Die Fürstengrube GmbH war ein Unternehmen des Steinkohlebergbaus, das in seinen Bergwerken ausreichend Kohle für das Bunawerk und die Synthesetreibstoffherstellung am IG Farben-Standort Auschwitz-Monowitz sowie für die Stromproduktion im Kraftwerk Ober–Lazisk der Elektro AG für angewandte Elektrizität fördern sollte.
Gründung Die Fürstengrube GmbH wurde 1941 als Unternehmen der IG Farben und der Fürstlich Plessischen Bergwerks–AGDie Aktien der Fürstlich Plessischen Bergwerke AG wurden kommissarisch verwaltet für die Haupttreuhandstelle Ost. gegründet. Die IG Farben hatte schon im Juli 1940 ein erstes Interesse an dem Steinkohlenbergwerk Fürstengrube gezeigt und konnten ihre Interessen gegen den anfänglichen Widerstand der Fürstlich Plessischen Bergwerks-AG mit Unterstützung der Haupttreuhandstelle Ost durchsetzen.Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389258, NI-12010: Eidesstattliche Erklärung Günther Falkenhahn vom 30. September 1947, S. 1. mini|Bergwerksdirektion der Fürstlich Plessische Bergwerks–AG, Kattowitz Am 8. Februar 1941 wurde zwischen den IG Farben und der Fürstlich Plessischen Bergwerks-AG ein Vorgründungsvertrag geschlossen, um u. a. die Steinkohlenzeche Fürstengrube nebst den dazugehörigen Kohlenfeldern über die gemeinsame Gesellschaft Fürstengrube GmbH auszubeuten.Arolsen Archives Sign. 905200 DocID 82389127: Vorgründungsvertrag vom 8. Februar 1941, S. 1. Als Stammkapital wurden 25 Mio. RM festgelegt.Arolsen Archives Sign. 905200 DocID 82389128: Vorgründungsvertrag vom 8. Februar 1941, S. 2. Davon übernahmen die IG Farben einen Anteil von 51 % durch Bareinzahlung von 12,75 Mio. RM. Die Fürstlich Plessische Bergwerks-AG brachte mit dem Bergwerk Fürstengrube im Wert von 14 Mio. RM ihren Anteil am Stammkapital von 12,25 Mio. RM als Sacheinlage ein, von der 1,75 Mio. RM von den IG Farben in bar vergütet wurde. Am Februar 1941 wurde auch der Gesellschaftsvertrag zwischen den beiden Parteien mit detaillierteren Regelungen beurkundet.Arolsen Archives Sign. 905200 DocID 82389136-41: Gesellschaftsvertrag vom 8. Februar 1941. In einem ZusatzvertragArolsen Archives Sign. 905200 DodID 82389142-45: Zusatzvertrag vom 8. Februar 1941. wurden mehrere gemeinsame Ziele festgelegt:
Der Ausbau der Schachtanlagen der Fürstengrube soll auf zunächst 1,5 Mio. Tonnen Jahresförderung mit der Möglichkeit der Erweiterung auf 3 Mio. Tonnen erfolgen. Für die ersten 23 Jahre (1941–1963) wird der Fürstlich Plessische Bergwerks-AG eine Jahresertrag von 4 % der Beteiligung gewährleistet. Während dieser 23 Jahre ist die IG Farben in ihren Dispositionen im Hinblick auf Ausbau, Betrieb und neue Anlagen frei.
Die Fürstengrube GmbH wurde am 30. Juni 1941 in das Handelsregister beim Amtsgericht Kattowitz eingetragen.Öffentlicher Anzeiger zum Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, Stück 28, 12. Juli 1941, Handelsregister Kattowitz, 30. Juni 1941. Sitz der Gesellschaft war Kattowitz. Die Geschäftsräume befanden sich der Bergwerksverwaltung der Fürstlich Plessischen Bergwerks-AG in der Bernhardstraße 44/46 in Kattowitz.
Die Gesellschaft wurde Mitglied in der Bezirksgruppe Steinkohlenbergbau Oberschlesien innerhalb der Wirtschaftsgruppe Bergbau.Hoppenstedt: Handbuch der großen GmbH, KG, OHG, Einzelfirmen. 1944, S. 508.
Aufsichtsrat Die Gesellschafter beriefen den Vorstand der IG-Farben Heinrich Bütefisch zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats.Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389258, NI-12010: Erklärung unter Eid des Günther Falkenhahn vom 30. September 1947, S. 4. Nuremberg War Crime Trials Case VI roll 17 NI-6236: Erklärung unter Eid des Heinrich Bütefisch (Lebenslauf) im April 1947, S. 3. Weitere Mitglieder im Aufsichtsrat waren Otto AmbrosNuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 17, NI-8005: Erklärung unter Eid des Otto Ambros (Lebenslauf). und Reinhard Goldberg,Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 63, Bü94: Erklärung unter Eid des Reinhard Goldberg zur Fürstengrube vom 4. April 1947 Direktor der IG Farben, der Direktor der Hauptfiliale der Deutschen Bank in Kattowitz Richard GdyniaRichard Gdynia: bis 1945 Direktor der Deutschen Bank Hauptfiliale Kattowitz, Oktober 1953–1956 Verwaltungsrat bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau. und der Rechtsanwalt Franz Ludwig.Zugleich kommissarischer Verwalter der Fürstlich Plessischen Bergwerke AG. aus Breslau als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender.Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, Roll 45, LXXI, NI-12015: Auszug mit Namen der Aufsichtsratsmitglieder der Fürstengrube GmbH.
