Ewert Karl Freiherr von Dellingshausen (geb. am 15. April 1909 auf Gut Aaspere (deutsch Kattentack) bei Tallinn/Estland (deutsch Reval); gestorben am 20. August 1996 in Bonn) war ein deutschbaltischer Jurist und Ministerialdirigent im Gesamtdeutschen Ministerium (BMG) der Bundesrepublik. Dellingshausen war Prototyp des Kalten Kriegers und galt als „Gehlen des BMG“. Er koordinierte ab 1950 im Auftrag der Bundesregierung unter dem Deckmantel „Pflege des gesamtdeutschen Gedankens“ die Psychologische Kriegsführung gegen Osteuropa in enger Abstimmung mit den Nachrichtendiensten. Dabei profitierte er von Netzwerken unter ehemaligen NS-Propagandisten und baltendeutschen Verbindungen aus Kriegszeiten.
Leben Ewert war Sohn des estländischen Landes-Ritterhauptmanns Eduard Baron von Dellingshausen (1863–1939) und dessen Frau Charlotte. Vater Eduard war ranghöchster deutscher Vertreter des Adels in Estland. Die Familie von Dellingshausen geriet 1917/1918 in die Auseinandersetzungen zwischen Deutschland, Russland und Estland und musste schließlich ihren umfänglichen Gutsbesitz in Estland verlassen und siedelte nach Deutschland um. Ewert studierte Jura in Jena und wurde 1936 Konsistorialrat in der evangelischen Kirchenverwaltung in Breslau. Bei Kriegsbeginn mit der Sowjetunion wurde er zur Wehrmacht eingezogen und war als Kriegsverwaltungsrat im Rang eines Hauptmanns in Südrussland in Stalino (heute Donezk) und in Feodosia auf der Krim in der Militärverwaltung eingesetzt. Die Erfahrungen seiner Flucht aus Estland und die während der deutschen Besatzung in Russland waren prägend und begründeten seine tiefe Aversion gegen die Sowjetunion und machte ihn zu einem eingefleischten Antikommunisten.
Nach Kriegsende lebte Ewert von Dellingshausen in Magdeburg in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und war als Justitiar im von der SED dominierten Volksbildungsministerium in Sachsen-Anhalt beschäftigt. Daneben war er in die Partei der Liberaldemokraten eingetreten und arbeitete nebenher in der Verwaltung des Magdeburger Klosters und dessen Stiftung. Nachdem er seine Justitiar-Stelle verloren hatte, geriet er zunehmend in Opposition zu den Machthabern. Er begann, sich im antikommunistischen „Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen“ (UFJ) zu engagieren, der Unrechtshandlungen in der SBZ dokumentierte.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 214–215.
Dellingshausen lieferte dem UFJ interne Informationen aus seinem Arbeitsbereich. Dellingshausen selbst arbeitete damit eher unbewusst für die Psychologische Kriegsführung der CIA, denn der UFJ wurde vom Office of Policy Coordination (OPC) der CIA im Auftrag des State Departments finanziert.Siegfried Mampel: Der Untergrundkampf des Ministeriums für Staatssicherheit gegen den Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen in West-Berlin. Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Berlin 1999, Band 1, S. 19–20. Der UFJ-Ableger „Apparat“ war sogar ab 1950 in die verdeckte Kriegsführung der CIA als Stay-Behind Organisation in der SBZ eingebunden. Die Psychologische Kriegsführung gegen den kommunistischen Osten sollte schließlich zu Dellingshausens Berufung werden.
Dellingshausen war seit dem Studium und gemeinsamer Konsistorialtätigkeit in Breslau mit Georg (Richard) Kunisch befreundet, der für die Ost-CDU in der Regierung von Sachsen-Anhalt saß. Kunisch hatte sich 1950 in den Westen abgesetzt. Kunisch verhalf dem ebenfalls aus Magdeburg in den Westen gewechselten Dellingshausen zu einer Anstellung im neuen Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen (BMG). Während Kunisch in der Abteilung I des BMG (SBZ, deutscher Osten) das Referat I 2 (Kommunistische Tarnorganisationen) leitete, kam Dellingshausen als Hilfsreferent in das Referat I 1 (Politische Grundsatzfragen).Die Angaben zum Lebenslauf sind weitgehend dem Buch entnommen: Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 115–117, .
Dellingshausen übernahm schließlich das Referat I 1 Ende 1953 im BMG und baute das vormalige Grundsatzreferat, dass sich nun mit der „Pflege des gesamtdeutschen Gedankens“ befasste, zu einem Kompetenzzentrum für die Psychologische Kriegsführung im BMG aus. Auf Anregung von Dellingshausen wurde im BMG eine streng abgeschirmte Datenerfassung in Form einer Geheimkartei betrieben, die bis 1962 20.000 Personen und 3.000 Institutionen umfasste und deren Inhalte mit anderen Sicherheitsbehörden abgeglichen wurden. Die Datei wurde im Referat I 2 von Dellingshausens Freund Georg Kunisch geführt. Das BMG arbeitete so zum Teil wie ein geheimer Nachrichtendienst.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 440 ff.
Staatssekretär Franz Thedieck orientierte sich im BMG an der von Konrad Adenauer gewünschten Westbindung und nicht an seinem Minister Jakob Kaiser, der an einer Wiedervereinigung interessiert war. Dellingshausen wiederum orientierte sich an Thedieck, dessen Sympathien er genoss. Thedieck verschaffte seinem Referatsleiter nach Rücksprache mit dem Bundeskanzleramt weitgehend freie Hand inklusive der Verwendung der finanziellen Mittel.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 117–118. Nachdem sich speziell das Referat Dellingshausens im BMG immer stärker in der Psychologischen Kriegsführung engagierte, wuchsen auch die Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst, zu dessen deutscher Tochter, der Organisation Gehlen und zum Bundesamt für Verfassungsschutz.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 136 ff.
