mini|Die Tsavo-Menschenfresser als Dermoplastiken im Field Museum of Natural History in Chicago Die Tsavo-Menschenfresser (englisch: Tsavo Man-Eaters) waren zwei männliche Löwen, die in der Tsavo-Region in Britisch-Ostafrika, dem heutigen Kenia, Dutzende Menschen töteten und zeitweilig den Bau der Uganda-Bahn zum Erliegen brachten. Sie wurden im Dezember 1898 von dem britischen Ingenieur und Offizier John Henry Patterson erschossen. Das Löwenduo gehört neben der französischen Bestie des Gévaudan und dem indischen Champawat-Tiger zu den berüchtigtsten menschenfressenden Großraubtieren.
Vorgeschichte: Bau der Uganda-Bahn mini|Streckenkarte der Uganda-Bahn, um 1910 In den 1890er Jahren gehörten unter anderem Indien und große Teile Ostafrikas zum expandierenden Britischen Weltreich. Das britische Parlament stimmte 1896 für den von Königin Victoria unterstützten Plan einer Bahnverbindung von Mombasa am Indischen Ozean zum Victoriasee in Uganda. Damit sollten insbesondere der Transport von Wirtschaftsgütern und Soldaten durch das Innere Ostafrikas erleichtert und die Kontrolle über Uganda und den Victoriasee gesichert werden. Für den Bau der Uganda-Bahn wurden Tausende vorwiegend aus Indien stammende Arbeiter (Kulis) und Handwerker angeheuert; Baubeginn war 1896 in Mombasa. Der Ingenieur Ronald Preston, der in Indien Erfahrungen mit dem Eisenbahnbau gewonnen hatte, war ab 1897 für den Gleisbau verantwortlich. Etwa 220 Kilometer von der Küste entfernt erreichte die Bahnstrecke unter Prestons Leitung im Januar 1898 den Fluss Tsavo, der meist ruhiges Wasser führt, saisonbedingt jedoch auch reißende Fluten, und zunächst mit einer temporären Brücke überquert wurde. Die Konstruktion einer permanenten Trägerbrücke oblag dem Ingenieur John Henry Patterson, der ebenso wie Preston aus Indien Erfahrungen mit dem Bahnbau hatte.Bryan Harris: Building the Lunatic Line. Kenya Past & Present 2005. S. 24–28. Denis Brian: The seven lives of Colonel Patterson. Syracuse University Press, Syracuse, New York 2008. S. 4.
Löwenangriffe in der Tsavo-Region Angriffe vor März 1898 mini|Das untere Bild zeigt die temporäre Brücke über den Tsavo, das obere den Streckenbau durch felsigen Untergrund Bereits vor der Ankunft der Bahnarbeiter am Tsavo gab es in der Region Löwenangriffe: 1886 verschleppte dort ein Löwe einen schlafenden Träger aus einem Camp. 1896 wurde eine Karawane an der seinerzeit zu Fuß zur Flussüberquerung genutzten Stelle attackiert, an der später die Tsavo-Brücke entstand; als die Gruppe am Flussufer campierte, wurde nachts einer der Träger von einem Löwen verschleppt, konnte jedoch in 200 Meter Entfernung vom Camp gerettet werden. Wohl derselbe Löwe (möglicherweise einer der Löwen, die im Dezember 1898 von Patterson erlegt wurden) attackierte in derselben Nacht ein „30 Minuten“ entferntes anderes Camp und tötete einen Einheimischen.Kerbis Peterhans & Gnoske, 2001, S. 7, 18 f.
Kurz nach seiner Ankunft am Fluss im Januar 1898 registrierte Preston mehrere Attacken. Nachdem über Nacht ein indischer Arbeiter verschwunden war, fand man dessen Kleidung am Flussufer; Preston entdeckte kurz darauf nicht nur die zerfetzte Leiche des Mannes neben den Trittsiegeln eines Löwen, sondern auch mehrere menschliche Schädel und andere Skelettteile. Einige Tage darauf verschwand bei einem Löwenangriff gegen zwei Uhr in der Nacht ein weiterer Arbeiter aus einem Camp. Preston versuchte vergeblich, den Angreifer aufzuspüren.Denis Brian: The seven lives of Colonel Patterson. Syracuse University Press, Syracuse, New York 2008. S. 5.Kerbis Peterhans & Gnoske, 2001, S. 7.
