Die Speculatores (Singular: speculator; deutsch etwa „Kundschafter“, „Kurier“) waren im römischen Heer Soldaten, die mit besonderen Aufgaben betraut wurden. Dazu gehörten je nach Zeit und Einsatzbereich insbesondere Beobachtung und Aufklärung, die Übermittlung von Nachrichten sowie weitere Sonderaufgaben. Sie sind sowohl bei den Legionen und in den Provinzen als auch bei den stadtrömischen Truppen belegt. Ihre genaue Funktion und organisatorische Stellung veränderten sich dabei im Laufe der Kaiserzeit.
Begriff und Aufgaben Der Begriff speculator bezeichnete einen Beobachter oder Späher. In der republikanischen Zeit wurden Speculatores und Exploratores teilweise für ähnliche Aufgaben verwendet. Eine klare funktionale Unterscheidung entwickelte sich erst im Laufe der Kaiserzeit. Während Exploratores zunehmend als Bezeichnung für militärische Aufklärungsabteilungen verwendet wurde, bezeichnete Speculator weiterhin einzelne Soldaten, die mit Beobachtungs- und Aufklärungsaufgaben betraut waren.
Die Aufgaben der Speculatores beschränkten sich jedoch nicht auf die Beobachtung des Gegners. Sie konnten Nachrichten übermitteln und wurden auch für besondere Aufgaben eingesetzt, die ein besonderes Vertrauen voraussetzten. Literarische und epigraphische Zeugnisse belegen sie unter anderem als Nachrichtenübermittler sowie bei besonderen Vollzugs- und Sicherheitsaufgaben.
Speculatores im Kaiserreich Mit der Entwicklung des kaiserzeitlichen Heeres wurden Speculatores in unterschiedlichen Bereichen der Militärorganisation eingesetzt. Epigraphische und literarische Zeugnisse belegen sie sowohl bei den Legionen und im Umfeld der Provinzstatthalter als auch bei den in Rom stationierten Truppen.
In den Provinzen konnten speculatores Aufgaben im Stab eines Statthalters übernehmen. Zu ihren Tätigkeiten gehörten unter anderem die Übermittlung von Nachrichten und Befehlen. Auch als Vollstrecker von Hinrichtungen sind Speculatores belegt. Tacitus berichtet beispielsweise, dass Speculatores aus Syrien und Judäa im Jahr 69 die Nachricht vom Treueeid der dortigen Legionen an Vitellius nach Rom überbrachten.Tacitus, Historien 11,73.
In Rom sind Speculatores insbesondere im Zusammenhang mit den kaiserlichen und prätorianischen Truppen belegt. Ihre besondere Nähe zum Kaiser wird in mehreren literarischen Quellen deutlich. Zugleich sind Speculatores auch im Zusammenhang mit den Castra Peregrina („Lager der Fremden“) bezeugt., .
Speculatores Augusti Eine besondere Stellung nahmen die speculatores Augusti bzw. speculatores Caesaris ein, die im unmittelbaren Umfeld des Kaisers eingesetzt wurden. Sie sind von den in den Provinzen tätigen Speculatores zu unterscheiden und standen in enger Verbindung zu den kaiserlichen beziehungsweise prätorianischen Truppen. Nach Manfred Clauss dienten die kaiserlichen Speculatores als eine Art berittene Leibwache des Kaisers.
Ein wichtiges Zeugnis ist ein Militärdiplom vom 2. Dezember 76. Darin nennt Vespasian die Speculatores, die „in meinem Praetorium“ (in praetorio meo) Dienst geleistet hatten, und führt sie anschließend gesondert von den Soldaten der neun Prätorianer- und vier Stadtkohorten auf..
Die gesonderte Nennung zeigt ihre besondere Stellung innerhalb der kaiserlichen Militärorganisation, beweist jedoch nicht zwangsläufig, dass die Speculatores zu diesem Zeitpunkt noch einen vollständig selbstständigen Verband bildeten. In der Forschung wird diese Frage unterschiedlich beurteilt.
Die speculatores Augusti werden in der Forschung außerdem mit der persönlichen Sicherung des Kaisers in Verbindung gebracht. Nach Clauss unterschieden sie sich hinsichtlich ihrer Aufgaben von den provinzialen Speculatores, die unter anderem als Nachrichtenübermittler und bei besonderen Vollzugsaufgaben eingesetzt wurden.
Stellung und Organisation Die Speculatores gehörten im kaiserzeitlichen Heer zu den principales, den Soldaten mit besonderen Funktionen und einer gegenüber den einfachen Soldaten hervorgehobenen Stellung. Ihre Bezeichnung stellte dabei keinen einheitlichen militärischen Rang dar; vielmehr konnten Speculatores in unterschiedlichen Truppenkörpern und Funktionen eingesetzt werden.
Inschriften belegen einen centurio speculatorum, , . sowie einen centurio speculatorum equitum.. Letzterer weist auf eine berittene Abteilung der Speculatores hin. Daneben sind weitere Dienststellungen wie Optio und Tesserarius belegt. Sichere Belege für eigenständige cohortes speculatorum fehlen dagegen. Die erhaltenen Inschriften zeigen vielmehr, dass Speculatores in der Kaiserzeit in verschiedene Truppenkörper eingegliedert waren, darunter Legionen, Prätorianer- und Stadtkohorten.
