Walther Wünsch (* 23. Juli 1908 in Gablonz; † 24. Februar 1991 in Graz) war ein österreichischer Musikwissenschaftler, Hochschullehrer, Musikpädagoge, Musikschuldirektor, Violinist und Bratschist.

Leben und Wirken Walther (Walter) Wünsch wurde am 23. Juli 1908 als Sohn des Beamten Heinrich Wünsch und dessen Ehefrau Ottilie in der damals zum Königreich Böhmen gehörenden Stadt Gablonz geboren und studierte, nach erfolgreichem Schulabschluss, von 1928 bis 1933 unter Gustav Becking Musikwissenschaft und Volkskunde an der Deutschen Karls-Universität Prag und promovierte am 26. Juni 1933 mit der Dissertation Die Geigentechnik der südslawischen Guslaren zum Doktor der Philosophie. Ebenfalls zu dieser Zeit studierte er auch Violine, Komposition und Musikerziehung an der Deutschen Musikakademie Prag. Danach fungierte er von 1933 bis 1935 als Universitätsassistent an der Prager Universität, arbeitete in gleicher Funktion von 1935 bis 1938 an der Universität der Künste Berlin und wurde 1939 an die Staatliche Hochschule für Musikerziehung in Graz-Eggenberg berufen (siehe auch Abschnitt „Karriere im Nationalsozialismus“). Im Jahr 1941andere Quellen zufolge 1943. habilitierte er sich an der Universität Wien und nahm in den Jahren von 1940 bis 1945 am Kriegsgeschehen des Zweiten Weltkriegs teil. Nach Kriegsende war Wünsch Solobratschist im Funkorchester der Sendergruppe Alpenland und im Grazer Philharmonischen Orchester und war zugleich Primarius (1. Geiger) eines nach ihm benannten Streichquartetts. Darüber hinaus engagierte er sich in der Volksmusikpflege und dabei vor allem für das offene Singen.

Von 1951 bis 1958 trat er als Direktor der Musikschule von Gratkorn in ErscheinungGeschichte der Musikschule Gratkorn, abgerufen am 28. Jänner 2025., nachdem er dort bereits seit 1949 gelehrt hatte.80 Jahre Musik/Kunst Schule Gratkorn (1943–2023), abgerufen am 28. Jänner 2025. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau Maria Valzachi kennen, die die Musikschule bereits seit 1948 leitete und die er 1950 heiratete (siehe auch Abschnitt „Biografische Widersprüche“). Nachdem Walther Wünsch ab 1958 am Steiermärkischen Landeskonservatorium, das 1963 in die Akademie für Musik und darstellende Kunst sowie die Landesmusikschule aufgeteilt wurde, lehrte, übernahm erneut seine Ehefrau die Leitung der Gratkorner Musikschule, die sie bis 1971 führte. Seine Ehefrau hatte einst an der damaligen Landesmusikschule in Graz als Professorin unterrichtet und war einige Zeit nach Kriegsende vom damaligen Gratkorner Bürgermeister Willibald Partbauer mit dem Wiederaufbau der Musikschule betraut worden. Aus der Musikakademie, an der Walther Wünsch ab 1958 lehrte, entstand die Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz, an der Wünsch ab 1968 sogar eine ordentliche Hochschulprofessur innehatte.

Nachdem er bis 1974 den Vorstand des Instituts für Musikalische Folklore (auch Institut für Musikfolklore; ab 1968: Institut für Musikethnologie; seit 2009: Institut für Ethnomusikologie) bekleidet hatte, emeritierte er 1978 als Hochschullehrer. Außerdem war er zwischen 1964 und 1971 Stellvertreter des Akademiegründers Erich Marckhl. Wünsch etablierte eine musikethnologische Forschungstradition, die sich unter seiner Leitung vor allem auf die österreichische Volksmusik und speziell auf die Musik der Südslawen konzentrierte. So verfasste er zeitlebens auch zahlreiche Aufsätze zur Musik des Balkans und der Steiermark. Nachfolger Wünschs als Ordinarius für Musikethnologie wurde Wolfgang Suppan, der in dieser Funktion 2001 emeritierte. Ab 1960, nach seiner zweiten Habilitation an der Universität Graz, lehrte Wünsch dort bis 1981 im Fach Musikethnologie. In der Personenstandsliste der Universität Graz für das Wintersemester 1976/77 scheint er beispielsweise als Universitätsdozent und tit. ao. Professor für Musikethnologie (Musikethnologische Vorlesung und Proseminar) auf.Personenstandsliste der Universität Graz WS 1976/77, abgerufen am 28. Jänner 2025.

