Europas Hunde (Сабакі Эўропы) ist ein belarussischer Roman von Alhierd Bacharevič. Er wurde 2017 zuerst in Vilnius veröffentlicht und u. a. mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2025 ausgezeichnet.Alhierd Bacharevič erhält Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2025, auf: leipziger-buchmesse.de (06. Dezember 2024), abgerufen am 14. Dezember 2024. Europas Hunde verschränkt die Themen Diktatur und Exil, Sprachen, „Identität und die Frage, wie wir unsere eigene Realität erschaffen“Julia Rosche, Im Portrait: Thomas Weiler, auf: tralalit.de (8. November 2022), abgerufen am 4. Januar 2025. sowie den „nationale[n] Niedergang [von Belarus], das Versagen seiner kulturellen Eliten, de[n] Verlust seiner Eigenständigkeit und Sprache und seine finale Einverleibung in das tyrannische russische Imperium“.Sigrid Löffler, Das verbotene Buch, auf: sueddeutsche.de (7. Januar 2025), abgerufen am 8. Januar 2025.

Aufbau und Inhalt Als Motto stehen zehn Zeilen aus dem dritten Teil von W.H. Audens Gedicht In memory of W.B. Yeats (1939), in dem auch die titelgebenden Hunde („the dogs of Europe“) auftauchen. Darauf folgen sechs motivisch und personell verbundene Kapitel, zwischen denen jeweils ein Gedicht eingeschoben ist:

1. Kapitel: Wir sind leicht wie Papier Der eskapistische Ich-Erzähler Aleh Alehavič (aka Oleg Olegowitsch aka OO) wird in einem Minsker Behördengebäude von einem „Mann des Staates“ verhört. Grund ist der Tod des jugendlichen Dzianis Kazłovič (aka Koźlik). In dessen Haut ist ein Text eingeritzt, den die Behörden nicht dechiffrieren können. Aleh legt in seinem Geständnis dar, warum und nach welchen Prämissen er die Plansprache Balbuta entwickelt hat, und was sich im Folgenden zutrug: Nachdem er eine balbutanische Gedichtübersetzung im Internet gepostet hatte, nahm der gescheiterte Philologiestudent Dzianis Kazłovič Kontakt mit ihm auf. Sie trafen sich in einer Bar [↗ Kapitel 4] und begannen, gemeinsam Balbuta zu sprechen und das Vokabular systematisch weiterzuentwickeln. Wenig später stieß die Schülerin Natalija Jaŭhienaŭna Kaškan (aka Kaštanka) hinzu, und zuletzt der in Natalija vernarrte Stanislaw Bundas. Nachdem Dzianis aus Liebe zu Natalija die Plansprache Fornatal entwickelt hatte, wurde er von Aleh aus der balbutanischen Sprachgemeinschaft verbannt und von Stanislaw aus dem Haus geprügelt. Gedicht: Legoing klinkutimaDas komplett auf Balbuta geschriebene Gedicht lässt sich, wie zahlreiche weitere balbutanische Passagen, nur mittels der im 1. Kapitel formulierten Grammatik und des im Beiheft abgedruckten Wörterbuchs lesen. 2. Kapitel: Gänse, Menschen, Schwäne Der fast 15-jährige Maŭčun lebt mit seinem einarmigen Vater in Belyje Rossy-13. Dieses ehemals belarussische Dorf liegt im Handlungjahr 2049 auf dem Territorium eines Großrussischen Reiches. Die russifizierten Dorfbewohner leben in Armut und unter ideologischer Kontrolle: Belarussisch „gab es nicht und hatte es nie gegeben“. Junge Männer werden zum Militärdienst eingezogen, kommen aber nie wieder zurück. Maŭčuns Mutter ist im „strategischen Wald“ an der streng abgeschotteten Westgrenze verschwunden. Im Westen haben angeblich die „Merikaner“ das Sagen, und laut Schulunterricht wurden Paris, Berlin, London, Rom und Prag zerbombt. Maŭčun vermutet jedoch ein „Science-Fiction-Leben“ jenseits der Grenze. Er träumt davon, wie Nils Holgersson mit seiner geliebten Graugans wegzufliegen [↗ Kapitel 4]. An einem Sonntag geht er mit seinem Vater auf die Jagd nach Pandas, die angeblich aus dem ehemaligen „Popologischen Garten“ in Minsk entkommen sind. Unweit einer verfallenen Hütte, in der einst eine Heilerin gelebt haben soll [↗ Kapitel 3], entdeckt Maŭčun die gerade gelandete Fallschirmspringerin Stefka. Er versteckt sie und bringt ihr Proviant, während die Behörden nach dem „Feind“ aus einem abgeschossenen Spionageflugzeug suchen. Stefka verschickt Geheimnachrichten auf