am 7. Dezember 1843, getauft am 17. Januar 1844Sterbeurkunde Paul Vincenz Gerwien, Standesamt 3 Berlin, Nr. 1549/1923, 13. Dezember 1923 und dessen Ehefrau Julie Elisabeth Auguste (* 28. Oktober 1855 in Berlin; † 17. September 1932 ebenda), geb. Riese.Sterbeurkunde Julie Elisabeth Auguste Gerwien, geb. Riese, Standesamt 3 Berlin, Nr. 1635/1932, 19. September 1932 Marie Anna Elisabeth Gerwien war bei der Freien Schulgemeinde seit 1906 als Hausdame beschäftigt,Personalliste der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein, Witzenhausen, Hessen gab bei der standesamtlichen Eheschließung jedoch an, keinen Beruf auszuüben. Beide Trauzeugen kamen von Seiten der Braut. Martin Luserke gab an, sein Vater sei Architekt.Heiratsurkunde Standesamt Berlin, Nr. 652/1908, Martin Otto Rudolf Luserke und Marie Anna Elisabeth Gerwien, beide evangelischer Religion, 30. September 1908; als Trauzeugen wurden verzeichnet: Oberstleutnant außer Dienst Paul Gerwien, Berlin, 65 Jahre, und Oberleutnant Walter Gerwien, Cassel, 33 Jahre.

Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, eine Tochter und drei Söhne, Ursula (* 20. Januar 1910 in Wickersdorf; † 5. November 1987 in Freiburg im Breisgau durch Unfall), Klaus (* 6. Oktober 1912 in Wickersdorf), Heiner (* 4. August 1914 in Wickersdorf; † 19. Februar 1992) und Dieter (* 15. September 1918 in Wickersdorf; † 17. Februar 2005).Die Lebensfahrt des Martin Luserke, Vortrag von Kurt Sydow zum 100. Geburtstag Martin Luserkes am 3. Mai 1980, auf: luserke.netTrauregister 1941–1944, Garnisongemeinde Hannover, Dieter Luserke und Ursula, Nr. 209/1942, S. 43, 4. September 1942

Von den Schülern an der Freien Schulgemeinde und später der Schule am Meer wurde Luserke mit „Lu“ und seine Ehefrau mit „Frau Lu“ angesprochen.Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried (Hrsg.): Sammeln – erschließen – vernetzen: Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 180 Das Kürzel „Lu“ wurde von seinen Schülern auch an der Meldorfer Gelehrtenschule noch genutzt.