mini|Kastelle und Burgi an der Straße Kempten-Augsburg, 4. bis 5. Jahrhundert n. Chr. Das spätrömische Kleinkastell Goldberg-Türkheim (Rostrum Nemaviae) befindet sich im heutigen Bundesland Bayern, Markt und Verwaltungsgemeinschaft Türkheim, im schwäbischen Landkreis Unterallgäu in Deutschland und war Bestandteil der rückwärtigen Sicherungsanlagen des Donau-Iller-Rhein-Limes in der römischen Provinz Raetia II.

Die Befestigungsanlage gründet sich auf einen Straßenwachturm (burgus) des späten 3. Jahrhunderts. In diokletianischer und konstantinischer Zeit wurde das Turmareal mit einer Ringmauer, Türmen und einem umlaufenden Graben verstärkt. Im ausgehenden 4. Jahrhundert errichtete man vor der Westmauer einen Speicherbau (horreum). Vermutlich hatte das Kleinkastell eine Mehrfachfunktion inne. Ursprünglich war der burgus vielleicht nur als Signal- und Wachturm zur Straßensicherung gedacht, während das nachfolgende Kleinkastell als Nachschubdepot bzw. Etappenstation dienen sollte. Eine römische Siedlung konnte im Raum von Türkheim bisher nicht lokalisiert werden. Die Anlage wurde wahrscheinlich bis ins frühe 5. Jahrhundert von den Römern genutzt. Sie wurde im 9. und 10. Jahrhundert im Zuge der Errichtung einer mittelalterlichen Befestigung (Ministerialenburg?) fast vollständig abgetragen und weist heute nur mehr einen äußerst schlechten Erhaltungszustand auf.Sitzungsberichte Jahrgang 1960. Heft 14, Verlag C. H. Beck, München 1960, S. 10 (PDF).

Name Der Ort Rostrum Nemaviae wird nur im Itinerarium Antonini und der Tabula Peutingeriana erwähnt. Nach Egon Felder könnte der Name der spätrömische Station von der spätkeltischen Viereckschanze am Goldberg (sog. Poenburg) Nemavia = heiliger Ort, übernommen worden sein. Möglicherweise handelt es sich bei Rostrum ursprünglich um einen Flurnamen (= Geländesporn?). Demnach könnte er sich schon seit dem im ersten Jahrhundert n. Chr. als Geländebezeichnung etabliert haben und wurde dann auf das spätrömische Kastell übertragen.Egon Felder: Nemavia, a Celtic temenos. In: Breandán S. Mac Aodha (Hrsg.): Topothesia, aistí in onóir T.S. Ó Máille. RTCOG, Galway 1982, S. 90–101.Sitzungsberichte Jahrgang 1960. Heft 14, Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Verlag C. H. Beck, München 1960, S. 10 (). Die Region um Türkheim wurden nach fast fünf Jahrhunderten römischer Herrschaft von den Alamannen besetzt. Die ersten alamannischen Sippen siedelten sich nachweislich um das Jahr 500 in Ettringen und Irsingen an. Im 5. Jahrhundert kam es bei Zülpich zu einer Schlacht zwischen Franken und den Alamannen, aus der die Franken als Sieger hervorgingen. Um ihren Gebietsanspruch zu festigen, siedelten sie einen – wohl zwangsverschleppten – thüringischen Familienverband in Türkheim an. Die Entwicklung des Ortsnamens von Durinc-heim zu Türkheim lässt sich anhand von historischen Quellen nachweisen. Die erste urkundliche Erwähnung Türkheims, anlässlich einer welfischen Schenkung an das Kloster Weingarten, stammt aus dem Jahr 1090.Richard Dertsch (Hrsg.): Historisches Ortsnamenbuch von Bayern. Bayerische Akademie der Wissenschaften. Kommission für Bayerische Landesgeschichte, München 1989, S. 112–113.

Lage mini|Türkheim von Nordwesten Der Goldberg bei Türkheim ist kein besonders herausragender Geländepunkt in dieser Region. Sein Name leitet sich möglicherweise vom lateinischen Wort für Hügel (collis) ab. Die Gründe ihn über die Jahrtausende immer wieder als Siedlungsplatz zu wählen, war wohl seine günstige Lage, die gute Fernsicht, die sich von ihm aus bietet, der leichte Zugang zu frischen Quellwasser, aber sicher nicht seine Topographie, die nur wenig Schutz bot.Irmingard Moosdorf-Ottinger: Der Goldberg bei Türkheim. Bericht über d. Grabungen in d. Jahren 1942–1944 u. 1958–1961. Textteil und Beilagen, Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte C. H. Beck, München 1981, S. 148. Die Hochterrasse ist Teil der Wald- und Hügellandschaft rund um das Wertachtal und liegt 1,3 km nördlich von Türkheim, am westlichen Randgebiet des Flussales, auf dem Sporn der Iller-Lech-Platte, eine leichte Anhöhe, etwa 20 Meter oberhalb der heutigen Straße Augsburg-Kempten. Die damals dort vorbeiführende Römerstraße aus der frühen und mittleren Kaiserzeit (Distanz des Kastells zur Römerstraße rund 90 m) ist in ihrem Verlauf – teilweise anhand markanter Geländespuren – zwischen Kempten, Eggenthal (Navoa), Türkheim und Augsburg bekannt.G. Ongyerth, M. Eberle: Vertiefte städtebaulich-denkmalpflegerische Untersuchung / Denkmalpflegerischer Erhebungsbogen für den Altort von Rammingen - Oberrammingen, 1.3 Historische Verkehrslage. Bayerisches Amt für Denkmalpflege, Denkmalpflegerischer Erhebungsbogen Gemeinde Rammingen, Oberrammingen, Textteil, 2015, S. 2. In der Tabula Peutingeriana (Route 237) werden die Entfernungen zu den benachbarten Stationen folgendermaßen angegeben:

Rostro Nemaviae mpm XXV - Campoduno (Kempten) mpm XXXII - Vemania (Isny) mpm XV - Brigantia (Bregenz) mpm XXIII - Arbore felice (Arbon) mpm XX.

