mini|Michael Köhlmeier (2021) Das Philosophenschiff ist der Titel eines 2024im Hanser Verlag, München erschienenen historischen Romans von Michael Köhlmeier. Die hundertjährige Architektin Perleman-Jacob erzählt einem Schriftsteller die teils surrealistische Geschichte ihrer Ausbürgerung 1922 aus dem bolschewistischen Russland und thematisiert die Gefahren ideologischer Radikalisierung und unkontrollierter Machtstrukturen.

Inhalt Im Romanaufbau wechseln Rahmen- und Binnenhandlung miteinander ab. Die Rahmenhandlung spielt im Mai 2008: Der Erzähler wird zu einem Abendessen im Palais Eschenbach in Wien zu Ehren des hundertsten Geburtstags der weltberühmten Architekturprofessorin Anouk Perleman-Jacob eingeladen und erhält am Tag darauf von ihr den Auftrag, einen Roman über ihr Leben zu schreiben (1. Kap.). Die dritte Lebensbeschreibung Zwei Biographien gibt es schon mit den Etappen ihres Lebens: geboren 1908 in Sankt Petersburg als jüdische Akademikertochter eines Architekturprofessor und einer Ornithologin, 1910 als kleines Kind mit Vater und Mutter in Paris im Beziehungs-„Kuddelmuddel“Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff. Carl Hanser Verlag, München, 2024, S. 178. der russischen Künstlerszene, 1922 mit den Eltern aus Russland verbannt, 9 Jahre Exil in Berlin, 1931 Suizid der Eltern, Architekturstudium, Professur, Planung von Arbeitersiedlungen in den 1950er Jahren in Europa und in den 1970er Jahren, durch den Gewerkschaftssekretär George Meany unterstützt, in Amerika. Ausweisung, weil eine mit ihr befreundete Studentin der Universität Corpus Christi in Texas an Aktionen der linksradikalen Untergrundorganisation Weathermen beteiligt war. Vermutlich kannte man ihre Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Österreichs von 1957 bis 1968.

Das neue Werk soll ein anderes, persönliches Profil haben. Dazu empfängt Frau Perleman-Jakob den Schriftsteller an mehreren Tagen und erzählt ihm, neben vielen Beispielen aus der russischen Bürgerkriegszeit und der Herrschaft von Lenins Bolschewiki, schwerpunktmäßig die in der ersten Romanhälfte geschilderte Geschichte ihrer Ausweisung im Jahr 1922, als sie 14 Jahre alt war. Sie reflektiert über die Gründe der Verbannung, zumal ihre Eltern früher Sympathisanten Lenins und der Bolschewiki, aber nicht politisch aktiv waren. Perleman erklärt die Paranoia der Bolschewiken, in Gedichten nach verschlüsselten Botschaft für die Konterrevolutionäre zu suchen, am Beispiel eines Symbolismus-Gedichts von Alexander BlokMichael Köhlmeier: Das Philosophenschiff. Carl Hanser Verlag, München, 2024, S. 56. Vielleicht, vermutet sie, hat der Geheimdienst die Freundschaften ihrer Eltern mit russischen Intellektuellen und Dichtern während ihres Pariser Aufenthalts 1910 (3. 5. Kap.) herausgefunden und sie als potentielle Mitwisser ihrer Attentate verdächtigt. Drei von ihnen wurden später in Russland politisch aktiv, positionierten sich als Regimegegner und beteiligten sich an Anschlägen, bzw. wurden solcher Aktionen beschuldigt und hingerichtet: Boris Sawinkow kämpfte für die Weiße Armee und emigrierte 1922 nach Paris (3. Kap.). Nikolai Gumiljow wurde 1921 unter dem Vorwurf der Beteiligung an einer konterrevolutionären Verschwörung von Bolschewisten liquidiert (5. Kap.). Der Dichter Leonid Kannegiesser erschoss 1918 den Geheimdienst-Chef Urizki und wurde hingerichtet. Leonids und Anouks Eltern waren in Paris und auch in St. Petersburg miteinander befreundet. Der Ingenieur Ioakim Kannegiesser und seine Frau, die Ärztin Rosa Lwowna, waren in Perlemans Erinnerung, im Unterschied zur Historie, Passagiere auf dem Philosophenschiff und begingen dort Selbstmord. Das Geisterschiff Perlemans zentrale Geschichte beginnt mit der Verbannung: Nach einigen Verhören teilen Geheimpolizisten 1922 der Familie Perleman mit, sie würden „als eine Art Gnade der Regierung“, doch ohne konkrete Begründung, des Landes verwiesen (3. Kap.), und bringen sie im Petersburger Hafen an Bord eines der sogenannten Philosophenschiffe (4. Kap.).

