Die Psychosophische Gesellschaft wurde 1945 von Hermann Metzger in Zürich gegründet und 2009 aufgelöst. Der Verein bezweckte die Höherentwicklung des Menschen durch eine spirituell begründete Lebensform.
Geschichte Entstehung Zur Vorgeschichte der Psychosophischen Gesellschaft gehören mehrere Vereine und Gesellschaften: Die Schweizerische Kulturgesellschaft, gegründet 1943 in Zürich, bezweckte «die Förderung aller Bestrebungen, die eine kulturelle Höherentwicklung unseres Volkes im Sinne des biologischen Grundgedankens zum Ziele haben». Präsident war Franklin Bircher, Aktuar der Ökonom, Schriftsteller und Lebensberater Felix L. Pinkus. Sie organisierte Referate zur Führung des körperlichen und geistigen Lebens und war einer nationalen Identität verpflichtet. Pinkus leitete die Sektion für psychische Forschung, die sich auf paranormale Erscheinungen und telepathische Phänomene konzentrierte. 1944 lud Pinkus den Astrologen, Grafologen und Radiästhesisten Hermann Metzger zu einem Vortrag über intuitive Graphologie in die Kulturgesellschaft ein, fortan bestand ein enger Kontakt. Beide waren auch aktive Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft und der Loge Annie Besant. Metzger war zudem aktiv im Jupiterbund, einem Verein für Wissen und Wahrheit, der ab 1943 existierte. Mit Ausnahme der Theosophischen Gesellschaft bestanden diese Vorläufervereine nur wenige Jahre. Mit der Gründung der Psychosophischen Gesellschaft kam es zum Bruch zwischen Felix L. Pinkus und Hermann Metzger.
Die Psychosophische Gesellschaft wurde 1945 in Zürich von Hermann Metzger gegründet. Der Begriff Psychosophie (Weisheit über die Seele) war vom Anthroposophen Rudolf Steiner geprägt worden, dessen Lehre Metzger jedoch eigenwillig auslegte. Die Statuten des Vereins nannten als Ziel die Höherentwicklung des Menschen auf einer «spirituell begründeten, demokratischen Lebensform» und nahmen Bezug auf den französischen Okkultisten Éliphas Lévi. Die Gesellschaft wollte in Kursen, Vorträgen und Zusammenkünften in esoterischen Stuben und Logen Menschen die richtige und wahre Erforschung der Weisheitslehren des Altertums und der Neuzeit ermöglichen. Die Suche nach Wahrheit als Selbsterkenntnis und Selbsterlösung war der Kerngedanke des Vereins. Mitglied werden konnte jeder ernsthaft suchende Mensch, ein Austritt war jederzeit möglich.
Wachstum mini|Aleister Crowley (1875–1945) 1954 verlegte die Psychosophische Gesellschaft ihren Sitz nach Stein (Appenzell Ausserrhoden) ins Haus Schedlern, das dem Mitglied Annemarie Aeschbach gehörte. Schon seit Ende 1951 hatte Anita Borgert dort gewohnt – zusammen mit dem ausserehelichen Sohn Parcival, dessen Vater Hermann Metzger war – und den Ausbau der Liegenschaft zur Abteil Thelema vorangetrieben. Der Name bezieht sich auf die Utopie von François Rabelais von einem «Kloster des freien Willens», die ursprünglich allerdings satirisch gemeint war. Eine erste Abtei Thelema hatte der englische Magier und Okkultist Aleister Crowley 1920 in Cefalù auf Sizilien gegründet, wo die Thelemiten ihre Religion und insbesondere Sexualmagie praktizierten. Die Glaubenssätze der Thelemiten lauteten: «Tu was du willst, soll sein das Ganze von dem Gesetz» und «Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen».
