mini|Das Runenkästchen von Auzon Das Runenkästchen von Auzon (auch bekannt als Franks Casket) ist ein mit Abbildungen und Runen verziertes Kästchen aus Walknochen, welches Anfang des 8. Jahrhunderts im angelsächsischen Northumbria hergestellt wurde. Benannt ist das Kästchen nach seinem Herkunftsort Auzon im Département Haute-Loire in Frankreich. Die im angelsächsischen Raum übliche Bezeichnung the Franks casket bezieht sich auf seinen Käufer und Stifter, den Kurator des Britischen Museums Sir Augustus W. Franks. Es befindet sich heute im British Museum in London. Mit seinen Bildern aus christlicher und heidnischer Tradition sowie mit seinen Runeninschriften ist das frühmittelalterliche Kunstwerk ein beeindruckendes Produkt einer synkretistischen Epoche.

Material, Maße und Aussehen mini|Details von der Vorderseite mit der (biblischen) Anbetung der Könige und dem (germanischen) Wieland dem Schmied Das Runenkästchen von Auzon ist ein längliches Kästchen mit 22,9 cm Länge, 19 cm Tiefe und 10,9 cm Höhe; es hat einen flachen Deckel. Es handelt sich um eine Schnitzarbeit aus Walknochen. Auf der vorderen Seite des Kästchens befindet sich ein Loch: Dort war ursprünglich vermutlich ein Schloss eingelassen, das den Deckel mit dem Rest des Kästchens verband.Alfred Becker: Franks Casket. Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon. Carl, Regensburg 1973, S. 11.

Die Außenkanten des Kästchens bilden Streben, in die die Walknochenplatten eingelassen sind, die die Seitenwände und den Boden des Kästchens bilden. Deckel und Seitenwände des Kästchens sind mit Szenen aus christlicher und heidnischer Mythologie dekoriert; die zentral angeordneten Motive sind umgeben von Runeninschriften. Leslie Webster vom British Museum interpretiert die Szenen wie folgt:Leslie Webster: The Franks Casket. The British Museum Press, London 2012, S. 12–13. + Abbildungen auf dem Runenkästchen von Auzon Teil des Kästchens Dargestellte Szenen Rückseite Szene mit Geiseln, Gerichtsszene, Einnahme von Jerusalem durch Titus im ersten jüdisch-römischen Krieg Linke Seite Romulus und Remus Rechte Seite unidentifizierte germanische Legende Vorderseite Germanische Legende von Wieland dem Schmied, Anbetung der Könige Deckel Bogenschütze Egil aus der germanischen Mythologie

Herkunft und kunsthistorische Einordnung Die erste bedeutsame Veröffentlichung durch George Stephens, Old-Northern Runic Monuments of Scandinavia and England, verortete das Kästchen in Northumbrien und datierte es ins 8. Jahrhundert.George Stephens: Old-Northern Runic Monuments of Scandinavia and England (1866–1901) I-II:470-76, 921-23, III:200-04, IV:40-44. Das British Museum vertritt auf seiner Webseite eine Herkunft aus dem Northumbrien der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts („first half of the 8th century AD“). Dies vertritt auch Leslie Webster: "early part of the eighth century" – frühes 8. Jahrhundert.Leslie Webster: The Franks Casket. The British Museum Press, London 2012, S. 92.

Nordhumbrien, ein angelsächsisches Königreich im Norden des heutigen Englands, war im 7. Jahrhundert in Kontakt mit dem Christentum gekommen: Als König Eadwin 625 die kentische Prinzessin Æthelburg heiratete, brachte diese den Missionar Paulinus mit nach Nordhumbrien. Auch unter Eadwins Nachfolgern fanden weitere Missionare ins Land, und die Missionsarbeit wurde von den Königen gefördert, zunächst die irisch-schottische Kirche, später die römische Kirche. Diese Missionierung beeinflusste jedoch nur eine dünne Oberschicht, außerhalb von Hof und Kirche herrschten im Volk weiterhin heidnische oder eine Mischung aus heidnischen und christlichen Vorstellungen das Denken.Alfred Becker: Franks Casket. Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon. Carl, Regensburg 1973, S. 8–9.

mini|Das Kästchen von Brescia, eines der besterhaltenen spätantiken Vorbilder für das Runenkästchen von Auzon, spätes 4. Jahrhundert, städtisches Museum Brescia

Durch die Kontakte nach Rom brachten geistliche Würdenträger Kunstschätze von dort mit, darunter Codices, Silber- und Goldarbeiten, Malereien und Reliquiare. Auch Bauhandwerker kamen aus Rom und übten Einfluss auf den Steinkirchenbau aus. Auf diese Weise gelangten Vorbilder aus dem Mittelmeerraum an Hof und Kirche und Nordhumbrien.

