mini|Basilika von Nordosten mini|Turm von Westen Die römisch-katholische Abteikirche St. Mauritius der Benediktinerabtei Tholey, seit 1806 Pfarrkirche des Ortes Tholey, seit 1950 außerdem wieder Abteikirche, entstand in ihrer heutigen Form nach dem Brand des im 11. Jahrhundert begonnenen Vorgängerbaues, von dem wohl auch Teile des Mauerwerks übernommen wurden. Eine frühe Vorgängerkirche, errichtet als Eigenkirche, war schon 634 von ihrem Bauherren dem Bischof von Verdun vermacht worden. Ob das Kloster bei der Kirche im 8. oder 9. Jahrhundert gegründet wurde, ist ungeklärt.
In einer päpstlichen Urkunde aus dem Jahr 1246 ist der Bau der Kirche und der vorangegangene Brand erwähnt. Über den Abt Hugo, der von 1264 bis 1277 oder 1280 amtierte, berichtet die Klosterchronik, er habe das Kloster völlig wiederaufgebaut.https://www.wndn.de/tholey-ist-die-abteikirche-die-aelteste-gotische-kirche-deutschlands/ Damit dürfte auch die Klosterkirche vor seinem Tode vollendet worden sein.
Stellung in der Architekturgeschichte mini|hochkant|Ein Kapitell „französisch“, eines (wie die meisten) schlicht Die querhauslose dreischiffige gotische Basilika entstand also im mittleren Drittel des 13. Jahrhunderts.
Trotz ihrer schon hochgotischen Fenstermaßwerke gehört sie damit zu den frühen, aber nicht den ersten Werken der Gotik in Deutschland. Zum Vergleich: Der gotische Umbau des Limburger Doms begann vor 1190 und war 1230 weitgehend abgeschlossen. Das Dekagon von St. Gereon in Köln entstand zwischen 1219 und 1227, die östlichen Teile des Magdeburger Doms von 1207 bis 1266.Birthe Rogacki-Thiemann: Der Magdeburger Dom St. Mauritius et St. Katharina, Baugeschichte von 1207 bis 1567, Michael Imhof Verlag 2007, ISBN 978-3-86568-263-5, S. 61
Vorgängerbauten Der erste rechteckige Kirchenbau des fränkischen Adeligen Adalgisel Grimo wurde Anfang des 7. Jahrhunderts in den Resten einer römischen Badeanlage errichtet. Da sich jeder Neubau der Klosterkirche im Verlauf der Jahrhunderte an der Ursprungsausrichtung der römischen Badeanlage orientierte, weicht die heutige Kirche von einer exakten Ostung um 28° nach Nordosten ab.
Um das Jahr 750 wurde die Kirche durch eine rechteckige Choranlage erweitert. Nach dem Jahr 1066 wurde die Klosterkirche unter Einbeziehung der Grablege des als Märtyrer verehrten Trierer Bischofs Kuno von Pfullingen unter dem Sakramentsaltar zu einem dreischiffigen Rechteck erweitert. In den Jahren 1216 bis 1230 wurde dieser Bau zum Schutz vor Bränden eingewölbt. Dennoch fiel die Kirche bereits im Jahr 1230 mitsamt den Klostergebäuden einem Großbrand zum Opfer.
Gotische Basilika mini|hochkant|Kirchenraum zum Chor Im Jahr 1236 begann man am Ort der Brandruine mit der Errichtung einer neuen Klosterkirche mit drei Apsiden. Noch vor seiner Vollendung fiel dieser Bau einem weiteren Brand anheim. Der Wiederaufbau erfolgte auf den alten Fundamenten, jedoch ohne die aus der Mode gekommenen Apsiden. Die Kirche lässt Einflüsse aus Trier, Lothringen und dem Burgund erkennen. Abweichend von der klassischen französischen Gotik wurde in Tholey auf Strebebögen an den Obergaden verzichtet, wie auch am Magdeburger Dom und an mehreren Zisterzienserkirchen gehandhabt. Auffallend schlicht sind die meisten Kapitelle. Das Hauptportal im Nordwesten entspricht in seiner Struktur in etwa dem Hauptportal der Trierer Liebfrauenkirche. Sein heute stark verwittertes Tympanon zeigt die Auferstehung Christi.
