Je eine Zionistische Studentinnengruppe (ZiSt) entstand erstmals zu Beginn der 1930er Jahre in Frankfurt am Main und in Berlin. Deren Gründungen war eine Reaktion der Betroffenen auf den Zuwachs an Studentinnen an den deutschen Hochschulen, der auch mit der Zunahme jüdischer Studentinnen einherging. Eine adäquate Repräsentanz innerhalb der jüdischen Studentenorganisationen existierte für sie – anders etwa als in den politischen Studentenvereinigungen wie zum Beispiel in der Frankfurter Roten Studentengruppe – allerdings nicht. Wie die Liste jüdischer Studentenverbindungen aufweist, gab es zu der Zeit in Deutschland zwar 73 jüdische Studentenverbindungen, die in unterschiedlichen Dachverbänden organisiert waren, doch nur zwei von ihnen sind als explizit weiblich ausgewiesen. Dass Frauen im jüdischen Verbindungswesen nur eine marginale Rolle spielten, führte der Autor „H.G.“ – Mitglied im KJV – auch zwei Jahre nach der Gründung der ersten ZiSt-Gruppen auf „die merkwürdigsten Vorstellungen“ zurück, die in den Verbindungen – „besonders unter den Alten Herren“ – im Hinblick auf die aktive Teilnahme von Frauen am Verbindungsleben vorherrschen.H. G.: Vorwort zu K.J.V. und ZiSt, eine Debatte Viel Zeit, daran etwas zu ändern, blieb allerdings nicht mehr, denn nach der Machtübergabe an die Nazis wurde auch die ZiSt verboten oder die örtlichen Gruppen kamen einem Verbot durch Selbstauflösung zuvor.Eva Hildesheimer – Seltenes Zeugnis jüdischen studentischen Lebens auf der Webseite der Universität Heidelberg.
Geschichte Hintergründe zur Gründung der ZiSt In der Weimarer Zeit ist ein deutlicher Anstieg von Studentinnen an den preußischen Hochschulen zu verzeichnen (1918 = 7339 Frauen; 1932 =18.315 Frauen). „Bei der Teilgruppe der jüdischen Studenten waren 1931 bereits 28% weiblichen Geschlechts; in Frankfurt z. B. erzählte man, daß ein Drittel aller Medizinstudenten jüdische Frauen seien.“Christoph Dorner et al.: Die braune Machtergreifung. Universität Frankfurt 1930 – 1945 Das war einer der Hintergründe zur Gründung der ersten Zionistischen Studentinnengruppen (ZiSt) in Frankfurt und Berlin, der schnell weitere folgten: Ein weiterer Hintergrund für die Gründung der ZiSt war die auch in jüdischen Verbindungen kontrovers diskutierte Mädchenfrage.
Um diese Frage drehte sich die gesamte Debatte, die im Juni 1932 in der Zeitschrift Der jüdische Student geführt wurde, und sie endete dort mit der Erkenntnis der ZiSt, dass „die Struktur des KJV derart über seinen Rahmen hinausgehende Zusammenschlüsse nicht zuläßt. In seiner ganzen Struktur ist das KJV eine konservative Verbindung, die ihr Ziel, ihre Mitglieder in lebenslänglicher Bundesbrüderlichkeit zusammenzuschließen, in traditionsgebundener Form zu verwirklichen trachtet.“Esther Pines, in: Der jüdische Student Die das männerbündlerische Selbstverständnis des KJV hinnehmende Schlussfolgerung von Esther Pines lautete:
Zur Programmatik der ZiSt Der auf die beiden lokalen Gründungen in Frankfurt am Main und Berlin aufbauende Dachverband, der sich als Damenverbindung neben dem KJV etablierte, mit ihm zusammenarbeitete und wie dieser in Berlin in der Bleibtreustr. 50 in Charlottenburg seinen Sitz hatte, verfügte bald, wie oben schon erwähnt, über Gruppen in weiteren Universitätsstädten. Hertha Perlstein, eine der Mitbegründerinnen der ZiSt, sprach im Juni 1932 von 9 Ortsgruppen „mit 140–150 Chawerot“ (Kameradinnen).Hertha Perlstein: Entstehungsgeschichte und Programm der ZiSt. Perlstein beschäftigte sich in ihrem Beitrag weniger mit dem Verhältnis zum KJV, als vielmehr mit den Zielen der Verbandsarbeit, deren oberste Richtschnur die gründliche zionistische Bildung war. Diese richtete sich nicht nur an Studentinnen, sondern darüber hinaus an berufstätige jüdische Mädchen. Dass dieser Ansatz der ZiSt, Frauen jenseits des universitären Bereichs zu organisieren, erfolgreich war, zeigt das Beispiel Frankfurts. Hier gehörten Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Verkäuferinnen und Kunstschülerinnen zur Gruppe.
