Dhantal (Hindi, aus danda, dandiya, IAST ḍaṇḍā, „Stock“, „Stab“, und tal, tala, „rhythmische Struktur“), auch dandtal (IAST ḍanḍtāl), dhantaal, ist ein mutmaßlich aus Nordindien stammendes Aufschlagidiophon, das aus einer senkrecht gehaltenen, seitlich angeschlagenen Eisenstange besteht und in der Musik der indischen Bevölkerungsgruppen in der Karibik und auf den Fidschi-Inseln gespielt wird.

Der dhantal bildet zusammen mit einer Fasstrommel dholak und einem indischen Harmonium ein Trio, das für die übliche Begleitung von Gesangsstimmen in mehreren indischen Musikgenres in der Karibik sorgt. Diese drei Musikinstrumente gelten in der indisch-karibischen Musik als Symbole für „Indischsein“. Vor allem auf der Karibikinsel Trinidad, in Guyana und in Suriname gehört der dhantal zum populären Tanzmusikstil Chutney, darüber hinaus in derselben Trio-Besetzung zur Begleitung von Bhajans, zum semiklassischen indischen Gesangsstil in der Karibik (Bhaitak Gana in Guyana, Tan in Trinidad) und zu anderen, mehr oder weniger traditionellen indischen Genres.

Herkunft mini|Bildliche Darstellung des indischen Volkstanzes Dandiya Raas mit gegeneinander geschlagenen Stöcken dandiya in Gujarat

Idiophone in Indien Die Idiophone, die nach der ungefähr 2000 Jahre alten indischen Klassifizierung der auf Sanskrit ghana vadyam genannten Musikinstrumentengruppe entsprechen, haben in Indien von wenigen Ausnahmen abgesehen keine bestimmte Tonhöhe. Deshalb scheiden sie – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie den Porzellanschüsseln jaltarang und dem Klangplattenspiel srimandal – als Melodieinstrumente aus und werden nur selten in der klassischen Musik verwendet. Weil von außen angeschlagene oder gegeneinander geschlagene Idiophone meist auch nur Töne von kurzer Dauer hervorbringen, gelten sie als vor allem für die Rhythmusbildung (tala) geeignet. Melodiefähige angeschlagene Stabspiele sind bis auf das für die indische Musik fremde, seltene Xylophon kashta tarang unbekannt.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments. National Book Trust, Neu-Delhi 1977, S. 15

Unter der großen Zahl indischer Idiophone sind diejenigen, deren Form einfachen Alltagsgegenständen ähnlicher ist, im Allgemeinen von höherem Alter.Bigamudre Chaitanya Deva: Musical Instruments of India. Their History and Development. Firma KLM Private Limited, Kolkata 1978, S. 47 Dazu gehören Gefäßrasseln, Fußschellen ghungru, aus Holz oder Bambus gefertigte Schlitztrommeln, die Bambusschlaggabel toka in Assam und Tontöpfe bhanda vadya, in Südindien ghatam. Seit alter Zeit gebrauchte metallene Idiophone sind neben Schellen und Glöckchen gegeneinander geschlagene Platten, also Zimbeln und größere Paarbecken (allgemein tal, talam) bis zum größten Paarbecken bartal in Assam, und die weit verbreiteten Klappern kartal. Die flache Metallplatte thali wird mit einem Schlägel angeschlagen.

Danda mini|Kolattam-Tanzprozession in Bhadrachalam, Andhra Pradesh Die einfachsten und am weitesten verbreiteten Idiophone in Indien sind die Gegenschlagstäbe danda (oder dandi, dandia) aus Bambus, gedrechseltem und lackiertem oder natürlich gewachsenem und unbehandeltem Holz. Am häufigsten werden danda wie ghungru zur rhythmischen Akzentuierung bei Tänzen verwendet. Tänzer halten ein Paar Stäbe in den Händen und schlagen sie gegeneinander oder gegen die Stäbe der anderen Tänzer. An manchen danda sind zusätzlich Schellen (ghungru) befestigt. Danda ist die in ganz Nordindien gebräuchliche Bezeichnung der Gegenschlagstäbe, in Südindien heißen sie auf Tamil kolu und auf Telugu karra oder katta.

