mini|Die Königin von Camenaça mit ihrem Gefolge (1910). Sie war aber lediglich die Frau des Herrschers.
Die Liste der Königinnen auf Timor listet die weiblichen Herrscherinnen auf der Insel Timor auf, von denen es historische Überlieferungen gibt.
Hintergrund
Prinzipiell wird nach dem timoresischen Glaubensprinzip des „Lulik“ die Macht zwischen einem weltlichen, männlichen Liurai und einer spirituellen, weiblichen Maromak O’an (auch: lia nain, dato lulik, railuli, rei de pomali) geteilt. Allerdings spiegelt sich diese Philosophie nicht unbedingt in der Rollenverteilung der Geschlechter bei der politischen Macht wider. Die Machtinhaber sind häufig beides Männer. Der Mann, der die spirituelle Rolle übernimmt, wird als „alte Frau“ bezeichnet und beschrieben als „schlafend“ und unbeweglich. Er ist für Rituale und den Schutz der heiligen Gegenstände verantwortlich. Aber auch in der Geschichte Timors finden sich eine Reihe von weiblichen Herrschern, über die portugiesische, niederländische und andere europäische Quellen berichte. Hier werden sie „Königinnen“ () genannt.Josh Trindade: Lulik: The Core of Timorese Values, vorgestellt auf der Communicating New Research on Timor–Leste 3rd Timor–Leste Study Asscociation (TLSA) Conference am 30. Juni 2011, abgerufen am 6. November 2017. Es finden sich auch Frauen, die mit dem männlichen Herrschertitel „Liurai“ genannt werden.Hägerdal 2013, S. 237–251.
In den kolonialen Berichten der Portugiesen wurden die weltlichen Führer der zahlreichen kleinen Herrschaftsgebiete als „Könige“ () oder „Kleinkönige“ () bezeichnet, weswegen diese Bezeichnung in dieser Liste für die weiblichen Herrscherinnen übernommen wird. Grund könnte die Ähnlichkeit des portugiesischen Wortes mit dem Herrschertitel Liurai () aus dem Tetum sein und die Tetum-Bezeichnung für das Herrschaftsgebiet „Rai“ (, ). Andere europäische Sprachen übernahmen diese Bezeichnung, wobei die Niederländer die Herrscher Raj oder Raja nannten. Herrscher, die einer Reihe anderer übergeordnet waren, erhielten in niederländischen Berichten sogar den Titel Kaiser.Monika Schlicher: Portugal in Ost-Timor. Eine kritische Untersuchung zur portugiesischen Kolonialgeschichte in Ost-Timor. 1850 bis 1912 (= Abera Network. Asia Pacific. Bd. 4). Abera, Hamburg 1996, ISBN 3-931567-08-7, (zugleich: Heidelberg, Universität, Dissertation, 1994). In neueren Veröffentlichungen wird die Beschreibung als Kleinkönige von einigen Autoren als „aus Europa eingeführt“ abgelehnt.Douglas Kammen: Fragments of utopia: Popular yearnings in East Timor. In: Journal of Southeast Asian Studies. Bd. 40, Nr. 2, 2009, S. 385–408, , doi:10.1017/S0022463409000216. Auch die Definition des Herrschaftsgebietes als „Reich“ ist relativ ungenau, da die Liurais nicht über isolierte, homogene, soziokulturelle Gebilde herrschten, was ein Reich im eigentlichen Sinne ausmacht.
Wie weit es üblich war, dass auch Frauen Herrscherinnen werden konnten, wird in historischen Berichten sehr unterschiedlich dargestellt. Louis de Freycinet schreibt in seinem Bericht, Frauen seien grundsätzlich von der Thronfolge ausgeschlossen. Der portugiesische Gouverneur Afonso de Castro (1859–1863) berichtet, dass in der Erbfolge die männlichen Nachkommen bevorzugt würden, während Henry Ogg Forbes erklärt, dass die ältesten Töchter die Herrschaft übernehmen, wenn es keine Söhne gibt. Sie würden dann von einem Regenten unterstützt und die Schwestern würden Herrscher der Nachbarreiche heiraten. Für ihre Königin würden die Einwohner des Reiches unter den Nachbardynastien einen Gemahl auswählen. Ist die Auswahl getroffen, werde eine Abordnung an den Liurai entsandt, mit der Bitte, einen seiner Söhne als Ehemann für die Königin zu schicken. Wird der Kandidat akzeptiert, ziehe der Bräutigam in sein neues Reich, das er von der Königin als Geschenk erhält, zusammen mit dem Herrschertitel. Man darf bei diesen Berichten aber nicht vergessen, dass es Dutzende Reiche gab und die Kolonialzeit auf Timor 400 Jahre abdeckt.Hägerdal & Kammen 2016, S. 17.
