Tainan () ist die älteste und mit über 1,8 Millionen Einwohnern sechstgrößte Stadt Taiwans. Die im Südwesten der Insel Taiwan liegende Stadt ist eine der sechs regierungsunmittelbaren Städte des Landes.

Geschichte mini|links|Niederländische Karte Taiwans aus dem Jahr 1640. Die Lagune und Fort Zeelandia sind gut sichtbar mini|links|Fort Zeelandia nach dem Atlas Blaeu-Van der Hem (ca. 1664) mini|links|Ungefährer Küstenverlauf im 17. Jahrhundert (heutige Stadtteilgrenzen gestrichelt)

Frühzeit und niederländische Herrschaft Archäologische Ausgrabungen im Stadtbezirk Zuozhen legen nahe, dass die Region des heutigen Tainan seit mindestens 20.000 bis 31.000 Jahren bewohnt ist. Ursprünglich bewohnten Ureinwohner Taiwans, die Siraya und die Taivoan, die Region. Im Gebiet der heutigen Kernstadt lag die Siedlung Sakam, in der die Sinkan, ein Zweig der Siraya, lebten. Andere Stämme, darunter die Soelangh, Mattauw und Baccloangh, besiedelten die Umgebung.

In den 1620er-Jahren wurde an der Küste des heutigen Tainan, die sich für einen Hafen eignete, ein Stützpunkt der Niederländischen Ostindien-Kompanie errichtet. Frühe holländische Kolonisten hatten von Batavia (Niederländisch-Indien) aus versucht, Macau zu erobern und die Penghu-Inseln zu kontrollieren, jedoch ohne Erfolg. Im Juli 1622 erkundete der Kommandant Cornelis Reyersz Taiwan, um einen geeigneten Standort zur Errichtung eines Handelspostens zu finden. 1624 gründeten die Niederländer unter Martinus Sonck auf der sandigen Halbinsel Tayouan (im heutigen Bezirk Anping) eine kleine Festung namens „Orange“. Das Fort wurde erweitert und in Fort Zeelandia umbenannt. Die Siedlung sollte als Stützpunkt für den Handel zwischen China, Batavia und Japan sowie als Basis für Unternehmungen gegen die portugiesischen und spanischen Rivalen dienen.

Während der Amtszeit von Gouverneur Pieter Nuyts (1627–1629) kam es zu Feindseligkeiten zwischen niederländischen und japanischen Händlern, was dazu führte, dass Nuyts von dem japanischen Händler Hamada Yahyōe gefangen genommen wurde. 1662 vertrieb der Ming-Loyalist Zheng Chenggong die niederländische Garnison und gründete das Königreich Tungning. Dieses wurde 1683 von der Qing-Dynastie unterworfen, worauf Tainan die Hauptstadt der Präfektur Taiwan (Taiwan fu) wurde.

Damals gab es an der Küste des heutigen Tainan die Taijiang-Lagune (), die durch eine lange Nehrung vom offenen Meer abgeschirmt war. Fort Zeelandia lag an einer der Lagunen-Ausfahrten. Nach einem Sturm und einer großen Überflutung im Jahr 1823 änderte der Fluss Zengwen seinen Lauf, was zur Folge hatte, dass große Mengen Sediment in die Lagune eingetragen wurden und diese allmählich verlandete. Als Überreste des einstigen Binnenmeeres existieren heute noch die Sicao-Lagune im Bezirk Annan, die Qigu-Lagune im gleichnamigen Bezirk und die Kunshen-Lagune im Südbezirk.

Seit dem 19. Jahrhundert Ende des 19. Jahrhunderts wurde Tainan als Hauptstadt von Taipeh im Norden der Insel abgelöst. Während der Zeit der japanischen Herrschaft über Taiwan (1895–1945) wurde Tainan im Wachstum von dem weiter südlich gelegenen Kaohsiung (1895–1945: Takao), dessen Hafen und Industrie systematisch ausgebaut wurden, überflügelt. Ab dem 1. Oktober 1920 war Tainan Verwaltungssitz der Präfektur Tainan.

Nach Ende der japanischen Herrschaft und der Übernahme Taiwans durch die Republik China wurde die Präfektur am 7. Januar 1946 in den Landkreis Tainan umgewandelt. Die Städte Tainan und Chiayi wurden aus dem Landkreis ausgegliedert und erhielten den Status kreisfreier Städte. Am 25. Oktober 1950 wurde der nördliche Teil des Landkreises Tainan von diesem abgetrennt und in die neuen Landkreise Chiayi und Yunlin unterteilt. Am 25. Dezember 2010 wurde der Landkreis Tainan aufgelöst und an die Stadt angegliedert. Diese erhielt den Status einer regierungsunmittelbaren Stadt. Alle bisherigen Landkreisgemeinden erhielten den Status von Stadtbezirken.

