mini|S. 4: Evangelist Matthäus Liber Viventium heißt „Buch der Lebenden“ und bedeutet hier, als Buch der Benediktinerabtei Pfäfers im Kanton St. Gallen, erweitert „Buch des Lebens“ auf der Grundlage der vier Evangelien. Daher enthält der Liber Viventium ebenso wie der Liber aureus Bilder der Evangelisten und Texte aus den Evangelien. Im Liber viventium kommen Memorien hinzu zum Gedächtnis Lebender und Toter und Reliquien-, Schatz- und Bücherverzeichnisse des 9. bis 12. Jahrhunderts sowie Grundbesitz- und Traditionsurkunden des 11. bis 13. Jahrhunderts.Anton von Euw: Liber Viventium Fabariensis …, S. 11f.Lorenz Hollenstein: Der «Liber Viventium» …, S. 4.

Geschichte Der Liber Viventium ist zwar im frühen 9. Jahrhundert als ganzes Buch angelegt worden, und auch der bildliche Schmuck stammt aus dieser Zeit. Die Evangelistenbilder und -texte sind die ältesten Teile der Handschrift. Mit Texten ist die Handschrift jedoch über den langen Zeitraum von fünf Jahrhunderten erst allmählich vollgeschrieben worden.Lorenz Hollenstein: Der «Liber Viventium» …, S. 3. Der Liber Viventium lag vermutlich im Gottesdienst auf dem Altar, der Priester las daraus die Evangelientexte und für alle im Buch eingetragenen Klöster, Gemeinschaften und Einzelpersonen verrichtete er das Gebet für die noch lebenden und die verstorbenen Mitbrüder und Wohltäter. Das Buch war damit auch ein Instrument des Gebetgedenkens, der „Memoria“.Lorenz Hollenstein: Der «Liber Viventium» …, S. 5. Vom 12. Jahrhundert an wurde der Liber Viventium abgelöst von einem neuen Codex, der die gleiche Funktion hatte, dem Liber Aureus.

Technische Beschreibung Die Handschrift besteht aus 89 Blättern von Pergament aus Kalbshäuten im Format 310 × 205 mm. Die lateinischen Texte in rätischer Minuskelschrift stehen vorwiegend zu 30 Zeilen zweispaltig in einem Schriftspiegel ca. 240 × 160/170 mm. Den ältesten Teil hat eine einzige Künstlerhand geschrieben und auch ausgemalt, wohl ein Räter, vielleicht ein Pfäferser Mönch. Der ursprüngliche Einband ist nicht erhalten. Die Handschrift erhielt wahrscheinlich um 1590 einen neuen Ledereinband mit der Inschrift In isto tomo continentur vivorum nec non defunctorum benefactorum nomina a quo liber viventium dictus.Anton von Euw: Liber Viventium Fabariensis …, S. 19. Der Buchblock wurde z. T. beschnitten, was vermutlich bei dieser Neubindung geschah.

Inhalt Die Handschrift enthält für jeden Evangelisten ein Bild, die Lesungen aus dem entsprechenden Evangelium (Perikopen) und daran anschließend unter Doppelarkaden Verbrüderungs- und Wohltäterlisten sowie Verzeichnisse, Urkunden und Rechtstexte. Die Verbrüderungslisten umfassen insgesamt annähernd 4500 Namen. Im 9. und 10. Jahrhundert waren Doppelarkaden ein visuelles Charakteristikum und Leitmotiv von Evangelienbüchern. Wenn eine derartige Arkadenstruktur in anderem Zusammenhang auftrat, wurde damit ein Bezug auf die Evangelien hergestellt.Susanne Wittekind: The Mutable Iconography of Canon Tables, S. 220. Seite1–3Reliquienverzeichnisse; Dedikationskalender von Altären und Kirchen; Notiz über die Bischofsgastung; Schatz- und Bücherverzeichnis4Symbol des Evangelisten Matthäus; Traditionsurkunde5–20Texte aus dem Matthäus-Evangelium21–51Namen von Mönchen, Äbten, Viktoriden, Praesides und Bischöfen; Grundbesitzurkunden; Statut zur Klosterverwaltung; Statut über Schafabgaben; Rechte des Marschallamts in Ragaz; Traditionsurkunde; Gedächtnis für Reginwart; Zinsverzeichnis; Grundbesitzurkunde52Bildseite mit dem Symbol des Evangelisten Markus53–64Texte aus dem Markus-Evangelium65–93Verschiedene Namenslisten; Zinsverzeichnis Untervaz, Tuchverzeichnis Ragaz, Hofrecht von Quarten; Traditionsurkunde; Grundbesitzurkunden; Rechte des Meierhofs Chur; Verbrüderungen; Kolonienverzeichnisse94Bildseite mit dem Symbol des Evangelisten Lukas95–110Texte aus dem Lukas-Evangelium111–143Verschiedene Namenslisten; Rechte der Ministerialen im Untervaz; Rechte des Meierhofs Ragaz; Schatz- und Bücherverzeichnisse; Traditionsurkunde; Mönchsgelübdenotiz; Hofrecht von Mels144Bildseite mit dem Symbol des Evangelisten Johannes145–164Texte aus dem Johannes-Evangelium165–178Kolonienverzeichnis; Zinslehenseinkünfte; Grundbesitzurkunden; Namensliste; Schatz- und Bücherverzeichnisse; Traditionsurkunden; Statut über das Hirtenamt in Vättis; Umfang der Churer Bischofsgastung