Wünsch wurde im Laufe seines Lebens vielfach geehrt; so erhielt er etwa 1939 den Orden der Krone von Jugoslawien. 1974 wurde ihm das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse zuteil und 1981 erhielt er von der Universität Graz die nur einmal im Jahre vergebene pro-meritis-Medaille verliehen.

Am 24. Februar 1991 starb Wünsch im Alter von 82 Jahren in Graz.

Karriere im Nationalsozialismus

Mit 1. November 1938 trat Walther Wünsch in die NSDAP ein.NSDAP-Gaukartei (R 9361 - IX), Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde. 1939 wurde er an die von den Nationalsozialisten gegründete Reichshochschule für Musikerziehung in Graz-Eggenberg berufen, an der er als Dozent für Musikgeschichte und als Büchereileiter wirkte.Helmut Brenner, Musik als Waffe? Theorie und Praxis der politischen Musikverwendung, dargestellt am Beispiel der Steiermark 1938-1945, Graz 1992, S. 255. Als Musiker spielte Wünsch regelmäßig mit anderen NSDAP-Parteimitgliedern zusammen, etwa dem Salzburger Mozart-QuartettGrazer Volksblatt vom 24. Februar 1939, S. 9. in der Besetzung Norbert Hofmann (NSDAP-Mitgliedsnummer 6.268.074), Josef Schröcksnadel (NSDAP-Mitgliedsnummer 6.282.482), Karl Stumvoll und Wolfgang Grunsky (NSDAP-Mitgliedsnummer 6.302.406).NSDAP-Gaukartei (R 9361 - IX), Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde). 1940 war Wünsch erster Geiger im Gebietsquartett der Hitlerjugend (HJ),Fred K. Prieberg, Handbuch Deutsche Musiker 1933-1945, 2. Ed., (CD-Rom), S. 5331. dessen Besetzung mit Walther Wünsch, Helga Reiser, Herta (Hertha) Günthert, Paul Prohazka (Prohaska) identisch mit dem Wünsch-Quartett war.Harald Kaufmann, Eine bürgerliche Musikgesellschaft. 150 Jahre Musikverein für Steiermark, Graz 1965, S. 134.

Biografische Widersprüche

Der im Namensartikel im Österreichischen MusiklexikonAlexander Rausch: Wünsch, Walther. In: Oesterreichisches Musiklexikon online, 13. September 2021, doi:10.1553/0x0001e74b. behaupteten Kriegsteilnahme von 1940 bis 1945 widerspricht, dass Wünsch laut dem Steirischen Musiklexikon bis zur Auflösung der Reichshochschule für Musikerziehung Graz-Eggenberg im Jahr 1945 dort Dozent war.Wolfgang Suppan (Hrsg.), Steirisches Musiklexikon, 2. Auflage, Graz 2009, S. 787. An der Grazer Reichsmusikhochschule lernte er auch seine spätere Frau Maria Valzachi kennen, die Studentin der Abteilung S 3 war.Nachlass Felix Oberborbeck (ehem. Leiter der Reichshochschule für Musikerziehung Graz-Eggenberg), Archiv der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Adressliste Oberborbeck B. Weiters nahm Wünsch im Juni 1941 als Musiker am „Tag der Musik“ in Judenburg/Steiermark teil, zusammen mit einer Reihe weiterer stark nationalsozialistisch orientierter Musiker wie Ludwig Kelbetz, Felix Oberborbeck oder Konrad Stekl.Murtaler Zeitung vom 4. Juni 1941, S. 7. 1943 ist Wünsch im Adressbuch von Graz sowohl als Dozent der Reichshochschule für Musik Graz-Eggenberg, als auch als Mitglied des Lehrkörpers der Steirischen Landesmusikschule verzeichnet.Adressbuch von Graz 1943, https://www.findbuch.at/files/content/adressbuecher/1943_dr_graz_ab/6__Arbeitseinsatz,_Archive,_Auskunftstellen,_Bauwesen,_Bildung,_Feuerloeschwesen,_Aerzte_und_Anstalten.pdf, abgerufen am 11. April 2026.