Beim südindischen Volkstanz kolattam (aus Tamil kolu, „Stab“, und attam, „Tanz“) agieren die Tänzerinnen mit zwei kurzen Holzstäben. Die dandiya, die Tänzer beim Dandiya Raas in Gujarat anlässlich des hinduistischen Herbstfestes Navratri einsetzen, sind relativ kurze, dicke und mit ornamentalen Mustern lackierte Holzstäbe. In Rajasthan werden die dandiya bei Tänzen des aus Fruchtbarkeitszeremonien entstandenen Frühlingsfestes Holi und bei Erntedankfesten im Herbst eingesetzt. Beim Saila-Tanz in Madhya Pradesh schlagen Adivasi-Tänzer mit ihren etwa 60 Zentimeter langen danda gegen die Stäbe anderer Tänzer. Im Sindh ist der dando eine einzelne stabförmige Rassel und in Bihar werden zwei mit Schellen behängte Stäbe in einer Hand als Klappern gegeneinander geschlagen.Alastair Dick: Ḍaṇḍā. In: Grove Music Online, 2001

Ähnliche Stäbe sind die li-keli in Sri Lanka, die Männer und Frauen bei Tänzen schlagen.ලී කෙලි – Folk Dance in Sri Lanka. Youtube-Video (Bühnentanz mit Stäben li-keli in Sri Lanka) Die li-keli der buddhistischen Singhalesen entsprechen den Tanzstäben, die hinduistische Tamilen beim Kolattam-Stabtanz auf der Insel verwenden.Winojith Sanjeewa Withana Appuhamilage: The performing artistes in Sri Lanka: The contribution to ethno-religious cohesion through their shaping and challenging of socio-cultural norms. (Dissertation) University of Leeds, 2018, S. 207

Der religiöse Volkstanz Dandiya Raas (mit raas von rasa, Konzept der indischen Ästhetik) gilt als „Schwerttanz“, denn die Stäbe symbolisieren Schwerter und den Kampf der Göttin Durga gegen ihren Widersacher, den Dämonen Mahishasura.Utpala Desai: Raas Traditions of Gujarat. Sahapedia, 2024 Eine andere Symbolik ist der aus dem Holz eines heiligen Baums gefertigte Stab, den nach der auf das altindische Dharmasastra zurückgehenden Tradition Schüler beim hinduistischen Initiationsritual Upayana in der Hand halten.Sunil Sondhi: The Concept of Danda in the Dharmasastra. A Unifying View of Spirit and Force of Dharma in Indian Tradition. Banaras Hindu University, Varanasi, Februar 2023

Bhojpuri-Region mini|Fasstrommel dholak Nachdem Anfang des 19. Jahrhunderts die Sklaverei im Britischen Weltreich abgeschafft worden war, wuchs der Bedarf an Arbeitskräften für die Plantagen in den Kolonien. Die Kolonialverwaltung von Britisch-Indien erließ daher 1837 eine Verordnung, die erlaubte, indische Kontraktarbeiter für die britischen Kolonien in der Karibik und anderswo anzuheuern. Die ersten indischen Arbeiter kamen 1844 nach Jamaika, Trinidad und Guyana.Neha Hui, Uma Kambhampati: The Political Economy of Indian Indentured Labour in the 19th Century. In: Discussion Paper, Nr. 2020–16, Department of Economics, University of Reading, 2020, S. 1–26, hier S. 6 Da die meisten der in die Karibik emigrierten Inder aus der Bhojpuri-Sprachregion der heutigen nordindischen Bundesstaaten Bihar und Uttar Pradesh stammen, entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Karibik eine für die Herkunftsregion charakteristische Musikkultur. Zu dieser gehört unter anderem die kleine Kesseltrommel tassa, die zusammen mit der Zylindertrommel dhol in Jamaika und Trinidad in einem Ensemble für zeremonielle Anlässe gespielt wird und dort zu einem kulturellen Symbol der indischen Diaspora geworden ist. Aus der Bhojpuri-Region stammt neben dem als Umgangssprache innerhalb der indischen Gemeinden dienenden Dialekt aus Bhojpuri und Awadhi auch das bei Indern in der Karibik beliebte Volksliedgenre Chowtal, bei dem der Wechselgesang eines sich in zwei Reihen gegenüber sitzenden Chors von der Fasstrommel dholak und Handzimbeln jhal begleitet wird.Peter L. Manuel, 2013, S. 55f Wie der dhantal hat sich das Genre Chowtal nur in der Karibik entwickelt und verbreitet, beide sind in ihrer indischen Ursprungsregion kaum noch bekannt.Peter L. Manuel: Transnational Chowtal: Bhojpuri Folk Song from North India to the Caribbean, Fiji, and Beyond. In: Asian Music, Band 40, Nr. 2, Sommer–Herbst 2009, S. 1–32, hier S. 19f Mit dem Ende der Migration indischer Kontraktarbeiter in die Karibik im Jahr 1917 war auch der kulturelle Austausch unterbrochen und die indische Musikkultur in der Karibik entwickelte sich in ihrer Isolation eigenständig weiter.

