Krokodil im Nacken ist ein autobiographischer Roman von Klaus Kordon. Er schildert einerseits die gescheiterte Flucht Kordons mit seiner Familie aus der DDR über Bulgarien 1972 sowie die daran anschließende etwa einjährige Zeit, die er in Stasi-Haft und Gefängnissen verbrachte. Parallel dazu entfaltet Kordon in Rückblenden seine Lebensgeschichte, beginnend mit der mütterlichen Kneipe in Ost-Berlin im Stadtteil Prenzlauer Berg über Erfahrungen in DDR-Erziehungsheimen, im Wehrdienst der Nationalen Volksarmee, in diversen Beschäftigungsverhältnissen und als DDR-Außenhandelskaufmann bis zur schließlich aus der Haft heraus bewilligten Ausreise in die BRD.

Entstehungsgeschichte Sämtliche Geschehensaspekte des Romans entstammen Kordons persönlicher Lebensgeschichte, auch wenn der Ich-Erzähler seinen Lebensweg in der DDR unter dem Namen Manfred Lenz schildert und auch Familie, Freunde und Bekannte in dem Roman umbenannt sind. Dazu befragt, erklärt Kordon, er habe mit Memoiren das Problem, dass sie dem Zweck der Selbstverteidigung dienten. Das habe er für sich vermeiden wollen. „Das Buch erzählt schon so ungefähr so, wie es gewesen ist. Aber ich musste beim Schreiben nicht immer denken: Das bin ich. Sondern: Das erlebt Manfred Lenz.“ Dieses Buch veröffentlichte Kordon 2002, lange nach dem darin geschilderten Geschehen, als längst arrivierter Schriftsteller mit einem umfangreichen Werk. Als einen wesentlichen Antrieb für diese autobiographische Vergangenheitsbetrachtung bezeichnet er das eigene Erklärungsbedürfnis gegenüber seinen Kindern, die die Zeit während seiner und seiner Frau Inhaftierung – und auch noch nach beider anschließenden Ausreise – in DDR-Kinderheimen verbringen mussten. Seine Tochter habe ihm gegenüber nach der Lektüre bemerkt, er habe ihr dadurch zwei Jahre ihrer Kindheit wiedergegeben. Das Leiden auch der Eltern während der Trennung von den Kindern und die zu dem als Urlaub getarnten Fluchtversuch führende Vorgeschichte – das Aufwachsen des Vaters im DDR-System – konnte ihr dadurch begreiflich werden. Kinder kennen, so Kordon, ihre Eltern in der Regel nur als Eltern, nicht in ihrer Kinderzeit. „Die Jugendlichen, die ihre Eltern waren, die Träume, die sie hatten. Die erzählt man ja auch nicht als Eltern.“Zeitmagazin Nr. 35, 15. August 2024, S. 26.

Gestaltungsmerkmale Das Aufwachsen des Ich-Erzählers Manfred Lenz ist der Schilderung von Fluchtversuch und Haftzeit nicht vorangestellt, sondern wird nach und nach eingeflochten in die Darstellung der Haftumstände und der Verhörsituationen. Gegliedert ist das Buch in drei Teile zu insgesamt 31 Kapiteln, die sich etwa zu etwa gleichen Anteilen einerseits der Haftsituation von Manfred Lenz und andererseits seinem Werdegang widmen. Der erste Teil, „Inseln“, umfasst 15 Kapitel, die neben dem Geschehen in Haft das Aufwachsen des „Manni“ oder „Manne“ Lenz in der Berliner Nachkriegssituation unter Trümmern bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 erfassen. Der zweite Teil, „Glück“, mit insgesamt 11 Kapiteln reicht hinsichtlich des Werdegangs von Lenz‘ ersten Arbeitsverhältnissen als Erwachsener über das Glück, die richtige Frau zu finden und mit ihr zwei Kinder zu haben, bis zum Aufbruch in Fluchtabsicht nach Bulgarien. Der dritte Teil, „Eine Farce“, umfasst in fünf Kapiteln den Zeitraum von der Verurteilung durch ein DDR-Gericht bis zur Ankunft der Eheleute im Westen.

Nicht nur die wiederkehrenden Wechsel zwischen den Schilderungen einer oft trostlosen Haftsituation und den sehr lebendigen und detailreichen Rückgriffen in die autobiographische Vergangenheit halten das Leserinteresse wach. Viele indirekte oder in Zitatform eingestreute Dialoge und humorvolle Bemerkungen, die auch in der Zellensituation unter den Häftlingen ausgetauscht werden, lockern das annähernd 800 Seiten umfassende Werk auf.

