Wackelkontakt ist ein Roman des österreichischen Schriftstellers Wolf Haas aus dem Jahr 2025. Als doppelter „Roman-im-Roman“ angelegt, bringt er zwei Protagonisten zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: einen süditalienischen Ex-Mafioso, den es auf seiner Flucht nach Wien verschlägt, und einen Wiener Trauerredner, der Puzzles und Mafia-Bücher liebt. Abwechselnd liest der eine ein Buch über den anderen, und ähnlich einem „Wackelkontakt“ springt die Erzählung zwischen ihnen hin und her, bis sie am Ende aufeinander zuläuft. M. C. Eschers Bild „Drawing Hands“ – zwei Hände, die einander zeichnen – fungiert einleitend als zentraler Handlungs- und Interpretationsbaustein. Im Roman vereinen sich Vorzüge der Brenner-Krimis, die Haas bekannt machten, mit denen seiner späteren „Non-Brenners“, wie Das Wetter vor 15 Jahren oder Verteidigung der Missionarsstellung.
Das Echo in den überregionalen deutschsprachigen Literaturfeuilletons war einhellig positiv. Mit einer Startauflage von 100.000 Exemplaren eroberte der Roman auf Anhieb Platz 3 in der Belletristik-Bestsellerliste des Spiegel, belegte anschließend sechs Wochen lang Rang 2Spiegel-Bestseller. In: Der Spiegel Nr. 4/2025, 18. Januar 2025, S. 107. und gehörte zu den fünf nominierten Werken für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik.
Inhalt Handlung Ein Wackelkontakt in einer oft benutzten, aber seit langem schadhaften Steckdose führt endlich dazu, dass Franz Escher, alleinstehender Wiener Trauerredner um die 50, den Elektriker bestellt. Die Wartezeit vertreibt er sich mit seinen einzigen beiden Leidenschaften: dem Legen von Puzzles und der Lektüre von Mafia-Büchern. Der Roman im Roman, den er liest, handelt von dem 21-jährigen Mafioso Elio Russo, der als Kronzeuge 27 Mafia-Bosse der Justiz ausgeliefert hat und nun nach drei Jahren Gefängnis darauf wartet, freizukommen und zu seinem eigenen Schutz mit neuer Identität zunächst in der Schweiz und dann in Deutschland unterzutauchen. Als Marko Steiner lässt er sich in Duisburg nieder; seine Werkstatt, in der er Fahrräder repariert und aus Altteilen neu zusammenbaut, wird bald zu einer der angesagtesten Insider-Adressen. Erst als er nach fünf Jahren seinem Grundsatz, den Handel mit italienischen Marken strikt zu verweigern, untreu wird, gerät er in eine bedrohliche Situation, sieht sich zum Ortswechsel genötigt und zieht nach Berlin. Auch dort erwirbt er sich, nunmehr auf E-Bikes spezialisiert, binnen kürzester Zeit einen glänzenden Ruf, und auch dort verletzt er eines Tages eins seiner Prinzipien, indem er der dringenden Bitte einer Frau, ihr Auto zu reparieren, nachgibt. Diesmal erwächst ihm daraus jedoch Gutes: Gabi, die Fahrerin, wird bald darauf seine Frau und Mutter einer gemeinsamen Tochter, Ala. Vier Jahre später ist es dann Gabi, die plötzlich auf einen sofortigen und radikalen Ortswechsel drängt. Die Wahl fällt auf Wien. Nach weiteren zehn Jahren verlangt die bis dahin pflegeleichte Ala, angeregt durch ihren Geschichtslehrer, von ihren Eltern Auskunft darüber, was beide selbst voreinander in stillem Einverständnis verheimlicht hatten: ihr Vorleben. Mit ausweichenden Antworten abgespeist, schnüffelt Ala in den Privatsachen ihres Vaters, ohne Merkwürdiges zu entdecken, mit Ausnahme eines Buches, das sie zu lesen beginnt und das ihr der wutentbrannte Eigentümer, als er sie in flagranti ertappt, vergeblich zu entreißen versucht.