Balbuta [↗ Kapitel 1]. Maŭčun will von ihr erfahren, „wie es drüben ist“. Stefka hingegen interessiert sich für das Dorfleben und einen Pan Kakoŭski. Dieser Herr Kakoŭski (aka Michail Antonowitsch Shukowitsch), ein „vor drei Jahren im Wald aufgelesener“ mutmaßlicher Spion oder psychisch Kranker aus Minsk, wähnt sich im falschen Jahr und „will hier weg“. Maŭčun stellt heimlich Kontakt zwischen Stefka und Pan Kakoŭski her. Inzwischen ist ein Major Lebed (deutsch: Schwan) ins Dorf gekommen und führt die Ermittlungen in der „Fallschirmspringer-Sache“. Er kürt Maŭčun zu seinem Helfer. Um zu verhindern, dass Pan Kakoŭski die Fallschirmspringerin verrät, beißt Maŭčun ihm die Kehle durch und versteckt seine Leiche. Beim Showdown zwischen Stefka und Major Lebed stellt sich heraus, dass die beiden Androiden sind. Während diese sich gegenseitig zerschießen, läuft Maŭčun weg. Dabei wird er immer kleiner, bis er schließlich nur noch so „groß wie ein Daumen ist“. „Vielleicht“ fliegt er auf seiner Gans davon. Gedicht: Kampfkunst 3. Kapitel: Der Neandertaler Wald Die greise Heilerin Benigna lebt mit ihrem Kater Hoffmann in einer Hütte [↗ Kapitel 2] im Wald, den sie „Andertaler Wald“ nennt. Zu ihr kommen Leidende aus der Stadt. In Trance bringt Benigna das „was über war“ in den „Neandertaler Wald“,Wortspiel: Der Verneinungspartikel „не“ (kein, nicht) + Andertal = NeAndertal. Dieses ist nicht deckungsgleich mit dem Neandertal in Nordrhein-Westfalen, welches jedoch im weiteren Verlauf auch noch eine Rolle spielt. wodurch sie die Leidenden kuriert. Eines Tages erscheinen zwei „Brautwerber“ und bringen die Greisin ohne deren Einwilligung über die Grenze nach Vilnius. Von dort wird sie mit einem Kleinflugzeug auf eine kleine Privatinsel im Mittelmeer gebracht. Auf der Insel wird sie von ihrem „Bräutigam“ Maksim Kryvičanin, dem Herrscher der Insel und „Oberhaupt der Kryvičen“, und dessen „Ministerrat“ empfangen. Diese Inselgemeinschaft will das ideale Land KryŭjaKryŭja, andernorts auch: Krivia (belarussisch: Крывія, russisch: Кривия) – vermutlich aus dem Baltischen abgeleitetes Toponym für das Siedlungsgebiet der Kryvičen (6.–12. Jahrhundert). Das Ethnonym „Kryvičen“ (belarussisch: Крывічы) wurde sowohl für die slawische, als auch die baltische Bevölkerung von Krivia verwendet. Im Lettischen heißt Russland noch heute Krievija und Belarus Baltkrievija. Siehe u. a.: Evgenij Alfredovič Schmidt, Кривичи Смоленского Поднепровья и Подвинья (в свете археологических данных). Staatliche Universität Smolensk, 2012 ISBN 978-5-902093-50-3. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Begriffe „Krivia“ und „Belarus“ im Zuge der Belarussischen Nationalen Wiederbelebung wiederholt gleichgesetzt und damit ein nationaler Mythos geschaffen. Der Krivia-Gedanke ist bis in die Gegenwart virulent: Die Plattform Ost-Krivia z. B. plädiert für die „Wiederbelebung der verlorenen alten Staatlichkeit der Fürstentümer Pskow, Smolensk und Twer in einer modernen Form [...] in der Erkenntnis seiner engen Wurzelverbindung mit Westkrivia – der Republik Belarus [–] und der Zugehörigkeit zum Zivilisationsraum des Großfürstentums Litauen und Russland“. In: Восточно-Кривская Платформа, auf: revolution-sidorov.com (17. Februar 2023), abgerufen am 4. Januar 2025 (russisch). aufbauen, d. h. „das Reich des reinen, unverfälschten Belarus“. Für Kryvičanin, dem die belarussischen „Faschisten“ nicht belarussisch genug waren, ist Kryŭja das Paradies. Zu seinem Bedauern gibt es trotzdem „welche, die von hier abhauen“ – bei ihren Fluchtversuchen werden diese getötet. Die so entvölkerten Häuschen verfallen. Die von Kryvičanin erstandene Insel war ein Schnäppchen, da es eine Deponie voll Sondermüll und Chemikalien ist. Folglich sind Kryvičanin und seine Getreuen mit „schwarzen und tiefroten Schwären bedeckt“ und verfaulen bei lebendigem Leib. Benigna – die „Babka aller Babkas“ – soll sie heilen. Dies scheint bei