mini|300px|Hexenglaube weltweit, Bejahung der Frage: Witchcraft beliefs around the world: An exploratory analysis, Boris Gershman, PLoS ONE 17(11): e0276872. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0276872, 23. November 2022Glauben Sie an den bösen Blick oder daran, dass bestimmte Menschen Flüche oder Zaubersprüche aussprechen können, die jemandem etwas Schlimmes zustoßen lassen?

Moderne Hexenverfolgung umfasst die Verfolgung von Menschen aufgrund von Hexenglauben, der nicht mit der Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit in Europa und Nordamerika zusammenhängt.

Der Glaube an angebliche Hexen und ihre Verfolgung sind in vielen Ländern und Kulturen, z. B. in Amerika, Asien, Ozeanien und in Afrika,Women, Witch-Hunting and Enclosures in Africa Today, Silvia Federici, Sozial.Geschichte Online 3 (2010), S. 10–27 (http://www.stiftung-sozialgeschichte.de)/ auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch präsent.

Seit 1960 sind Historiker Wolfgang Behringer zufolge vermutlich mehr Menschen wegen Hexerei hingerichtet oder umgebracht worden als während der gesamten europäischen Verfolgungsperiode. Der Hexenglaube hat teilweise erheblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Situation eines Landes.

Afrika mini|220px|Filmstill aus The Witches of Gambaga, produziert von Amina Mama, 2010 In einigen Ländern Afrikas – z. B. in Kamerun – ist nach der Unabhängigkeit wieder eine Gesetzgebung gegen Hexerei eingeführt worden. In nahezu allen afrikanischen Staaten gibt es entsprechende Diskurse mit dem Argument, eine Verrechtlichung von Hexenprozessen zu gewährleisten, um unkontrollierte Verfolgungen der verdächtigten Personen einzuschränken. Die meisten Experten halten dieses Ziel für zum Scheitern verurteilt, darüber hinaus werden elementare Prinzipien des modernen Rechtsstaates missachtet: Der Gerichtssaal kann nur die öffentliche Meinung bedienen, er ist verlängerter Arm des Lynchmobs. Selbst wenn rechtsstaatlich Prozesse wegen Hexerei nicht möglich sind, urteilen lokale Gerichte (so z. B. in Malawi) mitunter dennoch wegen Hexerei.

Aufklärungsarbeit über die vermeintliche Hexerei gestaltet sich schwierig. Reichen und Mächtigen wird oft unterstellt, dass sie ihre Macht durch Ritualmorde und Hexerei erlangt hätten. Daher sehen einige in Ritualmorden tatsächlich ein Mittel, zu Macht zu gelangen. Menschlichen Körperteilen und Blut wird eine gewaltige heilende und destruktive Macht zugeschrieben.

Hexenkinder Der ökonomische und soziale Zerfall hat seit 2000 in der Demokratischen Republik Kongo, aber auch in Togo, Tansania und anderen afrikanischen Ländern zur Stigmatisierung von Kindern als Hexenkinder geführt. Diesen Kindern werden magische Fähigkeiten zugeschrieben, mit denen sie angeblich Schadenzauber ausüben sollen. So stigmatisierte Kinder werden häufig von ihren Müttern ausgesetzt, verfolgt und ermordet. Die Aggression gegen Kinder als vermeintliche Verursacher der Krankheit AIDS und des Todes der Eltern nimmt anscheinend zu, aus Nigeria, Benin wie auch Angola sind gleichlautende Berichte zu vernehmen.

Über Immigration gibt es auch wieder Fälle von Hexenverfolgung in Europa. So wurde Ende 2012 ein 15-jähriger Junge kongolesischer Herkunft von Verwandten wegen angeblicher Hexerei in London zu Tode gefoltert.

Hexenlager für Frauen in Ghana mini|Hexenlager bei Nalerigu In Ghana sind Frauen betroffen und fliehen aus ihrer Umgebung in Hexenlager, wo sie zusammen mit anderen Frauen leben, denen ebenfalls Hexerei vorgeworfen wird. Die offizielle ghanaische Politik zur Schließung der Hexenlager und Rückansiedelung der geflüchteten Frauen (Resettlement) war Nichtregierungsorganisationen zufolge bislang erfolglos. Bekannt wurde das Hexenlager in Gambaga durch den Film The Witches of Gambaga, produziert von Amina Mama aus dem Jahr 2010.

Ein bekannter Fall von Hexenverfolgung in Ghana ist der von Ama Hemmah aus dem Jahr 2010. Die 72-jährige wurde von fünf Personen ermordet, da sie angeblich eine Hexe gewesen sei.