Am 6. Februar 2016 war die Stadt von dem Erdbeben in Kaohsiung 2016 betroffen, das zu Schäden an Bauten und Infrastruktur führte und 116 Menschenleben forderte.

Tainan ist heute eine moderne Großstadt. Die Vergangenheit ist jedoch überall lebendig: Alte Tempel, Überreste eines 400 Jahre alten Forts und Gebäude aus der Zeit der japanischen Herrschaft zeugen von der Verbundenheit mit der traditionellen chinesischen Kultur und der wechselhaften Geschichte der Insel.

Tainan beherbergt die Nationaluniversität Tainan und die Cheng-Kung-Nationaluniversität, zwei der ältesten Hochschulen Taiwans.

Spuren aus kolonialer Zeit mini|alternativtext=Treppen führen hoch zu einem roten Gebäude im Fort Zeelandia|Gebäude im Fort Zeelandia

Fort Zeelandia wurde 1624 von der Niederländischen Ostindien-Kompanie VOC im heutigen Bezirk Anping erbaut und war ein bedeutender militärischer Außenposten der Kompanie. Die Festung bestand aus einem inneren und äußeren Fort und diente dem Schutz der niederländischen Handelsinteressen in der Region. 1662 wurde die Festung nach einem monatelangen Belagerungskrieg von Zheng Chenggong (Koxinga) eingenommen, was das Ende der niederländischen Herrschaft auf Taiwan markierte. Heute sind Teile der Festung als Altes Fort Anping (安平古堡 Anping Gubao) eine bedeutende historische Stätte inklusive Museum.

Nach der Niederschlagung eines chinesischen Aufstands beschloss die niederländische Kolonialregierung, neben Fort Zeelandia noch eine Festung zur Kontrolle Südtaiwans zu errichten. 1653 wurde Fort Provintia fertiggestellt, in dem neben 500 Soldaten auch Verwaltungseinheiten stationiert wurden. Von 1661 bis 1683 war Fort Provintia Verwaltungssitz des Königreichs Tungning. Obwohl der Großteil des alten Forts nicht erhalten ist, dient das Gelände noch heute der Erinnerung an die koloniale Vergangenheit.

Die Alte Anping-Straße im unmittelbaren Umfeld des Forts Zeelandia ist die wohl älteste Straße Taiwans und wurde zur niederländischen Kolonialzeit gebaut. Die meisten heute anliegenden Gebäude sind im Stil der taiwanischen Stadtplanung der Qing-Dynastie errichtet. Die Straße war ursprünglich nur 2–3 m breit, wurde jedoch 2004 auf Drängen von Anwohnern aus Brandschutzgründen verbreitert.

Das heutige Krankenhaus Tainan wurde 1896 zu Beginn der japanischen Kolonialzeit gegründet und war Teil der japanischen Bemühungen, die Gesundheitsinfrastruktur Taiwans zu modernisieren. Ursprünglich als Staatliches Krankenhaus Tainan errichtet, wurde es nach dem Ende der japanischen Herrschaft 1945 von der taiwanischen Regierung übernommen und umbenannt.

Die Tainan Nationaluniversität wurde 1899 während der frühen japanischen Kolonialzeit als Tainan Normal School etabliert. Nach der Übergabe Taiwans an die Republik China diente die Universität mehrere Jahrzehnte vor allem der Ausbildung von Lehrkräften. Seit 2004 ist sie allgemeine Nationaluniversität und gilt heute als eine der renommiertesten Universitäten Taiwans. Sie unterhält zahlreiche Partnerschaften, u. a. zur Tsinghua-Universität, der Universität Heidelberg und der FU Berlin.

Die alte Magistratsresidenz wurde 1900 im englischen Kolonialstil als Residenz für den japanischen Präfekturgouverneur Imai Konichi erbaut. Im Zuge des Zweiten Chinesisch-Japanischen Kriegs wurde im südöstlichen Gebäudeteil ein Luftschutzbunker eingerichtet. Nach der Nutzung durch verschiedene Behörden öffnete 2015 im Gebäude ein Café.

mini|alternativtext=großer weißer Saal mit roten Verzierungen und hohen Bögen|Wartehalle des Bahnhofs Tainan Der Bahnhof von Tainan wurde 1900 zur Vernetzung mit anderen großen Städten Taiwans gebaut. Trotz einer kompletten Neuerrichtung aufgrund von Sturmschäden 1911, Gleiserweiterungen 1936, Kriegsschäden durch amerikanische Luftangriffe 1945, einem Einsturz der Lobby 2017 und mehreren Renovierungen ist der historische Stil des Gebäudes von 1936 bis auf die Änderung der Fassadenfarbe von hellgelb zu weiß erhalten geblieben. Ein zwischenzeitlich im Obergeschoss eingezogenes Restaurant und ein Bahnhofshotel mussten wieder schließen. Bis 2026 sollen alle Gleise in den Untergrund verlegt werden.