Angriffe nach Pattersons Ankunft mini|John Henry Patterson 1922 Patterson erreichte Tsavo am 8. März 1898 und erfuhr nach wenigen Tagen, „ein oder zwei“ Arbeiter seien von Löwen aus ihren Zelten verschleppt und gefressen worden. Drei Wochen nach Pattersons Ankunft wurde Ungan Singh, ein indischer jamadar (Aufseher), von einem Löwen aus seinem Zelt verschleppt; der Löwe hatte seinen Kopf gegen Mitternacht durch den offenen Zelteingang gesteckt und den nächstgelegenen Mann am Hals gepackt. Patterson folgte am Morgen einer Blutspur und fand die zerfetzte, enthauptete und fast völlig blutleere Leiche Ungan Singhs; Trittsiegel zeigten, dass zwei Löwen von der Leiche gefressen hatten.Denis Brian: The seven lives of Colonel Patterson. Syracuse University Press, Syracuse, New York 2008. S. 8.Patterson, 1908, S. 21 ff.
Bis Dezember 1898 töteten die beiden Löwen mindestens 28 indische Arbeiter der Uganda-Bahn und eine unbekannte Zahl Einheimischer. Die meisten Opfer wurden aus ihren Zelten verschleppt, alle paar Nächte verschwand ein Mann aus einem der Camps. Weder hohe und breite Schutzwälle aus dornigen Ästen (Bomas) um die Camps noch Lagerfeuer, die man die ganze Nacht unterhielt, noch regelmäßiges Scheppern mit leeren Ölkanistern hinderten die Löwen daran, in die Camps einzudringen. Die Bomas wurden übersprungen oder nach Schwachstellen abgesucht und – sogar mit menschlicher Beute – durchdrungen. Schüsse nach einem Angriff ins Dunkel abgefeuert in die Richtung, in der Fressgeräusche der Löwen zu hören waren oder in der die reflektierenden Katzenaugen aufblinkten, veranlassten die Löwen allenfalls, sich mit ihrer Beute ein Stück zurückzuziehen.Patterson, 1908, S. 31 ff., 71, 77.
Einige Angegriffene entkamen lebend: Als ein Löwe in ein Zelt einbrach, in dem 14 Arbeiter schliefen, verletzte er einen von ihnen erheblich an der Schulter, verschleppte jedoch in dem entstandenen Chaos keinen Menschen, sondern einen großen Reisbeutel, den er in der Nähe des Zelts fallen ließ. Ein indischer Händler wurde auf einem Esel reitend attackiert und rettete sich auf einen Baum; ebenfalls auf einen Baum rettete sich („mehr tot als lebendig“) ein Arbeiter, der entlang der Bahnlinie zu Fuß unterwegs gewesen und bei einem Löwenangriff verletzt worden war.Patterson, 1908, S. 27 f., 37 f.
Die Angriffe gipfelten schließlich in einer von Patterson so bezeichneten „Terrorherrschaft“ der Löwen. Zunächst griff jeweils einer der Löwen an, während der andere außerhalb der Boma wartete; später brachen beide Löwen gleichzeitig in die Camps ein, und jeder ergriff ein Opfer. Viele Arbeiter glaubten, es mit „Teufeln in Löwengestalt“ zu tun zu haben. Am 1. Dezember 1898 legten alle ihre Arbeit nieder; sie erklärten Patterson, sie seien nicht länger bereit, als Futter für Löwen oder „Teufel“ herhalten zu müssen. Mehrere hundert Arbeiter besetzten einen Zug und flohen damit von der Baustelle. Das brachte die Arbeiten für etwa drei Wochen zum Erliegen.Patterson, 1908, S. 21, 69, 72.
Am Nachmittag des 2. Dezember mussten sich Bahnbedienstete ins Bahnhofsgebäude von Tsavo in Sicherheit bringen, weil sich ein „gewaltiger“ Löwe auf dem Bahnsteig aufhielt. Der für 18 Uhr angekündigte Zug mit dem von Patterson zum Dinner erwarteten District Officer Whitehead erreichte den Bahnhof an diesem Abend mit erheblicher Verspätung. Whitehead machte sich in der Dunkelheit mit dem Askari Abdullah, der eine Lampe trug, auf den Weg zu Pattersons Camp. Die beiden wurden auf der Schneise zum Camp von einem Löwen angegriffen, der vom Bahndamm auf Whitehead sprang, ihn zu Boden riss und mit seinen Krallen am Rücken verletzte. Als es Whitehead gelang, einen Schuss abzufeuern, ließ der Löwe von ihm ab und attackierte stattdessen Abdullah, der trotz eines weiteren Schusses Whiteheads verschleppt und getötet wurde.Patterson, 1908, S. 75 ff.
