mini|Polizeiauto in Baden-Württemberg (2012) Der Artikel Kriminalität in Deutschland beschäftigt sich mit dem Phänomen der Kriminalität in Deutschland. Im langfristigen Zeitverlauf hat Deutschland einen erheblichen Kriminalitätsrückgang erlebt, insbesondere bei schweren Straftaten, und zählt zu den sichersten Ländern der Welt. Gleichzeitig verzeichnete die polizeiliche Kriminalstatistik 2023 insgesamt 5,9 Millionen registrierte Straftaten, wobei von einer erheblichen Dunkelziffer ausgegangen werden muss.

Geschichte mini|Langfristige Mordrate in Westeuropa Wie auch andere westeuropäische Gesellschaften hat Deutschland einen langfristigen Rückgang der schweren Gewaltkriminalität erlebt (speziell von Mord und Totschlag), der sich (mit temporären Rückschlägen) bis auf das Mittelalter zurückverfolgen lässt. In der allgemeinen Kriminalität gab es in Deutschland einen Anstieg ab ca. den 1960er Jahren bis in den 1990er Jahren und danach einen Rückgang. Die Anzahl der Morde erreichte in der (westdeutschen) Bundesrepublik ihren Höhepunkt im Jahr 1982 mit 935 Morden und im wiedervereinigten Deutschland 1993 mit 1468 Morden. Dieser Rückgang wurde in der Kriminalistik mit einer Reihe von sozialen und demografischen Faktoren erklärt, wie z. B. der Bevölkerungsalterung, wobei jedoch auch die Jugendkriminalität tendenziell rückläufig war. Zwischen 2005 und 2019 ging die Zahl der Straftaten um weitere 15 Prozent zurück. Gleichzeitig waren neue Straftaten im Aufschwung bzw. entstanden neu, wie z. B. die Computerkriminalität, und durch die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft und Gesellschaft stieg die Anzahl der in Deutschland tätigen Gruppen der organisierten internationalen Kriminalität.

Nach einem Tiefpunkt während der COVID-19-Pandemie stieg die Kriminalität in der postpandemischen Phase an. 2023 lag die Anzahl der registrierten Straftaten gegenüber 2019 um 5,9 % höher und die Gewaltkriminalität erreichte den höchsten Wert seit 15 Jahren. Begleitet wurde dieser Anstieg von einem Rückgang des Sicherheitsgefühls in der Bevölkerung.

Kriminalstatistik

2023 kam es zu insgesamt 5.940.667 Fällen von registrierten Straftaten. Davon wurden insgesamt 3.469.752 Fälle aufgeklärt, was einer Aufklärungsquote von 58,4 Prozent entspricht. Insgesamt 1.249.329 Personen wurden als Opfer von Straftaten und 2.246.767 Personen wurden als Tatverdächtige von Straftaten erfasst.Polizeiliche Kriminalstatistik 2023, S. 11 2019 wurden allerdings lediglich 5 Prozent aller Tatverdächtigen zu einer Freiheits- oder Jugendstrafe verurteilt.Periodischer Sicherheitsbericht 2019, S. 24

Die Anzahl der registrierten Straftaten verteilte sich 2023 und 2022 prozentual wie folgt:Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 S. 31 Kategorie20232022Einfacher Diebstahl19,7 %18,5 %Schwerer Diebstahl13,5 %13,1 %Betrug12,7 %14,2 %Körperverletzung10,3 %10,2 %Sachbeschädigung9,4 %10,1 %Rauschgiftdelikte5,8 %6,1 %ausländerrechtliche Verstöße5,0 %4,0 %Sexualdelikte2,1 %2,1 %Straftaten gegen das Leben0,1 %0,1 %sonstige Straftaten21,4 %21,6 % Zu bedenken ist dabei, dass die Aussagekraft der polizeilichen Kriminalstatistik durch die Dunkelziffer eingeschränkt wird, da ein großer Teil der verübten Straftaten nicht bei der Polizei angezeigt wird. Eine besonders hohe Dunkelziffer kann bei kleineren Diebstählen und Internetbetrug vermutet werden. Die polizeiliche Kriminalstatistik erfasst auch keine Staatsschutzdelikte, Verkehrsdelikte (mit einigen Ausnahmen), Straftaten, die außerhalb der Bundesrepublik Deutschland begangen wurden, Ordnungswidrigkeiten, Verstöße gegen strafrechtliche Landesgesetze (mit Ausnahmen) und keine Finanz- und Steuerdelikte.Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 S. 7–8