Funktionierende Netzwerke ehemaliger Nationalsozialisten nach 1945

Walther Wünsch blieb auch nach 1945 in engem Kontakt mit ehemaligen NS-Musikern und NS-Musikfunktionären. 1947 spielte das Wünsch-Quartett in ursprünglicher Besetzung bei einer Gedenkfeier für den NS-Musikfunktionär Ludwig Kelbetz (1905–1943) in Graz.Eggenberger Chronik Nr. 12, Nachlass Felix Oberborbeck, Archiv der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Signatur Oberborbeck 20. Bei der Neuformierung des steirischen Volksliedwerks im Jahr 1947 gehörte Wünsch zu den Gründungsmitgliedern, zusammen mit politisch stark Belasteten wie Franz Maria Kapfhammer, Ernst Ludwig Uray, Erich Marckhl oder Otto Krischke.Musik in der Steiermark, Katalog der Landesausstellung, hsg. von Rudolf Flotzinger, Graz 1985, S. 163f. 1960 organisierte Wünsch ein Treffen ehemaliger Dozenten der Reichsmusikhochschule für Musikerziehung Graz-Eggenberg, zusammen mit Walter Kainz (NSDAP-Mitgliedsnummer 9.006.663), Karl Romich (NSDAP-Mitgliedsnummer 6.109.357) und Franz Uhl (NSDAP-Mitgliedsnummer 7.844.688)NSDAP-Gaukartei (R 8361 - IX), Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde) im steirischen Hirschegg.Brenner, S. 256 An der Akademie für Musik und darstellende Kunst (heute Universität für Musik und darstellende Kunst Graz) war Wünsch in den 1960er Jahren Stellvertreter des Leiters und ehemaligen NS-Musikfunktionärs Erich Marckhl (NSDAP seit 1933). In seinen Lebenserinnerungen bezeichnet Marckhl Wünsch als engen Freund.Erich Marckhl: Bericht über mein Leben IV, Archiv der Kunstuniversität Graz, Teilnachlass Marckhl, Sig. UAKUG_TEM_B01_H04_03, S. 4a.

Schriften (Auswahl) 1933: Die Geigentechnik der südslawischen Guslaren (Dissertation; gedruckt 1934) 1937: Heldensänger in Südosteuropa 1957: Hirtenlieder und Tänze aus dem Südosten. In Musizierfolgen für Sopran-Blockflöte und allerlei Begleitinstrumente oder für Blockflötenchor. In: Zeitschrift für Spielmusik 223 1958: Der Brautzug des Banović Michael. Ein episches Fragment 1960: Habilitationsschrift 1966: Volksmusik Südosteuropas. Beiträge zur Volkskunde und Musikwissenschaft anläßlich der 1. Balkanologentagung in Graz 1964 1967: Grazer und Münchener Balkanologische Studien. Zweite Grazer Balkanologen-Tagung 1966 1968: Das romanische Element am Balkan. III. Grazer Balkanologen-Tagung 1968 1984: Die Streich. Geigenmusik aus alten steirischen Spielmannsbüchern (ausgewählt von Walther Wünsch für Streichquartett und obligate Gitarre, gesetzt von Karl Frießnegg)

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl) 1939: Orden der Krone von Jugoslawien 1974: Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse 1981: pro-meritis-Medaille der Universität Graz

Weblinks

Walther Wünsch in der Datenbank Studenti pražských univerzit 1882–1945.

Einzelnachweise

Kategorie:Träger des österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst Kategorie:Hochschullehrer (Universität für Musik und darstellende Kunst Graz) Kategorie:Hochschullehrer (Universität Graz) Kategorie:Musikwissenschaftler Kategorie:Musikpädagoge Kategorie:Pädagoge (20. Jahrhundert) Kategorie:Schullehrer Kategorie:Schulleiter (Steiermark) Kategorie:Geiger Kategorie:Bratschist Kategorie:Person (Jablonec nad Nisou) Kategorie:Person (Gratkorn) Kategorie:Person (Cisleithanien) Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1908 Kategorie:Gestorben 1991 Kategorie:Mann