Opferzahlen Preston berichtete, während seines Aufenthalts in der Region seien dort 17 Arbeiter aus der Provinz Punjab von Löwen getötet worden. Patterson zufolge wurden während der Bauarbeiten am Tsavo 28 Inder von Löwen getötet. Kerbis Peterhans und Gnoske vermuten, dass Patterson die von Preston genannte Opferzahl in letztere Zahl einbezogen hatte.Kerbis Peterhans & Gnoske, 2001, S. 19. Die 1925 von Patterson publizierte Zahl von insgesamt 135 indischen und afrikanischen Opfern ist nicht belegt.Kerbis Peterhans & Gnoske, 2001, S. 7. Fraglich ist auch, ob die aufgrund des Isotopenverhältnisses von Kohlenstoff zu Stickstoff in Knochen und Haaren der Löwen errechnete Zahl von etwa 35 Opfern (wobei die Forscher eine mögliche Spanne von vier bis 72 Opfern angeben) einen realistischen Wert widerspiegelt. Justin D. Yeakel, Bruce D. Patterson, Kena Fox-Dobbs et al.: Cooperation and individuality among man-eating lions. PNAS, 2009, Volume 106 (45). doi:10.1073/pnas.0905309106Stéphane Caut; Elena Angulo; Franck Courchamp: Caution on isotopic model use for analyses of consumer diet. Canadian Journal of Zoology, 2008, Volume 86 (5).
Pattersons Jagden auf die Löwen mini|Bahnhof Nairobi, Anfang des 20. Jahrhunderts. Bahnhöfe und Waggons gehörten zu den Angriffsorten Die Camps der Bahn-Mitarbeiter waren entlang der Strecke über 13 Kilometer verteilt; die Löwen schlugen in kaum vorhersehbarer Weise mal in diesem Camp zu, mal in jenem. Patterson und einige seiner Mitarbeiter verbrachten etliche Nächte vergeblich damit, an Orten zu warten, von denen Patterson glaubte, das Auftauchen der Löwen sei dort besonders wahrscheinlich, etwa weil sie dort vorher Beute gemacht hatten.Patterson, 1908, S. 26. Mit Strychnin präparierte Kadaver von Lasttieren, die laut Patterson als Folge der Stiche von Tsetsefliegen gestorben waren, rührten die Löwen nicht an.Patterson, 1908, S. 105.
Am 23. April 1898 bezog Patterson mit dem Arzt Dr. Brock abends in einem gedeckten Güterwagen Position; die Löwen waren tagsüber in der Gegend gesehen und ein Arbeiter war angegriffen worden. Die beiden Männer ließen die obere Hälfte einer Wagentür offen, um mit Gewehren im Anschlag ein verlassenes Camp im Auge behalten zu können, in dem sie Vieh als Köder angebunden hatten. In der Dunkelheit versuchte ein Löwe, die Männer im Wagen zu attackieren; der Löwe war bereits im Sprung auf die halb offene Tür und wurde im letzten Moment durch Schüsse abgewehrt.Patterson, 1908, S. 37 ff.
Patterson ließ zudem eine überdimensionale, massive Kastenfalle bauen; Baumaterialien waren unter anderem Bahnschwellen und Schienen. Mit senkrecht nebeneinander zu einem Gitter aufgebauten Schienen wurde die Falle in zwei Abteilungen untergliedert; die Abstände zwischen den fest verankerten Schienen waren so bemessen, dass man durch die Lücken schießen, ein Löwe jedoch nicht mit seiner Tatze hindurchlangen konnte. Im hinteren Teil der Falle hielten sich Bewaffnete als Köder auf. In den ersten Nächten übernahm Patterson diese Aufgabe; am 3. Dezember hielten dort zwei mit einer Lampe und reichlich Munition ausgestattete Sepoys (indische Soldaten) Wache. Gegen 21 Uhr lief ein Löwe in die Falle; die Falltür fiel wie geplant herab, das Tier war gefangen. Die Sepoys gerieten jedoch in Panik und schossen ziellos umher. Eine Folge war, dass Patterson und Whitehead beinahe von Kugeln getroffen wurden, obwohl sie sich der Falle im rechten Winkel zur erwarteten Schussrichtung näherten. Eine weitere Folge war, dass die Arretierung der Falltür zerschossen wurde und der Löwe, Blutspuren zufolge verletzt, entkam.Patterson, 1908, S. 61 ff.; 80 ff.
mini|Der erste von Patterson erschossene Löwe Als Patterson am 9. Dezember nachts auf einem provisorischen Hochsitz einem der Löwen nahe dem Kadaver eines von den Löwen erbeuteten Esels auflauerte, wurde er „vom Jäger zum Gejagten“: Wie Patterson den von dem Löwen verursachten Geräuschen entnahm, umrundete dieser Pattersons Ansitz im Verlauf von etwa zwei Stunden immer wieder und pirschte sich dabei näher an Patterson heran, bis dieser schließlich trotz der Dunkelheit schemenhaft die Umrisse des Löwen ausmachen und tödliche Schüsse auf ihn abfeuern konnte.Patterson, 1908, S. 89 ff.
mini|Der zweite Tsavo-Löwe