Die Erlebnisse der 14-jährigen Anouk während der Seereise werden in der zweiten Romanhälfte beschrieben. Für sie ist diese Zeit lebensprägend. Als „romantischer Balg“ verliebt sie sich in den jungen Dichter Leonid. Dessen Exekution verändert ihr Leben: „Die Romantik habe ich mir aber schnell abgewöhnt, oder soll ich sagen, die ist mir abgewöhnt worden“.Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff. Carl Hanser Verlag, München, 2024, S. 175. Auch ihr Vater ist desillusioniert: „Wir sind tot. Nichts an uns wird jemals sein, wie es war, nichts an uns wird je wieder lebendig werden. Wir kommen in ein Land, dessen Sprache wir nicht verstehen, wir treffen auf Menschen, die uns nicht haben wollen, die uns misstrauen, die uns die Schuld geben an allem, was in ihrem Leben nicht gut ist“.Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff. Carl Hanser Verlag, München, 2024, S. 175. Nach neun Exiljahren in Berlin haben Anouks Eltern keine Hoffnung mehr auf ihre Rehabilitation durch Stalin und in das in „Leningrad“ umbenannte Sankt Petersburg wollen sie auch nicht zurückkehren. So beenden sie ihr Leben durch Suizid.

Auf der Ostsee entwickelt sich die phantastische Geschichte eines Geisterschiffes mit den surrealen Auftritten zweier prominenter Politiker: Die kleine, 10-köpfige Reisegruppe wird auf einem geheimnisvollen, für den Transport von 2000 Passagieren ausgestatteten Luxusdampfer zwar in ihrem Bewegungsraum auf das 3. Klasse-Deck eingeschränkt, aber gut versorgt (4. Kap.). Die Mannschaft bleibt für sie unsichtbar. Surreale Begegnungen Nach eintägiger Fahrt hält das Schiff im Finnischen Meerbusen auf offener See an und nach 5 Tagen bringt ein Kutter einen kranken Mann im Rollstuhl auf das 1. Klasse-Deck. Anouk durchforscht das Schiff und trifft auf den neuen Passagier, der sich ihr als der durch ein Attentat und einen Schlaganfall halbgelähmte Lenin vorstellt (14. Kap.). In mehreren Nächten besucht sie den Machthaber, der für ihre Deportation und den Tod vieler Freunde und ihres geheimen Geliebten Leonid Kannegiesser verantwortlich ist, unterhält sich mit ihm, verschweigt ihm aber aus Angst ihre Gedanken, weil sie sich in seiner Macht fühlt. Er ist unsicher, ob das mit einer Leiter an der Außenwand zu ihm hochgekletterte Mädchen nur eine Einbildung ist, er fühlt seine Hilflosigkeit und denkt darüber nach, ob das Kind ihn erwürgen würde (17. Kap.). Seiner Meinung nach könnte sie die Situation seiner Wehrlosigkeit nutzen, denn nach seinem Menschenbild gibt es nur eine Ur-Macht: die Macht zu töten. Davon würden sich alle Arten von Macht ableiten.

