mini|Die historische St. Louis vor Havanna

Die Reise der Verlorenen ist ein Schauspiel in drei Teilen von Daniel Kehlmann, das am 6. September 2018 unter der Regie von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt in Wien uraufgeführt wurde. Das Stück ist eine Dramatisierung des englischen Tatsachenromans Das Schiff der Verdammten (1974) von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts und dokumentiert die Irrfahrt der St. Louis im Jahr 1939, bei der nahezu tausend jüdische Flüchtlinge aus Hitlerdeutschland vergeblich versuchten, Aufnahme in Amerika zu finden. Kehlmann nahm damit implizit Stellung zur Flüchtlingskrise seit 2015. Gattungsgeschichtlich weist das Drama Merkmale des dokumentarischen Theaters und des epischen Theaters in der Tradition Bertolt Brechts auf.

Inhalt Das Stück hat 30 Rollen: 23 für Herren, 4 für Damen und 3 für Kinder. Doppelbesetzungen sind möglich. Da es auf historischen Begebenheiten basiert, kommen auch bekannte Politiker wie Federico Laredo Brú, Fulgencio Batista, Cordell Hull, Henry Morgenthau und Joseph P. Kennedy vor.

Erster Teil: Die Reise mini|Kapitän Gustav Schröder

Zu Beginn stellt sich der Nazi Otto Schiendick, der Bösewicht des Stücks, vor. Er ist Steward in der zweiten Klasse und Ortsgruppenleiter der NSDAP auf dem Schiff St. Louis. Den letzten Kapitän, der sich abfällig über Hitler geäußert hat, hat er ins Konzentrationslager gebracht. Schiendick betont die Historizität des Dargestellten:

Im Büro der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) beklagt sich Gustav Schröder, der Kapitän der St. Louis, beim Direktoren Holthusen darüber, dass sein Schiff von Nazis unterwandert werde. Als der ihm eröffnet, er müsse tausend jüdische Flüchtlinge nach Amerika bringen, warnt er besonders vor Stewart Schiendick. Holthusen will davon nichts hören.

Am Hamburger Hafen stellen sich einige Passagiere vor. Das wohlhabende Ehepaar Babette und Fritz Spanier, letzterer ein berühmter Arzt, ist mit den zwei Töchtern von einem Freund, der bei der SS ist, hergefahren worden. Der Hebräischlehrer Aaron Pozner war im KZ Dachau. Seine Frau und ihre zwei Kinder müssen sich versteckt halten, aber das Geld reichte nur für seine Reise. Er will sie später nachholen.

Der Anwalt Max Loewe war ebenfalls im Lager. Er ist skeptisch, dass ihm die Flucht mit seiner Gattin Elise gelingen soll. Es wird klar, dass es sich bei der Reise um eine Aktion der deutschen Propaganda handelt. Ein Fotograf des Propagandaministeriums wird von Schröder verjagt.

Holthusen prahlt damit, welchen Profit er mit den Flüchtlingen macht. Jeder Jude muss stets ein Rückfahrtticket kaufen, obwohl er selbstverständlich nie mehr zurück will. Das Reichssicherheitshauptamt unter Adolf Eichmann hat der HAPAG schon zweimal zuvor erlaubt, Juden auszufahren. Morris Troper, Europadirektor des American Jewish Joint Distribution Committee, ruft ihn aus London an und erkundigt sich, ob er sicher sei, dass das Schiff in Kuba anlegen dürfe. Holthusen sieht keine Probleme. Herbert Emerson vom Intergovernmental Committee on Refugees (im Stück: „Internationales Komitee für politische Flüchtlinge“) bestätigt Troper, dass es bei so vielen Flüchtlingen wohl Probleme mit Kuba geben werde. In der letzten Szene informiert Kapitän Schröder den Kellner Leo Jockl über Gerüchte, dass er insgeheim ein Jude sei. Er versichert ihm, dass er sein Geheimnis niemandem verraten werde, und rät ihm, ebenfalls in Kuba zu bleiben. Jockl sieht sich trotz seiner jüdischen Herkunft als Deutscher und will Deutschland nicht verlassen. Sodann weist Schröder Schiendick zurecht, die jüdischen Passagiere nicht länger zu belästigen.