Geschäftsführung Als erster und einziger Geschäftsführer wurde Bergassessor Günther FalkenhahnGünther Falkenhahn: * 4. Juli 1887 in Milowice bei Sosnowiec, Abitur am fürstlichen Gymnasium in Pless, Studium des Bergbaus in Bonn, Juni 1912 Bergreferendar, Soldat im Ersten Weltkrieg, 13. Juli 1920 Bergassessor, Führungspositionen in verschiedenen Bergwerks- und Hüttenbetrieben, 1933 Vorsitzender des Oberschlesischen Berg- und Hüttenvereins in Gleiwitz, 1934 Leiter der Bezirksgruppe Steinkohlenbergbau Oberschlesien, 1935 Präsident der Oberschlesischen IHK in Oppeln, 1. Juni 1937 NSDAP-Mitglied, 1939/1940 Präsident der IHK Kattowitz, 1940–1945 Vorstand Fürstlich Plessischer Bergwerks-AG, 1941–1945 Geschäftsführer der Fürstengrube GmbH, 1943 stellv. Aufsichtsratsvorsitzender der Elektro AG für angewandte Elektrizität in Ober Lazisk, Mitglied der Leitung der Reichsvereinigung Kohle. In: Heinrich Himmlers Taschenkalender 1940, kommentierte Edition. Paderborn Verlag Ferdinand Schöningh, 2013, S. 419 f.; Hoppenstedt: Handbuch der deutschen AG, 1943, S. 236; https://www.szukajwarchiwach.gov.pl/ru/zespol/-/zespol/132570; Landesarchiv NRW R NW 1005-G.3 Sign. 311: Entnazifizierungsakte Günther Falkenhahn. berufen. Falkenhahn informierte den Aufsichtsratsvorsitzenden Bütefisch bei den regelmäßigen Treffen über alle wichtigen Geschäftsvorgänge. Die wichtigsten Fragen des AR-Vorsitzenden betrafen die zu Förderlage, Materialbeschaffung und Arbeitseinsatz. Gesamtprokura erhielten die leitenden Mitarbeiter Bergassessor Ferdinand DinterFerdinand Dinter, * 4. Dezember 1889 in Beuthen/Oberschlesien, März 1909 Abitur an Gymnasium in Beuthen, 1910–1914 Studium in München und Berlin, 1914–1918 Soldat, 2. September 1918 Bergreferendar, 10. Oktober 1921 Bergassessor, 1922–1934 Bergwerksdirektor mehrerer Bergwerke des Fürsten von Pless, 1935 entlassen (als Besitz des Fürsten von Pless in polnische Zwangsverwaltung genommen wurde), 1935–1936 Heiztechniker, 1936–1939 Geschäftsführer einer Kohlenhandelsgesellschaft, 1939–1943 Bergwerksdirektor bei der Fürstlich Plessischen Bergwerke AG (dienstverpflichtet), 1943–1944 nach Unfall und Krankheit Verwaltungstätigkeit bei demselbem Arbeitgeber. In: Landesarchiv NRW R NW 1037 22577: Entnazifizierungsakte Ferdinand Dinter., Assessor Alfred Musiolik und Dipl.-Kaufmann Max Ottermann.Öffentlicher Anzeiger zum Amtsblatt des Regierungspräsidenten in Kattowitz, Stück 31, 2. August 1941, Handelsregister Kattowitz, 19. Juli 1941. Dinters Prokura erlosch 1942. Neue Prokuren wurden Bergassessor Wilhelm DüllbergWilhelm Düllberg: * 4. Juni 1902 in Unna, Mai 1930 Bergassessor, 1930–1939 Steiger, bergmännischer Sachbearbeiter, 1939 Prokurist, 1939–1941 Grubenleiter Friedensgrube der Ballestrems in Gleiwitz, 1941–1945 Bergwerksdirektor Fürstengrube. In: Entnazifizierungsakte Wilhelm Düllberg, LA NRW R NW 1035 3405; Nuremberg War Crime Trials, Case VI, roll 13, S. 12599: Befragung Wilhelm Düllberg am 27. April 1948. und Friedrich Hermann erteilt.Deutscher Reichsanzeiger vom 2. Februar 1942, Nr. 27, Zentralhandelsregisterbeilage, S. 2.