Handlungsorte und Bezugspersonen

Kind in der Kneipe mini|Nachkriegsruinenlandschaft Die von Mannis Vater gepachtete Eckkneipe an der Einmündung der Raumer Straße in die Prenzlauer Alle wird von seiner Mutter allein weiterbetrieben, nachdem ihr Mann – zunächst als Vermisster – aus dem Krieg nicht zurückgekehrt ist. Der Junge mag die Kneipe nicht: zu viele rauchende und trinkende Leute in lautstarker Unterhaltung. „Und als er noch ganz klein war, nahmen sie ihn auf den Arm, hauchten ihn mit ihrem Bier- und Schnapsatem an und redeten wirr auf ihn ein. Und ganz besonders freundliche Gäste gaben ihm Schnapsneigen zu trinken und freuten sich, wenn er davon immer lustiger wurde.“ (S. 91) Im Kriegsjahr 1943 geboren, wächst Manni mit den Trümmerlandschaften der Berliner Nachkriegszeit auf. Das Spielen in den Ruinen ist den Kindern wegen der noch herumliegenden Munitionsreste und Sprengkörper zwar verboten, was dortige Aktivitäten wie Höhlenbau und die Entdeckung von Kellergängen aber nur umso spannender macht. (S. 97 f.)

Manni – unter drei Brüdern der jüngste – erleidet außer dem Vater früh einen weiteren großen Verlust, als sein mittlerer Halbbruder beim Fußball einen Riss der Bauchwand erleidet und Tage später nach einer Operation verstirbt. (S. 116–119) Als annähernd Zehnjähriger beginnt Manni, sich für die Gespräche der Kneipengäste zu interessieren, und findet vor allem an den Ausführungen von „Onkel Ziesche“ Gefallen. Bald fährt der Junge im Auftrag seiner in der Kneipe gebundenen Mutter zum Einkaufen auch die zwei S-Bahnstationen zum Gesundbrunnen, „dem westlichen Einkaufsparadies“ der Ostler vom Prenzlauer Berg. Dafür eignet er sich recht flott die nötigen Rechenkenntnisse für die schwankenden Wechselkurse zwischen Ost- und Westmark an. Anerkennend verweist Onkel Ziesche diesbezüglich auf jene Genies, die zwar in der Schule nicht viel geleistet, die Menschheit durch ihren praktischen Verstand aber weit vorangebracht hätten. Zudem wird Manni fleißiger Kinobesucher, und zwar mithilfe von Freikarten, die der Mutter von den nahegelegenen Helmholtz-Lichtspielen dafür überlassen werden, dass sie deren Kinoplakate ins Kneipenfenster hängt. Er genießt die Vorführungen als Freikarten-Stammkunde bevorzugt auf der Holzverkleidung der Zentralheizung liegend. Handelt es sich um einen ihn packenden Film, beflügelt ihn das für den Rest des Tages; war’s nichts damit, malt er sich Alternativen zu dem Gesehenen aus. Dieses Zurechtrücken unbefriedigender Filme wird ihm zur Leidenschaft. (S. 139–147)

Die in der Nähe des Standesamts gelegene Kneipe heißt zwar Zum Ersten Ehestandsschoppen, ist aber eher Anlaufpunkt für ein Stammpublikum aus dem näheren Umfeld. 1950 heiratet die Mutter erneut, und zwar einen von den Söhnen abgelehnten Rangierer vom Betriebsbahnhof Rummelsburg namens Willi Meisel, der als Kneipenwirt aber wenig Engagement an den Tag legt und sich lieber als Mitkonsument zu den Gästen gesellt. Manni mag ihn nicht, zumal der Stiefvater seine Mutter im angetrunkenen Zustand auch mal so gewalttätig angeht, dass der Junge lange die Schule schwänzt und hernach sitzenbleibt. Weder Eltern noch Lehrer wirken zu dieser Zeit als erzieherische Leitbilder; Orientierung findet der Junge stattdessen in seinen Buchlektüren. (S. 155–161) Manfreds Mutter stirbt mit noch nicht 51 Jahren in jenem Krankenhaus in Weissensee, das auch sein Bruder Wolfgang nicht mehr lebend verlassen hat. Der nun 13-Jährige kommt unter die Vormundschaft seines bereits erwachsenen und verheirateten Bruders Robert, hat aber Schwierigkeiten, sich in die häusliche Ordnung seiner Schwägerin und in ihre Anordnungen zu fügen. (S. 199–214)

