mini|hochkant=1.2|Der Turm der Winde in Athen entspricht im Grundriss einer achtteiligen Windrose Die zahlreichen Windnamen im Text sind kursiv hervorgehoben.

Windrosen der Antike sind Zeichnungen, in denen Windrichtungen zusammenfassend dargestellt werden. Im Gegensatz zu heutigen Windrosen wurden antike Windrosen in der Regel nicht in Karten eingezeichnet, um dort die Himmelsrichtungen anzuzeigen.

In der Antike beschrieben griechische und römische Gelehrte in ihren Schriften, wie viele Winde es gibt und aus welcher Richtung sie wehen. Zeitgenössische Zeichnungen, die diese sogenannten Windsysteme mit zumeist zwölf oder acht Winden veranschaulichen, sind nicht erhalten. Antike Windrosen in Form von Zeichnungen sind somit Rekonstruktionen aus späterer Zeit. Aus der Antike sind jedoch einige wenige Objekte aus Stein erhalten, die einer Windrose entsprechen. Das bekannteste Beispiel ist der achteckige Turm der Winde in Athen.

Im Mittelalter wurde zunächst das zwölfteilige Windsystem aus der Antike tradiert. Im Spätmittelalter kam ausgehend von der Seefahrt im Mittelmeer eine achtteilige Windrose in Gebrauch, die wie heutige Windrosen in Karten und in die damals aufkommenden Kompasse integriert wurde. Die weitere Unterteilung in 32 Richtungen trug dazu bei, dass sie zur modernen Windrose wurde.

Hintergrund Schon im Altertum wurden Himmelsrichtungen und Winde gleichgesetzt, so an mehreren Stellen im Alten Testament,Emil Gustav Hirsch, Immanuel Benzinger: Winds in der Jewish Encyclopedia, 1906. wo auch mehrmals von „vier Winden“ die Rede ist.Jeremia 49,36; Ezechiel 37,9; Daniel 8,8. Der Prophet Ezechiel spricht von der Zerstreuung der Menschen „in alle Winde“.Ezechiel 5,10. Kedem (Osten) wird mehrmals als der Name eines sengenden Windes verwendet, der aus dem Osten weht.Genesis 41,6; Ezechiel 19,12.

Die Assoziation von Himmelsrichtungen mit Winden liegt nahe, weil die Qualität der Winde (zum Beispiel feucht oder trocken, heiß oder kalt) davon abhängt, aus welcher Richtung sie wehen. Alte Völker haben deshalb geografische Richtungen oft nach Winden benannt. Himmelsrichtungen wurden aber auch nach astronomischen Größen benannt, insbesondere nach dem Stand der Sonne am Morgen, am Mittag und am Abend.

Griechische Antike Aristoteles beschrieb im 4. Jahrhundert v. Chr. ein Windsystem mit zehn Winden samt der entsprechenden Zeichnung. Im 3. Jahrhundert v. Chr. ergänzte der Seefahrer Timosthenes von Rhodos zwei Winde und schuf damit eine zwölfstrichigeAltphilologen verwenden in der Fachliteratur bei Windrosen der Antike standardmäßig Adjektive mit -strichig, z. B. achtstrichige Windrose (im einfachsten Fall bestehen die rekonstruierten Windrosen nur aus radialen Strichen, denen Windnamen zugeordnet sind). In den Bildern dieses Artikels sind die Windrosen aufwendiger gezeichnet. Auch antike Objekte wie der Turm der Winde oder das Anemoskop im Vatikan bestehen nicht nur aus „Strichen“. Deshalb wird im Artikel überwiegend die alternative Bezeichnung mit -teilig verwendet, z. B. achtteilige Windrose. Windrose. Im 1. Jahrhundert v. Chr. wurde der Turm der Winde in Athen gebaut, der ein Windsystem mit acht Winden verkörpert.

Zu den griechischen Windnamen siehe auch Anemoi.

Bezeichnung der vier Hauptrichtungen Die frühen Griechen verwendeten zwei unterschiedliche Systeme zur Benennung von Himmelsrichtungen, zumindest eine Zeit lang.Marie-Armand d’Avezac: Aperçus historiques sur la rose des vents. Civelli, Rom 1874, S. 11.

Einerseits griffen sie auf den Nachthimmel und den Lauf der Sonne zurück: Arktos (ἄρκτος) = „Bär“ für den Norden (gemeint ist das Sternbild Großer Bär)Laut Homer (Ilias 18: 489, Odyssee 5: 275) orientierten sich die Griechen beim Segeln an diesem Sternbild. Nach ihm ist auch die Arktis benannt. Anatole (ἀνατολή) = „Sonnenaufgang“ für den Osten Mesembria (μεσημβρία) = „Mittag“ für den Süden Dysis (δύσις) = „Sonnenuntergang“ für den Westen

Unabhängig davon kannten die alten Griechen vier Winde in den Hauptrichtungen: Boreas (βoρέας), Nordwind Euros (εὖρος), Ostwind Notos (νόtος), Südwind Zephyros (ζέφυρος), Westwind

Bei Homer werden diese vier Winde erwähnt. Andere Windnamen kommen bei ihm nicht vor.Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Band VIII A,2, Spalte 2335, Zeile 40 ff.

