Gaston Roelants (* 5. Februar 1937 in Opvelp, Belgien, seit 2002 Gaston baron Roelants) ist ein ehemaliger belgischer Leichtathlet. In seiner Spezialdisziplin, dem 3000-Meter-Hindernislauf, wurde er 1962 Europameister und 1964 Olympiasieger, außerdem stellte er zwei Weltrekorde auf. Von August 1961 bis zu den Europameisterschaften 1966 verlor er fünf Jahre lang kein Finale im Hindernislauf. Roelants verbesserte zweimal den Weltrekord im Stundenlauf, als vierfacher Sieger im Cross der Nationen war er der erfolgreichste Crossläufer seiner Generation.
Karriere Roelants hatte bei einer Körpergröße von 1,74 m ein Wettkampfgewicht von 67 kg. Er startete seit dem Beginn seiner Karriere für den Daring Club Leuven Atletiek in Löwen. Ab 1960 trainierte er bei Edmond Vanden Eynde, zu der Trainingsgruppe gehörte seit Beginn der 1960er-Jahre André De Hertoghe, später trainierten auch Emiel Puttemans, Willy Polleunis und Erik De Beck in der Gruppe bei Edmond Vanden Eynde. Das Training zeichnete sich durch große Umfänge und reine Fahrtspiel und Tempoläufe in Form von Rennen aus, wodurch Roelants in der Lage war, vierzig Rennen in großer Intensität im Jahr zu bestreiten.Arnd Krüger (1998). Viele Wege führen nach Olympia. Die Veränderungen in den Trainingssystemen für Mittel- und Langstreckenläufer (1850 - 1997), in: N. GISSEL (Hrsg.): Sportliche Leistung im Wandel. Hamburg: Czwalina, pp. 41 – 56. ISBN 978-3-88020-322-8.
Roelants war, wie seine Stundenweltrekorde belegen, ein Läufer, der ein einmal angeschlagenes hohes Tempo sehr lange durchhalten konnte, hingegen verfügte er nie über große Spurtkraft. Dadurch war er gezwungen, seine Rennen von der Spitze zu laufen. Meist hatte er eine Runde vor Schluss seinen größten Vorsprung, der dann bis ins Ziel durch die um die Plätze spurtenden Verfolger in der Regel nur noch verkürzt werden konnte. Für das Publikum war dieser Laufstil sehr attraktiv, da Roelants immer zu sehen war und sich nie im Feld versteckte. Roelants selber sagte: „Ich liebe es, vorneweg zu laufen. Das ist ein Risiko, gewiß, aber ich habe Selbstvertrauen, die Durststrecke durchzustehen.“Wünsche, Seite 140
Roelants trat in einer Zeit an, in der die Sportler in den olympischen Sportarten dem Amateurstatus folgen mussten. Offiziell durften sie weder Antrittsgelder noch Siegprämien kassieren. Roelants war durch seinen Laufstil ein Publikumsliebling und Kassenmagnet, über den ständig Gerüchte im Umlauf waren, dass er sich seine sportlichen Leistungen vergüten ließe.Wünsche, Seite 140 Andererseits soll Roelants nach seiner Niederlage gegen Roy Fowler im Cross der Nationen 1963 dem Engländer eine gut dotierte Revanche angeboten haben.Nachruf auf Roy Fowler Roelants konnte aber nie ein Verstoß gegen die Amateurbedingungen nachgewiesen werden.
Bis zum Olympiasieg 1964 Roelants begann als Jugendlicher im Crosslauf. 1955 lief er erstmals die 3000-Meter-Hindernisstrecke unter zehn Minuten und steigerte sich in den nächsten Jahren. Nachdem er 1956 keinen Hindernislauf absolviert hatte, verbesserte er in den Jahren 1957, 1958 und 1959 seine Bestzeit im Hindernislauf jedes Jahr um etwa zwanzig Sekunden. 1957 erlief er seinen ersten belgischen Titel, als er bei den Juniorenmeisterschaften im Crosslauf siegte. 1959 gewann er sowohl im Crosslauf als auch auf der Hindernisstrecke seine ersten belgischen Meistertitel in der Erwachsenenklasse. Mit 8:56,6 min platzierte er sich 1959 erstmals in der Weltbestenliste, am Jahresende belegte er den 42. Rang.Holzhausen, Seite 42 1960 gelang ihm dann der internationale Durchbruch. Beim Cross der Nationen im schottischen Hamilton erreichte er den zweiten Platz hinter dem Marokkaner Rhadi Ben Abdesselam, auch in der Mannschaftswertung belegten die Belgier den zweiten Platz hinter der englischen Mannschaft.