Perlstein skizzierte die gründliche zionistische Bildung in einem Arbeitsprogramm, das auf zwei Säulen basiert: ErziehungsarbeitDiese ist in erster Linie nach innen gerichtet und auf den Aufbau der Organisation. Bausteine sind Kurse zur Einführung in die zionistische Ideologie und Geschichte, allgemeine jüdische, geschichtliche und zionistische Probleme sowie die Verpflichtung, hebräisch zu lernen.Zugleich geht es um die Schaffung und Stärkung eines Gruppengefühls sowie die bewusste Hinführung zur „Disziplin im Sinne von Selbstdisziplin, d. h. Treue der Sache gegenüber im Kleinen wie im Großen“. „Das Bewußtsein unserer erzieherischen Pflichten bringt uns dazu, über die Erziehung, über die Selbstdisziplin der Chawerot zu wachen und darauf einzuwirken, daß sie sich dem Zionismus, d. h. in unserem Falle der ZiSt., unterordnen, selbst wenn es nötig wird, persönliche Wünsche aufzugeben. Diesem Streben nach menschlicher Beeinflussung dienen auch die Teile unseres Programms, die geselliger Natur sind: Wanderungen, Einladungen, Singestunden, kleinere Kreise innerhalb der Gruppen.“ Außenarbeit als praktische zionistische ArbeitFür Perlstein ist sie der „Prüfstein für den Erfolg unserer Erziehungsarbeit [..], der Punkt, an dem die zionistische Bewährung beginnt“. Diese Bewährung manifestiert sich darin, „wo wir können und soweit wir können [..], dem KKL und dem KH. zur Verfügung [zu] stehen“. Hinzu kommt Frauenarbeit und soziale Arbeit, die praktiziert werden muss, aber auch theoretisch reflektiert werden soll – allerdings nicht in „Diskussionen über die sozialen Fragen oder den Sozialismus überhaupt“, sondern bezogen auf die Methoden und Mittel der sozialen Arbeit. „Auseinandersetzungen um Prinzipielles“ lehnt sie ab, auch im Hinblick auf die Vorbereitung auf das Leben in Palästina. In der praktischen und wissensmäßigen Durchdringung der Lage und Stellung der Frau oder der Kindererziehung in Palästina sieht sie die „Möglichkeit, der ZiSt-Arbeit ein besonderes Gesicht zu geben“. Der Pragmatismus dieses letzten Programmpunktes, über dem als oberste Aufgabe die Vorbereitung für die Alija steht, wird abgerundet durch die Ablehnung einer „parteipolitische[n] Festlegung der ZiSt“. Diese entpuppt sich aber im Nachsatz als ein Heraushalten aus innerzionistischen Diskussionen. Perlstein postuliert: „Wir überlassen die innerzionistische Entscheidung jeder Chawera selbst.“ Was so liberal klingt, lässt die Frage offen, welcher Sache gegenüber per Selbstdisziplin treu geblieben werden soll – „im Kleinen wie im Großen“. Für welche Richtung des Zionismus die ZiSt steht, wird von Perlstein nicht beantwortet.
Perlstein betont abschließend noch einmal die Verbundenheit zum KJV aufgrund organisatorischer und sozialer Gegebenheiten und hoffte für die Zukunft auf eine stärkeren Teilnahme an der Arbeit der zionistischen Frauenorganisationen, vor allem der WIZO.
Das unklare Ende der ZiSt Am 26. Februar 1933 fand in Leipzig die 3. Vollversammlung der ZiSt statt. Es ging bei der Veranstaltung um die „Haltung und Aufgaben der Zionistin“, um die Klärung innerjüdischer, zionistischer Fragen, um den „Wert und die Notwendigkeit jüdischer Formen“ und um „die Galutharbeit als Vorbereitung für Palästina“.Jüdische Rundschau, Nr. 21 vom 14. März 1933 (Online im Compact Memory der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main)
Wenige Monate später, im Juni 1933, veröffentlichte Hans Friedenthal in Der Jüdische Student einen Artikel über „Unsere Hachscharah“. Er sprach über die wachsende Entschlossenheit der „Bundesbrüder“, „ihre bisherigen Berufe aufzugeben und sich handwerklich oder landwirtschaftlich für Palästina vorzubereiten“, und er berichtete von dem gelungenen Aufbau eines landwirtschaftlichen Lehrguts in der Nähe von Riga.Über die Hachscharastätte Gut Beliesmuiza am Rande von Riga berichtet ausführlich Perez Leshem in seinem Buch Straße zur Rettung 1933–1939. Aus Deutschland vertrieben – bereitet sich jüdische Jugend auf Palästina vor, Verband der Freunde der Histadrut, Tel Aviv 1973, S. 133 ff. Nach der Aufzählung der Namen von 27 Bundesbrüdern, die bereits auf dem Lehrgut arbeiteten, folgt als Nachsatz: „Außerdem wurden durch uns 5 Nichtbundesbrüder und 8 Mädchen, größtenteils aus der ZiSt. dort untergebracht.“Der jüdische Student, Heft 3, Juni 1933, S. 77 (Online im Compact Memory der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main) Der Verweis auf diese „8 Mädchen“ ist der aktuell letzte Hinweis auf ZiSt-Aktivitäten nach der Machtübernahme der Nazis.