Aristoteles Der Philosoph Aristoteles führte in seinem Werk Meteorologica (ca. 340 v. Chr.) ein Windsystem mit zehn Winden ein.Aristoteles: Meteorologica, Buch 2, Kapitel 6 (englische Übersetzung). Die Orte des Aufgangs und des Untergangs der Sonne am Horizont verschieben sich im Lauf des Jahres. Aristoteles definierte die Richtungen von insgesamt sechs Winden nach diesem Kriterium. Die folgende Tabelle zeigt die Definition der Windrichtungen sowie auch die Einteilung der Winde in vier Gruppen gemäß Aristoteles (Ost- und Westwinde sind grau hervorgehoben).

Rich-tung Wind-gruppe Wind Definition der Windrichtung bei Aristoteles Nord Nord Aparktias (ὰπαρκτίας)Aristoteles verwendet in diesem Kapitel über die Winde achtmal den Namen Aparktias. Der alte Name Boreas für den Nordwind taucht nur einmal auf und wird nicht ausdrücklich als Synonym präsentiert. Norden Nord Meses (μέσης) Lage zwischen Kaikias und Aparktias – Kaikias (καικίας) Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende Ost Ost Apeliotes (ἀπηλιώτης) Sonnenaufgang zur Tagundnachtgleiche Ost Euros (εΰρος) Sonnenaufgang zur WintersonnenwendeDer Euros liegt deshalb bei Aristoteles nicht genau im Osten. Euros ist der alte Name für den Ostwind. – Süd Süd Notos (νόtος) Süden – Süd Lips (λίψ) Sonnenuntergang zur Wintersonnenwende West West Zephyros (ζέφυρος) Sonnenuntergang zur Tagundnachtgleiche West Argestes (ἀργέστης)Anderer Name: Olympias (ὀλυμπίας)Anderer Name: Skiron (σκίρων) Sonnenuntergang zur Sommersonnenwende Nord Thraskias (θρασκίας) Lage zwischen Argestes und Aparktias

mini|hochkant=1.3|Die Grafik zeigt:• die Windrose des Aristoteles• die von ihm verwendeten Buchstaben• zusätzliche Hilfslinien• die Gruppierung der Winde gemäß Aristoteles

Aristoteles beschrieb, wie eine entsprechende Zeichnung anzufertigen ist. Verschiedene Punkte in der Zeichnung benannte er mit Buchstaben, wie rechts in der Grafik zu sehen. Die vier horizontalen Linien in der Grafik verbinden jeweils zwei Punkte, deren Lage durch dasselbe Kriterium definiert ist, z. B. „Position der Sonne am Horizont bei der Sommersonnenwende“. Die obere dieser Linien zwischen I und K (in der Grafik rechts mit Sternen dargestellt) wurde von Aristoteles angesprochen. Er merkte an, dass sie nahezu, aber nicht genau mit dem „immer sichtbaren Kreis“ übereinstimmt, d. h. mit dem Bereich der Zirkumpolarsterne.Der Zirkumpolarkreis liegt oberhalb des Horizonts am Himmel. Um eine Länge am Horizont zu erhalten, muss der waagerechte Durchmesser des Zirkumpolarkreises nach unten auf den Horizont projiziert werden.

Aristoteles erklärte, dass sich jeweils zwei Windrichtungen genau gegenüberliegen, so dass sich Paare von „Gegenwinden“ ergeben. Bei Thraskias und Meses fehle jedoch der Gegenwind. Er merkte an, dass „vielleicht“ ein lokaler Wind namens Phoinikias (φοινικίας) vom Punkt N aus bläst, also in der Richtung des fehlenden Gegenwindes von Thraskias.

Für den Standort Athen ergeben sich daraus Winkelabstände zwischen den Windrichtungen von etwa 30°. Die Windrose des Aristoteles hat daher annähernd die Form eines regelmäßigen Zwölfecks.Albert Rehm, 1916, S. 42. Sie ist jedoch unausgewogen: Nur zehn der zwölf Positionen sind mit Winden besetzt. Nördlich der Ost-West-Achse enthält sie fünf Winde, südlich davon nur drei.

