mini|hochkant=1.4|Wunderblutkirche, West- und Südseite mini|Die Kirche und ihre Geschichte auf einem Notgeldschein von 1922. Die Wunderblutkirche St. Nikolai ist eine evangelische Kirche in Bad Wilsnack in der brandenburgischen Prignitz und Wahrzeichen des Kurortes. Die Kirche war vom Ende des 14. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ein Wallfahrtsziel von europäischem Rang, nachdem sich der Glaube an ein Hostienwunder im Jahr 1383 verbreitet hatte. Nach der Reformation verbrannte der erste evangelische Pfarrer von Wilsnack, Joachim Ellefeld, die Wunderhostien 1552 vor Zeugen. Damit entfiel der Grund für die Wallfahrten.

Als Offene Kirche ist die Wunderblutkirche heute täglich geöffnet. Ein Förderverein setzt sich für den Erhalt der Kirche als kultur- und kirchengeschichtliches Denkmal ein und organisiert unter anderem Wanderungen auf dem alten Pilgerweg Berlin–Wilsnack. In der Hansestadt Lübeck erinnert das Kleverschusskreuz, ein Wegekreuz aus dem Jahr 1436, an die Pilger, die sich von dort auf den Weg nach Wilsnack machten. Ein weiteres Wegekreuz ist in Havelberg erhalten.

Die Kirche gehört zur Gesamtkirchengemeinde Wilsnack-Land im Kirchenkreis Prignitz der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Geschichte mini|hochkant|Das Kleverschusskreuz in Lübeck wies Pilgern den Weg zur Wallfahrtskirche. mini|hochkant|Wegekreuz zur Kirche Wilsnack in Havelberg Ein erster Bericht über das Hostienwunder, das zum Entstehen des Wallfahrtsortes Wilsnack führte, stammt von einem Havelberger Propst, der 1383 Bischof Thiderikus II. (Dietrich) nach Wilsnack begleitete. Weitere Berichte aus dem Jahr 1447 und Drucke aus der Zeit zwischen 1509 und 1520/21 berufen sich auf diesen Propst. 1586 stellte der protestantische Domdechant Matthäus Ludecus Fakten zu dem Wunder zusammen. Eine weitere Zusammenfassung der Quellen und Ereignisse legte 1881 der Oberpfarrer Ernst Breest aus Wilsnack vor.

Entstehung der Legende Am 16. August 1383 nutzte Ritter Heinrich von Bülow die Abwesenheit großer Teile der Wilsnacker Gemeinde, die sich zum jährlichen Domweihfest in Havelberg aufhielt, um Wilsnack nebst zehn weiteren Dörfern zu überfallen und niederzubrennen. Seit längerem hatte Ritter von Bülow Anspruch auf diese Dörfer erhoben, weswegen er mit deren Herren Henning, Klaus und Gericke von MöllendorfMöglicherweise aus dem Adelsgeschlecht der Moellendorff und dem Bistum Havelberg im Zwist lag.

Der Legende nach suchte der heimgekehrte Priester Johannes Calbutz die Ruine der niedergebrannten Kirche ab und barg geschmolzenes Glockenerz aus den Trümmern. An der Stelle des Altars lag die verkohlte Eichenbohle der Altarplatte, in der ein kleines Fach eingearbeitet war, in dem drei Hostien verwahrt wurden. In der Meinung, hier nichts weiter bergen zu können, untersuchte er die Bohle nicht weiter und kehrte ins benachbarte Lüben zurück, wo die Gemeinde übernachtete, da Wilsnack unbewohnbar war. In der folgenden Nacht vernahm der Pfarrer im Traum mehrfach eine kindliche Stimme, die ihn aufforderte, zur Kirche zurückzukehren und dort eine Messe zu lesen. Als er mit der Gemeinde am 24. August zur Kirche zurückkehrte, fanden sie die verkohlte Altarplatte mit einem Tuch bedeckt, worauf die drei vom Feuer nahezu unversehrten Hostien lagen; jede trug einen roten Blutstropfen. Nach der Messe nahm Calbutz die Hostien mit nach Lüben.

In der Folge kam es im Umkreis zu weiteren wundersamen Ereignissen. So brannten in der Lübener Kirche fünf Kerzen, von denen zwei während der Messe plötzlich erloschen. Die drei brennenden Kerzen wurden anschließend feierlich nach Wilsnack getragen, wobei sie weder niederbrannten noch trotz Windes erloschen. Bischof Dietrich II. von Havelberg reiste nach Wilsnack, um sich persönlich unterrichten zu lassen. Er las eine Messe, in der er eine vierte Hostie zu den drei Bluthostien legte, woraufhin sich die Blutflecken der drei Hostien vergrößerten. Diese Begebenheit wurden von weiteren anwesenden Klerikern bezeugt, worauf der Bischof ein Hostienwunder bescheinigte.

