Die Kollwitzstraße in Berlin-Prenzlauer Berg ist eine Wohn- und Geschäftsstraße, angelegt 1872 in der Hochkonjunktur der Gründerjahre. Sie wurde vornehmlich mit großbürgerlichen Mietshäusern bebaut, viele davon in serieller Bauweise. Anfangs Weißenburger Straße genannt, wohnte dort über mehr als fünfzig Jahre die Künstlerin Käthe Kollwitz, nach der die Straße 1947 umbenannt wurde. In den 1990er Jahren prägte die Straße das von ganz Prenzlauer Berg, 2023 gehörte sie zu den teuersten Wohnlagen Berlins.
Lage
Einen Kilometer nördlich des Alexanderplatzes beginnt die Kollwitzstraße am Senefelderplatz und verläuft über gut einen Kilometer Länge nordwärts quer durch den sogenannten Kollwitzkiez. Sie passiert Metzer und Belforter Straße und liegt zwischen Knaackstraße und Wörther Straße am Kollwitzplatz. Im weiteren Verlauf kreuzt sie die Sredzkistraße und endet an der Danziger Straße, um dort in die Senefelderstraße überzugehen.
Die Weißenburger Straße gehörte zum ehemaligen Stadtteil der Rosenthaler Vorstadt. Ihre Nummerierung in Hufeisenform wurde 1877 erstmalig geändert,Nummerierungsplan von der Weissenburger-Strasse. Königliches Polizei-Präsidium Berlin, 12. März 1877. Landesarchiv. Berlin: A Pr. Br. Rep 030 Nr. 18109. ein Jahr nach der Umbenennung bekam die Kollwitzstraße 1948 ihre heutige Orientierungsnummerierung.
Verkehr und Straßenbild
Die Kollwitzstraße ist mit 34 Metern relativ breit, von den 1872 angelegten, je vier Meter breiten Vorgärten sind einige Einfriedungen erhalten. Auf der Fahrbahn ist Platz für beidseitige Pkw-Parkflächen in Senkrechtaufstellung. Der südliche Abschnitt am Senefelderplatz wurde um 1990 dauerhaft verkehrsberuhigt und die Einmündung zur Schönhauser Allee für den Kraftverkehr versperrt. Auf der Fahrbahn ist dort ein historisches Großsteinpflaster von 1897 erhalten, es stand 2024 unter Denkmalschutz. Seit 2012 ist die Kollwitzstraße jeden Samstag für einen Wochenmarkt zwischen Knaack- und Sredzkistraße gesperrt.Kollwitzplatz: Mit Sack und Pack. In: Berliner Zeitung, 5. Januar 2012.
Ab 1894 durchfuhr die Weißenburger Straße eine Straßenbahn mit Endhaltestelle an der Kreuzung zur Danziger Straße. Die rot–grüne Linie 53 führte stadteinwärts zum Hackeschen Markt und weiter Richtung Hermannplatz. Anfangs betrieben von der Großen Berliner Pferde-Eisenbahn wurde die Linie im März 1900 elektrifiziert und 1938 eingestellt.Angaben gemäß der Fahrplan-Chronik von Fabian Sawall, berliner-linienchronik.de abgerufen am 3. Dezember 2024.
1889 pflanzte die Stadtverwaltung in der Weißenburger Straße in relativ engem Abstand insgesamt 265 Bäume,Extraordinarium des Magistrats-Etats No. 54 pro 1. April 1888/89. Landesarchiv Berlin: A Rep. 000-02-01 Nr. 1103. vermutlich Linden.Gruß aus der Weißenburger Straße, Ansichtskarte, 1930er Jahre. Verlag Lisa Wingert, Weißenburger Straße 74. Seit dem Ersten Weltkrieg wurden sie durch Platanen (Platanus acerifolia) ersetzt, deren alter Bestand 2024 das Straßenbild bestimmte. Das Pflanzjahr fast aller Bäume wird mit 1938 angegeben.Baumbestand Berlin. Karte Geoportal Berlin, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Stand 12/2024.