Zweiter Teil: Havanna Noch vor der Ankunft in Havanna unterhält sich Jockl mit Pozner und fragt ihn dabei nach seinen Erlebnissen im Konzentrationslager. Am Schluss des Gesprächs sagt ihm Pozner, er sei keiner von ihnen und könne nicht verstehen, was ihnen angetan werde. Jockl bleibt erschüttert zurück. Indessen ruft Schröder, der bereits Probleme in Kuba vorausahnt, Fritz Spanier zu sich. Er bittet ihn als künftigen „Ansprechpartner“ um Mithilfe und regt an, ein Komitee unter den Passagieren zu gründen. Die anderen Passagiere schwanken zwischen Hoffnung und Angst. Als sie Kuba bereits sehen, stellen sie entsetzt fest, dass das Schiff nicht anlegt.

mini|Federico Laredo Brú, kubanischer Präsident In der Zwischenzeit laufen im Hintergrund rege Verhandlungen über ihr Schicksal. Der korrupte kubanische Einwanderungsminister Manuel Benítez hat für viel Geld selbst erfundene und damit nutzlose „Landegenehmigungen“ verschachert, obwohl der Präsident Laredo Brú per Dekret untersagt hat, weitere Flüchtlinge aufzunehmen – über die HAPAG auch an die Passagiere der St. Louis. Bei einer Schmiergeldübergabe verlangt er von Luis Clasing, dem Direktor der kubanischen Zweigstelle der HAPAG, eine Viertelmillion, um auch den Präsidenten zu bestechen und ordentliche Visa zu erhalten. Der lehnt entrüstet ab. Benítez versichert, die Flüchtlinge könnten dennoch unbehelligt an Land gehen. Präsident Brú verteidigt seine Politik. Kuba könne nicht immer mehr Flüchtlinge aufnehmen und habe nicht genügend Ressourcen, um sie zu ernähren. Außerdem streue die deutsche Propaganda antisemitische Gerüchte im Land, die Stimmung sei gegen eine Aufnahme und er bange um seine Wiederwahl. Benítez versucht ihn zu überreden, für die Flüchtlinge der St. Louis eine Ausnahme zu machen. Da aber kein finanzielles „Angebot“ vorliegt, weigert sich Brú. Benítez beteuert Clasing abermals, die Passagiere könnten dank seiner „Landegenehmigungen“ trotzdem von Bord. Später informiert Brú Clasing telefonisch, dass die St. Louis nicht anlegen, sondern lediglich an der Reede vor Anker gehen und neue Vorräte aufnehmen dürfe. Benítez beschwichtigt weiterhin. Clasing dringt in Schröder, mit den Passagieren wieder nach Deutschland zurückzufahren, schließlich habe er seinen Auftrag erfüllt. Der weigert sich zornig. Er sei „verantwortlich für die Passagiere dieses Schiffes. Und zwar genau so lange, bis sie alle das Schiff am Zielhafen sicher verlassen haben.“Daniel Kehlmann: Die Reise der Verlorenen. 2024, S. 42. Der kubanische Außenminister Juan Remos appelliert an Brús Menschlichkeit und warnt vor der schlechten Presse, die die Affäre in den USA nach sich ziehen werde. Brú sieht sich aber außerstande, etwas zu unternehmen. Ein weiteres Dilemma zeigt sich: Die graue Eminenz des Landes, General Fulgencio Batista, hat sich bislang nicht zur Causa geäußert.

Während die St. Louis mit ungewisser Zukunft vor Havanna liegt, entfalten sich zwei weitere mit ihr verknüpfte Handlungsstränge. Der Hautarzt Max Aber konnte bereits zu einem früheren Zeitpunkt flüchten und wartet nun auf Kuba auf sein US-Visum. Er hat sein ganzes verbliebenes Geld dafür aufgewendet, seinen beiden einer Mischehe entsprungenen Mädchen Evelyne und Renata kubanische Visa zu verschaffen und sie mit der St. Louis zu sich zu holen. Bei Ankunft des Schiffes gelingt es ihm heranzufahren und die allein reisenden Kinder kurz zu sehen. Babette Spanier überprüft, dass sie ein Visum haben. Als Aber den Verteidigungsminister Rafael Montalvo um Hilfe bittet, schickt der ihn mit seinem Schergen Gomez zu Benítez. Der ist zunächst störrisch, Gomez bedroht ihn aber mit Waffengewalt, woraufhin er eine Genehmigung unterzeichnet. Aber kann seine Kinder auf dem Schiff abholen.

Clasings Vize Robert Hoffman ist der Leiter der deutschen Abwehr auf Kuba und muss Schiendick, der ebenfalls Geheimagent ist, unbedingt drei Mikrofilme zu Spionagezwecken aushändigen.

Bei seinem Versuch, an Bord zu gelangen, wird er von einem Polizisten brüsk abgewiesen. Daraufhin zwingt er Schröder, der Besatzung Landurlaub zu gewähren, bei dem er die Materialien schließlich überreichen kann. Schiendick schwärzt bei der Übergabe Schröder und Jockl an.