Die Alishan-Waldbahn wurde 1912 von der japanischen Kolonialregierung erbaut, um den Transport von Zedern- und Taiwanienholz aus den Wäldern des Alishan-Gebirges zu ermöglichen. Das Projekt erleichterte die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen Taiwans. Die Eisenbahn, die durch Berghänge und Wälder verläuft, diente hauptsächlich der Holzindustrie, entwickelte sich aber bereits in den 1930er Jahren auch zu einer Touristenattraktion. Die Strecke führt durch 50 Tunnel und über zahlreiche spektakuläre Holzbrücken. Auch nach dem Ende der Abholzung 1988 blieb die Bahn als kulturelles Erbe und beliebte Touristenattraktion erhalten.

Das Gebäude des ehemaligen Landgerichts wurde 1912 im westlichen Stil erbaut und spiegelt die Modernisierung und Institutionalisierung des Rechtswesens während der japanischen Kolonialzeit wider. Heute beherbergt es das Tainan Judicial Museum.

Die Tainan Second Senior High School wurde 1914 als Taiwan Governor’s Palace Tainan Middle School zur Ausbildung japanischer Jugendlicher gegründet. Trotz umfangreicher Umbauarbeiten wurde der toskanische Stil der Gebäude großteils beibehalten.

Der ehemalige Sitz der Präfektur in Tainan wurde 1916 während der japanischen Kolonialzeit unter dem Einfluss europäischer Baustile erbaut. Das Verwaltungsgebäude mit Mansarddach und neoklassizistischen Elementen war nach einigen Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang dem Verfall ausgesetzt. Nach einer Restauration 1999 beherbergt es seit 2003 das Nationalmuseum für taiwanische Literatur.

mini|alternativtext=Bild eines Sees im Park Tainan, darin ein rotes überdachtes Gebäude|See im Park Tainan Der Tainan Park (Zhongshan Park) wurde 1917 von der japanischen Kolonialverwaltung angelegt, um der wachsenden Bevölkerung Tainans einen öffentlichen Erholungsraum zu bieten und der japanischen Herrschaft Prestige zu verleihen. Die japanische Gartenarchitektur mit Elementen traditioneller taiwanischer Kultur ist bis heute bei Touristen und einheimischer Bevölkerung beliebt.

Die National Tainan First Senior High School (zur Kolonialzeit Tainan Prefectural Second High School, ab 1945 Taiwan Provincial Tainan First High School) wurde 1922 etabliert, um den Nachwuchs der japanischen kolonialen Elite auszubilden. Die japanischen Gebäude im neobarocken Stil sind bis heute gut erhalten.

Das ehemalige Gebäude der Polizeibehörde von Tainan wurde 1931 im Art-déco-Stil errichtet und diente bis 2011 als Zentrale Polizeidienststelle. Die ursprüngliche khakifarbene Glasur wurde zwischenzeitlich zur Vereinheitlichung mit dem in Taiwan für Polizeigebäude üblichen Rot, vor einigen Jahren jedoch wieder durch die Originalfarbe ersetzt. Heute ist es das Gebäude 1 des Kunstmuseums Tainan. mini|alternativtext=rotes Gebäude mit weißen Säulen|Historisches Gebäude auf dem Campus der Cheng Kung Nationaluniversität

Die Cheng-Kung-Nationaluniversität (NCKU) wurde 1931 von der japanischen Kolonialverwaltung als Technische Höhere Schule Tainan gegründet. Seit 1956 werden auch nichttechnische Studiengänge angeboten. Durch moderne Gebäude ergänzt, beherbergt der Campus historische Gebäude und Beispiele für die japanische koloniale Architektur. Die NCKU gilt als eine der renommiertesten Universitäten Taiwans und unterhält u. a. Partnerschaften zur TU Darmstadt, University of Manchester und der KU Leuven.

Das Hayashi-Kaufhaus wurde 1932 als zweites Kaufhaus Taiwans (zwei Tage nach dem Juyuan-Kaufhaus in Taipeh) eröffnet. Nach dem Ende der Kolonialzeit diente es verschiedenen Zwecken und stand zeitweise leer. 2014 öffnete es erneut als Kaufhaus. Viele historische Elemente, u. a. der Torii-Schrein im obersten Stockwerk, ein Loch durch amerikanische Bombardierung aus dem Zweiten Weltkrieg und ein historischer Mosaikfußboden im Aufzug erinnern an die Vergangenheit des Gebäudes.