Toxische Weiblichkeit (englisch toxic femininity) beschreibt destruktive Verhaltensmuster, die auf gesellschaftlichen Rollenerwartungen an Frauen und Weiblichkeit beruhen. In Anlehnung an toxische Männlichkeit, die den Erhalt der Geschlechter-Hegemonie zum Ziel hat, resultiert die toxische Weiblichkeit aus der Anpassung an eine erwartete Unterordnung. Da Macht im Patriarchat denjenigen zufällt, die aggressives, männlich konnotiertes Verhalten zeigen, muss die Schädlichkeit toxisch weiblicher Handlungen anders bewertet werden als die toxischer Männlichkeit. Somit beschreibt toxische Weiblichkeit ein Verhalten, bei dem Frauen patriarchale Erwartungen verinnerlichen und gegen sich selbst oder andere Frauen einsetzen.

Begriff Definition und Abgrenzung Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs. 2021 definierte die Arbeitspsychologin Nancy Doyle toxische Weiblichkeit im US-Wirtschaftsmagazin Forbes als ein Set von passiv-aggressiven Verhaltensweisen, die an die Stelle direkter Angriffe träten. Toxisch weibliches Verhalten zeige sich durch hinterhältiges, missgünstiges, manipulierendes und intrigantes Agieren und sei oft mit Mobbing verbunden. Es sei nicht nur auf den individuellen Charakter zurückzuführen, sondern auf internalisierte soziale Konventionen, Zuschreibungen und Verhaltenserwartungen, die unbewusst reproduziert würden.

In Toxische Weiblichkeit (2024) versucht Sophia Fritz eine allgemeine Bestimmung toxischer Weiblichkeit, indem sie toxische Verhaltensweisen in den frauenfeindlichen Fremdbezeichnungen des „guten Mädchens“, der „Powerfrau“, der „Mutti“, des „Opfers“ und der „Bitch“ auf ihre stereotypen Grundlagen innerhalb der heteronormativen Gesellschaftsstruktur untersucht. Während dominanzgeprägtes Auftreten und gewaltlegitimierende Weltanschauungen als toxisch maskulin gälten, würden emotional übergriffige Verhaltensweisen nicht systemisch problematisiert und schon gar nicht als toxisch weiblich bezeichnet. So beschreibe beispielsweise der Ausdruck »alte weiße Männer« inzwischen ein bestimmtes Stereotyp, während alte weiße Frauen weiterhin als Individuen gesehen würden, deren Eigenschaften und Denkweisen sich scheinbar zufällig überschneiden. Toxische Weiblichkeit schade in erster Linie den Frauen. Sie provoziere Manipulierbarkeit, Illoyalität, Verlogenheit, selbstausbeutendes Verhalten und Machtlosigkeit.

Kritik Die Kulturwissenschaftlerin Hannah McCann kritisiert die Bestärkung von geschlechtsspezifischen Binaritäten durch die Nutzung von toxischer Männlichkeit und Weiblichkeit. So werde der Begriff der toxischen Weiblichkeit zuletzt von Männerrechtsaktivisten genutzt, um Frauen und feministische Forderungen zu diskreditieren. Als Alternative schlägt sie den Begriff der „rigiden Weiblichkeit“ vor, um Machtstrukturen zu beschreiben, die zu einem Festhalten an Geschlechterrollen führen.

Auch die Geschlechterforscherin Laura Eigenmann sieht den Begriff als problematisch an: „Einerseits weil er häufig von Männern verwendet werde, die ein künstliches Pendant zu toxischer Männlichkeit erschaffen und von der Diskussion um Männlichkeit ablenken wollen. Andererseits, weil er den Beigeschmack habe, als wäre toxische Weiblichkeit ein individuelles Problem.“

Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Roopika Risam untersucht die Konstruktion von „toxic femininity“ im Kontext der digitalen feministischen Debatten auf Twitter bzw. X. Dabei zeigt sie auf, dass Vorwürfe über toxische Weiblichkeit online häufig genutzt werden, um spaltende Dynamiken innerhalb feministischer Bewegungen zu verstärken und normative Geschlechterrollen zu reproduzieren.

Literatur Sophia Fritz: Toxische Weiblichkeit. Hanser Verlag 2024.

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