Kryvičanin zu gelingen, woraufhin er Benignas Künste erlernen will. Er setzt Benigna dazu ein, bei einem Empfang in Hamburg eine belarussische Journalistin auszuschalten, die über Kryŭja schreiben wollte. Während dieser Mission gelingt es einem Gefolgsmann Kryvičanins, sich mit Benigna abzusetzen. Er bringt sie ins westfälische Städtchen Erkrath. Dort, in der Nähe der Neandertalerschlucht, eröffnet er als Dr. Philipp Majno eine Privatklinik und vermarktet Benigna als „magische Schamanin“. Doch Kryvičanin macht sie ausfindig und bringt Benigna zurück nach Kryŭja. Als aus dem Süden kommende Bootsflüchtlinge auf der Insel landen und sich in den verlassenen Häuschen niederlassen, will Kryvičanin diese vertreiben. Daraufhin wird er mit einem Stein erschlagen. Mitten im 3. Kapitel gibt es einen autofiktionalen Einschub, in dem eine belarussische Autorenfigur aus ihrem skandinavischen Exil berichtet, der Laptop habe sich aufgehängt, als er den Namen der Insel schreiben wollte: „Sie hatten mich bis zu dem Augenblick machen lassen, da ich das Wort »Kryŭja« schreiben wollte [...] der esoterische Mythos unserer hausbackenen Arier, die Metapher für ihre Urwurzel.“Bacharevič, Europas Hunde (Seite 347). Gedicht: Italienische Küche 4. Kapitel: Dreißig Grad im Schatten. Roman eines Sommertages Auf der äußeren Handlungsebene beschreibt dieses Kapitel die Odyssee des Ich-Erzählers Oleg durch das sommerlich heiße Minsk. Auf einen Anruf seiner Mutter hin fährt er zum Minsker Flughafen. Sie übergibt ihm eine Plastiktüte ungenannten Inhalts, die er „jemandem“ im Stadtzentrum überbringen soll. Wegen der Hitze kehrt Oleg unterwegs u. a. auf ein Bier in einer Bar ein. Am Nachbartisch hört er zwei Männer, die sich in einer „unverständlichen Sprache“ [↗ Kapitel 1] unterhalten – sie geben Balbuta auf Olegs Nachfrage hin als Rätoromanisch aus. Zwischenzeitlich trifft Oleg die designierten Empfänger der Plastiktüte, hat diese aber versehentlich unterwegs stehengelassen. Nachdem er die Plastiktüte wiedergefunden hat, wird er von vier Männern in einem Wagen gezerrt und soll bei einer Hochzeit als Clown auftreten. Nach seinem Auftritt wird er an einer Metrostation abgesetzt, wo ihn ein Sicherheitsmann zur Kontrolle der Plastiktüte anhält. Während dieser Odyssee variiert Oleg in Gedanken das Märchen Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen [↗ Kapitel 2]: Nils fliegt – ohne Visum – auf dem Rücken einer Gans gen Westen, bis diese von einem Grenzsoldaten abgeschossen wird. Die Gans stürzt jenseits der belarussischen Grenze zu Boden. Nils überlebt mit einer grauen Feder [↗ Kapitel 6] im Mund. Von einer polnischen Familie aufgepäppelt, macht er sich auf nach Warschau und fährt von dort per Anhalter in einem LKW nach Berlin. Nils arbeitete in einem Buchladen und wird Dichter. In Berlin schreibt er 2039 sein erstes Gedicht Hundefänger [↗ zwischen Kapitel 5 und 6]. Gedicht: Zum Andenken an Ingenieur Garin 5. Kapitel: Die Zeitkapsel Der desillusionierte Lehrer Aleh Ivanavič bezeichnet all seine Schülerinnen als „Kaštanka“ [↗ Kapitel 1] und alle Schüler als „Sidarevič“, denn ihre wahren Namen kümmern ihn nicht. Beim ambitionierten Direktor will er sich mit einem Schulprojekt profilieren. Die Klasse 8a soll eine Zeitkapsel mit „Botschaften für spätere Generationen“ füllen. Unter dem Leitspruch „Minsk. 2017. Öffnen im Jahr 2050“ dürfen die Schüler anonym schreiben, was sie wollen. Nach dem Unterricht vergräbt Aleh Ivanavič mit ihnen die Zeitkapsel am Waldrand. Dies wird vom Direktor heftig kritisiert: Eine Zeitkapsel sei kein Kinderspiel, sondern „eine wichtige, verantwortungsvolle Operation. Ideologisch vor allem.“Bacharevič, Europas Hunde (Seite 555). Da Aleh Ivanavič die Texte nicht geprüft hat, muss er die Kapsel wieder ausgraben. Dabei findet er u. a. den mehrseitigen auf Balbuta verfassten Text: „Sutika kau kusuzu trudutikama“. Gedicht: Hundefänger 6. Kapitel: Die Spur