Potaissa ist ein römischer, militärisch-ziviler Siedlungskomplex im Stadtgebiet des heutigen Turda (Kreis Cluj) im Zentrum der rumänischen Region Siebenbürgen. Potaissa war zunächst ein einfacher Vicus, bis dort ein Legionslager mit seinen Canabae gegründet wurde. Dadurch entwickelte sich im Folgenden eine blühende, urbane Agglomeration mit über 20.000 Menschen und den entsprechenden Infrastrukturen. Potaissa avancierte zum Municipium, später zur Colonia. Administrativ gehörte es zur Provinz Dacia Apulensis. Neben Apulum war Potaissa eines von insgesamt nur zwei zeitgleich in den dakischen Provinzen existierenden Legionshauptquartieren. Das Kastell hatte rund einhundert Jahre lang Bestand, die Zivilsiedlung sogar mehrere hundert Jahre. Es ist eine der so genannten zentralen Anlagen des Dakischen Limes. Gemeinsam mit 276 weiteren Bodendenkmälern dieses Limes wurde es im Sommer 2024 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.

Lage

Im heutigen siedlungsgeographischen Bild liegt das Kastell in einem nicht bebauten, einstmals landwirtschaftlich genutzten Bereich, unmittelbar südlich und westlich der modernen Stadt Turda, die es quasi einrahmt. Topographisch befindet es sich auf einer gegen den Fluss Arieș vorspringenden, interfluvialen Hochterrasse namens Dealul Cetății (deutsch: Burgberg), die von den Bachtälern Valea Racilor im Norden und Valea Sandulesti im Süden begrenzt wird. Nordwestlich beginnen in wenigen Kilometern die Berge des Trascău-Gebirges, südöstlich erstreckt sich das Siebenbürgische Becken. Das Lager auf dem Dealul Cetății lag rund 30 bis 40 Meter oberhalb des Laufniveaus der antiken Zivilstadt.Florin Fodorean: Landscapes of Roman Dacia. Potaissa. In: Ioan Piso et al. (Hrsg.): Scripta Classica. Radu Ardevan sexagenario dedicata. Mega Publishing House, Cluj-Napoca 2011, S. 121–133 Digitalisat.Florin Fodorean: Mapping archaeological sites using digital cartography. Roman discoveries at the confluence of the rivers Arieş and Mureş. In: Sorin Cociş (Hrsg.): Archäologische Beiträge – Gedenkschrift zum hundertsten Geburtstag von Kurt Horedt. Editura Mega, Cluj-Napoca, 2014, ISBN 978-606-543-456-1, S. 77–84.

Zitat

Quellen und Forschungsgeschichte

Potaissa war schon als Patauissa auf der Tabula PeutingerianaTab. Peut., VIII, o2 und als Patreuissa in der Geographike Hyphegesis des Claudius PtolemäusDan Dana und Sorin Nemeti: Ptolémée et la toponymie de la Dacie (II-V). In: Classica et Christiana, Band 19.1, 2014, S. 97–114 (Digitalisat). verzeichnet gewesen. Auch im 50. Band der Pandekten erscheint der Name der Siedlung:

mini|150px|Titelblatt von Ferdinand Neigebaurs Dacien (1851) Einen ersten epigraphischen Nachweis der Existenz eines Ortes dieses Namens (wie auch des nahe gelegenen Napoca) lieferte 1758 die Entdeckung eines Meilensteins in Aiton (siehe weiter unten: Miliarium, Mansio und ruraler Vicus von Aiton). Der Name Potaissa leitet sich vom lateinischen Wort potassium für Kalium ab und verweist auf die wirtschaftliche Grundlage der Siedlung, die auf dem Salzbergbau beruhte (siehe auch weiter unten unter: Vicus, Canabae legionis, Municipium, Colonia).

Im 19. Jahrhundert ist der archäologische Fundplatz erstmals 1851 von Ferdinand Neigebaur in seinem Werk Dacien. Aus den Ueberresten des klassischen Alterthums, mit besonderer Rücksicht auf Siebenbürgen beschrieben worden.Ferdinand Neigebaur: Dacien. Aus den Ueberresten des klassischen Alterthums, mit besonderer Rücksicht auf Siebenbürgen. Gött, Kronstadt 1851, S. 199–222 (Digitalisat). Es folgten 1876 Carl Gooss mit seiner Chronik der archäologischen Funde SiebenbürgensCarl Gooss: Chronik der archäologischen Funde Siebenbürgens. v. Closius Erbin, Hermannstadt 1876 S. 114 f. (Digitalisat). und 1889 der Ungar Orbán Balázs mit Torda város és környéke (deutsch: „Die Stadt Turda und ihre Umgebung“).Orbán Balázs: Torda város és környéke. Budapest, 1889 (Digitalisat) Bereits 1873 hatte Theodor Mommsen Turda aufgrund des Miliariums von Aiton als das antike Potaissa identifiziert.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fanden kaum Beobachtungen statt, obwohl die Ruinen immer mehr oder weniger offen lagen. Erst fast anderthalb Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs, 1958, wurden durch Ion Horațiu Crișan erste Grabungen an der Umwehrung des Lagers vorgenommen und 1961 publiziert.Ion Horatiu Crișan: Șantierul arheologic Turda. In: Materiale și cercetări arheologice, Band 7, 1961, S. 431–439.