Stärke und Zahl der Speculatores Die Gesamtstärke der Speculatores lässt sich aus den erhaltenen Quellen nicht eindeutig bestimmen. In der Forschung wurde wiederholt eine Stärke von etwa 300 Mann angenommen, doch beruht diese Zahl auf unterschiedlichen Rekonstruktionen und ist nicht unmittelbar durch eine antike Quelle überliefert.
Alfred von Domaszewski leitete die Zahl unter anderem aus einer Stelle bei Tacitus ab. Bei den Ereignissen des Jahres 69 werden 24 Speculatores im Zusammenhang mit den Prätorianern genannt. Domaszewski bezog diese Zahl auf die damalige Organisation der Prätorianergarde und errechnete daraus eine Gesamtzahl von etwa 300 Speculatores.
Marcel Durry zog zusätzlich die prätorianischen Verzeichnisse (laterculi), insbesondere , heran. Die erhaltenen Entlassungslisten zeigen, dass Speculatores innerhalb der Prätorianerkohorten geführt wurden. Aus ihrer Zahl und ihrem Verhältnis zu den übrigen Soldaten leitete Durry ebenfalls eine Gesamtstärke von ungefähr 240 bis 300 Mann ab.
Diese Berechnungen wurden jedoch von Manfred Clauss kritisch beurteilt. Insbesondere hielt er die bei Tacitus genannten 24 Speculatores nicht für eine ausreichende Grundlage, um daraus die Gesamtstärke der Gruppe zu errechnen. Auch aus den Verzeichnissen lasse sich die Gesamtzahl nicht mit Sicherheit bestimmen.
Michael P. Speidel hielt dagegen eine Stärke von mindestens 300 Speculatores für wahrscheinlich. Er verwies darauf, dass die Speculatores im Jahr 69 auf dem Feldzug Othos bei Bedriacum als besondere Gruppe hervortraten. Eine derart hervorgehobene militärische Verwendung spreche gegen eine sehr kleine Einheit.
Ein weiterer Anhaltspunkt ergibt sich aus den Speculatores der Legionen. Für die Provinzen ist eine regelmäßige Zahl von Speculatores im Verhältnis zu den dort stationierten Legionen erschlossen worden. Auch daraus wurde eine Größenordnung von etwa 300 legionären Speculatores für das gesamte Reich berechnet. Dieser Befund kann jedoch nicht ohne Weiteres auf die kaiserlichen Speculatores übertragen werden.
Verhältnis zum Trecenarius Das Verhältnis zwischen den Speculatores und dem Trecenarius ist in der Forschung umstritten. Alfred von Domaszewski nahm an, dass der Trecenarius mit dem höchsten Centurionatsrang der Speculatores verbunden war und eine größere Gruppe dieser Soldaten befehligte. Diese Rekonstruktion lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres mit den erhaltenen epigraphischen Zeugnissen vereinbaren.
Ein wichtiger Befund ist die Inschrift des Gaius Octavius Vitulus.. Sie nennt Vitulus als Trecenarius und zuvor als centurio speculatorum. Damit sind beide Stellungen innerhalb derselben Laufbahn belegt. Der Befund widerspricht insbesondere der Annahme, dass die Einrichtung des Trecenarius zur Abschaffung des centurio speculatorum geführt habe.
Nikola Cesarik sieht in der Laufbahn des Vitulus zugleich einen Hinweis auf eine enge Verbindung zwischen beiden Stellungen. Aus der Bezeichnung Trecenarius, der vermuteten Stärke der kaiserlichen Speculatores und dem Nachweis von mindestens zwei Centurien der Speculatores entwickelt er die Möglichkeit, dass ein Trecenarius drei Centurien von Speculatores befehligte. Diese Rekonstruktion ist jedoch nicht unmittelbar belegt. Cesarik hält die Annahme von etwa 300 Speculatores unter dem Kommando eines Trecenarius zwar für plausibel, betont aber, dass ein eindeutiger Beweis weiterhin fehlt.
Literatur Alfred von Domaszewski: Die Rangordnung des römischen Heeres. In: Bonner Jahrbücher, Band 117, 1908, S. 1–278.
Marcel Durfy: Les cohortes prétoriennes. Paris 1938 (= Bibliothèque des Écoles françaises d’Athènes et de Rome 146). Manfred Clauss: Untersuchungen zu den principales des römischen Heeres von Augustus bis Diokletian. Cornicularii, speculatores, frumentarii. Inauguraldissertation, Ruhr-Universität Bochum, Bochum 1973. Michael P. Speidel: Riding for Caesar: The Roman Emperors’ Horse Guards. Harvard University Press, Cambridge (Mass.) 1994, S. 33–35. Ross Cowan: The Praetorian Guard in the Roman Empire. Dissertation, University of Glasgow, 2009. Nikola Cesarik: Quintus Raecius Rufus and the Problem of Princeps Praetorii and Trecenarius. In: Diadora, Band 28, 2014, S. 93–116.
Einzelnachweise
Kategorie:Geschichte der militärischen Aufklärung Kategorie:Militärischer Verband (Rom) Kategorie:Römische Legion Kategorie:Truppengattung (Rom)