Nach einigen Tagen hält das Schiff wieder an und der Kutter bringt Lenins Nachfolger an Bord (18. Kap.). Bei ihrem letzten Besuch auf dem Oberdeck verfolgt Anouk die Abschlussszene. Der neue Herrscher versichert, Lenin werde nicht mehr gebraucht, aber die Russen würden ihn in Zukunft als Helden verehren. Dann rechnet er mit ihm ab: Er habe in seiner Utopie einen neuen Menschen, der die Freiheit wünsche, schaffen wollen und in seiner Lehre, die offiziell erhalten bleibe, das Volk falsch eingeschätzt. Er werde dies korrigieren: „[D]u hast vor mir gewarnt. Ich sei grob, hast du gesagt. Ja das bin ich […] ich bin wie die Millionen. Mit einem Unterschied. Ich kann zuschlagen […] weil die Millionen mir ihre Fäuste leihen. Sie vertrauen mir ihre Fäuste und ihre Freiheit an. Die Freiheit bedeutet ihnen nichts und vor ihren eigenen Fäusten fürchten sie sich. Ich nehme die Bürde ihrer Freiheit auf mich. Und leihe mir als Gegenleistung ihre Fäuste. Und wenn ich die schrecklichen Dinge tue, die Millionen werden mich dafür nicht verurteilen und nicht weniger lieben, denn ich tue es in ihrem Namen. Auch sie werden schreckliche Dinge tun, aber sie werden dabei kein schlechtes Gewissen haben, denn sie tun sie in meinem Namen. Wir tauschen unsere Namen. Das ist alles.“Michael Köhlmeier: Das Philosophenschiff. Carl Hanser Verlag, München, 2024, S. 218. Er küsst Lenin, der ihm nicht widerspricht, auf die Stirn und ein zweiter Mann wirft den Kranken mit seinem Rollstuhl ins Wasser. Rahmenhandlungen Unterbrochen werden die Erzählungen Frau Perlemans durch Erholungs- und Informationstage (z. B. 10. 13. 15. Kap.), in denen der Schriftsteller die Ton-Aufzeichnungen auswertet, in der Staatsbibliothek über die Historie recherchiert und mit ihren Bekannten spricht: mit ihrer amerikanischen Freundin Alice Winegard und Dr. Mahler, dem Präsidenten des Österreichischen Ingenieur- und Architektenverein. In die Rahmenerzählung eingeschaltet sind auch Erinnerungen des Schriftstellers an thematisch ähnliche Ereignisse, wie sie Perleman in Russland erlebt hat: Die Erfahrungen seines Kommilitonen Carlo, der nach seinem Austritt aus dem KBW von Genossen abgeholt wird und in einem Wald bei Frankfurt erschossen werden soll (13. Kap). Dies korrespondiert mit dem im Kapitel davor geschilderten Angsterlebnis der 10-jährigen Anouk beim Anblick eines von den Bolschewiki gepfählten Mannes und mit ihren Berichten von Erschießungen von Regimegegnern und nicht angepassten Intellektuellen vor der Abfahrt des Schiffes sowie mit einer grotesken Situation bei einem abendliche Spaziergang während ihrer Gastprofessur in Texas (6. Kap). Form Im Romanaufbau wechseln Rahmen- und Binnenerzählung ständig miteinander ab. Die Rahmenhandlung spielt im Mai 2008: Der Schriftsteller Michael, der mit seiner Frau Monika in Vorarlberg wohnt, besucht die berühmte 100-jährige Architektur-Professorin Anouk Perleman-Jacob kurz vor deren Tod in Wien, um Materialien für einen Roman über ihr Leben zu sammeln. Er recherchiert in der Staatsbibliothek über die Historie und spricht mit ihren Bekannten über sie. In den Binnenerzählungen schildert die Jubilarin ihr Leben mit dem Schwerpunkt auf die Verbannung aus Russland im Jahr 1922, als sie 14 Jahre alt war. In die Rahmenerzählung eingeschaltet sind Erinnerungen des Erzählers an thematisch ähnliche Ereignisse, wie sie Perleman-Jacob in Russland und später in Amerika erlebt hat, und an die Spannung zwischen Sympathien für kommunistische Organisationen und die Erfahrung mit ihren radikalen Methoden. Dies korrespondiert mit dem Angsterlebnis der 10-jährigen Anouk beim Anblick eines von den Bolschewiki gepfählten Mannes, mit den Beobachtungen der 14-jährigen Anouk, wie vor der Abfahrt des Schiffes Regimegegner und nicht angepasste Intellektuellen erschossen wurden. Die Lebensgeschichte der Architektin wird nicht linear erzählt. Bei jedem Besuch des Schriftstellers in ihrem Haus in Hietzing setzt sie einen anderen Schwerpunkt, weicht teilweise davon ab und reflektiert auch über andere Themen, z. B. über die Macht der Lyrik in repressiven Systemen und die Paranoia-Kreisläufe der Geheimdienste und ihrer Opfer bei den labyrinthisch-spitzfindig-spekulativen Gedichtinterpretationen (4. Kap.) sowie über das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion in den Erinnerungen. In ständigen zeitlichen Rück- und Vorgriffen ergibt sich in der Zusammenfügung der verschiedenen Erzählfäden ein Geschichtsbild des bolschewistischen Russlands nach dem Bürgerkrieg. Eingeblendet sind in Perlemans Schilderungen im letzten Romandrittel, als Parallelhandlung, Lenins Erzählungen. Jetzt ist die 14-jährige Anouk die Zuhörerin. Der Erzählstil der Protagonistin ist, oft von der Hauptlinie abweichend, teils anekdotenhaft plaudernd, teils „verzettelt“ sie sich in Betrachtungen über Oblomows Langeweile oder die Trost-Funktion der Sexualität in Zeiten des Krieges, die nichts mit Liebe zu tun haben müsse. Auch hat die Hundertjährige Informationslücken, verweigert dem Schriftsteller Antworten oder schiebt sie auf. Immer wieder stellt sie ihre Erinnerungen in Frage, denn sie war zur Zeit des Philosophenschiffes noch ein 14-jähriger „romantischer Balg“ und hat viele Zusammenhänge erst später rekonstruiert.