Die Kinderpsychoanalyse oder auch Kinderanalyse gilt als Teilgebiet der Psychoanalyse. Erstmals von Hermine Hug-Hellmuth angewandt, wurde sie von Anna Freud und Melanie Klein weiterentwickelt.
Entstehung mini|hochkant|Anna Freud 1956 Die Kinderpsychoanalyse entstand in den 1920er Jahren aus der Psychoanalyse von Sigmund Freud. Freud selbst wandte die psychoanalytische Methodik vorwiegend bei Erwachsenen an. Er stand der Ausweitung der Psychoanalyse auf Kinder zuerst skeptisch gegenüber, da er die Zugänglichkeit von Kindern für die Psychoanalyse in Frage stellte. In den 1900er Jahren behandelte Freud erstmals ein vierjähriges Kind und veröffentlichte 1909 den Fall „Kleiner Hans“ in seiner Schrift Analyse der Phobie eines fünfjährigen Jungen.Strachey, J. (1909). Analysis of a Phobia in a Five-Year-Old Boy. The Standard Edition of the Complete Psychological Works of Sigmund Freud, Volume X (1909): Two Case Histories (‘Little Hans’ and the ‘Rat Man’), 1-150 Der „Kleine Hans“ und Freud trafen sich nur einmal persönlich, dennoch therapierte er erfolgreich die Phobie des Kindes allein durch die Erzählungen des Vaters. Für Freud war dies ausschließlich ein „pädagogisches Experiment“ und noch keine Möglichkeit der Entwicklung eines Ansatzes, um Kinder mit psychoanalytischen Methoden zu behandeln. Heute gilt der Fall „Kleiner Hans“ als Beginn der Kinderpsychoanalyse.
In Österreich praktizierte Hermine Hug-Hellmuth als Erste die Psychoanalyse bei Kindern. In der klassischen Psychoanalyse wird bei der Behandlung von Erwachsenen die Freie Assoziation eingesetzt, um das Unbewusste zu erforschen. Äquivalent dazu sah Hug-Hellmuth bei der Analyse von Kindern das Spiel, welches spontan stattfindet und den Zugang zu unbewussten Fantasien, inneren Konflikten und Ängsten eines Kindes öffnet. Hermine Hug-Hellmuth verstand die Aufgabe der Kinderpsychoanalyse darin, den Charakter zu analysieren und das Kind zu erziehen. 1920 veröffentlichte sie ihren Artikel Zur Technik der Kinderanalyse.
Hug-Hellmuth und weitere Psychoanalytiker, unter anderem Carl Gustav Jung, befassten sich bereits vor Anna Freud mit der Kinderpsychoanalyse. Anna Freud legte allerdings den Grundstein dafür, die Kinderpsychoanalyse als eigenständigen Ansatz zu systematisieren und entwickelte sie mit Melanie Klein weiter.
Zu den ersten praktizierenden Kinderanalytikern in den verschiedenen Ländern gehörten ferner Dorothy Tiffany Burlingham und Donald W. Winnicott in England, August Aichhorn in Österreich, Hans Zulliger und Mira Oberholzer-Gincburg in der Schweiz, Josine Müller und Ada Müller-Braunschweig in Deutschland, Jenny Aubry in Frankreich, Alice Balint und Lucy P. Liebermann in Ungarn, Steff Bornstein in der Tschechoslowakei, Sabina Spielrein in Russland sowie Erik H. Erikson und Anny Angel-Katan in den USA.