Es ist dasselbe Buch, das er vor Jahren im Gefängnis zu lesen begonnen hatte, während er nachts sowohl auf seine Entlassung wartete als auch auf das einsetzende Schnarchen seines Mitinsassen Sven, von dem er glaubte, dessen eigentliche Mission sei nicht, ihm ein paar Brocken Deutsch beizubringen, sondern ihn zu töten. Dieser zweite Roman im Roman, ein Geschenk Svens, den er seither sporadisch weiter-, aber nie zu Ende gelesen hat, ist das Pendant zum ersten und handelt von dem Wiener Junggesellen Franz Escher, der darauf wartet, dass ein Elektriker kommt, um die überfällige Reparatur einer Steckdose vorzunehmen. Fatalerweise kostet sie den, der sie fachmännisch ausführt, das Leben, verursacht durch Escher, der – versehentlich, aber nicht zum ersten Mal – eine falsche Taste drückt, diesmal den Sicherungsschalter. Weder die Polizei noch die Elektrofirma hegen Argwohn gegenüber dem sich unschuldig gebenden Hausherrn und gehen von einem Arbeitsunfall aus. Sein Gewissen jedoch meldet Widerspruch an, weshalb er nun nach Wegen sucht, es zu beruhigen, ohne sich zugleich verdächtig zu machen. So braucht er für die Trauerrede, die er als nächstliegende Chance begreift, jemanden, der sie offiziell übernimmt und ihm dann, plausibel begründet, zuschanzt. Eine Kollegin, zu der er seit der gemeinsamen Studienzeit größere Nähe abwechselnd sucht und scheut, erklärt sich dazu bereit. Sie vermittelt ihm auch den Kontakt zur Witwe des Elektrikers. Dort empfangen, um Auskünfte einzuholen, versetzt ihn das, was er zu hören bekommt, in eine Achterbahn der Gefühle.
Jüngst sei ein Streit zwischen Vater und Tochter darin eskaliert, dass er die 14-Jährige geohrfeigt habe; nie zuvor habe sie, die Witwe, an ihm das leiseste Anzeichen von Gewaltbereitschaft bemerkt und hätte dies auch nie toleriert; sie selbst sei den Fängen ihrer patriarchalen Familie, die ihr mit 15 eine Kinderehe aufzwingen wollte, nur durch ein Zeugenschutzprogramm entkommen, was sie ihrem Mann wohlweislich verheimlicht habe. Dass auch er mit gefälschter Identität im Zeugenschutz lebte, habe er ihr gestanden, nachdem sein Ex-Clan ihm per Anruf mitgeteilt hatte, man habe seine Tochter, die nach dem Streit geflüchtet und offenbar auf väterliche Spurensuche gegangen war, in der Gewalt. Geschehen sei das am Vorabend seines Todes und erkläre seinen emotionalen Ausnahmezustand, in dem er morgens an die Arbeit gegangen sei in Eschers Wohnung. Dessen erster Impuls ist Erleichterung über sein nun nahezu perfektes Alibi und zugleich das Bedürfnis, der Witwe die Wahrheit zu sagen. Als er tags darauf die Höhe der Lösegeldforderung erfährt, entschließt er sich aber zu handeln, an Unmögliches zu glauben und nichts in seiner Macht Stehende unversucht zu lassen, was Ala retten könnte.
Thematik Der Unterhaltungswert von Wackelkontakt steht bisher im Urteil der Rezensenten obenan und wird von einigen in höchsten Tönen gelobt. Im Vergleich dazu spielt die Thematik kaum eine Rolle; in einem Fall wird bedauert, dass sie fehle. Dort, wo man darauf eingeht, wird als thematischer Schwerpunkt übereinstimmend das Problem der Identität genannt, die man vor allem an der Figur des Elio/Marko festmacht. Wolf Haas hat in mehreren Interviews bestätigt, dass ihn diese Frage schon seit Langem beschäftige: Identität im Widerspruch zum gegenwärtigen Trend, „authentisch“ sein zu wollen, sowie als „Konstrukt“ und „Behauptung“ – nicht nur in Bezug auf jemand, der unter falschem Namen lebt, sondern generell. Auf Eschers Hobby angesprochen, bekundet Haas, Puzzles interessierten ihn nur insoweit, als er in ihnen ein passendes Bild sehe, „wie man sich die Welt anzueignen versucht mit untauglichen Mitteln“.
Form Danach befragt, ob er der Form den Vorrang einräumt gegenüber dem Inhalt, antwortet Haas, als Leser wie als Autor, in der Regel mit einem eindeutigen Ja. Ein Buch müsse einen besonderen „Tonfall“ haben, damit es ihn zur Lektüre reizt, und beim Schreiben brauche er eine formale Idee, eine „Einengung“, um Spaß an der Arbeit zu haben.
Der ausgeprägte Formwille des Wiener Autors wird in mehreren Feuilletons, die das Erscheinen von Wackelkontakt begleiteten, mit Nachdruck gewürdigt. So kürt ihn Richard Kämmerlings zum „großen Roman-Tüftler der Gegenwartsliteratur“, und Andrea Gerk bewundert, dass Haas sich jedes Mal neu erfinde; nicht einmal in seinen Brenner-Krimis habe er ein Erfolgsrezept nach bewährtem Muster durchgezogen, doch sein neuer Roman Wackelkontakt habe noch einmal „eine Umdrehung mehr“.