Heranwachsender in Heimunterbringung mini|Kinderheim Königsheide, Haus 1 Schließlich ist er einverstanden, nach einem Jahr in das Kinderheim in der Königsheide zu wechseln. Dort freundet er sich mit dem Jugendauswahl-Schachspieler Erich („Ete“) Kern an, durch den er Anschluss an eine zu vielerlei Streichen aufgelegte Jungen-Clique bekommt. Nach einem vermeintlich unbemerkten nächtlichen Ausflug mit Kreideverunstaltungen im Flur des Mädchenhauses werden die Übeltäter bei der Rückkehr von ihrem Hausleiter Johann Taube bereits erwartet und für den Rest der Nacht zum Kohleschippen in den Heizungskeller beordert (S. 225 f.) Später verlegen sich die beiden Zimmergenossen Manne und Ete auf ein nächtliches Ausrücken nur zu zweit. Dabei trauen sie sich über die Schlesische Brücke sogar nach West-Berlin, wo sie beim Kinobesuch auch einmal auf ihren Musiklehrer Mylius treffen und sich mit ihm per Blickkontakt diskret auf wechselseitiges Stillschweigen verständigen. (S. 238 f.)

Als man Manne nach zwei Jahren in der Königsheide nachts im Mädchenzimmer bei einer Unterhaltung mit Ella auf ihrem Bett erwischt, wird er vom Heimleiter „Papa Reiser“ in ein anderes Heim verlegt, in der Nähe gelegen auf der mädchenfreien Insel der Jugend, damit er nicht auch noch die Schule wechseln müsse. Hier verbringt er weitere zweieinhalb Jahre, in denen er die Bibliothek betreut, Heimratsvorsitzender wird und neue Freundschaften schließt, bis auch Ete in seiner Heimkarriere schließlich wieder zu ihm stößt. In Ferienzeiten und an Wochenenden sucht man sich Jobs, vor allem, um sich nach eigenen Leitbildern mit Klamotten zu versorgen. Heimleiter Seeler hat nichts dagegen, schaffe doch Arbeit den Menschen. Als besonders lohnend erweisen sich die natürlich verbotenen Arbeitseinsätze im Westteil der Stadt. Zu zweit kann das Entladen eines Kohlenwaggons über Nacht jedem 20 Westmark einbringen, wofür West-Jeans oder neue Schuhe zu bekommen sind. Bei der Heimleiter-Litanei von der „Eiterbeule“ West-Berlin und der eigenen Abkanzelung als „Werbesäulen für die kapitalistische Wirtschaft“ mimt man beschwichtigend Einsicht und macht dann weiter wie gehabt. (S. 286 f.)

In Sachen Berufsfindung bzw. -lenkung äußert Manne den Wunsch, etwas mit Büchern zu machen, vielleicht Bibliothekar oder Buchhändler, bekommt aber zu hören, dass er sich zwischen Maurer, Dreher und Mechaniker entscheiden könne. Er nimmt das Angebot der Ausbildung zum Funk- und Fernsehmechaniker an und verbringt ein halbes Jahr in der Ausbildungswerkstatt beim Deutschlandsender in Königs Wusterhausen, bis er jedes Interesse daran verliert. Heimleiter Seeler will ihn daraufhin als Presseauswerter beim Staatlichen Rundfunkkomitee unterbringen, wo seine Bewerbung aber durchfällt, wahrscheinlich wegen seines Auftretens in Westklamotten, wie ihm Seeler nachher zu verstehen gibt. Einigermaßen akzeptabel erscheint ihm dann die Beschäftigung als Expedient in der Omnibus- und Lastkraftwagen-Reparaturwerkstatt im VEB OLW. (S. 294–297)

Arbeit und Familie nach dem Mauerbau mini|Beschäftigte im VEB Kabelwerk Oberspree 1970 Die Nachricht von der Errichtung der Mauer am 13. August 1961 erreicht Manne und seine Heimkameraden während einer Ferienfreizeit am Greifswalder Bodden. Fortan ist es mit heimlichen Ausflügen in den Westteil der Stadt vorbei. Mit Ete beobachtet er in den folgenden Wochen den Ausbau der Grenzbefestigungen. Der Freund entschließt sich zu der Freiheit versprechenden Flucht, während Manne sich als Flüchtling im Westen einstweilen nicht besser aufgehoben sieht als in der vertrauten Umgebung. (S. 309–315) Seinen 18. Geburtstag feiert Manfred Lenz mit Heimkumpels alkoholisch so ausschweifend, dass er die Rückkehr ins Heim verpasst, am Folgetag vom Heimleiter als nun Volljähriger hinausgeworfen wird und sich vom Wohnungsamt in Prenzlauer Berg im dritten Hinterhof, unweit der vormaligen mütterlichen Kneipe, eine Einzimmerwohnung mit Außenklo zuweisen lässt. (S. 305–308) Auch seine Arbeitsorte und -tätigkeiten wechselt Lenz mehrfach. Nach der Kündigung beim VEB OLW verbringt er nur drei Wochen mit Packarbeiten im Militärverlag der DDR und nimmt dann eine besser entlohnte Knochenarbeit im VEB Kabelwerk Oberspree an. (S. 421–438)