Insgesamt befanden sich laut Itinerarium Antonini an der Route von Pons Aeni nach Brigantium acht Etappenstationen mit durchschnittlich 25 römischen Meilen Distanz zueinander und einer Streuung von 15 (Camboduno-Vemania) bis 32 milia passuum (Isinisco-Ambrae und Rostro Nemaviae-Camboduno).

Meilenstein Unter den im Kleinkastell verbauten Spolien befanden sich Fragmente von Grabdenkmälern der mittleren Kaiserzeit und im Nordwestturm der Ringmauer ein Meilenstein aus der Zeit des Septimius Severus (193–211).14719 Fragment eines Meilensteins des Kaisers Septimius Severus LUPA Ob er zu einem früheren Wachtturm oder vicus gehörte ist bislang unbekannt geblieben. Laut seiner Inschrift ließen Severus und seine Mitregenten, Caracalla (211–217) und Geta (211–212), im Jahr 201 die raetischen Straßen und Brücken wiederherstellen. Der Name des Geta wurde nach dessen Ermordung durch seinen Bruder im Jahre 212 wenig sorgfältig getilgt (damnatio memoriae). Das dortige Straßennetz war offensichtlich nach den Markomannenkriegen arg vernachlässigt worden, mit der Sanierung begann man wohl um das Jahr 195.Irmingard Moosdorf-Ottinger: Der Goldberg bei Türkheim. Bericht über d. Grabungen in d. Jahren 1942–1944 u. 1958–1961. Textteil und Beilagen, Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte C. H. Beck, München 1981, S. 6–7.

Funktion Derartige Stationen dienten als Rastpunkte, sog. mansiones, für durchmarschierende Truppen und Reisende, in welchen sie und ihre Zug- oder Reittiere versorgen und übernachten konnten. Da sie in der Regel nicht mehr als acht, selten zehn oder mehr Wegstunden voneinander entfernt waren, markierten sie wahrscheinlich auch die Distanzen für die Tagesmärsche der Soldaten. Weiters konnten die Nutzungsberechtigten der Staatspost (cursus publicus) dort bei Bedarf ihre Pferde wechseln. Es ist daher anzunehmen, dass solche Poststationen (mutationes) in der Regel mit den Militärstationen zusammenfielen.P. C. Planta: Das alte Raetien, staatlich und kulturhistorisch. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1872. Das Kastell am Goldberg diente später wohl auch als Versorgungsdepot für die comitatenses des mobilen Feldheeres. Vom burgus aus konnte man das Flusstal gut überblicken, in seinem Sichtfeld lag auch die Straße auf der Wertachterrasse. Eine Nachrichtenweitergabe mittels Licht- oder Rauchzeichen zur (vermuteten) Siedlung auf dem Stoffersberg, ferner zum Burgus Schlingen – und wohl einem weiteren in Schwabmünchen – wäre ebenfalls möglich gewesen. Die Errichtung von Signaltürme an wichtigen Straßenverbindungen gewann vor allem ab der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts an Bedeutung. Die Straße Augsburg-Kempten (nach 260) knüpft mit dem (dort vermuteten) spätrömischen burgus in Kleinreichholz auch an die Kette der spätrömischen Grenzburgi zwischen Kempten und Kellmünz an. Der erste von ihnen, Burgus Stielings, liegt 13 km südwestlich am nächsten. Im Rahmen des tiefengestaffelten Sicherungssystems, wohl eher als „Alarmierungssystem“ zu bezeichnen, verlief wohl in spätrömischer Zeit die Kommunikation über die burgi von Blöcktach (vielleicht auch Eggenthal), Baisweil, Schlingen und Türkheim. Der Burgus Bobingen müsste dann als letzter Zwischenposten gedient haben um die Signale bis in die Provinzmetropole Augsburg weitergeben zu können.

Als Alarmierungsinfrastruktur waren die burgi an den Straßen zu größeren Militärstützpunkten oder Garnisonsstädten also durchaus denkbar. Für die Verteidigung der Provinz waren jedoch die im Hinterland stationierten Truppenverbände der mobilen Feldarmee zuständig.Franziska Sophie Reinhart: Wachttürme und burgi im Hinterland des raetischen Limes in der mittleren und späten Kaiserzeit. Masterarbeit im Studiengang Provinzialrömische Archäologie. Ludwig-Maximilians-Universität München Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie. München 2022, S. 43–44. Derartige Signal- oder Wachttürme innerhalb einer römischen Befestigung sind mehrfach vermutet oder nachgewiesen worden. Was den burgus am Goldberg zudem von den valentinianischen burgi unterscheidet, ist seine frühe Entstehungszeit um 300. Er dürfte als Wach- und Nachrichtenübermittlungsstation fungiert haben, hatte aber wohl auch schon örtliche Sicherungsaufgaben und diente zusätzlich als Halte- und Verproviantierungspunkt an der Straße Augsburg-Kempten.Irmingard Moosdorf-Ottinger: Der Goldberg bei Türkheim. Bericht über d. Grabungen in d. Jahren 1942–1944 u. 1958–1961. Textteil und Beilagen, Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte C. H. Beck, München 1981, darin: Helmut Bender: Rekonstruktion der spätrömischen Anlagen auf dem Goldberg, S. 152f.