Struktur Auf die ambitionierte Struktur seines Romans angesprochen, erklärte Haas wiederholt, sein Ausgangspunkt sei, wie auch bei anderen seiner Werke, zunächst eine sehr einfache Idee gewesen: ein Buch zu schreiben, „wo nach ein paar Seiten die Romanfigur ein Buch zur Hand nimmt und zu lesen beginnt“. Mit Absicht irritieren wollte er aber damit, dass sein Protagonist nicht nur einen Satz liest, sondern den Beginn einer ganz anderen Handlung. Da es ihn aber unwiderstehlich reize, bestehende Regeln zu brechen – die eigenen eingeschlossen –, verfiel Haas auf den eigentlichen „Dreh“ von Wackelkontakt, der darin besteht, dass auch die Hauptfigur der zweiten Handlung, Protagonist B, nach ein paar Seiten ein Buch zu lesen beginnt, das wiederum von Protagonist A handelt. Dies setzt sich nun stetig wechselnd fort, wovon jedoch beide ebenso wenig wissen wie davon, dass sie selbst in der Geschichte des Anderen vorkommen. Zumindest gilt das für den ersten Teil, überschrieben mit „Off“, gefolgt vom etwas kürzeren zweiten mit dem Titel „On“.
Um die Struktur von Wackelkontakt zu veranschaulichen, bedient man sich verschiedener Analogien: mit einem Möbiusband, mit einem Zopf sowie, im Buch selbst, mit (der Vorstellung von) den sich gegenseitig zeichnenden Händen auf dem Bild „Drawing Hands“ von M. C. Escher – eine Analogie, die Haas erst während des Schreibprozesses auffiel und die er dann prominent platzierte, samt Namensänderung, um Franz Eschers „Puzzlesucht“ zu begründen und um dem Leser eine Interpretationshilfe an die Hand zu geben.
Zeit Untrennbar verbunden mit der Struktur ist die Zeit. Allerdings verlaufen die beiden Handlungsstränge nicht nur auf verschiedenen Zeitschienen, sondern auch unterschiedlich schnell. Die erzählte Zeit des Franz-Escher-Romans beträgt ja nur ein paar Tage, die des anderen mehr als zwei Jahrzehnte. Zudem nähern sich beide Protagonisten, wenn sie die Geschichte des Anderen lesen, der Gegenwart von verschiedenen Seiten an: Escher von der Vergangenheit her, Elio/Marko hingegen aus der Zukunft kommend. Analog zu den Logikbrüchen in M. C. Eschers Bildern geraten dabei die Zeitebenen „ein bisschen durcheinander“, kommentiert Haas in einem Interview, sodass Dinge, die eigentlich später geschehen müssten, sich früher ereignen. Nicht zuletzt weckt die Tatsache, dass der Roman genau an dem Punkt endet, an dem er begonnen hat, die Vorstellung von einer Zeitschleife. Zugleich entspricht ihre Form dem in sich selbst endenden Möbiusband, auch Möbiusschleife genannt.
Selbstreferenz „Wir haben sowieso eine falsche Vorstellung von der Zeit“, bemerkt Escher im Smalltalk mit einer Bankangestellten. „Unsere Vorstellung ist zu linear. Wir glauben, es geht in eine Richtung. Man muss es sich aber wie eine Schleife vorstellen.“Haas: Wackelkontakt. Hanser, München 2025, S. 183. Spätestens in der Rückschau wird klar, dass der Text an dieser Stelle doppelt Bezug nimmt: auf der Handlungsebene zum Gedankengut einer Figur, auf der Metaebene zum Roman als Ganzes. Ein solches Verfahren, bei dem sich eine Aussage – allgemeiner: ein Begriff – auf sich selbst bezieht, bezeichnet man als Selbstreferenz, alternativ auch „Seltsame Schleife“, geprägt von Douglas R. Hofstadter in Gödel, Escher, Bach – einem Werk, das Matthias Zehnder in seiner Besprechung von Wackelkontakt als Einstieg und Bezugsrahmen verwendet. Weitere Beispiele für Selbstreferenzen finden sich in Wackelkontakt zur Genüge: zu Beginn das Escher-Bild der sich gegenseitig zeichnenden Hände, gegen Ende mehrere kurze Textpassagen wie die zuvor zitierte, deren Gesprächsgegenstand signalartig stets die Zeit ist.Haas: Wackelkontakt. Hanser, München 2025, S. 182, S. 195, S. 222 und S. 226.
Erzählperspektive