Die russische Sprache hat fünf Vokalphoneme und je nach Zählweise 32 bis knapp über 40 Konsonantenphoneme. Zwei Phänomene sind sehr charakteristisch für die russische Aussprache: Betonung und Palatalisierung.
Als Lautschrift wird in diesem Artikel das Internationale Phonetische Alphabet (IPA) verwendet, als Transliteration der kyrillischen Schrift die Norm ISO 9. Phonetische Transkriptionen stehen in eckigen Klammern […], phonologische Transkriptionen zwischen Schrägstrichen /…/, Transliterationen der kyrillischen Schreibweise zwischen einfachen Guillemets ‹…›. In der sowjetischen und russischen Fachliteratur ist eine eigene Lautschrift auf Grundlage des kyrillischen Alphabets üblich.
Standard Eine ältere Standardaussprache war vor allem an die in Moskau übliche AusspracheГ.Е. Кедрова, В.В. Потапов, А.М. Егоров, Е.Б. Омельянова: Московское произношение. angelehnt; die heutige Standardaussprache ist im Vergleich dazu stärker am Schriftbild orientiert.Михаил Викторович Панов: История русского литературного произношения ХVIII-ХХ вв. Едиториал УРСС, Moskau 2007;Г.Е. Кедрова, В.В. Потапов, Е.Б. Омельянова, А.М. Егоров: История русского литературного произношения (МГУ).
Betonung Das Russische hat einen dynamischen Akzent. Betonte Vokale werden halblang gesprochen. Der Wortrhythmus unterscheidet sich deutlich vom Deutschen: Für das Deutsche ist ein Wellenrhythmus mit einer Hauptbetonung und bei längeren Wörtern einer oder mehreren Nebenbetonungen charakteristisch; im Russischen steigt die Schallfülle der Vokale bis zur betonten Silbe kontinuierlich an, nachtonige Silben sind stark geschwächt.Nach Nina Noll, Reinhard Wenk: Russische Betonung. Buske, Hamburg 2003, S. 12.
Im Gegensatz zum Deutschen liegt im Russischen die Betonung häufig auf grammatischen Endungen und nicht auf der Stammsilbe, es gibt im Zusammenhang mit der Flexion häufig Betonungswechsel, und Komposita werden auf der letzten Komponente betont.Ruben I. Avanesov: Die Betonung in der modernen russischen Literatursprache [Ударение в современном русском литературном языке]. Max Niemeyer, Halle/Saale 1958. Übersetzung: Günter Rassler. Beispiele:Nach Nina Noll, Reinhard Wenk: Russische Betonung. Buske, Hamburg 2003, S. 11. Russisch Deutsch Anmerkung стол –столяр//[] Tisch – ˈTischler Im Russischen ist bei der Ableitung die Endung betont, im Deutschen der Stamm. стол – стола// [] der Tisch – des ˈTisches Im Russischen springt die Betonung im Genitiv auf die Endung, im Deutschen bleibt der Stamm betont. язык – языкознание//[] ˈSprache – ˈSprachwissenschaft Im Russischen ist der zweite Teil des Kompositums betont, im Deutschen der erste.
Siehe auch: Wortbetonung in der russischen Sprache
Vokale mini|Die russischen Vokalphoneme (schwarz) und ihre Allophone (rot). [ɨ] wird hier als Phonem /ɨ/ gewertet und /e/ wird als /ɛ/ geschrieben.
Das Russische hat fünf Vokalphoneme: //.Vergleich mit anderen Sprachen in John Ellery Clark, Colin Yallop, Janet Fletcher: An Introduction to Phonetics and Phonology. Blackwell, Malden/Oxford/Carlton 2007, S. 102. In unbetonten Silben werden die Vokale „reduziert“ (s. u.) und nach manchen Autoren gibt es in unbetonten Silben nur drei Vokalphoneme: //.Zum Beispiel Anatole Lyovin: An Introduction to the Languages of the World. Oxford University Press 1997, S. 65.
Die phonetische Realisierung der Vokalphoneme hängt vor allem davon ab, ob sie betont oder unbetont sind sowie ob der folgende Konsonant palatalisiert oder nicht palatalisiert ist.