Unterdessen spitzt sich die Lage an Bord zu. Schiendick und seine Nazi-Gesellen schlagen Pozner brutal zusammen und verwüsten seine Kabine. Schiendick höhnt, er werde bald wieder ins Konzentrationslager zurückkehren. Max Loewe unternimmt einen Selbstmordversuch. Er schneidet sich die Pulsader auf und stürzt sich ins Meer, wird aber von Kubanern gerettet und ins Krankenhaus gebracht. Damit kann er, getrennt von seiner Frau Elise, die nicht zu ihm gehen darf, bleiben.

mini|Joshua Butler Wright, US-Botschafter in Kuba Der US-amerikanische Botschafter in Kuba Joshua Butler Wright unternimmt einen letzten Versuch, die Flüchtlinge doch noch landen zu lassen, und macht Remos im Namen von Franklin D. Roosevelt bittere Vorwürfe. Remos regt an, die USA könnten sie doch aufnehmen, was Wright ablehnt. Sein Land habe schon genug Probleme mit Immigranten. An einer Kabinettssitzung wird einstimmig beschlossen, die Aufnahme zu verweigern. Benítez’ lauer Protest wird von Brú abgeschmettert. Lawrence Berenson, Anwalt des Joint Distribution Committee, schlägt Brú darauf vor, den Passagieren auf der Gefängnisinsel Isla de Pinos („Pinieninsel“) vorläufiges Refugium zu gewähren. Brú ist nicht abgeneigt, verlangt aber die sofortige Ausreise des Schiffes aus kubanischem Hoheitsgebiet und hinlängliche finanzielle Garantien. Schröder versucht in Zivil zu Brú und zum deutschen Botschafter vorzudringen, wird aber von beiden abgewiesen. Fritz Spanier bittet ihn, die Abreise einfach zu verweigern, man könne höchstens das Feuer auf sie eröffnen, dann wäre das Schiff aber manövrierunfähig und sie müssten bleiben. Schröder kann sich nicht dazu durchringen.

Um die Passagiere zu beruhigen, spielt die Schiffskapelle unaufhörlich den Schlager „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“, während das Schiff wieder aufs offene Meer zusteuert.

Dritter Teil: Rückweg mini|Cordell Hull, US-Außenminister

Hoffman versucht die Pinieninselpläne zu hintertreiben, weil das Schiff mit den Geheimdokumenten so schnell wie möglich nach Deutschland zurückkehren müsse. Er lügt Berenson vor, Brú wolle gewiss eine Million dafür. Davon unbeeindruckt lässt sich der die Insel von General Batista zeigen. Die Fotografien davon lösen Unruhen in Kuba aus, was vermutlich von Batista intendiert war. Über den Mittelsmann García verlangt Brú eine halbe Million. Berenson weist ihn wütend ab. Im persönlichen Gespräch verlangt Brú sogar noch mehr und will das Geld binnen 48 Stunden haben. Solange dürfe die St. Louis zurückkehren. Berenson, der so viel Geld nicht besorgen kann, plant, ihn hinzuhalten und die Passagiere inzwischen von Bord zu bringen. Er bittet Wright um Hilfe der US-Regierung. Roosevelt schlägt vor, die Flüchtlinge auf den Jungferninseln aufzunehmen, der US-Außenminister Cordell Hull will das aber nicht, da die Leute „kein Zuhause haben, in das sie zurückkehren können“.Daniel Kehlmann: Die Reise der Verlorenen. 2024, S. 68. Überhaupt habe die US-Regierung nichts mit dieser Sache zu tun. Das Joint Distribution Committee wiederum will der kubanischen Regierung kein Geld überweisen, ehe die Passagiere nicht auf der Pinieninsel angelandet sind, und bietet lediglich eine Garantie. Die Verhandlungen scheitern endgültig.

Während die St. Louis vor der amerikanischen Küste darauf wartet, auf die Pinieninsel zusteuern zu dürfen, plant Pozner eine Meuterei und Babette Spanier erwägt verzweifelt, nach Miami zu schwimmen. Fritz Spanier beschwichtigt sie. Schiendick hat heimlich nach Deutschland funken lassen, das Schiff unverzüglich zurückzubeordern. Von Schröder zur Rede gestellt, offenbart er sich als Agent und droht ihm. Schröder erhält schließlich ein Telegramm von Holthusen, dass er nach Deutschland zurückkehren müsse, und fügt sich als „gebrochener Mann“Daniel Kehlmann: Die Reise der Verlorenen. 2024, S. 72. dem Befehl. Schiendick berichtet von der hämischen Reaktion von Goebbels.