Das Langhaus wird von 12 Pfeilern getragen und hat eine Länge von 47 Metern, eine Breite von 20 Metern und eine Höhe von 31 Metern. An den Schlusssteinen der Gewölbe finden sich Blattwerkschmuck und vereinzelte figürliche Darstellungen. Für die Gläubigen des Dorfes war bereits um das Jahr 1000 eine Kapelle mit dem Patrozinium Johannes des Täufers auf dem heutigen Tholeyer Marktplatz errichtet worden, die heute nicht mehr besteht. Barockzeit, Französische Revolution, Nutzung als Pfarrkirche Im 18. Jahrhundert wurde die Kirche mit barocken Altären ausgestaltet. Nachdem am 7. Juli 1794 das Kloster aufgehoben worden war und im Jahr 1798 Kirche und Klostergebäude in Metz öffentlich für 50.000 Franken versteigert worden waren, erwarb im Jahr 1806 ein Tholeyer Bürger die Anlage für 1650 neue Gulden und schenkte sie der Gemeinde als Pfarrkirche. Im 19. Jahrhundert wurden die Kirche im Stil des Historismus ausgemalt.
20. und 21. Jahrhundert mini|Mittelschiff und Chor (Abteiarchiv) Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Sakralgebäude einer Renovierung unterzogen und die Turmfundamente weitgehend unterfangen. Auch die Gewölbekappen wurden fast vollständig erneuert. Der Fußboden, den man im Laufe der Jahrhunderte wegen aufsteigenden Grundwassers erhöht hatte, wurde auf sein ursprüngliches Niveau abgesenkt. Das Gelände um die Kirche wurde tiefer gelegt und durch eine Mauer zur Straße hin abgesichert.
Generalsanierung 1957–1963 Bei der Renovierung der Kirche in den Jahren 1957 bis 1963 wurden sämtlichen mittelalterlichen Kirchenfundamente durch massive Eisenbetonfundamente ersetzt, die gesamte Steinaußenhaut des Nordseitenschiffes mit den Maßwerkfenstern erneuert sowie der Dachstuhl in Eisenbetonverstrebungen im Sinne einer „Mauerwerkszange“ neu konstruiert. Im Fußboden wurde eine Heizung eingebaut. Liturgisch wurde der Kirchenraum im Stil der Zeit gestaltet, wobei man eine neue Taufkapelle im Westen anbaute und den gotischen Altar mit seinen mittelalterlichen Reliquiennischen zerstörte, um ihn durch einen modernen glatten Blockaltar ersetzen zu können. Der moderne Altar ist mit einem Wabenmuster aus vergoldeten Kupferplatten mit Perlmutteinlagen der Aachener Goldschmiedewerkstatt Schwerdt und Förster geschmückt. Schwerdt und Förster schufen auch das Tabernakel in der Sakramentskapelle, das Ewiglicht, das Hängekreuz (vormals Vortragekreuz), die Altarleuchter, den Osterleuchter, das moderne Lesepult sowie das Tabernaculum für die Hlg. Öle.
Bei der Sanierungsmaßnahme entfernte man ebenso alle neogotischen Ausstattungsstücke. Das aus dem Jahr 1704 stammende Chorgestühl, von dem heute nur noch die Hälfte des ursprünglichen Bestandes erhalten ist, wurde in Richtung Apsis verschoben. Anstelle des neogotischen Altaraufbaues positionierte man einen um das Jahr 1300 entstandenen Verkündigungsengel vom Seitenpfeiler des Hauptportals in der Apsis der Kirche. Die Bildteppiche des Kreuzweges, die von der Aachener Textilkünstlerin Mila Wiertz-Getz in den 1960er-Jahren gefertigt worden warenHans-Martin Ulbrich: Mila – Zwischen Staffelei und Webstuhl / ein Künstlerleben. S. 56–58. Mixed-Media-Verlag, Aachen 1995. ISBN 978-3-9804381-0-0., wurden in den 1990er-Jahren wieder durch neu gerahmte neogotische Kreuzwegstationen ersetzt.Abtei St. Mauritius Tholey, (Schnell Kunstführer Nr. 1002), München und Zürich 1974.Franz-Josef-Reichert: Die Baugeschichte der Benediktiner-Abteikirche Tholey; Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Bd. 3; Institut für Landeskunde im Saarland, Saarbrücken 1961, S. 232–248.
Fenster von Bonifatius Köck (1959–2020) mini|Hochaltar und linke Kapelle 2010 mini|Antependium des Hochaltars 2010 Im Rahmen der Renovierung wurde die nach den Kriegsbeschädigungen des Zweiten Weltkrieges provisorisch eingesetzte Verglasung durch eine neue abgelöst. Der Tholeyer Mönch Bonifatius Köck war für den Entwurf verantwortlich.Robert Köck: Die Bildfenster in der Benediktinerabteikirche zu Tholey, hrsg. von der Abtei St. Mauritius zu Tholey, Tholey 1989. Impulse dazu gingen von den Fenstern Georg Meistermanns in der Sepultur am Würzburger Dom aus. Die Ausführung der Entwürfe übernahmen die Werkstätten Derix in Rottweil und Wiesbaden, während die Gläser unter Leitung von Pater Köck in der Glashütte Mittinger in Darmstadt hergestellt wurden.