Tansania Allein in Tansania wurden von 1960 bis 2000 ungefähr 40.000 Menschen ermordet, die wegen vermeintlicher Hexerei angeklagt waren. Hexerei ist kein Delikt nach tansanischem Strafrecht, jedoch handeln lokale Dorfgerichte nicht immer danach. Dort werden seit den 1990er-Jahren jährlich 100 bis 200 Fälle von Morden an vermeintlichen Hexen bzw. Zauberern berichtet.

Südafrika In Südafrika bekamen Hexenjagden besonders durch die Comrades, eine Jugendorganisation des ANC, seit Mitte der 1980er Jahre eine starke Bedeutung. Seit dem Wandel 1990 stiegen die Hexenjagden danach nochmals an, mit geschätzten jährlichen Opferzahlen von mehreren Dutzend bis zu Hunderten. Hier werden alljährlich zahlreiche Ritualmorde aufgedeckt oder entsprechend zugerichtete Leichen mit fehlenden Genitalien gefunden, was den Hexenglauben weiter anfacht.

Sambia Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2018 glauben 79 % der Sambier an die Existenz von Hexerei. Am 15. September 2025 wurden zwei Männer zu zwei Jahren Haft mit Zwangsarbeit verurteilt, weil sie versucht haben sollen, Präsident Hakainde Hichilema mithilfe von Hexerei zu töten. Sie wurden 2024 in einem Hotel in Lusaka festgenommen. Bei ihrer Festnahme hatten sie verschiedene rituelle Gegenstände bei sich, darunter ein lebendes Chamäleon in einer Flasche, einen Tierschwanz und ein Dutzend Zaubertränke.africa-live.de - Sambia: Zwei Männer wegen Hexerei gegen Präsident Hakainde Hichilema verurteilt, 18. September 2025, abgerufen am 18. Oktober 2025

Andere Länder Im westafrikanischen Benin wurden in den 1970ern Hexen für eine Tetanus-Epidemie verantwortlich gemacht. Anstatt Impfprogramme zu initiieren, ließ die sozialistische Regierung im Radio Geständnisse alter Frauen verbreiten, dass diese die Gestalt von Waldkäuzen angenommen hätten, um die Seelen der kranken Kinder zu stehlen.

Für Nigeria sind Verfolgungen in den 1990er Jahren belegt. In Nigeria werden alljährlich zahlreiche Ritualmorde aufgedeckt oder entsprechend zugerichtete Leichen mit fehlenden Genitalien gefunden, was den Hexenglauben weiter anfacht. Der nigerianische Menschenrechtsaktivist Leo Igwe setzt sich gegen den Glauben an Hexenkinder in Afrika ein und dokumentiert dessen Auswirkungen.

Auch in der Zentralafrikanischen Republik und besonders in Kenia kommt es häufig zu Anschuldigungen und Hexenverfolgungen.

Deutsche Politik Auf eine Große Anfrage von Abgeordneten der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Thema „Hexerei und Zauberei in Afrika“ antwortete die Bundesregierung am 16. Juli 2008:

Koro Bei der Angststörung Koro haben die Betroffenen die irrationale Vorstellung, dass ihr Penis schrumpft oder sich in den Körper zurückzieht. Die afrikanische Variante dieser Störung wird auch „Penisdiebstahl“ genannt. Die Betroffenen hängen dabei einem Aberglauben an, demzufolge ihr Genital mit Hilfe von Hexerei von einer anderen Person „gestohlen“ wurde. In der Demokratischen Republik Kongo wurden am 6. Oktober 2025 in Ilambi, Isangi, zwei Ärzte bei lebendigem Leib verbrannt, nachdem verbreitet worden war, sie hätten durch einfachen Kontakt Genitalien gestohlen. In den Monaten davor wurden in der Provinz Tshopo mindestens neun Menschen wegen des gleichen Gerüchts getötet.- RDC : la province de la Tshopo en proie à la psychose du « vol de sexe », deux médecins brûlés vifs à Isangi, 8. Oktober 2025, abgerufen am 18. Oktober 2025 Ähnliches ereignete sich in Nigeria 1990.Magical Penis Loss in Nigeria: Report of a Recent Epidemic of a Koro-Like Syndrome, Januar 1992, abgerufen am 18. Oktober 2025 Die nigerianischen Ereignisse, die als Epidemie bezeichnet werden und die zwei Wochen anhielten, verbreiteten sich auf Kamerun, Ghana, die Elfenbeinküste und Senegal. Im Jahr 2003 gab es ähnliche Ereignisse im Sudan und in Gambia, Anfang 2013 wurden zwei Männer Opfer im Dorf Tiringoulou in der Zentralafrikanischen Republik.The Basics - The Vanishing Genitalia Epidemics, 15. November 2013, abgerufen am 18. Oktober 2025

