Die Rote Kapelle (auch Chapelle Rouge) war ein altägyptischer Barkenschrein für den Gott Amun-Re im Tempel des Amun-Re von Karnak in Ägypten. Der Bau begann unter Königin (Pharao) Hatschepsut um 1450 v. Chr. und wurde nach deren Tod von Thutmosis III. in dessen Namen vollendet. Später ließ dieser die Kapelle abreißen und ersetzte sie durch einen neuen Bau. Ursprünglich stand sie an zentraler Stelle im Tempel, vermutlich dort, wo sich heute das Barkensanktuar des Philipp III. Arrhidaios befindet. 1997 rekonstruierten französische und ägyptische Archäologen das Heiligtum anhand zahlreicher Originalblöcke im Freilichtmuseum in Karnak. Die Blöcke aus Quarzit verleihen dem Gebäude die rötliche Farbe. Demgegenüber wirkt der dunkle Diorit wie ein schwarzer Rahmen. Die Darstellungen geben wichtige Einblicke in das Kultgeschehen zur Zeit des Neuen Reiches. So finden sich Darstellungen des Talfestes, des Opetfestes und des täglichen Kultbild-Rituals.

Entdeckung und Rekonstruktion Zwischen 1899 und 1903 entdeckte Georges Legrain erste Blöcke der „Kapelle“ bei Restaurierungsarbeiten im 3. Pylon des Tempels des Amun-Re in Karnak. Diese Quarzitblöcke waren dort offensichtlich als Füllmaterial wiederverwendet worden. Maurice Pillet und Henri Chevrier setzten die Bergungsarbeiten fort. Bis 1996 konnten insgesamt 322 Blöcke identifiziert werden.Franck Burgos, François Larché: La chapelle Rouge. Le sanctuaire de barque d’Hatshepsout. Volume II. Éditions recherche sur les civilisations (ERC), Paris 2008, ISBN 978-2-86538-317-7, S. 11. Dies entspricht ungefähr 55 % der ursprünglichen Bausubstanz. Aufgrund ihrer rötlichen Färbung erhielt sie von den französischen Archäologen den Namen Chapelle Rouge („Rote Kapelle“), als Gegenstück zur Chapelle Blanche („Weiße Kapelle“) des Sesostris I. aus hellem Kalkstein.M. Schnittger: Hatschepsut. Eine Frau als König von Ägypten. Darmstadt 2011, S. 62. Auf der Basis von epigraphischen und architektonischen Studien veröffentlichten Pierre Lacau und Henri Chevrier 1977 einen ersten Rekonstruktionsvorschlag.Pierre Lacau, Henri Chevrier et al.: Une chapelle d’Hatshepsout à Karnak. Band 1 (= Publications de l’Institut français d’archéologie orientale du Caire. Band 522 B). Institut français d’archéologie orientale du Caire, Cairo 1977. Ihre Nummerierung und Platzierung der Blöcke war die Grundlage für den Wiederaufbau, der 20 Jahre später erfolgte. So errichtete 1997 ein französisch-ägyptisches Team des Centre Franco-Égyptien das Heiligtum im Freilichtmuseum in Karnak aus den Originalblöcken und ergänzte sie mit Quadern aus Stein und Beton. Dadurch wurden zusammengehörige Szenen erstmals wieder miteinander verbunden.M. Schnittger: Hatschepsut. Eine Frau als König von Ägypten. Darmstadt 2011, S. 64.

Baugeschichte Der Bau der Roten Kapelle wurde von Königin Hatschepsut während der gemeinsamen Regierung mit Thutmosis III. initiiert. Ursprünglich stand sie vor dem die Götterstatue beherbergenden Hauptsanktuar an zentraler Stelle im Karnak-Tempel.M. Schnittger: Hatschepsut. Eine Frau als König von Ägypten. Darmstadt 2011, S. 63. Sie ersetzte wahrscheinlich einen Vorgängerbau aus weißem Kalkstein, den Thutmosis II. in seinem und Hatschepsuts Namen errichten ließ. Somit war die Rote Kapelle vorerst das letzte Heiligtum einer Reihe von älteren Bauten, deren Funktion es war, die Prozessionsbarke des Amun zwischen zwei Prozessionen zu beherbergen.

mini|hochkant|Thutmosis III., der den Bau zunächst vollendete und später abreißen ließ

Da bei Hatschepsuts Tod der Bau noch unvollendet war, führte ihn Thutmosis III. während seiner Alleinherrschaft zunächst in seinem Namen zu Ende. Jedoch ließ er an der Nordfassade das achte (und oberste) Register undekoriert und die Hohlkehle ohne Palmetten. Aus noch unzureichend geklärten Gründen, die vielleicht mit der Verfolgung von Hatschepsuts Andenken zusammenhängen, ließ Thutmosis III. die Kapelle später abreißen. Vermutlich machten auch die Baumaßnahmen um das 42. Regierungsjahr mit dem Annalensaal größere Umstellungen im Zentrum des Karnak-Tempels notwendig.M. Schnittger: Hatschepsut. Eine Frau als König von Ägypten. Darmstadt 2011, S. 131. Die Abtragung der Roten Kapelle wurde jedoch mit äußerster Sorgfalt ausgeführt, wie der hervorragende Zustand der gefundenen Blöcke zeigt. Selbst die vertikalen und horizontalen Fugen erlitten wenig Schaden bei der Abtragung mit Hebeln und selten sind Ecken beschädigt. Thutmosis III. ersetzte sie durch eine neue Kapelle aus Granit, welche erst Philipp III. Arrhidaios erneut umbauen ließ und die noch heute besichtigt werden kann.