In den ersten zweihundert Jahren der europäischen Präsenz auf Timor wird immer wieder von weiblichen Herrschern berichtet, teils mit großem Einfluss, wie der Königin von Mena, die Portugal erst die Tore für die Herrschaft über den Westen von Timor öffnete. Im 18. Jahrhundert gibt es dagegen abgesehen von der „weiblichen Liurai von Belu“ in Wehale (1732) keine ausführlichen Berichte über Herrscherinnen. So wird Isabel von Hera (1726) nur kurz erwähnt. Sofern die kolonialen Chronisten die Frauen nicht zu Gunsten der männlichen Regenten verschwiegen haben, scheinen sie zu dieser Zeit nicht die Regel gewesen zu sein.
Im 19. Jahrhundert tauchen in den kolonialen Berichten auf einmal eine Reihe von Herrscherinnen auf, weswegen Historiker von einer Ära der Königinnen sprechen. 1815 erstellte der Sekretär eines portugiesischen Gouverneurs eine Liste, die allein zwölf Frauen aus Timor (und eine aus Larantuka) als rainha oder coronela (, der militärische Rang, der Herrschern von den Portugiesen verliehen wurde) unter 55 Herrschern aufzählte. 1854 nennt ein Dokument 13 Königinnen in 47 Kleinreichen. Weitere Herrscherinnen tauchen in Berichten bis zum Anfang der 1890er Jahre auf, wobei die Zahl der Königinnen anteilig wieder zu sinken schien. Im Gesamtüberblick hatten fast die Hälfte der Kleinreiche Portugiesisch-Timors im 19. Jahrhundert zumindest eine weibliche Herrscherin. Parallel mit der zunehmenden Kontrolle der Portugiesen über ihre Kolonie sank die Zahl der weiblichen Herrscher in den untergeordneten Vasallen. An den Rändern der Reichweite Portugals, im äußersten Osten und Süden, fehlen aus dieser Zeit Berichte über die dortigen Kleinreiche. Man könnte annehmen, dass weibliche Herrscherinnen vermehrt erschienen, wenn der portugiesische Einfluss zwar bereits vorhanden war, die koloniale Kontrolle aber noch nicht ausgeprägt war. Doch das Fehlen an Informationen darf man bei den Quellen nicht unterschätzen. Die Timoresen hatten keine eigene Schrift und Geschichtschronik entwickelt. In den mündlichen Überlieferungen kann man bestenfalls einige Hinweise auf Usi Tetu Utang, der Kaiserin von Sonbai Kecil ableiten. Ähnlich ist es aber auch in der umgebenden Inselwelt zu dieser Zeit. Nur mit viel Phantasie erkennt man in der mündlichen Überlieferung der Geschichte auf Sawu die Königin Ina Tenga von Seba. Nur den beiden Königinnen auf der Insel Solor, Nyai Cili und Nyai Cili Muda, erinnert man in der überlieferten Geschichte.
Liste Die angegebenen Zeiträume beziehen sich zum Teil nur auf das Jahr, aus dem es Berichte über die Königin gibt, nicht über ihre gesamte Regentschaft. Die Schreibweise der Ortsnamen orientiert sich nach der heute offiziell üblichen Bezeichnung.