Die hervorstechende Ausnahme ist , das zu wird, wenn der vorhergehende Konsonant nicht palatalisiert ist. Das gilt auch über Wortgrenzen hinweg: брат и сестра // [] „Bruder und Schwester“ он играет // [] „er spielt“ (Es handelt sich also um nur ein Phonem, obwohl dies der Intuition vieler Sprecher widerspricht.)Paul V. Cubberley: Russian. A Linguistic Introduction. Cambridge University Press, 2002, S. 69;Roman Jakobson: Selected Writings: Phonological Studies. Mouton de Gruyter, Berlin / New York ³2002, S. 469f.;vgl. Rolf-Rainer Lamprecht: Russische Phonetik – Bestimmung des Phoneminventars (Institut für Slavistik der Universität Potsdam).Vertreter der so genannten Leningrader Phonologischen Schule – u. a. Lew W. Stscherba (1880–1944) – hatten eine stärker psychologische Auffassung des Phonembegriffs und betrachteten als eigenes Phonem. Press bemerkt sarkastisch, dass erst im Schulunterricht zu einem eigenen Phonem gemacht wurde, als der alte Name des Buchstabens – еры // [] – aufgegeben wurde und stattdessen die Bezeichnung „ы []“ eingeführt wurde. (J. Ian Press: Aspects of the phonology of the Slavonic languages: The vowel y and the consonantal correlation of palatalization. A.A. Barentsen, B.M. Groen, R. Sprenger (Hrsg.): Studies in Slavic and General Linguistics 7; Rodopi, 1986, S. 1 und S. 158f.) Roman Jakobson nennt diesen Phonembegriff, der auf Jan Baudouin de Courtenay (1845–1929) zurückgeht, einen „antiquierten Psychologismus“. (Roman Jakobson: Selected Writings. Phonological Studies. Mouton de Gruyter, Berlin / New York ³2002, S. 419.). Eine Diskussion des Phonems /i/ und seiner Allophone [i] und [ɨ] findet man außerdem bei Wolfgang Steinitz: Russische Lautlehre. Berlin: Akademie-Verlag, ²1957, S. 41–46.
Vokale in betonten Silben Die Allophone der betonten Vokale werden von der phonetischen Palatalisierung der Konsonanten in der Umgebung bestimmt.
// werden neben palatalisierten Konsonanten mit stärker vorderen (palatalen) Übergängen oder im Extremfall durchgängig weiter vorne gesprochen: пять // [] „fünf“ тётя // [] oder [] „Tante“ люлька // [] oder [] „Wiege“
// werden nach nicht-palatalisierten Konsonanten stärker hinten gesprochen: wird zu (s. o.), zu .Paul V. Cubberley: Russian. A Linguistic Introduction. Cambridge University Press, 2002, S. 70ff.
Alle Vokale haben einen leichten Übergang zu vor nicht-palatalisierten Konsonanten (z. B. нет // [] „nein“). hat einen leichten Übergang von nach nicht-palatalisierten Konsonanten (z. B. вот // [] „hier; jetzt“) und einen leichten Übergang von nach palatalisierten Konsonanten (z. B. нёс // [] „(er) trug“).
Vokale in unbetonten Silben In unbetonten Silben werden Vokale deutlich „reduziert“, d. h. zentralisiert, und es werden nur vier Vokale unterschieden: []. Diese Erscheinung – besonders in Bezug auf den Wechsel von unbetontem zu – heißt auf Russisch ‹akan’e› (аканье). In manchen Dialekten werden nicht alle Vokale so stark reduziert; dieses Fehlen der Reduktion wird als ‹okan’e› (оканье) bezeichnet.
// nach nicht-palatalisierten Konsonanten werden unmittelbar vor betonten Silben zu . Beispiele: сады // [] „Gärten“ моря // [] „Meere“ am Wortanfang ebenfalls zu . Beispiele: абрикос // [] „Aprikose, Aprikosenbaum“ огород // [] „Gemüsegarten“ sonst zu . Beispiele: карандаш // [] „Bleistift“ голова // [] „Kopf“ комната // [] „Zimmer“ слово // [] „Wort“.
// nach palatalisierten Konsonanten werden zu . Beispiele: синяя // (f.) und синее // (n.) unterschiedslos [] „blau“ село // (sic!) [] „Dorf“.
nach nicht-palatalisierten Konsonanten wird unmittelbar vor betonten Silben zu , sonst zu . Beispiele: цевница // [] „Schalmei“ шевелить // [] „bewegen“
Konsonanten Konsonantenphoneme und -allophone (Allophone bzw. Laute mit unklarem phonemischem Status in eckigen Klammern):
bilabiale labiodentale dentale und alveolare postalveolare palatale velareNasale nicht palatalisiert palatalisiert// // Plosive nicht palatalisiert palatalisiert // // // // [] [] Affrikaten nicht palatalisiert palatalisiert // [] Frikative nicht palatalisiert palatalisiert // // // // [] [] [] Vibranten nicht palatalisiert palatalisiert // Approximanten nicht palatalisiert palatalisiert //
Die Konsonanten // kommen nicht am Silbenende und – außer in Fremd- und Dialektwörtern – nicht vor // vor.
Manche Sprecher unterscheiden zwischen щ [] und с-ч //, wenn с Präposition ist (z. B. in с честью // „mit Ehre“), andere sprechen beide Kombinationen als // aus.