Mit der Statutenrevision der Psychosophischen Gesellschaft von 1954 wurden vier Arbeitsausschüsse gebildet: 1. Thelema, freie Geistes- und Lebensschule, 2. Labor Thelema, 3. Komturei Thelema (OTO), 4. Gnostisch Katholische Kirche. Im Labor Thelema wurden Produkte wie das Komturbrot oder der Schwedenbitter hergestellt und vertrieben. Die Komturei Thelema war eng bezogen auf die Lehre von Aleister Crowley und nannte als seine geistige Grundlage den Ordo Templi Orientis (OTO), den Orientalischen Templerorden – 1962 rief sich dann Hermann Metzger selbst zum Nachfolger des verstorbenen OTO-Oberhaupts Karl Germer aus. In der Gnostisch Katholischen Kirche wurden Messen nach dem Ritus von Aleister Crowley zelebriert. Hermann Metzger schuf dazu eine eigene deutsche Fassung dieser gnostischen Messe, die er im Verlag der Psychosophischen Gesellschaft publizierte. 1962 konnte die Abtei eine eigene Glocke einweihen, die jeweils zu Sonn- und Festtagen läutete. Ab 1963 gehörte auch der Weltbund der Illuminaten unter das Dach der Psychosophischen Gesellschaft. Dieser Weltbund war im Geist des 1785 verbotenen Illuminatenordens um 1900 von Leopold Engel neu gegründet worden; 1963 übertrug Paul A. Kirchvogel das Amt des Präsidenten des Weltbundes der Illuminaten an Hermann Metzger, der den Ordenssitz von Berlin nach Stein verlegte. Nach dem Tod von Herbert Fritsche rief sich Hermann Metzger 1963 auch zum Patriarchen der Fraternitas Rosicruciana Antiqua aus, er unterhielt hauptsächlich zu den Rosenkreuzern in Südamerika Kontakte. Eine Delegation aus Maracaibo besuchte 1969 die Abtei Thelema. Mit der Aufnahme der Beamten der Zürcher Loge der Bauleute 1966 wurde auch noch die Tradition der Freimaurerei in die Psychosophische Gesellschaft integriert. Im Gegensatz zu anderen Orden nahm die Psychosophische Gesellschaft immer auch Frauen auf.
Zum Haus Schedlern kam in den 1960er-Jahren das benachbarte Haus Rose, das als Gastwirtschaft und Hotel ausgebaut wurde. Dort führte die Abtei Thelema einen Seminarbetrieb, organisierte aber auch öffentliche Veranstaltungen mit Kultur und Filmvorführungen. Zur reformorientierten Lebensweise gehörten biologischer Landbau, ein Biotop und eine Bienenzucht.
Krise Der deutsche Journalist und Regisseur Horst Knaut besuchte 1967 erstmals die Abtei Thelema für eine dreiteilige Sendung über Okkultistengemeinden, die 1968 im Ersten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. 1972 nahm Knaut erneut Kontakt auf, wurde von Hermann Metzger nach Stein eingeladen und im Rahmen dieses Besuchs nahm er auch an der Gnostisch Katholischen Messe teil. Im März 1972 veröffentlichte Horst Knaut in zwei deutschen Boulevardzeitschriften einen Sensationsbericht über die «Gruselmesse», in der «Sex verherrlicht wird» im Geist des «Hexenmeisters» Aleister Crowley. Das Thema wurde vom Boulevard breit ausgeschlachtet, dabei wurde auch eine Verbindung gezogen zwischen der Lehre Crowleys und den Ritualmorden der Manson Family, unter anderem 1969 an Sharon Tate. Die Abtei Thelema wehrte sich mit Gegendarstellungen, Beschwerden und schliesslich einer Klage wegen Verleumdung und Ehrverletzung gegen Horst Knaut. Nach einem langen Prozess wurde dieser erstinstanzlich nur wegen Gehilfenschaft zu übler Nachrede verurteilt, das Obergericht sprach ihn 1976 infolge Verjährung frei. Aufgrund der zahlreichen Presseberichte blieben in Stein immer mehr Gäste aus, das Gasthaus musste schliesslich geschlossen werden. Die Abtei entzog sich der Öffentlichkeit.
Auflösung Ab dem Prozess in den 1970er-Jahren nahmen die Mitgliederzahlen der Psychosophischen Gesellschaft kontinuierlich ab. Für interne Verwirrung sorgte auch die komplizierte Struktur mit der Psychosophischen Gesellschaft und den verschiedenen darunter vereinigten Orden. Hermann Metzger litt unter dem Statusverlust und Alkoholproblemen. 1985 erlitt er einen Herzinfarkt, 1987 einen Schlaganfall und war fortan rechtsseitig gelähmt. 1990 stürzte er in Stein und verstarb kurz darauf. Annemarie Aeschbach wurde seine interimistische Nachfolgerin, war aber in den Ordenskreisen nicht anerkannt. Der Ältestenrat versuchte, den Orden auf eine neue Grundlage zu stellen. Der Name Thelema wurde nicht mehr verwendet, vom Orientalischen Templerorden nahm man Abstand. Am Illuminatenorden und der Gnostisch Katholischen Kirche hielt Aeschbach jedoch fest, um das Lebenswerk Metzgers zu retten. Annemarie Aeschbach starb 2008. 2009 lösten sich die Psychosophische Gesellschaft, der Weltbund der Illuminaten und die Gnostisch Katholische Kirche auf.