Geschichte 1872–1947: die Weißenburger Straße
Frühes 19. Jahrhundert: Büttner’scher Feldweg und Judengang
mini|hochkant|Feldweg, 1871 Zusammen mit der parallel laufenden Greifswalder Straße und der Kastanienallee gehört die Kollwitzstraße zu denjenigen Straßen, die entlang alter Ackerfluren der nördlichen Berliner Feldmark verlaufen, um 1750 genannt Remisen oder Eichelhufen.Otto Behrendt und Karl Malbranc: Auf dem Prenzlauer Berg. Berlin / Frankfurt am Main 1928, S. 6f. Sie verläuft in voller Länge parallel zum ehemaligen Büttner’schen Feldweg, der nach der Separation 1822 das Land des Großgrundbesitzers Wilhelm Gotthold Büttner im Osten begrenzte.Otto Behrendt: Die Berliner Gutsbesitzer. A. Büttner-Spiekermann. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. 38. Jahrgang, Nr. 9, Berlin September 1921. S. 33. Am südlichen Teil des Feldweges verkaufte Büttner 1824 ein Stück Land an die Jüdische Gemeinde, die dort den Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee anlegte. Der alte Feldweg an der Friedhofsmauer wurde bekannt als Judengang, er wurde nie bebaut und ist seit 2003 ein Gartendenkmal an den Höfen der Kollwitzstraße 17–59. Östlich des Feldwegs befanden sich 1822 Äcker des Großgrundbesitzers Christian Friedrich Bötzow, dem Großvater des Brauereibesitzers Julius Bötzow.Mencelius (Menzel): Plan der Berliner Hufen von 1822. Königl. Lith. Institut Berlin, 1823. stadtmuseum.de
Zu den ersten Bewohnern der Gegend zählte die Familie des Mühlenmeisters Dedlow, ihr Haus befand sich ab 1827 an der Südspitze des Judengangs,J. W. Boike: Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Berlin. Berlin 1842, S. 71. (Adresse 1823: Schönhauser Allee 5 - Adresse 1842: Pankower Chaussee 21.)Heinrich Herzberg u. a.: Mühlen und Müller in Berlin. VEB Verlag für Bauwesen, Berlin 1986, S. 165. ihre Privatmühle stand oberhalb der heutigen Kollwitzstraße, nördlich von Würst’s Lokal nahe der heutigen Straßburger Straße.Jean Chrétien Selter: Grundriss von Berlin. Simon Schropp et Comp, Berlin 1846. (Mühle Detlau auf dem Windmühlenberg, Quadrant: Ai)Heinrich Herzberg u. a.: Mühlen und Müller in Berlin. VEB Verlag für Bauwesen, Berlin 1986, S. 154. Die Bockwindmühle der Dedlows war eine der letzten Mühlen auf dem Windmühlenberg, sie brannte im Juli 1872 ab.Vorlagen zu dem Stadtverordneten-Protokoll vom 15. Mai 1873. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, Nr. 423, 1873, S. 204–205. (enthält: Schadensgutachten) Nördlich der Mühlen und östlich der heutigen Kollwitzstraße gelegen befand sich ab den späten 1850er Jahren ein großer Wasserspeicher der Berlin Waterworks Company' am heutigen Wasserturmplatz.
Ab 1872: Straße der Gründerjahre mini|hochkant|Emission, 1872
Als Planstraße war die heutige Kollwitzstraße im Bebauungsplan von 1862 noch genau im Verlauf des Büttner’schen Feldwegs vorgesehen. Dies änderte sich 1872 in der Hochkonjunktur der Gründerjahre, als zwei Actien-Bauvereine das Land erwarben. Der Actienbauverein Königstadt kaufte mehrere Äcker der Familie Bötzow,Vorlagen zu dem Stadtverordneten-Protokoll vom 15. September 1872. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 1872, No. 37, S. 338. der Deutsch-Holländische Actien-Bauverein übernahm die ausgedehnten Felder der Büttner’schen Erben für angeblich fünf Millionen Thaler.Otto Glagau: Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin. Frohberg, Leipzig 1876, S. 134.Alexander Haeder: Stadtentwicklung und Industrialisierung. Drei Fallstudien zur Stadtbau- und Architekturgeschichte Berlins zwischen 1830–1918. Greifswald 2001, S. 140. (Dissertationsschrift) Fast die gesamte Fläche des heutigen Kollwitzkiezes war nun in Besitz dieser beiden Aktiengesellschaften.
1872 beantragte der Actienbauverein Königstadt eine Änderung der Bebauungspläne, und die damalige Planstraße Nr. 4 wurde rund fünfzig Meter vom Friedhof versetzt weiter ostwärts angelegt. Dadurch wurde eine beidseitige Bebauung der Straße mit Mietshäusern ermöglicht, und auch die Anlage der geplanten Stadtplätze änderte sich: Am südlichen Ende der Straße entstand eine neue Fläche für den späteren Senefelderplatz, die Fläche des heutigen Kollwitzplatzes (damals: Platz H) wurde wesentlich vergrößert – aus den Plänen gestrichen dagegen wurde ein großer, dreieckiger Platz B an der westlichen Ecke zur Danziger Straße.Vorlagen zu dem Stadtverordneten-Protokoll vom 15. September 1872. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 1872, No. 37, S. 338. Die Breite der neuen Straße wurde auf großzügige 34 Meter festgelegt.