Das Runenkästchen ist ein Beispiel für ein Kunstwerk dieser synkretistischen Epoche, in der sich christliche und heidnische Traditionen vermischten. Es spiegelt außerdem die Einflüsse sowohl aus dem Mittelmeerraum als auch einheimisches, angelsächsisches Kunsthandwerk wider.

Bemerkenswert beim Runenkästchen von Auzon sind die szenisch wirkenden Darstellungen auf den Außenseiten, so etwa ein Krieger, der einem Tierwesen gegenübersteht, oder von der römischen oder christlichen Mythologie inspirierte Szenen wie die Anbetung der Könige oder Romulus und Remus. Diese szenischen Darstellungen sind für die damalige Zeit im germanischen Raum sehr selten; es gibt einige wenige Beispiele auf Schnallen, Fibeln und Helmbeschlägen.Alfred Becker: Franks Casket. Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon. Carl, Regensburg 1973, S. 10.

Das Kästchen selbst ist ohne Parallelen im angelsächsischen England oder in der germanischen Welt der Zeit, aber das Kästchen scheint durch christlich geprägtes Kunsthandwerk motiviert zu sein. Heutige Kunsthistoriker beobachten große Ähnlichkeiten zu zwei Elfenbeinkästchen aus dem 4. oder 5. Jahrhundert: Eines davon wird heute im städtischen Museum von Brescia aufbewahrt, das andere stammt ursprünglich aus der Kirche St. Hermagoras in Pola in Kroatien und befindet sich heute im archäologischen Museum in Venedig. Diese Kästchen stellen auf ihren Deckeln und ihren Außenseiten (biblische) Szenen bildlich dar.Leslie Webster: The Franks Casket. The British Museum Press, London 2012, S. 31.

Geschichte Das Runenkästchen von Auzon wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Professor Mathieu aus Clermont-Ferrand in einem Bürgerhaus in der Ortschaft Auzon im französischen Haute-Loire entdeckt. Zum Zeitpunkt des Fundes fehlte die rechte Tafel des Kästchens mit dem zugehörigen Eckstück sowie Teile des Deckels. Über einen Pariser Antiquitätenhändler gelangte es 1857 in den Besitz von Sir Augustus Wollaston Franks, einem englischen Kunstsammler und Archäologen. Dieser erkannte anhand der Runen auf dem Kästchen, dass es sich wohl um ein angelsächsisches Kunstwerk handeln müsse. 1867 verschenkte Franks das Runenkästchen an das British Museum in London.Alfred Becker: Franks Casket. Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon. Carl, Regensburg 1973, S. 13.

Die fehlende rechte Tafel soll später in dem Bürgerhaus in Auzon nachträglich noch gefunden worden sein und gelangte über einen Sammler in Lyon schließlich um 1888 in den Besitz des Museo Nazionale (Bargello) in Florenz, Italien. Dort erkannte der schwedische Gelehrte Sven Söderberg 1890, dass es sich bei der Platte um die fehlende vierte Seite des Runenkästchens von Auzon handeln müsste. Später wurde ein Abguss der Tafel angefertigt und zum Runenkästchen im British Museum hinzugefügt.

Wie das Kästchen nach Frankreich gelangte, liegt im Dunklen. Verschiedene Theorien wurden von Historikern vorgebracht, um die Geschichte des Runenkästchens von seiner Entstehung bis zu seiner Auffindung in Auzon im 19. Jahrhundert zu klären. So wird argumentiert, dass der Schnitzer ein Angelsachse sei, der das Kästchen für einen fränkischen König, vielleicht Chilperich oder Theudebert, geschaffen habe. Andere Forscher schreiben, dass das Kästchen wahrscheinlich von Eadgifu, einer angelsächsischen Königstochter, von England nach Frankreich gebracht wurde, als sie Ehefrau von Karl III. wurde. Häufig wird auch die Meinung vorgebracht, das Kästchen sei von englischen Pilgern auf ihrem Weg nach Rom einer Kirche in Frankreich geschenkt worden.Alfred Becker: Franks Casket. Zu den Bildern und Inschriften des Runenkästchens von Auzon. Carl, Regensburg 1973, S. 14–16.

Deutung Deutung als Lebenslauf eines Kriegers mini|Runenkästchen von Auzon (spätes 7. Jh.) mit altenglischen Stabreimversen in Runen, vordere Tafel: Szene aus der Wieland-Sage

Alfred Becker glaubt im Bild-, Vers- und Runengebrauch auf dem Runenkästchen eine genau durchdachte programmatische Intention zu erkennen. Kein Bild ist lediglich ornamental, kein Text dient allein der Erläuterung. Als eine mögliche Interpretation skizziert Becker die Beschreibung des Lebensablaufs eines Kriegers von der Geburt bis zum Tod und Eingang ins Jenseits. Die Mischung aus heidnischer und christlicher Symbolik reflektiert die Situation des Kriegers in einer Zeit des Übergangs vom germanischen Heidentum zum Christentum.Alfred Becker: The Casket - A Warrior's Life?, Website franks-casket.de, aufgerufen am 27. November 2022.