mini|S. 24: Doppelarkaden mit Namen der Karolinger, um 820

Buchschmuck Die Evangelisten werden in ganzseitigen Abbildungen mit ihren Symbolen gezeigt. Die Seiten mit Listen, Verzeichnissen und Rechtstexten zeigen Doppelarkaden. Dabei fällt auf, dass bei jedem Seitenpaar die Doppelarkaden das gleiche Farbschema und gleiche Ornamente zeigen. Die erste Doppelarkade ist stilistisch dem Stil der Evangelistenbilder angeglichen.Anton von Euw: Liber Viventium Fabariensis …, S. 107.Susanne Wittekind: The Mutable Iconography of Canon Tables, S. 222. Die Initialen des Liber Viventium sind Federzeichnungen in Tinte, schattiert mit Minium und Gelb sowie pergamentausgespart oder Federzeichnungen in Minium, schattiert mit Gelb, ggf. pergamentausgespart. Sie zeigen Menschen-, Hunds- und Vogelköpfe, Flechtband, Ranken, vegetabile Elemente und geometrische Muster.

Literatur Albert Bruckner, Hans Rudolf Sennhauser, Franz Perret (Hrsg.): Liber Viventium Fabariensis – Stiftsarchiv St. Gallen Fonds Pfäfers Codex I. Faksimile-Edition. Alkuin, Basel 1973. Anton von Euw: Liber Viventium Fabariensis – Das karolingische Memorialbuch von Pfäfers in seiner Liturgie- und kunstgeschichtlichen Bedeutung (= Werner Vogler (Hrsg.): Studia Fabariensia – Beiträge zur Pfäferser Klostergeschichte, Band 1). Franke, Bern/Stuttgart 1989, ISBN 3-317-01654-X. Lorenz Hollenstein: Der «Liber Viventium» - Ein mittelalterliches Prunkstück aus dem Kloster Pfäfers. In: Terra plana – Zeitschrift für Kultur, Geschichte, Tourismus und Wirtschaft. 1 (2005), 3–6. PDF, identischer Text, ergänzt um weitere Abbildungen P. Iso Müller, Carl Pfaff: Thesaurus Fabariensis: Die Reliquien-, Schatz- und Bücherverzeichnisse im Liber Viventium von Pfäfers. Staatsarchiv St. Gallen Verlag, St. Gallen 1985, ISBN 978-3-908048-04-6. Jurot Romain, Rudolf Gamper (Mitarb.): Katalog der Handschriften der Abtei Pfäfers im Stiftsarchiv St. Gallen. In: Studia Fabariensia, Band 3, S. 81–83 PDF Werner Vogler: Der Liber Viventium von Pfäfers – Eine Einführung. In: Iso Müller, Carl Pfaff (Hrsg.): Thesaurus Fabariensis. Die Reliquien-, Schatz- und Bücherverzeichnisse im Liber Viventium von Pfäfers (= St. Galler Kultur und Geschichte, Band 15). S. 7–12. Christoph Eggenberger: Der künstlerische Schmuck des Liber Viventium von Pfäfers. In: Werner Vogler (Hrsg.): Die Abtei Pfäfers. Geschichte und Kultur. Eine Ausstellung des Stiftsarchivs St. Gallen 1983. Katalog. St. Gallen 1983, ISBN 3-905222-17-5, S. 38–48.

Susanne Wittekind: The Mutable Iconography of Canon Tables. In: Alessandro Bausi, Bruno Reudenbach, Hanna Wimmer (Hrsg.): Canones: The Art of Harmony - The Canon Tables of the Four Gospels (= Studies in Manuscript Cultures, Bd. 18). De Gruyter 2020, ISBN 978-3-11-062576-9, Open Access, S. 209–250

Für eine ausführliche Literaturliste siehe

Weblinks Digitalisat bei www.e-codices.ch

Einzelnachweise

Kategorie:Bilderhandschrift (9. Jahrhundert) Kategorie:Rechtsquelle (Heiliges Römisches Reich) Kategorie:Stiftsbezirk St. Gallen Kategorie:Evangelistar