Anna Freud mini|hochkant|Anna Freud: Pionierin der Kinderpsychoanalyse Anna Freud war Lehrerin und interessierte sich für die Verknüpfung von pädagogischen Fragen mit der Psychoanalyse. Um das Jahr 1924 beschäftigte sie sich das erste Mal mit der Kinderpsychoanalyse teilweise unter Anleitung durch Hermine Hug-Hellmuth.Donaldson, G. (1996). Between practice and theory: Melanie Klein, Anna Freud and the development of child analysis. Journal Of The History Of The Behavioral Sciences, 32(2), 160–176. In den Anfängen widmete sie sich auch August Aichhorns Arbeit mit vernachlässigten Kindern und veranstaltete Treffen mit Pädagogen, welche später als „Kinderseminar“ bezeichnet wurden. Im Jahr 1926 begann sie Vorträge zu halten und veröffentlichte im Jahr 1927 ihre Schrift Einführung in die Technik der Kinderanalyse. Anna Freud bereitete den Weg zu einer kinderpsychoanalytischen Ausbildung und leitete von 1935 bis 1938 das Ausbildungsinstitut für Kinderpsychoanalytiker in Wien.Sammer-Schreckenthaler, S. (2022). Kinder- und Jugendlichenpsychoanalyse: Geschichte, Grundkonzepte und Wirksamkeit. SFU Forschungsbulletin SFU Research Bulletin, 10(2), S. 39–56. doi:10.15135/2022.10.2 1937 gründete sie gemeinsam mit Dorothy Burlingham die Jackson-Krippe in Wien um psychoanalytische Methoden in der Arbeit mit Kindern anzuwenden. Die Kinder, die hier betreut wurden, kamen aus armen Familien und waren nicht älter als zwei Jahre. Die Krippe stellte sowohl eine Institution für die psychoanalytische Ausbildung als auch eine Forschungseinrichtung dar. Anna Freud führte hier ihre ersten Studien zum kindlichen Essverhalten durch und beobachtete die Entwicklung der Kinder.Krivanek, R. (2014). »Vertrautheit mit dem Kleinkind ist das Ziel«. Die Arbeit und Forschung in der Jackson-Krippe (Wien 1937/38). Luzifer-Amor. Zeitschrift Zur Geschichte der Psychoanalyse., 53, 71–107. https://pep-web.org/browse/document/LU-AM.027A.0071A
Anna Freud sah früher als ihr Vater die zunehmende Bedrohung der Familie durch die Nationalsozialisten und setzte sich für die Emigration der Familie ein. Erst nachdem sie - nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich - am 22. März 1938 von der Gestapo in Wien verhört worden war, entschloss sich die gesamte Familie zur Emigration nach England. Anna Freud floh am 4. Juni 1938 zusammen mit ihren Eltern, den Geschwistern und Dorothy Burlingham nach London, wohin 1933 bereits ihr Bruder Ernst L. Freud emigriert war.Wilhelm Salber: Anna Freud. Rororo Taschenbuch 1985. ISBN 3-499-50343-3. S. 70 ff
Im Jahr 1941 eröffnete Anna Freud gemeinsam mit Dorothy Burlingham das „Children’s Rest Centre“ in London, welches später in die „Hampstead War Nurseries“ umbenannt wurde. Hier sollten Kinder während des Zweiten Weltkrieges Schutz finden und umsorgt werden. Anna Freud sah die „Nurseries“ als ein natürliches Experiment, um bei Kindern die Auswirkungen der Zerstörung des Krieges und der Folgen einer Trennung von Kind und Eltern zu untersuchen. Das Verhalten der Kinder wurde beobachtet und verschriftlicht. Die Beobachtungen in den „Hampstead War Nurseries“ stellten eine der Grundlagen für Freuds spätere Theorien dar. Sie erkannte, dass die Kinder zwar in den „Nurseries“ den Verletzungen des Krieges nicht mehr ausgesetzt waren, allerdings unter den emotionalen Verletzungen durch die Trennung von der Familie und ihrem Zuhause litten. Sie ermöglichte daher den Eltern der untergebrachten Kinder den freien Zugang zu den „Hampstead War Nurseries“ und ermutigte sie zu einem gemeinsamen Zusammenleben.Midgley, N. (2007). Anna Freud: The Hampstead War Nurseries and the role of the direct observation of children for psychoanalysis. The International Journal Of Psychoanalysis, 88(4), 939–959. doi:10.1516/V28R-J334-6182-524H
Melanie Klein
mini|hochkant|Melanie Klein 1952 Melanie Klein verbrachte ihr Leben damit, die Kinderpsychoanalyse voranzutreiben. Sie wird als Pionierin der Spieltechnik in der Psychoanalyse mit Kindern angesehen. Wie Hug-Hellmuth sah Klein im Spiel den Zugang zum kindlichen Unbewussten und betonte die Wichtigkeit einer freien und ungestörten Spielsituation um unbewusste Prozesse zu deuten. Im Jahr 1920 wurde ihr erster Artikel in Freuds Zeitschrift „Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse“ veröffentlicht, in welchem sie über die Fallstudie mit ihrem Sohn schreibt. Dabei handelte es sich noch um keine Analyse, sondern um eine Beschreibung des Verhaltens ihres Sohnes und um eine psychoanalytische Interpretation. Aufgrund der Kritik, sie vernachlässige das Unbewusste des Kindes, begann Melanie Klein die psychoanalytischen Techniken bei ihrem Sohn anzuwenden und interpretierte unter anderem seine Fantasien und Träume. In ihren ersten Schriften berichtet Klein vorwiegend von Fallanalysen. Sie entwickelte die Theorie der frühen Objektbeziehungen, welche von einer Bindung des Kindes an Objekte, wie die mütterliche Brust, bereits in den ersten Lebensmonaten ausgeht. In diesem Zusammenhang sind auch Kleins Konzepte der „paranoiden-schizoiden Position“ und der „depressiven Position“, welche laut ihr Teil der kindlichen Entwicklung sind, zentral für die Kinderpsychoanalyse.Melanie Klein (1933). The Psycho-Analysis of Children. The Sociological Review, a25(3), 296–298. doi:10.1111/j.1467-954x.1933.tb01887.x Im Jahr 1925 ließ sich Klein in London nieder. Mit ihren Arbeiten beeinflusste sie nachhaltig die englische Kinderpsychoanalyse. Die Kleinianer, gemeint ist die Gruppe um Melanie Klein, agierte nach der Einigung in den Debatten zwischen Freud und Klein, immer unabhängiger und etablierte einen eigenen Diskurs.