Kurz vor den Olympischen Spielen 1960 in Rom hatte der Pole Zdzisław Krzyszkowiak den Weltrekord im Hindernislauf auf 8:31,4 min gesenkt, hinter ihm hatte Nikolai Sokolow den sowjetischen Landesrekord auf 8:32,4 min verbessert. Bei den Olympischen Spielen gewannen Sokolow und Krzyszkowiak die ersten beiden Vorläufe, im dritten Vorlauf siegte der sowjetische Exweltrekordler Semjon Rschischtschin vor dem US-Amerikaner Deacon Jones. Die eigentliche Überraschung des dritten Vorlaufs war aber, dass der deutsche Rekordhalter Hermann Buhl im Kampf um den Finaleinzug an dem international noch weitgehend unbekannten Gaston Roelants scheiterte, denn nur die drei Ersten jedes Vorlaufs erreichten das Finale. Im Endlauf sorgten die sowjetischen Läufer für die Tempoarbeit und liefen den ersten Kilometer in 2:45 Minuten, diesem folgte ein zweiter Kilometer von etwa drei Minuten und bei diesem Tempo war das Feld geteilt. Roelants lief auch den dritten Kilometer im gleichen Tempo und belegte hinter Krzyszkowiak, Sokolow und Rschischtschin in 8:47,6 min den vierten Platz.zur Megede, Band 2, Seite 199f Am Ende der Saison stand die Bestzeit von Roelants bei 8:45,8 min, damit belegte er in der Weltjahresbestenliste Platz 19.Holzhausen, Seite 42
Beim Berliner ISTAF am 5. August 1961 unterlag Roelants gegen Deacon Jones, dies sollte seine letzte Niederlage für einige Jahre bleiben.zur Megede, Band 2, Seite 269; laut Amrhein, Schäfer, Seite 174, war die Niederlage von Roelants beim Sechsländerkampf 1961 gegen Wilhelm-Rüdiger Böhme seine letzte Niederlage, der Sechsländerkampf fand allerdings am 8. und 9. Juli 1961 statt, einen Monat vor dem ISTAF In der Weltjahresbestenliste 1961 stand Roelants, der seine Bestzeit um weitere sieben Sekunden verbessert hatte, mit 8:38,2 min auf dem siebten Platz.Die schnellsten zehn Hindernisläufer jedes Jahres Krzyszkowiak führte die Liste mit seinem neuen Weltrekord von 8:30,4 min an. Das Jahr 1962 begann für Roelants mit einem Sieg beim Cross der Nationen in Sheffield, in der Mannschaftswertung belegten die Belgier den dritten Platz hinter den Engländern und den Spaniern. Bei den Europameisterschaften 1962 in Belgrad erreichten die ersten vier Hindernisläufer aus jedem Vorlauf das Finale. Im ersten Vorlauf siegte Hermann Buhl, als Fünfter dieses Laufs schied der angeschlagene Weltrekordler Krzyszkowiak aus; im zweiten Vorlauf siegte Roelants vor Sokolow. Im Finale ging Gaston Roelants von Beginn an in Führung; als nach tausend Metern Buhl und der Rumäne Zoltan Vamoș aufschlossen, erhöhte er sein Tempo und hatte schon kurz darauf wieder einen deutlichen Vorsprung. Zwei Runden vor Schluss schloss Vamoș noch einmal zu Roelants auf; erst am letzten Wassergraben löste sich Roelants endgültig und lief in neuem Landesrekord von 8:32,6 min ins Ziel. Auf den letzten 150 Metern hatte er auf Vamoș fünf Sekunden Vorsprung herausgelaufen. Vamoș erhielt mit neuem rumänischen Landesrekord die Silbermedaille vor Sokolow und Buhl.Amrhein, Schäfer, Seite 140 Roelants führte mit seiner Siegerzeit von Belgrad Ende 1962 auch die Weltjahresbestenliste an.
1963 belegte Roelants beim Cross der Nationen in San Sebastián den zweiten Platz hinter dem Engländer Roy Fowler, gewann aber mit der belgischen Mannschaft die Teamwertung. Höhepunkt der Saison 1963 war für Roelants der 7. September. Bei einem internationalen Sportfest in seiner Heimatstadt Löwen gelang ihm als erstem Hindernisläufer eine Zeit von unter 8:30 Minuten: In 8:29,6 min verbesserte er Krzyszkowiaks Weltrekord und hatte im Ziel über zehn Sekunden Vorsprung auf die beiden sowjetischen Läufer Nikolai Sokolow und Adolfas Aleksejūnas. Am Jahresende stand Roelants in der Weltjahresbestenliste nicht nur auf dem ersten Platz im Hindernislauf, sondern rangierte mit 13:45,6 min auch im 5000-Meter-Lauf hinter dem Neuseeländer Murray Halberg auf dem zweiten Platz.