Im Jahr 1959 wurden die Fenster in den Seitenschiffen eingebaut. Das zweite eingebaute Fenster zeigte über den Wellen des Roten Meeres die Wolken- und Lichtsäule . In der Höhe der damals noch vorhandenen Kommunionbank wurde das Fenster mit dem alttestamentlichen Mannaregen eingebaut .
Das darauf folgende Fenster in der Höhe des Altares zeigte den Vollmond der Passahnacht und das Blut des Paschalammes an den Pfosten der Türen der Israeliten als alttestamentliche Vorausdeutung auf das blutige Opfer Jesu am Kreuz.
Diesem Fenster gegenüber wurde in der Nähe des Altares das Opfer Abels bildlich thematisiert, das sich als helle Rauchsäule himmelwärts erhebt, während das Opfer Kains als düstere Rauchschwade zu Boden sinkt .
Im Fenster daneben gestaltete Köck den brennenden Dornbusch mit winzigen roten Röschen, in dem sich Gott als Jahwe dem Mose geoffenbart hatte . Die kleinen Röschen fügte Bonifatius Köck als mariologische Hinweise hinzu.
Das letzte Fenster auf der Südseite zeigte den Regenbogen Noahs, der hier reinweiß vor einer lichtblauen Regenflut gestaltet wurde, während Felsen aus der weichenden Sintflut aufzutauchen scheinen .
Ebenfalls im Jahr 1959 wurde die Ausführung der Fensterentwürfe in den Seitenapsiden begonnen. In Zusammenarbeit mit der Goldschmiedewerkstatt Schwerdt und Förster in Aachen wurden die Fenster der Sakramentskapelle gesondert gestaltet. Die einfallende Lichtmenge sollte so stark vermindert werden, dass das einfallende Licht aus dem Kirchenschiff diejenige der Seitenkapellen überstrahle und somit die Goldschmiedearbeiten in ein geradezu mystisches Licht getaucht werden würden. Die Fenster, die den Tabernakel umgaben, zeigten ein netzartig verflochtenes Ornament aus dämmrigem Rot und Braunviolett und bezogen sich auf die eucharistischen Gestalten Wein und Brot. Dem ornamentalen Gefüge lag die Form eines Brotes zugrunde. mini|Bogenfeld des Hauptportals, auferstehender Christus, 13. Jh., verwittert, vor 2019 Die Fenster der Mauritiuskapelle, deren Altar Reliquien des antiken Märtyrers und Abteipatrons Mauritius enthält, wurden nach einem biblischen Zitat aus dem Buch der Weisheit gestaltet .
Das große Fenster hinter der Orgelempore in der Westwand wurde rein ornamental gestaltet. Ebenso zeigten auch die im April 1960 eingesetzten Obergadenfenster schlichte Ornamente.
Die Gestaltungsaufgabe der drei kleineren Fenster in der Westwand der Seitenschiffe löste Köck ebenfalls abstrahierend: In einem Rundfenster durch eine Visualisierung des Wollwunders Gideon aus dem Buch der Richter, das in der christlichen Theologie als alttestamentliche Vorausdeutung auf die jungfräuliche Empfängnis und Geburt Jesu gedeutet worden war In einem weiteren barocken Fenster mit der Darstellung des Gleichnisses vom Schatz im Acker In einem Bogenfenster erscheint eine goldgelbe Honigwabe als Sinnbild der göttlichen Gerechtigkeit .
Die hohen Fenster der Apsis wurden in der letzten Phase der Neuverglasung im Jahr 1961 eingesetzt. Hier gestaltete Pater Bonifatius die apokalyptische Vision des kristallenen Meeres .
Sanierung 2018–2021 mini|Juni 2020: Renovierungsarbeiten mit Schutzportal Von Mai 2018 bis März 2021 wurde die Tholeyer Abteikirche erneut saniert.d-nb.info abgerufen am 8. April 2020.Benediktinerabtei St. Mauritius Tholey: Tholeyer Brief, Nr. 57, S. 13. Die Initiative wurde finanziell unterstützt durch die Unternehmerfamilie MeiserDer Saarländische Rundfunk schätzt die Spende der Firma mit einem Betrag um die 5 Millionen €; Beitrag von Uwe Loebens: Streit um die Abtei Tholey geht in die nächste Runde (30. Oktober 2019); sr-mediathek.de abgerufen am 3. Februar 2020. und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz.Benediktinerkloster Tholey, Auf den Trümmern einer römischen Badeanlage, denkmalschutz.de abgerufen am 3. Februar 2020.