Dem Actienbauverein Königstadt gehörte das Land an der südlichen Straßenhälfte, das er parzellenweise an private Bauherren verkaufte. An der „städtebaulich herausragenden nördlichen Platzkante“ am späteren Senefelderplatz entstand 1874 ein repräsentatives Gebäude mit großer Dachkuppel.
Die nördliche Straßenhälfte ab den heutigen Hausnummern 50/51 war in Besitz des Deutsch-Holländischen Actien-Bauvereins. Dieser trat selbst als Bauherr auf und unternahm 1873 den ersten und bis in die 1920er Jahre einzigen Anlauf, den Wohnungsbau in Berlin zu industrialisieren.Johann Friedrich Geist, Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus 1864–1945. Band 2. Prestel, München 1984, S. 321. Sein Architekt Otto Klau plante eine Reihe repräsentativer, großbürgerlicher Mietshäuser mit Vorgärten, klassizistischen Fassaden, marmornen Treppenhäusern, „üppig dimensionierten“ Geschossflächen von gut 300 Quadratmetern sowie Geschosshöhen von bis zu 4,40 Meter. Nach dem Gründerkrach Ende 1873 wurden die Grundrisse dem Immobilienmarkt etwas angepasst und die meisten Häuser mit Seitenflügeln fertiggestellt, in denen zusätzliche, kleinere Wohnungen untergebracht wurden.Haeder u. a. (1994), S. 116 ff.Grundrisse und Ansichten der 1873 geplanten und 1874 realisierten Kollwitzstraße 52 bei: kollwitz52.de abgerufen am 25. November 2024.
24 Häuser errichtete der Deutsch-Holländische Actien-Bauverein bis 1876 entlang der Straße.Johann Friedrich Geist, Klaus Kürvers: Das Berliner Mietshaus 1864–1945. Band 2. Prestel, München 1984, S. 320 (Weißenburger Str. 21–29; 33–36; 51/52; 56–61; 65–67, außerdem: Wörther Str. 2–11). Ein Beispiel ist das Haus Kollwitzstraße 52. Sie hatten vier bis fünf Geschosse und weitgehend gleiche Grundrisse, unterschieden sich allerdings deutlich im Fassadenschmuck. In äußerst kurzer Bauzeit wurden die Gebäude in einem damals innovativen, rationalisierten Prozess hergestellt: der Bauverein errichtete dazu nördlich der Danziger Straße mehrere Fabriken für die Herstellung von Beschlägen und Bauholz sowie eine große Ziegelei mit Ringofen auf dem heutigen Helmholtzplatz.
mini|Ecke Fransekistraße, 1905
Mit der Fertigstellung der ersten Häuser wurde die Straße Nr. 4 im März 1874 per Kabinettsordre als Weißenburger-Straße benannt,Kommunale Mittheilungen. Aus dem Magistrat. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 26. April 1874, 15. Jahrgang, Nr. 17, S. 204. nach der Schlacht bei Weißenburg im Elsass im Deutsch-Französischen Krieg 1870.Hermann Vogt: Die Straßen-Namen Berlins. Verlag des Vereins für die Geschichte Berlins, Berlin 1885, S. 100; zlb.de Die kreuzende Tresckow- und Franseckistraße bekamen Namen preußischer Generale.Communale Mitteilungen. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 1. August 1875, S. 352. Benennung der Tresckowstraße (seit 1952 Knaackstraße) und Fransekistraße nach den Generälen Hermann von Tresckow und Eduard von Fransecky. Nachdem zahlreiche hohe Offiziere, darunter der spätere Generalmajor Gustav von Kortzfleisch, repräsentative Wohnungen in der Weißenburger Straße bezogen, hieß die Gegend im Volksmund Generalsviertel,Bezirksamt Pankow von Berlin: Kollwitzplatz. Touristisches Wegeleitsystem Pankow. Berlin 2005. mit „großen stattlichen Häusern, welche von einem anständigen Publikum, Beamten, Lehrern, Kaufleuten etc. bewohnt“ waren.Amtlicher stenografischer Bericht über die Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung am 31. Mai 1883. No. 23. Berichterstattung über die Petition Nr. 17 und 37. Stadtverordneter Fessel. S. 239.
Bis Mitte der 1880er Jahre war der Deutsch-Holländische Actien-Bauverein in der Weißenburger Straße tätig. 1884 erwarben die Bauunternehmer Leberecht Haase und Rudolf Mücke insgesamt zehn Grundstücke im nördlichen Straßenteil, an der Kreuzung zur Fransekistraße (heutige Sredzkistraße) errichteten sie drei große, sechsgeschossige Eckhäuser.
1876 und 1886: Anlage der Schmuckplätze