Entwicklung über Zeit Die Anzahl der registrierten Straftaten (ohne ausländerrechtliche Verstöße) in Deutschland hat sich seit 2009 wie folgt entwickelt: +JahrAnzahl Straftaten(auf 100.000 Einwohner)AufklärungsquoteAnzahl GewaltverbrechenAnzahl Tötungsdelikte20095.980.0897.38355,1 %208.4463.26920105.859.1257.163 55,5 %201.2433.26120115.912.3557.23254,1 %197.0303.13520125.908.0117.21953,7 %195.1433.02820135.851.1077.26653,7 %184.8472.95120145.925.6687.33753,7 %180.9552.96220155.927.9087.301 54,0 %181.3962.99120165.884.8157.16155,7 %193.5423.24220175.582.1366.76455,1 %188.9463.22720185.392.4576.51356,5 %185.3773.25420195.270.7826.34956,2 %181.0543.05420205.163.5366.209 57,2 %176.6723.28920214.901.0075.89457,5 %164.6462.98020225.402.7556.49155,6 %197.0022.80120235.641.7586.688 56,3 %214.0992.85820245.550.106 6.650 55,9 %217.2772.822 20255.303.3486.34556,3 %212.335

Auch bei der Betrachtung der registrierten Kriminalität gibt es einige wichtige Einflussfaktoren zu berücksichtigen. So hängt die Anzahl der registrierten Delikte über einen längeren Zeitraum von Veränderungen im Anzeigeverhalten ab. Bei einer erhöhten öffentlichen Sensibilisierung (z. B. bei sexuellem Missbrauch) kann die Fallzahl steigen, ohne dass ein Delikt tatsächlich häufiger auftritt. Auch Gesetzesänderungen oder Änderungen in der Erfassung von Straftaten kann die Statistik verzerren.

Alternative Kriminalitätsmessung Eine Alternative zu der offiziellen Kriminalstatistik sind deshalb Dunkelfeld- und Viktimisierungsstudien, welche auf repräsentativen Bevölkerungsumfragen beruhen und die Inzidenz verschiedener Straftaten unter Berücksichtigung der Dunkelziffer messen können. Im Folgenden sind die Ergebnisse der deutschen Viktimisierungsbefragungen 2012 und 2017 angegeben:Periodischer Sicherheitsbericht 2019, S. 30–31 StraftatHäufigkeit(in % der Bevölkerung)Anzeigequote(in % aller Vorfälle)2017201220172012Waren- und Dienstleistungsbetrug4,7 %4,6 %11,1 %8,8 %Schadsoftware4,5 %…5,1 %…Fahrraddiebstahl2,9 %3,5 %56,0 %50,8 %Persönlicher Diebstahl3,1 %2,9 %42,3 %37,5 %Körperverletzung3,0 %2,7 %36,6 %32,9 %Versuchter Wohnungseinbruchdiebstahl1,4 %0,9 %58,5 %57,8 %Raub1,0 %0,7 %33,6 %32,0 %Phishing0,8 %…10,5 %…Zahlungskartenmissbrauch0,6 %0,5 %53,3 %40,7 %Vollendeter Wohnungseinbruchdiebstahl0,5 %0,5 %85,1 %72,5 %Diebstahl eines Kraftwagens0,1 %0,1 %100 %98,7 %

Organisierte Kriminalität in Deutschland Im Organized Crime Index der NGO Global Initiative Against Transnational Organized Crime erreichte Deutschland 2023 Rang 80 unter 193 Ländern. Insbesondere der Menschen- und Sexhandel ist ein großes Problem in Deutschland. Von Transparency International wurde Deutschland auch als „Geldwäscheparadies“ bezeichnet, mit Aktivitäten in Milliardenhöhe. Zahlreiche Gruppen der Organisierten Kriminalität sind in Deutschland tätig.

Rockerbanden Verschiedene Rockerbanden wie die Hells Angels oder die Bandidos sollen in Deutschland in die organisierte Kriminalität verwickelt sein. Diese in den USA entstandenen Motorradgangs eröffneten in den 1970ern erste Chapter in Deutschland, welche in einigen Fällen in die organisierte Kriminalität verwickelt wurden. Rockergruppen bilden abgeschlossene Subkulturen, deren Mitglieder häufig eine erhöhte Gewaltbereitschaft aufweisen. Typische Betätigungsfelder von Rockerbanden bilden das Rotlichtmilieu, Sicherheitsdienste, Nachtclubs und andere Veranstaltungen. Diese legalen und halblegalen Aktivitäten gehen bei einigen Motorradclubs nahtlos in illegale Aktivitäten wie Drogen- und Waffenhandel, Menschenhandel, Zwangsprostitution und Schutzgelderpressung über. Typische Delikte bilden dabei Raub, Körperverletzung oder Sexualverbrechen.