Kontroverse zwischen Freud und Klein In den 1920er Jahren entstand zwischen Anna Freud und Melanie Klein eine Kontroverse, welche in den 1940er Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Es bestanden Meinungsdifferenzen über die psychoanalytische Theorie und Praxis.King, P., Steiner, R. & Brühmann, H. (2000). Die Freud/Klein-Kontroversen 1941-45. In Klett-Cotta eBooks. http://ci.nii.ac.jp/ncid/BA59137247 Anna Freud betrachtete die Kinderpsychoanalyse von einem pädagogischen und entwicklungspsychologischen Zugang aus. Sie deklarierte Unterschiede zwischen einer psychoanalytischen Behandlung bei Kindern und Erwachsenen und sah die Ausbildung der Sprache bei Kindern als Voraussetzung für das Analysieren. Melanie Klein hingegen legte ihren Fokus auf die vorsprachliche Phase und sah keinen Unterschied zwischen der Behandlung von Kindern und jener von Erwachsenen. Deshalb analysierte sie auch sehr kleine Kinder mithilfe der von ihr entwickelten Spieltechnik. Differenzen bestanden auch zu der Theorie des Ödipuskomplex: Anna Freud war der Meinung, dass der Vater im Ödipuskomplex die zentrale Bedeutung hat. Melanie Klein sprach diese Bedeutung allerdings der Mutter zu. Einen zentralen Streitpunkt stellte darüber hinaus die Ausbildung des Über-Ichs dar: Melanie Klein hielt daran fest, dass sich das Über-Ich parallel zum Ödipus-Komplex entwickelt. Anna Freud wies hingegen auf die Bedeutung von externen Einflüssen für die Ausbildung des Über-Ich's hin und datierte dessen Entwicklung somit später in der kindlichen Entwicklung.Volkmann-Raue, S. & Lück, H. E. (2011). Bedeutende Psychologinnen des 20. Jahrhunderts. In VS Verlag für Sozialwissenschaften eBooks (2.). VS Verlag für Sozialwissenschaften. doi:10.1007/978-3-531-93064-0
Die Meinungsdifferenzen zwischen Freud und Klein wurden bisher nur in wissenschaftlichen Zeitschriften ausgetragen. Doch als Anna Freud 1938 nach London flüchtete, traf sie nun persönlich in der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft auf Melanie Klein. Von 1941 bis 1945 fanden heftige Debatten zwischen den beiden Gruppen statt, die als „Controversial Discussions“ bekannt wurden. Auf der einen Seite stand die Wiener Gruppe unter anderen mit Anna Freud und Dorothy Tiffany Burlingham. Auf der anderen Seite befand sich die Londoner Gruppe unter anderem mit Melanie Klein und Paula Heimann.
In Abgrenzung zu diesem Streit bildete sich die mittlere Gruppe der Unabhängigen (British Independent Group) heraus, zu denen u. a, Donald W. Winnicott, John Bowlby und Michael Balint, Sylvia Payne, Marjorie Brierley, William R. D. Fairbairn, Ella Freeman Sharpe und Paula Heimann gehörten.Gregorio Kohon (Hrsg.): The British School of Psychoanalysis: The Independent Tradition. Free Association Books (englisch), 1986 ISBN 0-946-96022-4 Diskussionsthemen waren sowohl psychoanalytische Grundfragen, wie die der Methodik, als auch die Regelung der Ausbildungsordnung. Die Auseinandersetzung endete im Kompromiss und in der Anerkennung verschiedener theoretischer Schulen innerhalb der Kinderpsychoanalyse. So kam es zur Etablierung von drei Hauptgruppen: der klassischen Psychoanalyse mit den Anna-Freudianern, den Kleinianern und einer unabhängigen Gruppe mit denjenigen, die sich keiner der beiden anderen Gruppen zuordnen wollten. Die Kontroverse zwischen Anna Freud und Melanie Klein wird heute als wichtiger Meilenstein in der Entwicklung der Kinderpsychoanalyse angesehen, da sie die Theorie und Methodik vorangetrieben hat.
Besonderheiten in der Behandlung