Nachleben Annemarie Aeschbach hatte ihr Land und die Liegenschaften in Stein bereits 1995 in die Aeschbach-Stiftung eingebracht, die den Zweck hatte, Institutionen wie die Psychosophische Gesellschaft zu unterstützen. Nach Aeschbachs Tod 2008 verkaufte die Stiftung ihren Besitz und löste sich 2015 auf. Der Verkaufserlös ging an Stiftungen und öffentliche Institutionen. Die grosse Bibliothek der Psychosophischen Gesellschaft und das Archiv über die Gesellschaft und die zahlreichen Orden wurden der Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden übergeben. 110 Laufmeter Archivalien, 500 Objekte sowie gegen 8000 Bücher, Broschüren und Periodika aus Wissensgebieten wie Religionen, Okkultismus oder Heilen sind in der Kantonsbibliothek als Collectio Magica et Occulta zusammengefasst.
In den Jahren 2010 bis 2012 erschloss die Historikerin und Archivarin Iris Blum im Auftrag der Kantonsbibliothek die Sammlung und erstellte ein Inventar. Im Anschluss daran entstand das Buch Mächtig geheim. Einblicke in die Psychosophische Gesellschaft 1945–2009, das 2016 erschien. Darin arbeitet Blum die Geschichte der Psychosophischen Gesellschaft in enzyklopädischen Einträgen zu Lebensgeschichten und Tätigkeitsfeldern auf, ergänzt mit einer Bildstrecke aus der Fotosammlung im Archiv und persönlichen Reflexionen zu ihrer Arbeit.
2017–2018 zeigte das Appenzeller Volkskunde-Museum in Stein AR die Ausstellung Tu was du willst. Sinnsuche in Stein, kuratiert von Ina Boesch. Ausgestellt waren rituelle Gegenstände, Gewänder, Fotos und Produkte aus dem Labor, die das Leben und Wirken in der Abtei dokumentieren. In Videointerviews kamen ehemalige Mitglieder, Zugewandte und Aussenstehende zu Wort. Dazu entstand eine Begleitpublikation.
Organisation Die Psychosophische Gesellschaft war hierarchisch organisiert. Eintreten konnte jedermann, Mitglieder mussten sich dann aber durch Studium und Referate qualifizieren, um Grad um Grad weiter in das Geheimwissen eingeweiht zu werden. Zu den Mitgliederzahlen der Psychosophischen Gesellschaft geben die Protokolle der Generalversammlungen keine Auskunft. Das Oberhaupt der Gesellschaft war Hermann Metzger, der kleine innere Kreis bestand aus Anita Borgert, Annemarie Aeschbach und Anna Werder-Binder. Hermann Metzger (Peter Mano, Bruder Paragranus, 1919–1990) – Oberhaupt: Der gelernte Bäcker/Konditor aus Luzern musste krankheitsbedingt seinen Beruf aufgeben, wandte sich deshalb der Astrologie und Graphologie zu und eröffnete in Zürich das Studio Kosmos, in dem er Horoskope erstellte und astrologische Beratungen durchführte. Er vertiefte sich in Spiritismus, Magnetismus, Magie, Theosophie etc., kam durch die Bekanntschaft mit Felix L. Pinkus in Kontakt mit Geheimgesellschaften und gründete 1945 seine eigene: die Psychsosophische Gesellschaft. Er entwickelte eine rege Publikationstätigkeit für Zeitschriften und den eigenen Verlag und korrespondierte international mit Vertretern von esoterischen und okkultistischen Gemeinschaften. In Zürich und Stein zelebrierte Metzger Messen nach dem Gnostisch Katholischen Ritus. Zudem wurde er 1962 Oberhaupt des Orientalischen Templerordens, 1963 Präsident des Weltbundes der Illuminaten und rief sich 1963 zum Patriarchen der Fraternitas Rosicruciana Antiqua aus. Metzgers erste Ehe mit Stefanie Wiest wurde nach zwei Jahren geschieden. 1948 heiratete er Rösly Stricker (Schwester Mechala, 1909–1972), diese Ehe blieb kinderlos. Metzger hatte aber zwei aussereheliche Kinder mit Anita Borgert. Seine letzten Lebensjahre waren gekennzeichnet von Krankheit, 1990 verstarb er nach einem Sturz im Spital von Herisau.