Aristoteles fasste neun Winde in Gruppen zusammen: drei als Nordwinde sowie jeweils zwei als Ostwinde, Westwinde und Südwinde. Nur der Kaikias gehört keiner Gruppe an. Aristoteles sagte weiter, dass man bei einer allgemeineren Einteilung nur Nordwinde und Südwinde unterscheide. Die Westwinde zählen dann zu den Nordwinden, da sie wie diese eher kalt seien, und die wärmeren Ostwinde zu den Südwinden. Dass Ostwinde wärmer als Westwinde seien, begründete er damit, dass die Sonne sie länger erwärme.

Die grobe Einteilung in Nord- und Südwinde wird auch „Zweiwindetheorie“ genannt. Sie entstand schon vor Aristoteles und bezieht sich normalerweise darauf, dass Nord- und Südwinde in Griechenland deutlich kräftiger wehen als Ostwinde und Westwinde.Robert Böker: Windrosen, § 2: Die Zweiwindetheorie. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band VIII A,2, Spalte 2332 ff.

Aristoteles beschrieb auch weitere Eigenschaften der Winde, zum Beispiel welche Winde eher trocken oder feucht sind und welche Winde Wolken, Gewitter, Stürme oder Schnee mit sich bringen können. Er ging auch auf die periodisch auftretenden Etesien ein.

Theophrastos von Eresos, Nachfolger von Aristoteles in der peripatetischen Schule, verwendete in seinen Arbeiten De Signis („Über Wetterzeichen“) und De ventis („Über die Winde“) das gleiche Windsystem wie Aristoteles, mit nur einigen geringfügigen Unterschieden, zum Beispiel schrieb er Thrakias statt Thraskias. Timosthenes Der Seefahrer Timosthenes von Rhodos war ab 270 v. Chr. Admiral der ägyptischen Flotte des Pharaos Ptolemaios II. Seine geografischen Arbeiten, darunter das umfangreiche Werk Über die Häfen, sind verschollen. Dass man ihm eine zwölfteilige Windrose zuschreibt, liegt an dem griechischen Geografen Agathemeros,Albert Rehm, 1916, S. 47. der etwa 500 Jahre nach Timosthenes lebte. In einer seiner geografischen Schriften gab Agathemeros zunächst acht Winde an und fügte dann hinzu, dass Timosthenes zwölf Winde beschrieben habe.Agathemeros: Geographica antiqua, S. 472 bzw. Geographi graeci minores, S. 178. Laut Agathemeros waren dies folgende Winde:

mini|hochkant=1.3|Windrose mit 12 Winden (nach Timosthenes)

Wind Anmerkungen N Aparktias Boreas Aristoteles hatte hier Meses Kaikias O Apeliotes Euros Phoinix alias Euronotos An dieser Position hatte Aristoteles keinen Wind S Notos Leukonotos alias Libonotos An dieser Position hatte Aristoteles keinen Wind Lips W Zephyros Argestes Thraskias alias Kirkios

Timosthenes entwickelte das asymmetrische 10-Winde-System des Aristoteles zu einem symmetrischen 12-Winde-System weiter, indem er zwei Winde ergänzte.Albert Rehm, 1916, S. 48. Er gilt als der Schöpfer jener 12-strichigen Windrose, die später auch bei den Römern auftauchte.Robert Böker: Windrosen, § 8: Timosthenes. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band VIII A,2, Spalte 2351 ff., hier Spalte 2352, Fig. 14: Die reguläre Rose des Timosthenes und der lateinischen Nachformungen. Man geht von einer regelmäßigen Teilung seiner Windrose in 30°-Winkel aus. Dafür sprechen der enge Bezug zur Windrose des Aristoteles sowie Berechnungen zu den Orten des Sonnenaufgangs und -untergangs bei den Sonnenwenden auf der Insel Rhodos, die fast genau 30°-Winkel ergeben.Robert Böker: Windrosen, § 8: Timosthenes. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band VIII A,2, Spalte 2351 ff., hier Spalte 2354, Text und Tabelle.

Laut Agathemeros ordnete Timosthenes jeder der 12 Windrichtungen, ausgehend von Rhodos, geografische Regionen und Völker zu, siehe Windrose des Timosthenes.Agathemeros: Geographica antiqua, S. 473 bzw. Geographi graeci minores, S. 179 f. Aus diesen geografischen Zuordnungen schloss Albert Rehm, dass die Windrose des Timosthenes Bestandteil einer Karte gewesen sein müsse, er stellte sich „die Winde am Rande einer Karte verzeichnet“ vor.Albert Rehm, 1916, S. 63. Laut Friedrich Gisinger war die Windrose des Timosthenes ein „unlösbarer Bestandteil seiner Karte“; Robert Böker stimmte ihm darin zu.Robert Böker: Windrosen, § 8: Timosthenes. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft. Band VIII A,2, Spalte 2351 ff., hier Spalte 2352, mit Verweis auf Gisinger.

Der Turm der Winde