Bekannte ZiSt-Mitglieder Mirjam Grünstein gehörte wie Hertha Perlstein zu den führenden Persönlichkeiten der ZiSt; belastbare biografische Daten zu ihr liegen allerdings nicht vor.Bericht über die 3. Vollversammlung der Zionistischen Studentengruppe, Jüdische Rundschau, Nr. 21, 14. März 1933, S. 101 (im Compact Memory) In dem Artikel Jüdische Wohlfahrtspflege 1932/33Online im Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen wird sie als Vorsitzende der Zionistischen Studentinnengruppe unter der Frankfurter Adresse Oberlindau 51 erwähnt. Laut dem Frankfurter Adressbuch von 1932 war dies die Anschrift des Diplom-Ingenieurs und Chemikers Nathan Grünstein.Amtliches Frankfurter Adressbuch 1932, S. 232. Zu Nathan Grünstein (* 24. November 1878 in Kowno – † 1. Januar 1944 in Haifa) gibt es eine Entschädigungsakte im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden (Signatur HHStAW, 518, 12807). Im September 1933 erschien in Der Jüdische Wille. Zeitschrift des Kartells Jüdischer Verbindungen der Hinweis auf eine Eheschließung von Gerhard Liebes und Mirjam Grünstein. Dass es sich bei dieser Eheschließung um die der ZiSt-Aktivistin Mirjam Grünstein handeln könnte, liegt bei einer KJV-Publikation nahe, lässt sich aber nicht mit absoluter Sicherheit sagen.Hinweise auf Eheschließungen von KJV-Mitgliedern, in; Der Jüdische Wille, Heft 1, September 1933, S. 20. (Online im Compact Memory) In der englischsprachigen und in der hebräischen Wikipedia (:en:Joseph Gerhard Liebes & :he:יוסף גרהרד ליבס) gibt es Artikel über (Joseph) Gerhard Liebes, die nahelegen, dass Mirjam Grünstein in erster Ehe mit dem aus der jüdischen Jugendbewegung kommenden Liebes verheiratet war und mit ihm 1933 nach Palästina auswanderte. Die Datenbanken des Museum of the Jewish People (ANU-Databases) bestätigen diese Ehe, liefern aber zu Mirjam Grünstein außer dem Verweis auf die aus dieser Ehe hervorgegangenen beiden Kinder nur noch ihr Geburts- und Todesdatum (* 7. August 1911 – † 28. Dezember 1989). (ANU-Databases: Gerhard Liebes & Miriam Grünstein) Eva Hildesheimer (1914 bis 2010) hatte in Mannheim ihr Abitur abgelegt und zum Sommersemester 1932 an der Universität Heidelberg ein naturwissenschaftliches Studium aufgenommen. Sie wechselte zur Philosophie und hörte Vorlesungen bei Karl Jaspers. Während ihrer Heidelberger Zeit war sie Mitglied in der ZiSt.Nach dem Wintersemester 1932/33 beendete Eva Hildesheimer ihr Studium in Heidelberg und emigrierte gemeinsam mit ihren Eltern und Bruder Wolfgang über London nach Palästina. Nach der Gründung des Staates Israel war sie ab den 1960er Jahren bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1978 unter dem Namen Hava Teltsch im israelischen Außenministerium tätig. Ihre Mitschriften aus den von ihr besuchten Veranstaltungen von Karl Jaspers übergab ihr Sohn Giora Teltsch im Juni 2024 der Universität Heidelberg.Universität Heidelberg erhält Mitschriften zu Vorlesungen von Karl Jaspers, myscience.de, 26. Juni 2024 Walia Leinwand wurde im Februar 1933 zusammen mit Mirjam Grünstein zur Leiterin der ZiSt gewählt. Ob sie noch Nachfolgerinnen hatten, ist nicht bekannt, und zu Walia Leinwand gibt es auch keine weiterführenden Hinweise. Hanna Pelz wurde 1931 neben Hanna Perlstein als Ansprechpartnerin in der ZiSt-Geschäftsstelle erwähnt (siehe oben). Weitere Informationen über sie liegen nicht vor.