mini|hochkant=1.5|Bibliotheksrotunde und Lessinghaus, vor 1887 Die Bibliotheksrotunde in Wolfenbüttel wurde zwischen 1705 und 1713 auf Veranlassung des Welfen-Herzogs Anton Ulrich durch den Baumeister Hermann Korb errichtet. Die Rotunde diente der Aufnahme des Bestandes der Herzog August Bibliothek. Bedeutende Bibliothekare, die den Buch- und Handschriftenbestand der Rotunde betreuten, waren der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz und der Dichter der Aufklärung Gotthold Ephraim Lessing. Wegen seiner architektonisch außergewöhnlichen Erscheinung wurde das Gebäude bereits kurz nach seiner Fertigstellung von Zeitgenossen als „Wunder-Werk“ und als „Wolfenbütteler Pantheon“ bezeichnet. Da die Rotunde zunehmend baufällig wurde, errichtete man zwischen 1881 und 1886 das heutige Bibliotheksgebäude nach Plänen des Architekten Gustav Bohnsack. Die Rotunde wurde 1887 abgerissen.

Vorgeschichte mini|250px|Die Bibliothek im Marstall, 1654 1644, gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, wählte der Welfenherzog August der Jüngere Wolfenbüttel als seine Residenz und brachte so u. a. auch seine umfangreiche, eigene Büchersammlung mit in die Stadt. Darunter befanden sich die um 1570 von Herzog Julius zu Braunschweig-Lüneburg eingerichtete Bibliotheca Julia der unweit gelegenen Universität Helmstedt sowie die um 1610 entstandene Bibliotheca Augusta, die August d. J. an seinem Hof in Hitzacker selbst begründet hatte.Ingrid Recker-Kotulla: Zur Baugeschichte der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. S. 2–3. Die Bücher wurden in der oberen Etage des zwischen 1588 und 1591 errichteten Marstalls, nördlich des Schlossplatzes, zwischen dem (heutigen) Lessinghaus und dem Zeughaus, untergebracht.Peter Bessin: Alle Arten von regularen Pracht-Gebäuden. S. 228.

1666, nach August d. J. Tod, trat Rudolf August dessen Nachfolge an. Nach dessen Tod 1704 folgte Anton Ulrich. Die beiden letztgenannten vermehrten den von August nachgelassenen Buchbestand allerdings kaum, verfügten selbst aber an zahlreichen Orten des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg über zum Teil umfangreiche Privatbibliotheken. Diese wurden nach dem Tod Rudolf Augusts von seinem Nachfolger Anton Ulrich dem in Wolfenbüttel befindlichen Buchbestand hinzugefügt, wodurch der Herzog die Unterhaltskosten für die Buchbestände an verschiedenen Orten drastisch senken konnte.

Seit 1691 war Gottfried Wilhelm Leibniz als Bibliothekar in Wolfenbüttel tätig. In dieser Funktion erwarb er auch neue Bücher. Herzog Anton Ulrich finanzierte Leibniz’ Zukäufe großzügig, sodass sie bald einen Umfang annahmen, der die Kapazitätsgrenze des alten Marstalls deutlich überschritt.

Seit 1696 bereits hatte Leibniz Herzog Rudolf August wiederholt eine Erweiterung der Räumlichkeiten durch einen Anbau vorgeschlagen, konnte sich aber damit nicht durchsetzen. Erst bei Anton Ulrich stieß er mit seiner Forderung auf offene Ohren. Doch statt einer Erweiterung oder eines Anbaus dachte Anton Ulrich „größer“ und repräsentativer, nämlich an einen prunkvollen Neubau im Stil seiner Zeit. Für Anton Ulrich war dieses Neubauprojekt ein probates Mittel der Selbstinszenierung eines aufgeklärt absolutistischen Fürsten. Für diesen Neubau war der Herzog denn auch bereit, 195.000 Taler auszugeben.