Unmittelbar nach ihrer Entfernung wurden die Pfosten und Stürze der Portale aus Diorit, welche bereits die Namen Thutmosis’ III. trugen, für dessen Neubauten im zentralen Bereich des Amun-Tempels wiederverwendet. So wurde das Osttor in der Nordwand des Korridors des Annalensaals und das westliche Tor des Vestibüls im südlichen Tor des 6. Pylons ein- und umgebaut. Bis zur Wiederverwendung dürften die Blöcke aus Quarzit und Diorit in einem der zahlreichen umliegenden Depots des Tempels aufgestapelt worden sein. Wie Dormann nachgewiesen hatte, wurden bei diesen aufgestapelten Blöcken Namen und Darstellungen der Hatschepsut ausgemeißelt, jedoch sicherlich erst nach dem Abbau der Kapelle, wie Tilgungen des Namens an Blöcken, die zuvor in Fugen verborgen waren, zeigen.F. Burgos, F. Larché: La chapelle Rouge. Le sanctuaire de barque d’Hatshepsout. Volume II. Paris 2008, S. 12 mit Verweis auf Peter F. Dormann: The Monuments of Senenmut: problems in historical methodology (= Studies in Egyptology.). Kegan Paul International, London / New York 1988, ISBN 978-0-7103-0317-2. Besonders Amenophis III. verwendete später viele der Blöcke als Fundament für den 3. Pylon in Karnak.F. Burgos, F. Larché: La chapelle Rouge. Le sanctuaire de barque d’Hatshepsout. Volume II. Paris 2008, S. 12.

Ursprünglicher Aufstellungsort mini|hochkant|Plan der Hauptachse des Tempels des Amun-Re in Karnak. Das heutige Sanktuar befindet sich rechts der Nr. 10.

Im Bereich um das Allerheiligste im Karnak-Tempel führte Hatschepsut diverse Um- und Neubauten durch, die als „Palast der Maat“ bekannt sind. Zwar wurde kein Block der Roten Kapelle in situ gefunden, sie war aber sicher das zentrale Element dieses Komplexes.Peter Nadig, Manfred Clauss: Hatschepsut (= Gestalten der Antike). von Zabern, Darmstadt 2014, ISBN 978-3-8053-4763-1, S. 167. Nach El-Hagazy und Martinez lag dieser Komplex nördlich und südlich des heutigen Barkensanktuars von Philipp III. Arrhidaios und die Rote Kapelle in der Hauptachse vor diesen Gebäudekomplex, wodurch sie vom Hofbereich umfasst wurde.Aly El-Sayed Hegazy, Philippe Martinez: «Le Palais de Ma’at» et la «place favorite d’Ammon». In: Les Dossiers d’Archeologie No. 187: Hatchepsout. Femme pharaon. 1993, S. 54–63. Zitiert nach: Karl H. Leser: Karnak-Tempel. "Palast der Maat" – Kammern der Hatschepsut. In: www.maat-ka-ra.de.

Die französischen Archäologen situieren sie an der gleichen Stelle wie das heutige Barkensanktuar und schlagen vor, dass sie sich an die Westfassaden der nördlichen und südlichen Hallen anschloss. Ihre Massen lassen eine Einfügung zwischen die beiden Komplexe und in der Tempelachse zu. Aufgrund der größeren Länge des Tempelkomplexes vermuten sie, dass sich auf der östlichen Seite ein Korridor anschloss.F. Burgos, F. Larché: La chapelle Rouge. Le sanctuaire de barque d’Hatshepsout. Volume II. Paris 2008, S. 96 mit Verweis auf Pierre Lacau, Henri Chevrier et al.: Une chapelle d’Hatshepsout à Karnak. Band 1, Cairo 1977, § 77.

Im Freilichtmuseum wurde die Rote Kapelle im Vergleich zum ursprünglichen Standort um 90° gedreht aufgebaut. Dadurch ist ihre Achse nicht mehr nach Westen, zum Nil, ausgerichtet, sondern zeigt heute südwärts, zum Luxor-Tempel.Karl H. Leser: Karnak-Tempel. "Palast der Maat" – Kammern der Hatschepsut. Auf: maat-ka-ra.de, letztes Update: 14. November 2013, abgerufen am 16. April 2015.