Im Zusammenhang mit dem Hostienwunder ereigneten sich auch im weiteren Umkreis wundersame Begebenheiten. So verspottete Ritter Dietrich Wenkstern die Hostien, worauf er augenblicklich erblindete und sein Augenlicht erst wieder erlangte, nachdem er Gott und die heilige Kraft der Hostien anbetete und einen jährlichen Bußgang nach Wilsnack gelobte. 1388 soll der westfälische Adlige Geismar Berthold von Hansen von Ritter Conrad Spiegel überfallen und gehenkt worden sein. Von Hansen erflehte die Hilfe der Wunderbluthostien und wurde, nachdem er nach einem halben Tag lebend am Galgen hing, von Ritter Conrad befreit und um Verzeihung gebeten; der Gerettete pilgerte nach Wilsnack.

Hochphase der Wallfahrten Am 20. Februar 1384 stellte Papst Urban VI. Wilsnack einen Ablassbrief zum Wiederaufbau des Ziegelbaus als Wallfahrtskirche aus. In der Folge verbreitete sich der Ruf des Blutwunders europaweit, und Wilsnack entwickelte sich zu einem der zentralen Wallfahrtsorte in Nordeuropa. Im Laufe des 15. Jahrhunderts stieg der Ort zu dem fünftbedeutendsten Wallfahrtsziel des christlichen Abendlandes auf, wodurch der Ort wirtschaftlich aufblühte. Im Jahr 1396 kamen in Havelberg gegossene PilgerzeichenAbbildung eines Wilsnacker Pilgerzeichens auf pilgerzeichendatenbank.de. in Wilsnack auf den Markt. Wilsnack war vor allem bei Böhmischen Pilgern als Wallfahrtsziel beliebt, worauf sich Jan Hus 1403 vehement gegen die Verehrung des Wunderblutes aussprach. Zu den Pilgern hatte 1433 auch die englische Mystikerin Margery Kempe gehört, die ihre Pilgerreise in ihrer autobiografischen Schrift The Book of Margery Kempe beschrieb. Ein Mitglied der Magdeburger Synode, der Theologe Heinrich Tocke, begutachtete 1443 die Bluthostien. Er stellte fest, dass nur noch ein Gemisch von Krümeln und Spinnweben vorhanden war. Der Havelberger Bischof Konrad von Lintorff setzte sich aber gemeinsam mit Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg, der den Franziskanertheologen Matthias Döring mit einer Stellungnahme beauftragte,Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Chronologischer Abriß der Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinzen von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Werl 1999, S. 167. und mit Unterstützung des Papstes gegen das aus Magdeburg angestrebte Verbot durch.

Papst Eugen IV. nahm 1447 in zwei Bullen positiv Stellung zum Wilsnacker Hostienkult. Ein niederländischer Adliger stiftete 1461 das Fenster im Nordquerschiff. Der Wunderblutschrein, das Fresko Christophorus, die farbigen Fenster, Altäre und Skulpturen stammen aus der Zeit nach 1460. Bei der Schauwand (Altarretabel) des Altars handelt es sich um ein Kompositretabel, dessen drei Bestandteile aus dem späten 14. bis frühen 16. Jahrhundert stammen.

Die Wallfahrtskirche diente den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Eisenzahn und Albrecht Achilles auch als würdiger Rahmen für wichtige Staatsgeschäfte. Dort fand 1440 eine Fürstenversammlung zur Stiftung des Schwanenordens statt, 1472 ein Treffen mit Christian I., dem König von Dänemark, und 1476 und 1479 Treffen mit norddeutschen Fürsten.Renate Veigel: Die Kirchen- und Rathausglocken im Stadtmuseum Berlin. In: Reiner Güntzer (Hrsg.): Jahrbuch Stiftung Stadtmuseum Berlin. Band VI 2000, Henschel-Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-89487-375-2, S. 93.

Die Zahl der Wallfahrer nahm ab 1517 mit der Reformation ab. Der Verlag des Lübeckers Steffen Arndes verbreitete 1520 Drucke der Wilsnacker Legende (Historia inventionis et ostensionis vivifici Sacramenti), ebenso ein Jahr später Ludwig Dietz in Rostock.Hartmut Kühne: „Ich ging durch Feuer und Wasser…“ Bemerkungen zur Wilsnacker Heilig Blut-Legende. Halle 1999,