Asien und Ozeanien Morde wegen angeblicher Hexerei in Indien Jahr Morde2000 126 2001 126 2002 151 2003 138 2004 111 2005 197 2006 186 2007 177 2008 175 2009 175 2010 178 2011 240 2012 119 2013 160 2014 156 2015 135 2016 134 2017 73 2018 62 2019 102 2020 88 2021 68 Total 3077

Indien Vor allem in den ländlichen Regionen Indiens glauben viele Menschen an Hexerei und schwarze Magie. Einerseits suchen sie bei Gesundheits-, Finanz- oder Eheproblemen Rat bei Hexendoktoren, andererseits beschuldigen sie Menschen, insbesondere Frauen, der Hexerei, greifen sie an oder ermorden sie sogar. Oft sind es Witwen oder Geschiedene, die denunziert werden, um an ihren Besitz zu gelangen. Angesehene Hexendoktoren werden dafür bezahlt, bestimmte Personen als Hexen (Dayan) zu brandmarken, um sie ohne große Konsequenzen töten zu können. Frauen werden oft als Hexen abgestempelt, um sich ihr Land anzueignen, offene Rechnungen zu begleichen oder sich für abgewiesene Annäherungsversuche zu rächen. In den meisten Fällen erhalten die Frauen keine Hilfe, sodass sie ihr Zuhause und ihre Familien verlassen oder sich das Leben nehmen müssen. Die meisten Fälle werden nicht dokumentiert, da arme und ungebildete Frauen aus abgelegenen Regionen kaum Anzeige bei einer unabhängigen, überregionalen Behörde erstatten können. Laut einer Studie des „Free Legal Aid Committee“, einer Gruppe, die im Bundesstaat Jharkhand mit Opfern zusammenarbeitet, werden weniger als zwei Prozent der als Täter Beschuldigten tatsächlich verurteilt.Womensnews.org.Bailey, Frederick George 1994: The Witch-Hunt, or the Triumph of Morality. New York: Cornell University Press. Die bestehenden Gesetze gelten als unwirksam, um diese Morde einzudämmen.

Die Lynchmorde sind besonders häufig in den armen nördlichen Bundesstaaten Jharkhand,A Jharkhand case publicized in international media in 2009 concerned five Muslim women. BBC News, 30. Oktober 2009. Bihar und dem zentralen Bundesstaat Chhattisgarh. Auch unter den Teearbeitern im Distrikt Jalpaiguri in Westbengalen finden Hexenjagden statt, die durch den Stress in der Teeindustrie auf Stammesangehörige der Adivasi befeuert werden. In der indischen Provinz Assam wurden zwischen 2011 und 2021 unter dem Vorwand der Hexerei 110 Personen umgebracht.

2010 wurde geschätzt, dass in Indien jährlich zwischen 150 und 200 Menschen dem Hexenwahn zum Opfer fallen. Hochgerechnet entspricht dies einer Gesamtzahl von 2.500 Morden im Zeitraum von 1995 bis 2009.Herald Sun, 200 'witches' killed in India each year – report, 26 July 2010. Im Juni 2013 berichtete die National Commission for Women (NCW), dass seit 2008 laut Statistiken des National Crime Records Bureau (NCRB) 768 Frauen wegen angeblicher Hexerei ermordet wurden.

Indonesien In Indonesien sind Aberglaube und Hexenglaube weit verbreitet. Die Dienste der Dukun, so werden die indonesischen Hexendoktoren genannt, werden regelmäßig in Anspruch genommen, um bei Heilungen, Segnungen, Wahrsagerei und anderen alltäglichen Problemen zu helfen. Die Angst vor Dukun ist ebenfalls weit verbreitet und kann zu Konflikten, Hexenjagden und sogar Morden führen. Unter Präsident Suharto wurden Mitglieder der kommunistischen Frauenbewegung Gerwani als Hexen bezichtigt und verfolgt. Auch der Zusammenbruch der gewalttätigen Suharto-Ära im Jahr 1998 wurde von Hexenjagden begleitet, bei denen in den folgenden Jahren etwa 400 Menschen getötet wurden.Siegel, James 2006: Naming the Witch. Stanford: Stanford University Press.

Seither haben die Verfolgungen abgenommen, aber Anschuldigungen, Hexenjagden und manchmal auch Morde kommen in Indonesien immer noch in kleinem Umfang regelmäßig vor. Unklar ist, ob Aberglaube und echte Angst vor Zauberei die Motivation für diese Vorfälle sind oder ob es lediglich darum geht, den Opfern ihren Besitz zu nehmen. Hexenverfolgung ist im indonesischen Strafgesetzbuch bisher nicht verankert. Allerdings gibt es seit 1981 öffentlichen Druck, dies zu ändern. Nepal