Manche Sprecher (vor allem ältere) unterscheiden zwischen // und // und sprechen z. B. позже „später“ wie // (statt //) aus.
In der Umgangssprache werden Konsonantenfolgen beim schnelleren Sprechen oft vereinfacht.
Palatalisierung
Bei dentalen und labialen Konsonanten gibt es vor allen Vokalen außer einen phonologischen Kontrast zwischen einer palatalisierten und einer nicht-palatalisierten Variante. Die velaren Konsonanten sind vor und palatalisiert, sonst nicht. // sind nie palatalisiert, // sind immer palatalisiert bzw. palatal.
Ein Konsonant wird in der Regel palatalisiert, wenn ihm ein palatalisierter Konsonant folgt.
Stimmhaftigkeit
Stimmhaftigkeit und Stimmlosigkeit sind phonologisch distinktiv. Stimmlose Plosive und Affrikaten sind im Gegensatz zum Deutschen nicht aspiriert.
Auslautentstimmlichung / Auslautentsonorisierung
Am Wortende werden stimmhafte Konsonantenphoneme stimmlos gesprochen.Vergleich mit anderen Sprachen in John Ellery Clark, Colin Yallop, Janet Fletcher: An Introduction to Phonetics and Phonology. Blackwell, Malden/Oxford/Carlton 2007, S. 110. Beispiele: хлеб // [] „Brot“ рукав // [] „Ärmel“ друг // [] „Freund“ пруд // [] „Teich“ нож // [] „Messer“ дробь // [] „Schrot; Bruchzahl“ медведь // [] „Bär“
Regressive Assimilation
Die Stimmhaftigkeit eines Konsonanten assimiliert sich an die Stimmhaftigkeit des folgenden Konsonanten.vgl. John Ellery Clark, Colin Yallop, Janet Fletcher: An Introduction to Phonetics and Phonology. Blackwell, Malden/Oxford/Carlton 2007, S. 128. Bei Nasalen, Liquiden und trifft dies jedoch nur teilweise zu: Sie lösen in der Regel keine Assimilation der Stimmhaftigkeit aus.Alan Timberlake: Russian. In: Bernard Comrie, Greville G. Corbett (Hrsg.): The Slavonic languages. Routledge, London 1993, S. 827ff., hier S. 830. Beispiele: абсолютно // [] „absolut“ автор // [] „Autor“ вкус // [] „Geschmack“ впредь // [] „künftig“ все // [] „alle“ подтема // [] „Unterthema“ мужской // [] „männlich“ отдых // []„Erholung“ сбоку // [] „seitlich“ сдоба // [] „Feinbrot“ сжечь // [] „verbrennen“
Diese Assimilation tritt selbst über Wortgrenzen hinweg auf. Beispiele: из Томска // [] „aus Tomsk“ к дому // [] „zu dem Haus“ в Томске // [] „in Tomsk“ в шкафу // [] „im Schrank“ наш же // [] „der Unsere aber“ рос бы // [] „wüchse“ их дом // [] „ihr Haus“ отец был дома // [] „Vater war zu Hause“ с деньгами // [] „mit (dem) Geld“ с запада // [] „aus dem Westen“
Vor dem Konsonanten bleiben stimmlose Plosive und Frikative meist stimmlos, zum Beispiel: к воде // [] „zum Wasser (hin)“ ответ // [] „Antwort“ отшвырнуть // [] „wegschleudern“ усвоение // [] „Aneignung“
Intonation
E.A. Bryzgunova entwickelte ein Modell von zunächst fünf und später sieben „Intonationskonturen“ (интонационные конструкции, wörtlich „Intonationskonstruktionen“; auch: „Intoneme“Gabka 1974, S. 179ff.), abgekürzt als IK-1 bis IK-7, für den Unterricht von Russisch als Fremdsprache.И.Л. Муханов: Интонация в русской диалогической речи. Русский язык, Moskau ²1987;Paul V. Cubberley: Russian. A Linguistic Introduction. Cambridge University Press, 2002, S. 89ff.;Tamara Rathcke: Komparative Phonetik und Phonologie der Intonationssysteme des Deutschen und Russischen. Herbert Utz, München 2009, S. 32.
Bei IK-1 ist die Silbe vor dem Intonationszentrum höher, die Stimme fällt auf das Intonationszentrum ab. IK-1 wird für den einfachen Aussagesatz verwendet. Beispiel:Paul V. Cubberley: Russian. A Linguistic Introduction. Cambridge University Press, 2002, S. 90.Keunecke 1995, S. 44;Rolf-Rainer Lamprecht: Russische Phonetik IK 1 (Institut für Slavistik der Universität Potsdam). Это газета. // „Das ist eine Zeitung.“