Seit dem ISTAF 1961 hatte Roelants 25 Hindernisrennen (ohne Vorläufe) gewonnen, als er bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio antrat. Für das Finale qualifizierten sich die ersten drei Läufer aus drei Vorläufen sowie der zeitschnellste Vierte. Den ersten Vorlauf gewann der Portugiese Manuel de Oliveira in 8:40,8 min vor Iwan Bjeljajew aus der Sowjetunion. Im zweiten Vorlauf stellte der Brite Maurice Herriott mit 8:33,0 min einen neuen olympischen Rekord auf, den bereits im dritten Vorlauf Adolfas Aleksejūnas auf 8:31,8 min verbesserte. Hinter Aleksejūnas lief Roelants als Zweiter ins Ziel. Nachdem Roelants als Weltrekordler die schnellste Bestzeit aufzuweisen hatte, aber nicht die beste Zeit für den dritten Kilometer, lief er im Finale vom Start weg vor dem Feld. Bis zur 1000-Meter-Zwischenzeit folgten Aleksejūnas, Oliveira und der Franzose Guy Texereau, dann löste sich Roelants auch von diesen Verfolgern. Mit über 50 Metern Vorsprung lief Roelants in die Schlussrunde, während die anderen um die Plätze spurteten. Im Ziel hatte Roelants mit 8:30,8 min noch anderthalb Sekunden Vorsprung auf Herriott, der vor Beljajew und Oliveira ins Ziel lief.zur Megede, Band 2, Seite 269f Mit seiner Siegerzeit von Tokio führte Roelants auch die Weltjahresbestenliste 1964 an. Am letzten Tag des Jahres gewann er dann erstmals die Corrida Internacional de São Silvestre in São Paulo. Nach Emil Zátopek war er der zweite Olympiasieger, der in São Paulo gewann.Siegerliste des Silvesterlaufs
1965 bis 1968 Seinen zweiten Weltrekord auf der Hindernisstrecke lief Gaston Roelants am 7. August 1965. Bei den belgischen Meisterschaften in Brüssel siegte er in 8:26,4 min, damit blieb er drei Sekunden unter seinem fast zwei Jahre alten Weltrekord und hatte im Ziel fast eine Minute Vorsprung auf den Zweitplatzierten Julien Laureyns.Holzhausen, Seite 75 Außer dem ersten Platz über die Hindernisse belegte Roelants im 10.000-Meter-Lauf in 28:10,6 min den zweiten Platz in der Weltjahresbestenliste, lediglich Ron Clarke lag vor ihm. Am Jahresende konnte Roelants seinen Sieg in São Paulo wiederholen.
Vor den Europameisterschaften 1966, die vom 30. August bis zum 4. September in Budapest stattfand, war Roelants über die Hindernisse seit fünf Jahren bei Sportfesten und in Meisterschaftsentläufen ungeschlagen. Er startete zuerst im 10.000-Meter-Lauf und belegte den achten Platz. Im Hindernislauf qualifizierten sich die ersten vier jedes Vorlaufes für das Finale. Roelants gewann den ersten Vorlauf in 8:33,8 min, der Fünfte dieses Vorlaufes Jouko Kuha lief neuen finnischen Landesrekord und war erheblich schneller als die Sieger der beiden anderen Vorläufe, qualifizierte sich aber nicht für das Finale. Im Endlauf lief Roelants nicht wie üblich vorne weg, sondern überließ anderen die Führungsarbeit auf dem ersten Kilometer. Auf dem zweiten Kilometer behielt er sein Tempo bei, während die anderen Läufer nach und nach zurückfielen, Eingangs der letzten Runde hatte Roelants noch einen großen Vorsprung, doch am letzten Hindernis überholte ihn Viktor Kudinski und mit Anatoli Kurjan konnte auch ein zweiter Läufer aus der Sowjetunion noch an ihm vorbeiziehen.Amrhein, Schäfer, Seite 174 In 8:28,8 min lief Roelants auf den dritten Platz in einem Rennen, in dem von den sieben Erstplatzierten fünf ihren Landesrekord unterbieten konnten, lediglich Kurjan und Roelants gelang kein Landesrekord.EAA (Hrsg.): Statistics Manual, herausgegeben zu den Europameisterschaften 2002 in München, Seite 65 In der Weltjahresbestenliste 1966 lag Roelants im Hindernislauf mit 8:27,2 min vom Sportfest in Stockholm auf dem zweiten Platz hinter Kudinski, über 10.000 Meter lag er auf dem dritten Platz. Am 28. Oktober 1966 stellte Roelants allerdings in Löwen zwei weitere Weltrekorde auf: Im Alleingang verbesserte er den ein Jahr alten Rekord von Ron Clarke über 20.000 Meter auf 58:06,2 min und den im Stundenlauf auf 20.664 Meter, über 20.000 Meter blieb er fast achtzig Sekunden unter der Clarkes Zeit, im Stundenlauf betrug die Steigerung 432 Meter.