Verleihung Am 23. Juni 1942 verlieh der Reichswirtschaftsminister der Fürstengrube GmbH das Bergwerkseigentum, in dem Bergwerksfeld „Fürstengrube“ in den Gemeindebezirken Wessola, Emanuelssegen, Kostow und Lendzin im Kreis Pless Steinkohle zu gewinnen.Deutscher Reichsanzeiger vom 4. August 1942, Nr. 179, 1. Beilage, S. 4. Gleiches Recht wurde der Fürstlich Plessischen Bergwerks-AG für die Bergwerksfelder „Fürst von Pleß II“ in den Gemeindebezirken Emanuelssegen, Lendzin, Kostow und Anhalt im Kreis Pless und „Günther“ in den Gemeindebezirken Lendzin, Emanuelssegen, Kostow, Anhalt, Gurkau und Alt-Berun im Kreis Pleß sowie zahlreichen weiteren Bergwerksfeldern verliehen.
Kooperierende Unternehmen mini|Unternehmensverflechtung Fürstengrube GmbH, 1943–1945 Die IG Farben übte über die Fürstengrube GmbH einen beherrschenden Einfluss aus auf:
das Steinkohlebergwerk Fürstengrube in Wesoła, die Grube Janina in Libiąż Mały, vermutlich Anfang 1943 umbenannt in Grube Gute Hoffnung die Gruben Piast und Günther in Lędzińy sowie die Elektro AG für angewandte Elektrizität in Ober-Laszik als Betreiber eines der damals größten polnischen Kraftwerke.
Steinkohlebergwerk Fürstengrube – Alt- und Neuanlage Ursprünglicher Eigentümer des Steinkohlebergwerks Fürstengrube war die Fürstlich Plessische Bergwerks-AG. 1931 wurde die Fürstengrube als Folge der Weltwirtschaftskrise zwischenzeitlich stillgelegt. Die Grube wurde Anfang 1940 nach der deutschen Besetzung Ostoberschlesiens in kommissarischer Verwaltung wieder in Betrieb genommen und 1941 von der Fürstlich Plessischen Bergwerks-AG mit einem Wert von 14 Mio. RM in die Fürstengrube GmbH eingebracht.
1941 war seitens der IG Farben geplant, die Förderleistung der Fürstengrube-Altanlage bis Ende 1944 auf 62.000 Tonnen Steinkohle pro Monat konstant zu halten und die Förderung über den alten Schacht 1945 zu beenden.Arolsen Archives Sign. 9052000 DocID 82389148: Tabelle Steigerung der Förderleistung von Fürstengrube und Piast-Schächten 1943–1945, 24. Juli 1941. Die neue Schachtanlage Fürstengrube-Neuanlage sollte ab Anfang 1944 allmählich auf 125.000 Tonnen Steinkohle pro Monat bis Ende 1945 hochgefahren werden. Dies entspräche dann den anvisierten jährlichen 1,5 Mio. Tonnen Steinkohle. Baubeginn des neuen Schachtes war 1942. Die Fürstengrube-Neuanlage konnte den Förderbetrieb bis Kriegsende nicht mehr aufnehmen.Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Fürstengrube. In: Hefte von Auschwitz, Nr. 16, 1978, S. 47.
Als Stammarbeiter wurden in den Jahren 1943 und 1944 zwischen 900 und 1.200 polnische Bergleute aus der Region eingesetzt.Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Fürstengrube. In: Hefte von Auschwitz, Nr. 16, 1978, Tabellen 4 und 5 Arbeitseinsatz, S. 8. In Fußnähe der Fürstengrube existierten zunächst ein Lager für Juden, das Lager Ostland für Zwangsarbeiter (Männer und Frauen) sowie das Lager Nord für sowjetische Kriegsgefangene. 1943 kam noch das neu errichtete Lager Süd für Häftlinge des KZ Auschwitz hinzu, das ab 2. September 1943 belegt wurde.Emeryka Iwaszko: Das Nebenlager Fürstengrube. In: Hefte von Auschwitz, Nr. 16, 1978, S. 11 f. und S. 14. Im November 1943 wechselte die Zuständigkeit für die Häftlinge vom KZ Auschwitz I zum KZ Auschwitz III Monowitz. Die Zahl der KZ-Häftlinge stieg auf fast 1.400 Häftlinge im September 1944 an.BArch R9363/37: Mitteilung des Oberlagerführers vom 1. September 1944 an die Fürstengrube GmbH.
Nach Aussage von Wilhelm Düllberg wurden Zwangsarbeiter aus dem KZ Fürstenberg nach Bedarf nicht nur am Standort Fürstengrube, sondern auch in der Günthergrube eingesetzt und umgekehrt.Nuremberg War Crimes Trials, Case VI, roll 13, S. 12604: Befragung Wilhelm Düllberg am 27. April 1948. Dies war möglich, weil die beiden Standorte durch Bahngleise miteinander verbunden waren und die Zwangsarbeiter mit werkseigenen Zügen transportiert werden konnten. mini|Steinkohlebergwerk Janina, 1938
Grube Janina Eigentümerin der Grube Janina in Libiąż war die 1898 gegründete französische Gesellschaft Compagnie Galicienne de Mines mit Sitz in Paris (deutscher Firmenname: Französische AG Galizische Bergwerksgesellschaft).