Der dhantal wird – mit wenigen Ausnahmen wie dem Chowtal – in fast allen indo-karibischen Volksmusikgenres der Bhojpuri-Nachkommen in der Karibik verwendet. Dennoch ist dessen zu vermutende Herkunft aus der Bhojpuri-Region oder zumindest aus Nordindien weniger eindeutig als bei den anderen Musikinstrumenten und musikalischen Formen. Der karibische dhantal unterscheidet sich von den gegeneinander geschlagenen indischen danda nicht nur durch sein Material, sondern vor allem durch seine Anschlagtechnik. Gegenüber den danda ist der dhantal in Indien äußerst selten, scheint aber mit demselben Namen immerhin in der Vergangenheit in der Bhojpuri-Region in unterschiedlichen Volksliedgenres verwendet worden zu sein. Außerdem wird ein dem dhantal entsprechender Eisenstab, genannt gaj, sariya oder dandtal, zur Begleitung des gesungenen Alha-Khand-Epos verwendet.Peter L. Manuel, 2013, S. 60; Peter L. Manuel, 2012, S. 142

mini|Nordindische Handzimbeln manjira oder taal Alha-Khand ist ein Heldenepos der rajputischen Tradition, das sich auf Ereignisse im Rajputen-Reich Ende des 12. Jahrhunderts bezieht und dessen Verbreitungsschwerpunkt in der zentralen nordindischen Region Bundelkhand (westlich des Bhojpuri-Gebiets) liegt. Die während der Monsunzeit stattfindenden Aufführungen unterscheiden sich regional. Typischerweise wird der Gesangsvortrag von Fasstrommeln dholak und Messingzimbeln manjira begleitet. Während in Bundelkhand nur zwei Akteure auftreten (der Sänger spielt selbst dholak und wird von einem manjira-Spieler begleitet), trägt in der Umgebung von Kannauj und in der Awadh-Sprachregion östlich davon ein Ensemble das Epos vor. Ein oder zwei Vorsänger, ein bis fünf weitere Sänger, ein dholak- und ein manjira-Spieler werden durch Spieler mit weiteren Perkussionsinstrumenten ergänzt: Holzklappern kartal mit Zimbeln, Gabelbecken chimta und eine mit einem Metallstück angeschlagene Eisenstange gaj oder jhik.Karine Schomer: The „Ālhā“ Epic in Contemporary Performance. In: The World of Music, Band 32, Nr. 2 (India) 1990, S. 58–80, hier S. 62

Die vier genannten Bezeichnungen für eine Eisenstange, gaj, sink, sariya und jhik, beziehen sich auf ursprünglich außermusikalische Verwendungen. Urdu gaj bezeichnete Ende des 19. Jahrhunderts das Längenmaß für ein Yard (etwa 91 Zentimeter) oder einen Ladestock, sink die Hakenstange des Bäckers, mit der er das Brot aus dem Ofen holt, und sariya einen dünnen, zum Zaunbau verwendeten Eisenstab. Jhik wurde als Elefantenhaken (ankusha) interpretiert, bezeichnet aber wahrscheinlicher eine dem Sistrum ähnliche Gleitrassel jhika in einem Holzrahmen. Die unter den drei verbleibenden Bezeichnungen gaj, sink und sariya in der regionalen nordindischen Volksmusik bekannte Eisenstange hält Peter L. Manuel (2013) wegen ihrer besonderen Spielweise und Klangproduktion für eine originär indische Erfindung und schließt damit einen Reimport der in der Karibik anders genannten Eisenstange aus. Von den genannten nordindischen Eisenstangen unterscheidet sich der karibische dhantal durch seine spezifische Herstellung als Musikinstrument, dessen Name als ein jüngerer Neologismus aus danda, „Stab“, und tala analog zu kartal erscheint.Peter L. Manuel, 2013, S. 60f