Ende der Wunderblutverehrung Nach der Einführung der Reformation in der Mark Brandenburg 1539 fanden im Anschluss an evangelische auch katholische Gottesdienste statt. Der evangelische Pfarrer von Wilsnack, Joachim Ellefeld, war jedoch mit der Hostienverehrung nicht einverstanden. Entgegen der Anordnung des Stadtrats, sich nicht in katholische Belange einzumischen, drang Ellefeld mit zwei Helfern am Samstag, dem 5. Juni 1552, in die Sakristei ein, zerschlug die Monstranz und verbrannte die darin aufbewahrten Bluthostien. Er wurde zunächst durch das Havelberger Domkapitel auf der Plattenburg inhaftiert, dann aber auf Anordnung des Kurfürsten Joachim II. freigelassen und des Landes verwiesen. Während der mehr als 170 Jahre andauernden Wallfahrten reisten hunderttausende Pilger nach Wilsnack. Infolge der Hostienzerstörung ebbten die Pilgerströme im Laufe des 16. Jahrhunderts allmählich ab, dies verursachte den wirtschaftlichen Niedergang der Stadt.

Jüngere Geschichte 200 Jahre später (1782) beauftragte Friedrich Christoph von Saldern den Orgelbaumeister Adam Heinrich Rietze aus Magdeburg mit dem Bau einer Orgel. Im Krieg mit Frankreich diente die Kirche 1806 französischen Truppen als Lazarett. Im Jahr 1825 wurde in der Kirche der kleine Altar eingebaut, weil der große im Chor von der Gemeinde zu weit entfernt war. Auf Anordnung von Kronprinz Friedrich wurden 1881 die Buntglasfenster restauriert; ihre Inschriften verweisen auf die Königliche Glashütte zu Berlin. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Kirche von einer Bombe getroffen, die aber wohl nicht explodierte; die Einschlagstelle ist westlich des Querschiffes am Dach durch eine unterschiedliche Färbung der Dachziegel erkennbar.

Die Kirche war in der Endphase der DDR Schauplatz politischer Aktionen. Ab Oktober 1989 versammelten sich montags jeweils etwa tausend Menschen zu Friedensgebet und anschließendem Kerzenumzug, entsprechend den Montagsdemonstrationen in anderen Städten der DDR. Der erste Nachwende-Bürgermeister, Dietrich Gappa, wurde im Mai 1990 in der Kirche gewählt.Ev. Kirche St. Nikolai Bad Wilsnack, Schnell-Kunstführer Nr. 2125. Schnell & Steiner, Regensburg 1994, S. 37.

Das Bauwerk wurde im Jahr 2016 in das Denkmalpflegeprogramm National wertvolle Kulturdenkmäler aufgenommen, mit dem die Verantwortlichen vor Ort sieben Jahre lang Fördermittel für die Instandsetzung abrufen konnten. Mit den Mitteln konnte unter anderem das Tragwerk des Dachs stabilisiert werden, das durch seitliche Kippbewegungen in westliche Richtungen schadhaft geworden war. Für die neue Eindeckung des Dachs wurde eigens ein Biberschwanz entwickelt, dessen Formen sich optimal in die vorhandene Dachhülle einfügen. Außerdem wurde der Glockenstuhl stabilisiert, so dass nach einem Jahr Pause wieder das gesamte Geläut funktionstüchtig wurde. Am Südquerhaus errichteten Maurer einen neuen Staffelgiebel, dessen ursprüngliche Form nirgends dokumentiert war und umfangreiche Abstimmungsarbeiten zwischen allen Beteiligten erforderlich machte. Im nördlichen Querhaus wurden Fensterrippen ersetzt, die im 19. Jahrhundert mit einer der ersten Betonmischungen saniert worden waren. Diese waren mittlerweile brüchig geworden, so dass die hohen Fenster in großer Gefahr waren. Da diese Arbeiten erst im Zuge der Sanierungen zu Tage kamen, wurde das veranschlagte Budget überschritten. Hinzu kamen steigende Baustoffpreise, so dass bei der Sanierung des Kircheninnenraums Abstriche gemacht werden musste. Daher konnte nur die Wunderblutkapelle sowie die Sakristei saniert werden. In beiden Räumen sollen Fenster der japanischen Künstlerin Leiko Ikemura eingesetzt werden. Diese verbinden Elemente aus dem Mittelalter mit der Neuzeit. Bei der Sanierung der Sakristei kam ein bislang unbekannter Kellerraum zum Vorschein. Im Umfeld des Bauwerks entstand im Jahr 2021 außerdem im Gemeindehaus ein Pilger-Café. Das ehemalige Inspektorenhaus dient als Diakoniestation und Tagespflegestätte.Christian Richter, Joachim Purps, Anna Trapp: Endlich wieder das volle Geläut – Sieben Jahre Sanierung der Pilgerkirche St. Nikolai in Bad Wilsnack – (nur) erste Etappenziele sind erreicht, veröffentlicht in Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Offene Kirchen 2022, S. 61–63.

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