mini|Straßenansicht der Villa Parey
Die Villa Parey ist ein nach Plänen des Architekturbüros Kayser & von Großheim 1895/1896 erbautes Wohnhaus für den Verlagsbuchhändler Paul Parey an der Sigismundstraße 4a in Berlin-Tiergarten. 1902 erwarb der jüdische Bankier Wilhelm Kopetzky die Villa, die er bis zu seinem Tod 1924 bewohnte. Dessen Erben mussten das Haus 1938 verfolgungsbedingt verkaufen. Nach den Planungen der Nationalsozialisten sollte die Villa zusammen mit den Nachbarhäusern abgerissen werden, um Platz für den von Wilhelm Kreis entworfenen, riesigen Gebäudekomplex für das Oberkommando des Heeres zu schaffen. Der Kriegsausbruch 1939 stoppte die Neubaupläne. Im Gegensatz zu den Nachbarhäusern überstand die Villa Parey als einziges Haus in der Sigismundstraße den Krieg mit nur kleineren Schäden.
Die Planungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus den 1960er Jahren für das Kulturforum am Kemperplatz sahen erneut den Abriss des Hauses vor, diesmal für den Neubau der Berliner Gemäldegalerie. Nach langem Kampf, in dem sich die veränderten städtebaulichen Vorstellungen und das gewandelte öffentliche Bewusstsein gegenüber historischem Baubestand widerspiegelte, blieb die Villa Parey erhalten. Sie wurde in den 1998 fertiggestellten Neubau der Gemäldegalerie integriert. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz.
Lage und Vorgängerbau mini|Lageplan der Villa Parey in der Sigismundstraße 4a (gelb markiert) Die Villa Parey steht auf dem geteilten Grundstück der vormaligen Villa Lehmann. Die vom Architekten Gustav Adolph Linke für den Stadtgerichtsrat Julius Carl Lehmann entworfene Villa befand sich auf dem nördlichen Eckgrundstück Sigismundstraße/Regentenstraße, der heutigen Hitzigallee. Nach Lehmanns Tod verkauften die Erben das große Grundstück 1893 dem Architekturbüro Kayser & von Großheim, das die Villa und deren Nebengebäude abreißen und das Gelände neu parzellieren ließ. Auf den nunmehr fünf Grundstücken entstanden vier Stadtvillen, darunter die Villa für den Bankier Oscar Rothschild und die lange von Eduard Arnhold bewohnte Stadtvilla Regentenstraße 19, sowie das Hofmann-Haus. Diese Neubebauung widerspiegelt einerseits die zunehmende Verdichtung der Bebauung im Tiergartenviertel, andererseits aber auch das Vordringen institutioneller und staatlicher Bauherren in das bisherige Wohnviertel, das sich durch das Wachstum Berlins zu einer zentralen Lage entwickelte.
Käufer und Bauherr 1894 erwarb Paul Parey, Inhaber der Paul Parey Verlagsbuchhandlung, eines führenden Verlages für landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Literatur, das Grundstück Sigismundstraße 4a. Zu dieser Zeit wohnte er an der Halleschen Straße 28 in Berlin-Kreuzberg in einem Mehrfamilienhaus. Wie die Mehrzahl der Käufer der Bauparzellen wählte er Kayser & von Großheim als Architekten für das Bauprojekt. Der Bauantrag für ein dreigeschossiges Wohnhaus mit Vorderhaus, Seitenflügel und Stallgebäude datiert vom 22. März 1895. Die Ausführung des Baus erfolgte 1895/1896 durch die Firma Held & Francke, die auch die Steinmetzarbeiten für die Fassaden übernahm. Der Architekt Georg Fiek leitete den Bau. Die Abnahme des Rohbaus durch die Baupolizei erfolgte im August 1895 und im September des Folgejahres war das Wohnhaus fertig gestellt. Im Oktober 1896 besichtigen die Mitglieder der Vereinigung Berliner Architekten das Haus zusammen mit dem gleichzeitig fertiggestellten Wohnhaus Regentenstraße 19a. Der Bericht in der Deutschen Bauzeitung lobte die ungemein sorgfältige Durcharbeitung der Grundrisse und die vollendete technische Ausführung. Das Berliner Adressbuch verzeichnet das Ehepaar Parey ab 1896 an der Sigismundstraße 4a.
Baubeschreibung Gliederung mini|Grundrisse
Das Grundstück mit einer Fläche von 657,53 Quadratmetern war 15 Meter breit und rund 44 Meter tief, wobei entsprechend der Bauvorschriften ein 4,6 Meter breiter Streifen an der Sigismundstraße nicht bebaubar war. Weitere Bauvorschriften erforderten, dass ein Drittel der Grundstücksfläche abzüglich des Vorgartens als Hoffläche nicht bebaut werden durfte. Somit verblieb als nutzbare Fläche rund 400 Quadratmeter.