Architektur Die Rote Kapelle weist typische Merkmale ägyptischer Tempelarchitektur auf, wie die Rundstäbe an den vier Ecken des leicht geböschten Baus und die Hohlkehle als gewölbter Abschluss der oberen Mauerteile. Die rekonstruierten Maße sind: 17,32 Meter Länge, 6,30 Meter Breite und 5,77 Meter Höhe. Die verwendeten Steine sind als Baumaterial ungewöhnlich: Die Blöcke bestehen hauptsächlich aus Quarzit, einem silifizierten, sehr harten, orange-, rotbraun- und violettfarbenen Sandstein, der zwar für Statuen benutzt wurde, jedoch sehr selten für Bauwerke. Die Hohlkehlen, Kapellensockeln und Türeinfassungen aus dunklem Diorit wirken gegenüber den bunten Steinen wie ein schwarzer Rahmen. Pigmentreste aus Ocker zeigen, dass alle Quarzit-Blöcke in einem einheitlichen Rot gefasst waren.

mini|links|hochkant|Eingangsportal zum Vestibül Auch die Technik der Reliefdekoration ist ungewöhnlich. Normalerweise erstreckten sich die Szenen auf ägyptischen Bauwerken über größere Flächen. Die Blöcke der Roten Kapelle zeigen jedoch vorwiegend in sich abgeschlossene Szenen. Nur selten wird ihre Breite überschritten. Einige Blöcke wurden sogar rundum und somit auch auf den verdeckten Innenseiten bearbeitet.M. Schnittger: Hatschepsut. Eine Frau als König von Ägypten. Darmstadt 2011, S. 62–65.

Eine sechsstufige Treppe führt zum Eingangsportal. Das Gebäude gliedert sich in zwei gepflasterte Innenräume: das Vestibül und das anschließende Sanktuar, das ursprünglich durch eine Tür abgetrennt war. Dieses enthält auf der Ostseite einen weiteren Zugang. Die Innenwände sind mit acht Bild- und Textregistern ausgestaltet.

Das Vestibül (ägyptisch „Wesechet-Hetep“, Opfertischsaal) war der Raum für die täglichen Opfergaben und Opferrituale. Die Opfergaben wurden offenbar mit Wasser besprengt, da rechts und links des Hauptportals im Boden seitliche Abflussrinnen wegführen. In der Mitte befindet sich eine 1,30 Meter × 0,80 Meter große und 0,5 Meter tiefe Dioritwanne. Da sie ein Dekor aus Lattichpflanzen trägt, könnte sie als natürliches Lattichbeet gedient haben. Eine andere Verwendungsmöglichkeit wäre die als sogenannte „Osiris-Wanne“ bei den Osirismysterien. Bei diesen wurde jedes Jahr ein Korn-Osiris in einer Steinwanne zum Keimen gebracht, anschließend an der Sonne getrocknet und schließlich als Symbol der Wiederauferstehung feierlich in einer Barke ausgefahren.M. Schnittger: Hatschepsut. Eine Frau als König von Ägypten. Darmstadt 2011, S. 89–90.

Zum Sanktuar (ägyptisch „Set-Weret“, „Großer Thron“) hatten nur wenige privilegierte Personen Zutritt. In ihm ruhte die Barke des Amun auf einem als Kapelle gestalteten Sockel wie auf einem Thron. Setzt man die Residenz des Königs mit dem Palast des Gottes gleich, so entspricht das Barkensanktuar seinem Thronsaal.M. Schnittger: Hatschepsut. Eine Frau als König von Ägypten. Darmstadt 2011, S. 97. Davon ist heute ein 0,20 Meter hoher Quarzitblock erhalten, der mit einem Lattichfries geschmückt ist. Er bildete einst das Podest für den heute verlorenen Barkensockel und ist von Abflussrinnen umgeben. Somit könnte das tägliche Reinigungsritual am Kultbild tatsächlich im Sanktuar vollzogen worden sein. In Vertiefungen vor der Plinthe des Barkensockels konnten Spuren von Metall nachgewiesen werden. Sie dürften die vor dem Barkensockel aufgestellten bronzenen oder kupfernen Opferständer mit langstieligen Lotosblumen gehalten haben, wie es Reliefdarstellungen zeigen. Die Vertiefungen der Opferständer sind ebenfalls mit Abflussrinnen verbunden, was auf eine Bewässerung der Lotospflanzen deutet. In der Zentralachse befindet sich nahe dem Durchgang zum Sanktuar zudem ein undekorierter Dioritsockel, der als Untersatz für einen Opfertisch gedient haben könnte.M. Schnittger: Hatschepsut. Eine Frau als König von Ägypten. Darmstadt 2011, S. 101–103.

Darstellungen des Kultgeschehens Talfest mini|Großes Festopfer vor dem Sanktuar des Amun im Djeser Djeseru in Deir el-Bahari