Propagandafilm ist die Bezeichnung für einen Dokumentar-, Kurz- oder Spielfilm, der versucht, den Zuschauer durch das Hervorrufen von Emotionen und Ressentiments gezielt zu manipulieren. Ein Propagandafilm steht oft im direkten Bezug zu den Maßnahmen einer Regierung, einer politischen Gruppierung oder einer Institution, die die Produktion veranlasst oder fördert. Bereits im Ersten Weltkrieg wurde das Medium Film von allen Kriegsparteien erstmals mit großer Wirkung für Zwecke der Propaganda verwendet.
Im weiteren Sinne umfasst der Begriff auch Filme, mit denen einzelne Parteien, Interessengruppen oder Personen in der Darstellung tendenziell meinungsbildend für ihre politischen Ziele oder Geisteshaltungen werben.
Anfänge und Erster Weltkrieg → siehe auch Propaganda im Ersten Weltkrieg Deutsches Reich Voraussetzungen für deutsche Filmpropaganda im Ersten Weltkrieg Schon kurz nach seiner Erfindung war der Film im deutschen Kaiserreich – genauso wie im Rest Europas – zum gesellschaftlichen Massenphänomen avanciert. Um die Jahrhundertwende hatte der Film, gemeinsam mit anderen Bild- und Textmedien der Populärkultur (wie z. B. Trivialromane), den Status errungen, die wichtigste Ausdrucksform des modernen Lebens und Bewusstseins zu sein. So vermochte es der Film zum Beispiel, im Gegensatz zu klassischen Medien, ausgesprochen gut moderne Befindlichkeiten zu kultivieren.Vergleich: Sabine Hake: Film in Deutschland. Geschichte u. Geschichten seit 1895. Hamburg 2004, S. 28 ff. Aufgrund dieser ausgesprochenen Massenwirksamkeit eignete sich das Filmmedium zu Beginn des Ersten Weltkriegs hervorragend zur politischen Beeinflussung der Massen. Aber auch deswegen, weil es im Stande war, niedere städtische Bevölkerungsschichten zu erreichen, welche sich der Beeinflussung durch Vorträge, Bildungsveranstaltungen, Pressekampagnen etc. entzogen.Vergleich: Uli Jung, Martin Loiperdinger (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 1: Kaiserreich 1895–1918. Stuttgart 2005, S. 408.
Trotzdem zeigten die zivilen und militärischen Verantwortlichen des Deutschen Reichs am Beginn des Ersten Weltkriegs praktisch keinerlei Bereitschaft, aktiv Filmpropaganda zu gestalten. Verschiedene Faktoren schränkten dabei eine aktive Filmpropaganda ein: Nicht nur das (gehobene) Bürgertum, der gebildete Mittelstand und die renommierten Kulturträger, sondern auch die sozialdemokratische Arbeiterbewegung standen im deutschen Kaiserreich dem Kino generell ablehnend gegenüber. Bei der Ablehnung des Mediums Film waren sich evangelische und katholische Kirche einig. Klerikale Kreise liefen sogar öffentlich Sturm gegen das neue Kulturmedium. Man prangerte den Film als große Gefahr für Sitte, Moral und Anstand an. Produzenten und Kinobesitzern wurde vorgeworfen, niedere Instinkte des Menschen, wie die „Sensationslust der Masse“, schamlos kommerziell auszubeuten. Viele Intellektuelle sahen den Untergang der renommierten, klassischen Kulturmedien, wie Buch und Theater, durch die „Schmutz und Schundfilme“ gekommen. Als Angehöriger der konservativen Eliten des Kaiserreichs blieb man dem Kino generell fern.Vergleich: Hans Barkhausen: Filmpropaganda für Deutschland, im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Hildesheim 1982, S. 7 ff. Sowohl in der bürgerlichen Öffentlichkeit als auch in führenden militärischen Kreisen galt die Presse als das entscheidende Medium der Kriegsberichterstattung und somit möglicher Propagandaarbeit.Vergleich: Uli Jung, Martin Loiperdinger (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 1: Kaiserreich 1895–1918. Stuttgart 2005, S. 385 f. In der Anfangseuphorie der ersten Kriegsmonate, in welcher die deutsche Führung vom schnellen Sieg im „Blitzkrieg“ ausging, glaubte man, Filmpropaganda im Gegensatz zu den Kriegsgegnern auch gar „nicht nötig“ zu haben. Nur „wahre Bilder“ sollten vorgeführt werden (dürfen).Hans Barkhausen: Filmpropaganda für Deutschland, im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Hildesheim 1982, S. 25.