Das Wohnhaus gliederte sich in ein dreigeschossiges Vorderhaus, einen Seitenflügel und ein daran anschließendes kombiniertes Stall- und Remisengebäude. Die restliche Fläche nahm ein kleiner Hausgarten ein, auf den sich auch die Gartenhalle des Vorderhauses ausrichtete. Der Entwurf der Architekten Kayser & von Großheim entsprach dem Standard der vornehmen Stadtvilla im zunehmend verdichteten Tiergartenviertel der 1890er Jahre.
Ein heute verschwundener schmiedeeiserner Gartenzaun auf einem Granitsockel trennte den Vorgarten des Grundstücks von der Straße. In der Mittelachse führte im Sockelgeschoss eine mit zwei Torflügeln verschließbare Durchfahrt in den Hof zu Stall und Remise. Rechts von der Durchfahrt und durch diese erschlossen lag die Wohnung des Pförtners mit eigener Küche. Der Gang zur Küche erschloss auch den Abgang in den vertieft angelegten Heizungskeller mit der von der Firma H. Liebau in Magdeburg eingerichteten Zentralheizung. Links von der Durchfahrt lag das Billardzimmer, der einzige Gesellschaftsraum, der aus Platzgründen im Sockelgeschoss angelegt wurde. Dahinter folgte eine breite zweiläufige Treppe mit Hauptpodest und schmiedeeisernem Geländer, welche die Durchfahrt mit dem Hauptgeschoss verband. Ein anstoßender Lichthof, der durch das gesamte Vorderhaus reichte, erleuchtete die Durchfahrt. Im Rest des Vorderhauses wie auch in der Hälfte des Seitenflügels lagen die Vorratsräume und der Weinkeller sowie das Nebentreppenhaus, das mit den Wirtschaftsräumen in den oberen Geschossen verband. Im Seitenflügel folgte die vom Fahrweg im Hof her zugängliche Remise. Zwischen dem Pferdestall und der Remise lag an der westlichen Grundstücksgrenze die Geschirrkammer. Die drei Gebäudeteile fassten einen kleinen, glasübderdeckten Vorplatz ein.
mini|Hofansicht 1903 Eine Fotografie des Hofraums von 1903 dokumentiert die Gestaltung des von Granitkanten begrenzten Gartens. Kieswege führten vorbei an durch niedrige Buchsbaumhecken eingefasste Blumenbeete, kleinen Rasenflächen, belebten Kübelpflanzen und runden Marmorpostamenten. Der große Ahornbaum mit einer Rundbank dürfte aufgrund seines Alters noch aus dem Garten des Vorgängerbaus, der Villa Lehmann, stammen. Ebenfalls zum Gartenraum gehörte der offene Unterbau der Gartenhalle, der sich nördlich an das Vorderhaus anschloss. Rankgitter an der Brandmauer zu den Nachbargrundstücken sollten die Illusion eines Gitterpavillons erwecken und den Abschluss gegen die Nachbargrundstücke verschönern.
Im 4,3 Meter hohen ersten Obergeschoss befanden sich die Repräsentationsräume der Villa. Über einen Flur gelangten die Besucher in die Diele, dem Zentrum des Hauses, um das sich die Wohnräume gruppierten. Als Empfangshalle und Vorzimmer zugleich reichte sie über zwei Stockwerke und erschloss über eine repräsentative, dunkel gebeizte Holztreppe auch die privaten Räume der Familie Parey im zweiten Obergeschoss. Beleuchtet wurde die Diele durch ein Oberlicht. Zur Straße hin lagen der Salon und das mit einer Sitzerker ausgestattete Wohnzimmer. Gegen den Hof lag der große Speisesaal, davor die verglaste Blumenhalle. Vom Flur gelangten die Besucher auch zur Garderobe und zur Toilette. Den Seitenflügel nahmen die Wirtschaftsräume ein: die Anrichte mit Verbindung zum Speisesaal, das Nebentreppenhaus und die Küche, ausgestattet mit Gaskochapparaten der Firma C. A. Schuppmann. Im Obergeschoss des Stallgebäudes befanden sich der Heuboden und ein kleines Zimmer für den Kutscher, erschlossen über ein weiteres Nebentreppenhaus im Stallgebäude.