In Deutschland waren 2021 600 Ortsgruppen und circa 7000 Mitglieder von polizeilich relevanten Rockergruppen gemeldet, darunter Hells Angels, Bandidos, Outlaws MC und Gremium MC. Der Schwerpunkt der Rockeraktivitäten liegt im Westen und Süden Deutschlands. Bei Revierkämpfen zwischen diesen Gruppen kam es immer wieder zu schweren Straftaten, darunter auch Morden. Als Gegenmaßnahme gegen die Rockerkriminalität wurde den Mitgliedern von Rockergruppen verboten, ihre Abzeichen offen zu tragen („Kuttenverbot“). 2021 verbot das Innenministerium die Bandidos und ihre Untergruppen in Deutschland vollständig.

Italienische Mafia

Die italienische Mafia konnte durch die Einwanderung von mit der Mafia verbundenen Italienern ab den 1970er Jahren in Deutschland Wurzeln schlagen. Mehrere Mafia-Gruppen sind in Deutschland aktiv, darunter die kalabrische ’Ndrangheta, die sizilianische Cosa Nostra und die Stidda, die neapolitanische Camorra und die apulische OK (darunter die Sacra Corona Unita). Es wird geschätzt, dass die Mafia in Deutschland über mehr als 1000 Mitglieder verfügt. Die ’Ndrangheta soll dabei die stärkste Mafia-Organisation in Deutschland sein. Hochburgen der Mafia-Aktivitäten sind die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Die Mafia kontrolliert in Deutschland Geschäfte, Restaurants und Eisdielen und besitzt zahlreiche Immobilien. Deutschland soll für italienische Kriminelle zu einem Zentrum für Geldwäsche geworden sein, was laut Berichten auch durch das Wegschauen der Politik und laxe Gesetzgebung begünstigt worden sein soll. Die Geldwäscheaktivitäten der Mafia in Deutschland sollen laut Schätzungen von 2022 ein Volumen von über 100 Milliarden Euro haben. Darüber hinaus betätigt sich die italienische Mafia in den Bereichen Menschenhandel und Prostitution, Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Fälschungskriminalität, Bestechung, illegaler Müllentsorgung und illegalem Lebensmittelhandel. Gewinne werden dann über legale Gewerbe wie Bau, Restaurants, Hotels und Lebensmittelhandel gewaschen.Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Irene Mihalic, Dr. Gerhard Schick, Volker Beck (Köln), weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 18/13198 – Entwicklung der italienischen Mafiakriminalität in Deutschland seit dem Mordanschlag von Duisburg 2007 (PDF; 260 kB), S. 6

Türkische Banden Türkische Verbrecherbanden sind in ganz Deutschland in den Bereichen Erpressung, Betrug, Raub, Waffen- und Drogenhandel, Prostitution und weiteren Betätigungsfeldern aktiv und verfügen oft über Verbindungen zur türkischen Mafia in der Heimat. Oftmals können diese Banden auch mit politischen Gruppen aus ihrem Heimatland in Verbindung gebracht werden, wie z. B. den Grauen Wölfen bei rechtsgerichteten Türken und Dev Sol für linksgerichtete Türken. Laut dem Jahresbericht zur organisierten Kriminalität 2013 gibt es in Deutschland über 60 türkische und türkisch-kurdische Banden, die kriminell aktiv sind. Knapp ein Zehntel der im Bereich der organisierten Kriminalität verhafteten Personen sind türkische Staatsbürger, der zweite Rang hinter deutschen Staatsbürgern. Bei Drogengeschäften arbeiteten türkische Gruppen in der Vergangenheit auch mit der italienischen ’Ndrangheta zusammen.

2016 wurde über die türkisch-nationalistische Rockerbande Osmanen Germania berichtet, die etablierte Rockergruppen herausforderte. Diese soll Gelder vom türkischen Mafiaboss Sedat Peker (der in Deutschland aufwuchs) erhalten haben, angeblich im Auftrag der AKP von Recep Tayyip Erdoğan. 2018 wurden die Osmanen Germania wegen Gewalttaten, Erpressung und Zwangsprostitution von Bundesinnenminister Horst Seehofer verboten.

Arabische Clans