Innerhalb der deutschen Heeresleitung herrschte zu Beginn des Krieges eine ausgeprägte Furcht, der Feind könnte Frontaufnahmen deutscher Truppen für Spionagezwecke missbrauchen.Hans Barkhausen: Filmpropaganda für Deutschland, im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Hildesheim 1982, S. 24.
Durch schlechte Lichtverhältnisse in den Schützengräben, relativ empfindliches Filmmaterial und schweres Kameragerät waren zudem die technischen Voraussetzungen für authentische Filmaufnahmen an vorderster Front nicht ideal.Uli Jung, Martin Loiperdinger (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 1: Kaiserreich 1895–1918. Stuttgart 2005, S. 385.
Die Anfänge filmischer Propaganda in Deutschland Zu Beginn des Ersten Weltkriegs waren die politische Führung und die deutsche Heeresleitung weit davon entfernt, progressive Filmpropaganda zu betreiben. Vier Filmfirmen (mit jeweils zwei Kameramännern operierend) war es zu Kriegsbeginn erlaubt worden, unter besonderen Auflagen, Frontaufnahmen zu drehen. Vor dem Hintergrund der ausgeprägten Spionagefurcht schrieben strenge Bestimmungen vor, dass nur „patriotisch gesinnte, rein deutsche Firmen“, mit „deutschem Kapital“ und „deutschen Aufnahmeapparaturen“ Filmaufnahmen drehen durften. Im Kriegsgebiet hatten sich die Kameramänner mit einem „Ausweis des Generalstabs“ aufzuhalten, welcher vom Chef dieses Generalstabs persönlich genehmigt werden musste.
Die intensiven Vorsichtsmaßnahmen in Verbindung mit den erläuterten ungünstigen technischen Voraussetzungen führten dazu, dass Kameramänner kaum zu qualitativ hochwertigen Filmaufnahmen von der Front kommen konnten. So beschränkten sich Filmaufnahmen vor allem auf Szenen hinter der Front, auf die Darstellung von Pionierarbeiten, Geräteparks etc. Hinzu kam, dass die von den militärischen Behörden schon genehmigten Aufnahmen in der Heimat zusätzlich einer Genehmigung durch die lokale Polizeizensur bedurften. In der Konsequenz büßte das Filmmaterial so einen großen Teil seiner Aktualität ein, da es erst einige Wochen dauerte, bis die Aufnahmen ihren Weg in die deutschen Lichtspielhäuser fanden.
Sucht man in der ersten Hälfte des Krieges nach so etwas wie „deutscher Filmpropaganda“, wird man höchstens in den „Kriegswochenschauen“ fündig; zehn- bis zwanzigminütige Berichte von „aktuellen“ Kriegsereignissen, die im Kino vor einem Hauptfilm gezeigt wurden. Die Kriegswochenschauen wurden von Privatfirmen produziert, die aber „patriotischer Berichterstattung“ verpflichtet waren. Die „Eiko-Woche“ war 1914 die erste deutsche Kriegswochenschau am Markt. Zusammen mit der „Messter-Woche“, die nur einige Tage später das erste Mal gezeigt wurde, blieb die „Eiko-Woche“ die einzige Wochenschau, die bis Kriegsende in deutschen Kinos zu sehen war.Vergleich: Hans Barkhausen: Filmpropaganda für Deutschland, im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Hildesheim 1982, S. 21 ff.
Allerdings sollte die propagandistische Wirkung der Wochenschauen nicht überschätzt werden,Uli Jung, Martin Loiperdinger (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 1: Kaiserreich 1895–1918. Stuttgart 2005, S. 404. auch wenn nach Angaben des Wochenschau-Produzenten Oskar Messter seine „Messter-Woche“ in 16 Ländern von insgesamt mehr als 34 Millionen Menschen gesehen wurde. Das Grundproblem der Wochenschauen stellte, genauso wie dies bei allen anderen Kriegsaufnahmen jener Zeit der Fall gewesen ist, deren mangelnde Aktualität dar. Die Zuschauer wussten genau, dass Wochenschauen nicht die Realität des Krieges widerspiegelten, sondern man ihnen gestellte Bilder vorsetzte. Man empfand die Kriegswochenschauen als langweilig, manche Zuschauer sie sogar als „lästige Unterbrechung im Programm“.Ulrike Oppelt: Film und Propaganda im Ersten Weltkrieg. Propaganda als Medienrealität im Aktualitäten und Dokumentarfilm. Stuttgart 2002, S. 110.