Beschreibung mini|Eingangsseite mit Treppenhaus, Stich von Anton August Beck, 1776 1705 wurde Hermann Korb mit dem Neubau beauftragt. Er schuf in nur fünf Jahren ein Bauwerk, das nicht nur eine der bedeutendsten und einfallsreichsten zeitgenössischen Architekturlösungen darstellt, sondern auch durch die Tatsache, dass es sich um die erste autonome Bibliotheksarchitektur und somit um eine Inkunabel europäischer Baukunst der Neuzeit handelte, die bis heute historische Berühmtheit erlangt hat. Der Innenausbau war 1711 abgeschlossen, die Außenarbeiten wurden 1713 beendet. Das Gebäude entstand überwiegend in Fachwerkbauweise. Mittelrisalit und Kernbau des ehemaligen Marstalls bestanden hingegen aus Bruchsteinmauerwerk. Weitere am Bau beteiligte Künstler und Handwerker des herzoglichen Hofes waren der Stuckateur Giacomo Perinetti, Hofmaler Tobias Querfurt der Ältere, der für die Deckenmalerei verantwortlich war. Der Maler Hans Henning Asche war für die Sonnenuhr zuständig.Friederich Thöne: Wolfenbüttel. Geist und Glanz einer alten Residenz. S 213. Darüber hinaus arbeiteten Curdt Fischer und Heinrich Berthold Schrader als Tischler. Die Leitung der Tischlerarbeiten oblag Hans Bracke. Die Baukosten beliefen sich auf 19.400 Taler Bevor die Arbeiten begannen, wurde der Buchbestand aus dem Marstall in das nur wenige Meter entfernt liegende Zeughaus ausgelagert.

Der querrechtechteckige Marstall blieb als dem Hauptgebäude vorgelagertes, massives Treppenhaus mit Erdgeschoss erhalten und bildete so den zentralen Gebäudeteil, in den anschließend der Lesesaal in Form eines sich über vier Geschosse erstreckenden Ellipsenzylinders eingefügt wurde. Der Ellipsenzylinder war aus zwölf quadratischen Pfeilern gebildet. Die Grundrissachse des Lesesaals war deckungsgleich mit der Längsachse des Hauptbaukörpers. Von außen jedoch wirkte das Bauwerk eher rund, als elliptisch, weshalb es als „Rotunde“ bezeichnet wurde.Peter Bessin: Alle Arten von regularen Pracht-Gebäuden. S. 230.

In den zwei unteren Etagen befanden sich die Bücherregale. Zwischen den Regalen und den zwölf Pfeilern befand sich ein umlaufender Gang, wodurch im Inneren der Eindruck entstand, es handele sich um eine doppelwandige Konstruktion. Im Erdgeschoss befanden sich in jeder Ecke des Hauptgebäudes regalumkleidete Mauerschenkel, die durch ihre Kurvatur den Ellipsencharakter des Lesesaales widerspiegelten.

Die dritte Etage durchbrach die Dachkonstruktion und bildete eine in sich geschlossene Raumschale. Das vierte und damit oberste Geschoss, ragte aus dem Dachraum heraus. Dieser elliptische Bauwerksteil war mit 24 rundumlaufenden Rundbogenfenstern als Laterne für das in den Lesesaal von allen Seiten einfallende Tageslicht gestaltet und erzeugte so „wohl einen grandiosen Beleuchtungseffekt“, der noch dadurch unterstützt wurde, dass sich jeweils an den Fluchtpunkten der Gebäudelängsachse ebenfalls Fenster befanden. Zur besseren Durchleuchtung des Lesesaals waren die Regalreihen in diesen Bereichen durchbrochen, um einen noch besseren natürlichen Lichteinfall zu gewährleisten.

mini|Entwurf des Deckengemäldes von Querfurt für den Lesesaal Der Lesesaal wurde nach oben durch eine verputzte Balkendecke abgeschlossen, dessen ebenfalls elliptischer Plafond einen Stuckrahmen von Giacomo Perenetti enthielt, der wiederum von Tobias Querfurt mit einer Darstellung der astronomischen Planetensymbole und der Planetengötter ausgemalt wurde.Ingrid Recker-Kotulla: Zur Baugeschichte der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, S. 9–14. Die ursprüngliche Version dieses Gemäldes soll sowohl Herzog Anton Ulrich als auch anderen Personen missfallen haben, sodass es überarbeitet werden musste. Die so entstandene Verzögerung bei der Fertigstellung des Innenausbaus soll der Grund gewesen sein, dass die ausgelagerten Buchbestände erst 1723 in die Rotunde verbracht werden konnten. Anderer Ansicht nach wird vermutet, dass die Neubearbeitung der Decke aber wegen des Todes des Herzogs 1714 nicht mehr ausgeführt wurde. Der Entwurf Allegorie auf die Wissenschaft von Giovanni Antonio Pellegrinis hat sich aber bis heute in der Herzog August Bibliothek erhalten.Webseite des Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland (CbDD) des Instituts für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Das Innere wurde von 12 vortretenden Doppelpilastern gegliedert. Nach Anweisung des damaligen Bibliothekars Leibniz bekamen die Säulen im Inneren eine antike Säulenordnung. Im ersten Geschoss herrschte die dorische, im zweiten die ionische, im dritten die korinthische und im vierten Geschoss die komposite Ordnung nach Vitruv. An den Pilastern hingen Bilder der Mitglieder des Hauses Braunschweig. Außerdem waren im Saal Gemälde von diversen Gelehrten angebracht.Carl Philipp Christian Schönemann: Zweites und drittes Hundert der Merkwürdigkeiten der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. Culemann, Hannover 1852, S. 58ff. (Ein Großteil der Bilder sind noch im Bestand der Gemäldesammlung der Herzog-Anton-Ulrich-Bibliothek ; auch ein Bücherschrank aus der Bibliotheksrotunde befindet sich heute noch im Lessinghaus.) Das Kuppeldach war ab 1710 mit einem hölzernen Himmelsglobus von sechs Metern Durchmesser und Bleimantel bekrönt.Wolfenbüttels „Herz“ im Jahr 1714 online erkunden und erleben. In: Wolfenbütteler Zeitung vom 19. Februar 2021. 1723 wurde die Bibliotheksrotunde bezogen.