Systematische, kontinuierliche und moderne wissenschaftliche Forschungen und Ausgrabungen (sowie später auch Rekonstruktionsmaßnahmen) wurden erst 1971 begonnen und bis 2016 ununterbrochen jährlich fortgesetzt. Sie standen bis 1973 zunächst unter der Koordinierung durch Constantin Daicoviciu, sind aber seitdem insbesondere von Mihai Bărbulescu vom Institut für Alte Geschichte und Archäologie der Babeș-Bolyai-Universität Cluj geprägt worden, der regelmäßig in Potaissa grub und dessen Name heute untrennbar mit diesem antiken Ort verbunden ist. Zwischen 2014 und 2021 wurden die Leitung der Untersuchungen in Turda, wie auch Bărbulescus Lehrstuhl an der Universität in Cluj-Napoca sukzessive von Florin Nemeti übernommen.Lebensläufe von Mihai Bărbulescu und Florin Nemeti auf der Webpräsenz der Babeș-Bolyai-Universität Cluj (rumänisch), abgerufen am 6. Januar 2025.

Archäologische Befunde

Die archäologischen Befunde Potaissas gliedern sich im Wesentlichen in das Legionslager, die Zivilstadt, die Anlagen zur Wasserversorgung beider, die Gräberfelder und die ländliche Besiedlung des Umlands.

Kastell

mini|Schematischer Kastellgrundriss Das Legionslager hat einen rechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken nach dem typischen Spielkartenschema. Mit seinen Schmalseiten ist es in ostsüdöstliche (Praetorialfront) bzw. westnordwestliche Richtung orientiert. Seine Abmessungen betragen 408 m × 573 m ≈ 23,4 ha (nach anderen Angaben 408 m × 580 m ≈ 23,66 ha). Durch die Via principalis (Lagerquerstraße) war es annähernd im Verhältnis der Sectio aurea Φ (≈ 38,2 % zu 61,8 %) in Praetentura (vorderer Lagerbereich) und Retentura (rückwärtiger Lagerbereich) geteilt. Es ähnelt in Größe, Seitenlängen und Struktur auffallend anderen Legionslagern, die in der Zeit der Markomannenkriege angelegt worden waren, so dass Mihai Bărbulescu die Hypothese aufstellte, dass es damals in der Heeresführung möglicherweise eine zentrale Vorschrift zur Anlage solcher Lager gegeben habe.Mihai Barbulescu: Castrul legionar de la Potaissa (Turda). 45 de ani de cercetări arheologice / The legionary fortress at Potaissa (Turda). 45 years of archaeological research In: Cercetări Arheologice, Band 27, 2020, S. 221–240, hier: S. 222 und Abb. 1–3 (Digitalisat).

Umwehrung

mini|Nordwestlicher Eckturm (2009) Vom aufgehenden, ursprünglich vielleicht fünf Meter hohen Mauerwerk ist substantiell nichts mehr erhalten, die Mächtigkeit seiner Fundamente konnte mit 1,7 m bis 2,0 m ermittelt werden. Sie waren in der Technik des Opus incertum errichtet worden. Nach außen hin abgerutschte quaderförmige Steinblöcke sprechen dafür, dass die Mauer an ihrer Außenseite mit Opus quadratum verkleidet war. Als Annäherungshindernis verlief vor der Mauer ein zwölf Meter breiter und 2,75 m bis maximal 3,00 m tiefer Spitzgraben. Die Kastellecken waren mit nach innen gezogenen Ecktürmen versehen, die einen trapezförmigen Grundriss besaßen. Die Untersuchung des nordwestlichen Eckturms. ergab, dass dieser nach vorne hin dem Radius der Mauerbiegung von 18 Metern folgt. Die Länge seiner Seite zum Inneren des Lagers hin beträgt 11,40 m, während die beiden Schmalseiten 5,30 m bzw. 5,50 m breit sind. Die Gesamtanzahl der Zwischentürme ist nicht bekannt. Ein solcher nach innen gezogener Zwischenturm,. zwischen dem eben beschriebenen Eckturm und der Porta decumana (rückwärtiges Lagertor), wurde vermessen, wobei sich ein rechteckiger Außengrundriss von 6,00 m bis 6,25 m mal 6,90 m zeigte. Das Legionslager besaß insgesamt vier Tore, von denen die Porta decumana. vollständig erforscht werden konnte. Sie war von zweigeschossigen Tortürmen mit rechteckigem Grundriss flankiert (Nordturm 6,25/6,80 m mal 8,95 m, Südturm 6,25 m mal 9,10 m), die um 3,25 m nach außen aus der Mauerflucht hervorspringen. Das Tor hatte eine Bruttodurchlassweite von 12,50 m, die jedoch durch eine 2,95 m dicke und 6,50 m lange Spina (Mittelmauer) in zwei Hälften mit jeweils rund 4,78 m effektiver Durchfahrtbreite geteilt war.Mihai Barbulescu: Castrul legionar de la Potaissa (Turda). 45 de ani de cercetări arheologice / The legionary fortress at Potaissa (Turda). 45 years of archaeological research. In: Cercetări Arheologice, Band 27, 2020, S. 221–240, hier: S. 222–224 (Digitalisat).