Transformationsphase Im Verlaufe des Ersten Weltkriegs fand bei den zivilen und militärischen Behörden des Deutschen Reichs ein über mehrere Jahre fortdauernder Umdenkprozess in Sachen Filmpropaganda statt. Dabei haben drei wesentliche Faktoren eine Rolle gespielt.
Der Vorsprung der Entente in Sachen Filmpropaganda Im Allgemeinen waren zu Beginn des Ersten Weltkriegs die Voraussetzungen für eine effektive Instrumentalisierung der Massenmedien zu Propagandazwecken in allen kriegführenden Staaten eingeschränkt. Die staatliche Propagandaarbeit war auf verschiedene Exekutivorgane und unterschiedliche Zuständigkeitsbereiche verteilt und damit oft unstrukturiert und zersplittert, nicht nur in Deutschland. Deutliche Unterschiede bestanden allerdings im Vergleich zu den Ententemächten, wenn es um die Erkenntnis der Möglichkeiten ging, welche der Einsatz des Films als ein erfolgreiches Mittel zur Beeinflussung der Massen bot. Die französische Filmindustrie lieferte zudem mit ihrer bis zu Kriegsbeginn beherrschenden Stellung auf dem Weltmarkt und einem vergleichsweise großen Produktionspotential gute Voraussetzungen für die französische Regierung, den Film zu Propagandazwecken zu instrumentalisieren. Auch waren in Frankreich schon vor Kriegsbeginn Erfahrungen mit antideutschen Propagandafilmen gesammelt worden. So stellten z. B. einige Filme zum zurückliegenden Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 angebliche Schandtaten deutscher Soldaten dar.
Im Verlaufe des Kriegs zeigten sich auch die Inhalte französischer und englischer Propaganda als besonders wirkungsvoll, welche neben der Darstellung in Presse, auf Plakaten und in Comics zunehmend in Spielfilmen zu sehen waren. Als Feindbilder dienten den Ententemächten bevorzugt entweder Kaiser Wilhelm II selbst oder dessen deutsche Soldaten (als kämpfende Vertreter des deutschen Volks). Man denunzierte die deutsche Armee mit dem Kaiser als deren besonders niederträchtigen Anführer als „grausame Hunnen“ ohne jegliche Kultur und Anstand. Die Liste der den deutschen Soldaten vorgeworfenen Schandtaten ist lang und beinhaltet unter anderem die Zerstörung von Zivilgebäuden, Kirchen und Krankenhäusern, die Folterung von gefangenen Soldaten und vor allem die Verstümmelung, Schändung und Ermordung der wehrlosen Zivilbevölkerung. Wegen der besonders dramatischen und brutalen Inhalte der französischen und englischen Propaganda wird diese auch als „Gräuelpropaganda“ bezeichnet. Gezeigt wurde diese Gräuelpropaganda nicht nur in den Ländern der Entente selbst, sondern zusätzlich auch im neutralen und befreundeten Ausland und verfehlte ihre Wirkung nicht. Erfolgreich wurde damit zu einer weiteren Anheizung der antideutschen Stimmung, vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika, beigetragen.
Der Erfolg, welchen englische und französische Propagandafilme erzielten – nicht nur bei der Beeinflussung der eigenen Bevölkerung, sondern auch im neutralen und verbündeten Ausland – konnte von der militärischen und zivilen Führung Deutschland auf Dauer nur schwer ignoriert werden.Vergleich: Helmuth Korthe: Die Mobilmachung des Bildes – Medienkultur im ersten Weltkrieg. In: Matthias Kamasin, Werner Faulstich (Hrsg.): Krieg – Medien – Kultur. München 2007, S. 36 ff.
Die filmpropagandistischen Aktivitäten der deutschen Wirtschaft Mit Beginn des Krieges war der weltweite Filmaustausch für die Dauer von etwa zehn Jahren zusammengebrochen, nachdem die Grenzen geschlossen und der internationale Handel und Verkehr stark eingeschränkt worden waren. Die deutsche Filmwirtschaft erhoffte sich, durch den Wegfall der zuvor übermächtigen französischen Konkurrenz das beträchtliche wirtschaftliche Potential des deutschen Filmmarkts untereinander aufteilen zu können und außerdem das Kino als effektive Werbeplattform instrumentalisieren zu können.Vergleich: Uli Jung, Martin Loiperdinger (Hrsg.): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland. Band 1: Kaiserreich 1895–1918. Stuttgart 2005, S. 383 ff.