Bereits kurz nach Fertigstellung der Rotunde traten aber schon erste Bau- und Konstruktionsmängel zutage, die ihre Ursache hauptsächlich in der Senkung des Gebäudes hatten. Auch zeigten sich bald an der ausgefeilten Dachkonstruktion baustatische Probleme durch das (zu) hohe Gewicht des Globus’, der daraufhin 1729 wieder aufwendig abgebaut wurde. Wie bei allen anderen Bauwerken Korbs, war auch die Bibliothek in nur sehr kurzer Zeit errichtet worden – wohl um dem Drängen des alternden Herzogs nachzugeben.

So berichtete der Reiseschriftsteller und Büchersammler Zacharias Konrad von Uffenbach anlässlich seines Besuches auf der Baustelle der Rotunde von zwei Hauptfehlern, der eine, daß es von Holz, und für die Bibliothek nicht sicher ist, wozu der zweite Fehler noch kommt, daß unten, welches sich nun gar nicht für ein solches Gebäude zu schicken scheint, Stallungen für die Herrschaftlichen Pferde sind. Oben ist ein großes Dach, und darauf ein großer Globus, an welchem noch mit vielen Gerüsten gearbeitet wurde.zitiert nach Wolfgang Kelsch: Hermann Korb. Barockbaumeister am Wolfenbütteler Fürstenhof. S. 46. Das gesamte Bibliotheksbauwerk konnte zudem nicht beheizt werden.Wolfgang Kelsch: Hermann Korb. Barockbaumeister am Wolfenbütteler Fürstenhof. S. 46.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Bauwerk durch Senkschäden und Witterungseinflüsse zunehmend baufällig. Wegen dieser Schäden und der potenziellen Brandgefahr durch die Holzkonstruktion wurde das gesamte Gebäude schließlich 1887 abgerissen.

2007 wurde ein Förderkreis gegründet, der die Rekonstruktion des von ihm als „Leibnizrotunde“ (s. u. unter „Korb und/oder Leibniz ?“) bezeichneten Gebäudes für 30 Millionen Euro anstrebte.Kai-Uwe Ruf: Architekt: Stellt das Ding doch da hin. In: Braunschweiger Zeitung vom 25. Mai 2007. Daran beteiligt war u. a. der Architekt Lambert Rosenbusch.Lambert Rosenbusch (Hrsg.): Leibnizrotunde. Ein Projekt zur Wiedererrichtung der gegen Ende des 19. Jahrhunderts abgerissenen Rotunde der Herzog August Bibliothek zu Wolfenbüttel. In: Industrial Design 04, Schwerin 2004, ISBN 978-3-935749-09-1.

Architektonische Vorbilder mini|Schnitt von Anton August Beck von 1766. Oben der Globus mit französischer Inschrift, die in Deutsch lautet: Himmelsglobus, der sich vormals hier befand, aber den man gezwungen war zu entfernen, weil das Gebäude dadurch zu stark belastet war. Die Villa La Rotonda, zwischen 1567 und 1571 von Andrea Palladio im norditalienischen Vicenza erbaut, wird in der Literatur als ein mögliches bauliches Vorbild genannt, jedoch fehlten der Wolfenbütteler Rotunde die Zentralbauweise und Symmetrie. Nach Bessin hebe allein schon der Treppenhausvorbau mit seinem mittig platzierten Erker-Giebel den „Zentralbaucharakter vollends“ auf, verschaffe er doch dem Bauwerk dadurch eine eindeutige Hauptseite. Darüber hinaus sei der Vorbau, im Gegensatz zum nahezu schmucklosen Hauptgebäude, „mit einigem architektonischen Zierrat versehen“ gewesen. Auch der ellipsenförmige Innenraum mindere den Zentralbaucharakter „erheblich“.Peter Bessin: Alle Arten von regularen Pracht-Gebäuden. S. 230–231.