Kastellstraßen und Anbindung Innerhalb der Umwehrung wurden die üblichen Kastellhauptstraßen Via praetoria (Lagerhauptstraße), Via decumana (rückwärtige Lagerstraße), Via principalis (Lagerquerstraße) und Via sagularis (Lagerringstraße) nachgewiesen. Darüber hinaus konnte ein Netz aus Viae vicinariae (Nebenstraßen) zwischen den Mannschaftsbaracken sowie nördlich, westlich und südlich um die Principia herum identifiziert werden. Allen Straßen gemeinsam ist, dass sie nicht aufwändig plattiert waren, sondern ihr Belag aus einfachem, in Lehm eingebettetem Mergel und Flusskieseln bestand. Von der oberen Belagschicht ist nicht mehr viel erhalten und auch die Drainagegräben sind kaum mehr sichtbar. Die Via praetoria ist 5,5 m bis 9,30 m breit, die Via Principalis sieben bis zehn Meter. Vor den an die Hauptstraßen angrenzenden Gebäuden befanden sich bis zu vier Meter tiefe Portiken, die insbesondere vor den Principia und den Thermen nachgewiesen werden konnten. Über die vier Lagertore war das Kastell an das Straßennetz der Zivilsiedlung und an die Fernstraße nach Napoca und Apulum angebunden.Mihai Bărbulescu: Din istoria militară a Daciei romane. Legiunea V Macedonica şi castrul de la Potaissa. Ed. Dacia, Cluj-Napoca 1987, S. 118–120.Mihai Barbulescu: Castrul legionar de la Potaissa (Turda). 45 de ani de cercetări arheologice / The legionary fortress at Potaissa (Turda). 45 years of archaeological research. In: Cercetări Arheologice, Band 27, 2020, S. 221–240, hier: S. 224 und Abb. 4 (Digitalisat).Căi de circulație în castru auf castrulpotaissa.ro (rumänisch), abgerufen am 7. Januar 2025.

Principia

Die Principia, das Hauptquartier des Lagers, befinden sich zentriert auf der Längsachse des Kastells. Der Gebäudekomplex hat einen rechteckigen Grundriss, wobei die Nord- und Südseiten (einschließlich der äußeren Porticus) 124,6 m bis 125,6 m lang sind, während sich die Breiten des Gebäudes auf 71,8 m an der Westseite und 72,6 m an der Ostseite belaufen, womit sich eine Fläche von 0,899 ha ergibt, was 3,8 % der gesamten Kastellfläche entspricht. Damit sind die Principia von Potaissa die größten Dakiens und neben denen von Vetera I (1,138 ha, allerdings für ein Doppellegionslager) die größten des Imperiums. mini|Südliche Seite des Durchgangs zu den Principia(Frühjahr 2009) mini|Südliche Armamentaria(Spätsommer 2010)

Eine Besonderheit bei den Principia von Potaissa ist der 2019 durch geophysikalische Messungen gelungene Nachweis von Spuren einer Groma (hier im Sinne von Eingangshalle, siehe auch Quadrifrons), wie sie aus Lambaesis bekannt ist.Groma von Lambaesis auf arachne.dainst.org, abgerufen am 8. Januar 2025. Die Groma von Potaissa war ein rechteckiges Gebäude mit einer Länge von rund 35 m und Breiten von 17,80 m zwischen den Säulenfundamenten sowie 18,90 m zwischen den Mauern, das den Kreuzungsbereich von Via principalis und Via praetoria überdeckte.. Zur Via praetoria hin war es noch durch eine Art Vorhalle ergänzt worden, so dass sich eine Gesamtlänge von rund 40 Metern ergab. Zu den Principia hin besaß die Groma ein 7,60 m breites Haupttor, das von zwei 3,00/3,30 m breiten Seiteneingängen flankiert war. Zur Via principalis waren 8,50 m breite Durchgangsmöglichkeiten gegeben.