Name Herrschaftsgebiet Zeit weitere InformationenKönigin von AdeAde (Vemasse)1668In einem Bericht erwähnt. Möglicherweise mit dem Widerstand gegen die Portugiesen verbunden.Liberata da CostaAlas1815Kammen 2012.Belo 2011, S. 83–86.Guimar da Costa PintoAlas1854MariaAmarasi1670Lebte auf Flores und heiratete einen Portugiesen. Sie überließ die Regentschaft ihren Onkeln und ihrem Bruder.Anna Elisabeth AunoniAmfo'an1880–1902Hägerdal & Kammen 2016, S. 28.Maria Michaela Doutel da CostaBalibo1871, 1879Isabel de Carvalho da SilvaBibiluto (Bibiloto)1815Belo 2011, S. 242–244.Guimare da CostaBibiluto (Bibiloto)1891Marianna da CostaBibissuso (Bebico)1815Sebastiana dos Reis e CunhaBibissuso (Bebico)1854Indifferent gegenüber den Portugiesen.SayBuibau (Boibau)1854Indifferent gegenüber den Portugiesen.Vicente da CostaClacuc (Claco, Elaco)1815Eventuell Schreibfehler in der historischen Quelle beim Vornamen.Anna Ribeiro da CostaCowa1854Belo 2011, S. 94–96.Maria PiresCowa1870–1871Witwe des Militäroffiziers Mariano Pires.Margarida Ribeiro PiresCowa1894Clara da SilvaDailor1854Catharina de CarceresDotik1815DamErmera1815Unklar, ob dies der Name war.Vasso Be-reErmera1854Senhorinha PimentelFailacôr18801880 Regentin, 1884 HerrscherinMaria TavaresFoholau1854Esperança dos Santos PintoFunar1815Magdalena SoaresFunar1881BealouHera1668Schloss einen Vertrag mit den Niederländern IsabelHera1726Belo 2011, S. 117–118.Aurelia SoaresHera1854Francisca SoaresHera1873PerempuanJenilu1845Tochter des Liurai von BaliboPeter Truhart: Regents von nations. Part 3. Asia & Pacific Oceania. Saur, München 2003, S. 1327;Ivan Taniputera: Kerajaan-kerajaan Nusantara pascakeruntuhan Majapahit. Gloria, Jakarta 2013, S. 1412.Mariana Rosa da CostaJenilu1879–1893Königin Ynalou von LicaloLaclo1669In einem Bericht erwähnt. Coronela Rosa de CarceresLaclo1815Ingracia (Ignacia?) Doutel Carcere(s)Laclo1854Josepha Noronha CarceresLaclo1879–1891Binaek (Binaique)Laclubar1881, 1883Roza Rodrigues TavaresLacluta1854Anna do RosarioLaicore1815Bano Lorok (Banu Lorok)Lakekunfrühes 19. Jhdt.Balok LorokLakekunTochter von Bano LorokHoar TetiLakekunTochter von Balok LorokJozepha da Costa dos RemediosLaleia1854Lucinda Dias Vieira GodinhoLaleiaca. 1860Petronella da CostaLidak1901–1913Tochter von Mariana Rosa da Costa von JeniluIvan Taniputera: Kerajaan-kerajaan Nusantara pascakeruntuhan Majapahit. Gloria, Jakarta 2013, S. 1415–1416.Ursula da CostaLiquiçá1818–1877Gracia da Costa Rodrigues PereiraLiquiçá1881, 1883Engracia da Costa DelgadoLiquiçá1890, 1892Königin von LifauLifau1641Regentin als Witwe für ihren Sohn Pedro.Na’i Lou Baria SakLuca1642–1643Belo 2011, S. 330–336.Na’i Lequi SakLuca 1670Na’i Lulequik ILuca1702Anna do AmaralLuca1815Rosa do AmaralLuca1881–1888Aurelia SoaresManatuto1854Belo 2011, S. 163–166.Maria de MattosManufahi1854Maria DoutelMaubara1877–1881, 1891–1893Herrscherin neben einem Regenten.Königin von MenaMena1641, † 1649/52Regentin für ihren Sohn João.Zweite Königin von MenaMena1660Laut portugiesischen Berichten eine Gegnerin der Portugiesen.Maria da Costa MendesMotael1857Eugracia Rodrigues PereiraMotael1871, 1874Guimar de Amal (Guiomar do Amaral?)Samoro (Somoas)1815Usi Tetu Utang (Dame von Sonba’i)Sonba’i1672–1717Inthronisiert 1672 als Kaiserin von Sonba’i. Herrschaft bis zu ihrem Tode.Simoa Maria dos Santos PintoVemasse1815Ursula GutherresVenilale1854Izabel de Freitas GutherresVenilale1879–1888Simoa da Costa RangelViqueque1854Liurai von BeluWehale (Belu)1732 Name unbekanntWehale 1814
Siehe auch Liste von Herrscherinnen und Regentinnen
Literatur Carlos Filipe Ximenes Belo: Os antigos reinos de Timor-Leste (Reys de Lorosay e Reys de Lorotoba, Coronéis e Datos). 2011, Baucau: Tipografia Diocesana Baucau. Douglas Kammen: Queens of Timor. In: Archipel. Band 84, Nr. 1, 2012, S. 149–173, doi:10.1017/S0022463409000216. Hans Hägerdal: Cycles of Queenship on Timor: A Response to Douglas Kammen. In: Archipel. Band 85, Nr. 1, 2013, S. 237–251, doi:10.3406/arch.2013.4394. Hans Hägerdal und Douglas Kammen: The Lost Queens of Timor. 2016, In: Women and the Politics of Gender in Post-Conflict Timor-Leste: Between Heaven and Earth, Eds Sara Niner. Routledge, Taylor and Francis Group, London, New York, doi:10.4324/9781315657387-3.
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