Psychologische Kriegsführung und CIA Der amerikanische Teil der Alliierten Hochkommission (HICOG) hatte über den Leiter des Bonner Political Liaison Office der Amerikaner bei HICOG, den Ex-Geheimdienstler und US-Diplomaten Charles W. Thayer, ab August 1950 einen ersten Kanal zum BMG und zu anderen Bonner Ministerien geschaltet.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 199 ff. Die Amerikaner waren längst dabei, den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion zu führen, paramilitärische Operationen inbegriffen. Federführend war das US State Department und dessen CIA-Ableger Office of Policy Coordination (OPC) unter Frank Gardiner Wisner. Thayer gehörte mit seinem Kollegen George F. Kennan zu den Initiatoren dieser antisowjetischen Kampagne im State Department. Wisner wiederum befasste sich zusammen mit dem deutschstämmigen Hans Speier im State Department mit Psychologischer Kriegsführung im Auftrag des Planungsstabes von George Kennan.Hans Speier, The Future of Psychological Warfare. In: The Public Opinion Quarterly, Spring 1948, Vol. 12, No. 1, S. 5–18. Die Psychologische Kriegsführung war dann in einer von Speier und Wallace Carroll am 1. Dezember 1950 vorgelegte Analyse namens „Psychological Warfare in Germany“ unter Einbeziehung des BMG näher beschrieben.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 202, FN 134.
Bereits im November 1950 begann Dellingshausen noch als Hilfsreferent seine beim UFJ gemachten Erfahrungen einzubringen und befürwortete eine Zusammenarbeit mit den in West-Berlin operierenden US-finanzierten antikommunistischen Agenturen und dem Ministerium.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 227. Dellingshausen erhielt schon 1952 regelmäßig von amerikanischen und britischen Geheimdienstlern Besuch in seinem Büro, wobei Geldbeträge übergeben wurden, mit denen antikommunistische Organisationen finanziert wurden.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 211. Die CIA hatte ihre bisherigen Operationen zu großen Teilen aus Geldern des Marshall-Plans bestritten, die jedoch am Auslaufen waren. Über diese Mittel hatten sie ihre Untergrundorganisationen in Deutschland finanziert und hofften nun, die Bundesregierung würde einen Teil des Finanzbedarfs dieser Organisationen übernehmen. Das BMG verfügte nämlich unter dem Titel „Zuschüsse an Forschungsinstitute sowie allgemeine kulturelle Zwecke“ über einen „Reptilienfonds“, der 1951 immerhin 87 Prozent des Gesamtetats des Ministeriums ausmachte.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 183 ff.
Im Herbst 1952 wandten sich die Amerikaner von HICOG an Adenauers Staatssekretär Otto Lenz mit der Bitte, „Theorie und Praxis des Kalten Krieges mit zuständigen deutschen Beamten“ diskutieren zu wollen. Absicht der Amerikaner war es, die Deutschen stärker an der Finanzierung der US-gesteuerten Frontorganisationen zu beteiligen. Ziel war eine Zersetzungskampagne gegen die Bindung der Ostdeutschen an die Sowjets. Lenz band Staatssekretär Franz Thedieck vom BMG mit ein und übertrug dem BMG die Aufgabe, die privaten Frontorganisationen mit den Amerikanern zu koordinieren.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 139–140. Dellingshausen im BMG übernahm darauf die Federführung und legte am 3. Dezember 1952 die Positionen des BMG zur Psychologischen Kriegsführung vor.Stefan Creuzberger: Kampf für die Einheit – Das gesamtdeutsche Ministerium und die politische Kultur des Kalten Krieges 1949–1969. Droste, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-7700-1625-9, S. 206.
In Kooperation mit den Amerikanern tagte schon Ende 1952 ein interministerielles deutsch-amerikanisches Komitee unter Führung des BMG, dass die Psychologische Kriegsführung der Bundesregierung gegen den Kommunismus im Kalten Krieg begründete.Scott-Smith: Western Anti-Communism. S. 18. Adenauers Beauftragter Hans Globke hatte 1952 im Kanzleramt einen Plan der Einbindung der Deutschen in die Operationen des OPC der CIA mit dem Ziel der „Zersetzung der geistigen, mentalen, intellektuellen und psychologischen Kräfte des Bolschewismus in der Sowjetzone Deutschlands“ genehmigt, dabei aber Sabotage, Widerstand und paramilitärische Aktivitäten ausdrücklich ausgeschlossen:
Am 7. Januar 1953 entstand dann im Bundeskanzleramt unter den Adenauer-Vertrauten Hans Globke, Hans Ritter von Lex, Otto Lenz, Franz Thedieck vom Gesamtdeutschen Ministerium und Verfassungsschutz-Chef Otto John ein Regierungsgremium zur Koordinierung der Psychologischen Kriegsführung unter Führung von Globke:
Die geheime Psychologische Kriegsführung sollte bei der Organisation Gehlen Herrmann Foertsch übernehmen.
Der Zeitpunkt war bei Gründung des Gremiums war ungünstig, denn mit dem Technischen Dienst (TD) des Bundes Deutscher Jugend (BDJ) war kurz zuvor im Herbst 1952 eine der US-Tarnorganisationen auf dem Stay-Behind-Sektor in Deutschland mit lautem Knall aufgeflogen, die vom BMG unterstützt worden war.Scott-Smith: Western Anti-Communism. S. 19. Sogar Todeslisten gegen SPD-Angehörige waren dabei aufgetaucht.