Im 4,0 Meter hohen zweiten Obergeschoss befanden sich mit Blick zur Straße das Schlafzimmer des Ehepaares Parey sowie das Arbeitszimmer und gegen den Hof zwei Fremdenzimmer. Zwei Badezimmer fassten den Lichthof ein, im Seitenflügel schloss sich ein Putzraum sowie Räume für die Bediensteten an. Das Nebentreppenhaus im Seitenflügel führte zum Dachgeschoss mit weiteren Räumen für die Dienerschaft und dem Dachboden.
An der farbigen Gestaltung der Innenräume mit aufwändigen Stuck- und Holzarbeiten, Decken- und Glasmalereien beteiligten sich der der Dekorationsmaler C. Lange, der Stuckateur Carl Hauer sowie die Tischlereien Lommatzsch & Schröder, Max Schulz & Co. und Heideklang & Bilecky.
Fassaden mini|Straßenansicht der Villa Parey 1898 Der Eingang mit der Durchfahrt zum Hof liegt in der Mittelachse der Straßenfassade. Der Seitenrisalit auf der linken Seite tritt kaum wahrnehmbar etwas vor und wird durch eine Giebel bekrönt. Im ersten Obergeschoss wird er durch einen Erker betont und zeigt in den oberen Etagen verschiedene Varianten dreiachsiger Fenster. Rechts des Eingangs liegt ein Vorbau, im ersten Obergeschoss flankiert von zwei Vorhangbogenfenstern, der im zweiten Obergeschoss in einen Balkon mit Maßwerksbrüstung endet. Das leicht rustifizierte Erdgeschoss mit seinen kleinen, vergitterten Fenstern, ausgeführt von der Firma Eduard Puls, wirkt eher abweisend. Gesimse auf Höhe der Fensterbänke gliedern die Fassade vertikal und spiegeln die funktionale Gliederung des Hauses in Erdgeschoss mit Pförtnerwohnung und Wirtschaftsräumen, repräsentatives erstes und zweites Obergeschoss sowie Dachgeschoss mit Räumen für die Dienerschaft. Das steile Dach wurde von der Firma W. Neumeister mit Schiefer in Deutscher Deckung ausgeführt. Stilistische bedienten sich die Architekten bei Formen der Sächsischen Renaissance, Meistern wie Konrad Krebs oder Caspar Theiss und bei Vorbildern wie Schloss Hartenfels. Die Straßenfassade wurde in hellgrauem schlesischen Sandstein ausgeführt.
Die Bauplastik entwarf der Bildhauer Ernst Westphal, ausgeführt wurde sie von Steinmetzmeister Carl Schilling. Im Vergleich zu den anderen Villen der Neubebauung des Grundstücks der Villa Lehmann ist das Bildprogramm wesentlich differenzierter und bezieht sich auf die verlegerische Tätigkeit des Erbauers Parey. Das Relief über dem Eingang zeigt in der Mitte zwei Putti, die eine Eiche pflanzen, während ein dritter Putto den Baumsetzling mit einer Gießkanne wässert – ein Verweis auf die Forstwirtschaft. Die Dreiergruppe rechts steht für die Landwirtschaft: ein Putto schärft mit einem Wetzstein die Sense in einem Getreidefeld, während zwei Putti Äpfel ernten und in einem Sack verstauen. Links von der Mittelgruppe als Allegorie der Viehwirtschaft umsorgen zwei Putti zwei Schafe, während der Wolf im Hintergrund lauert. Ganz links zieht ein behelmter Putto den Säbel und beschützt die ganze Szenerie – möglicherweise eine Anspielung auf die militärische Karriere des Hausherrn im Deutschen Krieg 1866 und im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Während das Relief über dem dreiachsigen Fenster im zweiten Obergeschoss des Seitenrisaliten Sonne, Wind und Wolken als eher allgemeine Symbole für die Unsicherheiten und die Wechselhaftigkeit des Lebens zeigt, verweist das Relief im Giebel des Seitenrisaliten mit zwei gekreuzte P. auf das Buchhändlerzeichen des Bauherrn Parey.
Die Hoffassade ist einfacher gestaltet. Die gliedernden Elemente wie Gesimse und Fenstereinfassungen sind aus rotem Mainsandstein. Die Flächen sind verblendet mit weißglasierten Siegersdorfer Verblendziegel, die im wirkungsvollen Kontrast zum roten Sandstein stehen und gleichzeitig für gute Beleuchtung sorgen. Ein Bismarckkopf über der Durchfahrt auf der Hofseite, ebenfalls nach Entwurf von Ernst Westphal, dokumentiert die politische Einstellung von Paul Parey. Der heute verschwundene Pferdestall war mit Fachwerkgiebel und Türmchen ländlicher gestaltet.