Vorderseite Am Beispiel der Vorderseite des Kästchens lässt sich die magische Praxis des Runenmeisters ablesen. Die Stabreimverse vom Wal, die die Bilder rahmen, haben scheinbar nichts mit den Darstellungen zu tun. Betrachtet man die beiden stabtragenden Runen (f und g) jedoch näher, dann erkennt man den Bezug: Die f-Rune (feoh, Vieh) steht für den beweglichen Besitz wie Gold und Geschmeide; die g-Rune (gifu, Gabe) bezeichnet das Geschenk. Über dem Rücken des dritten Magiers weise das Triqueta (interpretiert als Odins Valknut) auf Tod und Auferstehung in Verbindung mit der Gabe Myrrhe hin. Wieland, den das linke Bild zeigt, stellt eben jenes feoh (den „geldwerten Besitz“) her, während die drei Magier (später: Heilige Drei Könige) auf dem rechten Bild gifu (die "Gabe") bringen. Und feohgifu, die „ehrende Goldgabe“, ist genau das, was die königliche Schatulle enthält.Alfred Becker: F - panel (Front) - The Inscription: The Verses on the Whale, Website franks-casket.de, aufgerufen am 27. November 2022.

Das Magierbild steht nicht nur für reiche Gaben, sondern auch für die noble Geburt. Bemerkenswert ist hier der Wasservogel statt eines Engels, vermutlich die Fylgja (spirituelle Begleiterin, Walküre) in ihrer Tiergestalt (vgl. Schwanenjungfrau), gekennzeichnet durch einen weiteren Valknut.Alfred Becker: Das Bild: Walkyre und Fylgja, Tod und Auferstehung. Internetseite Franks Casket, abgerufen am 6. August 2020. Die Hilfe einer solchen Fylgja zeigt das Wielandbild, wo sie eine Flasche herbeibringt, Bier, mit dem der albische Schmied die Königstochter betäubt, um sie zu schwängern. Durch diese Rache (Tötung der Söhne und Vergewaltigung der Tochter seines Peinigers) erlangt er seine Freiheit und kann (in Vogelgestalt) entfliegen.

Die Inschrift setzt sich aus 72 Zeichen zusammen, was ohnehin als magische Zahl (3 × 24) verstanden wird, darüber hinaus aber hat sie – wenn man jeder Rune den Wert ihrer Position in der Runenreihe zumisst, den Runenwert 720. Nach diesem Muster verfährt der Schnitzer auch bei den anderen Inschriften und Darstellungen.Alfred Becker: F - panel (Front) - Number and value of the runes, Website franks-casket.de, aufgerufen am 27. November 2022.

Linke Seite Die linke Seite zeigt Romulus und Remus mit (Wotans?) zwei Wölfen. Die Namensformen Romwalus und Reumwalus stehen in Bezug zu dem altnordischen Wort valr („die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen“), so wie in Walküre und Walhall gebraucht. Die r-Rune bezieht sich auf den „Ausritt in die Schlacht“.Alfred Becker: R - panel (Left Side) - The Inscription: Romulus und Remus, Website franks-casket.de, aufgerufen am 27. November 2022.

Gelesene Runen ᚱᚩᛗᚹᚪᛚᚢᛋᚪᚾᛞᚱᛖᚢᛗᚹᚪᛚᚢᛋᛏᚹᛟᚷᛖᚾ ∎ ᚷᛁᛒᚱᚩᚦᚫᚱ ∎ ᚪᚠᛟᛞᛞᚫᚻᛁᚫᚹᚣᛚᛁᚠᛁᚾᚱᚩᛗᚫᚳᚫᛋᛏᚱᛁ ᛬ ∎ ᚩᚦᛚᚫᚢᚾᚾᛖᚷ Transliteration romwalus and reumwalus twœgen ∎ gibroðær ∎ afœddæ hiæ wylif in romæcæstri : ∎ oþlæ unneg Übersetzunghttps://www.youtube.com/watch?v=zn9xn0QyC7w Rom-ulus und Rem-ulus zwei ∎ Gebrüder ∎ nährte sie eine Wölfin in Rom-burg, ∎ weit der Heimat

Rückseite Die Rückseite zeigt den späteren römischen Kaiser Titus bei seinem Sieg und dem Gericht über Jerusalem. Genau das, „Sieg und Gerechtigkeit“, bedeutet die t-Rune nach dem angelsächsischen Runenlied.