mini|Wachturmkette Bregenz-Kempten, spätes 4. und frühes 5. Jahrhundert n. Chr. mini|Befunde der Grabung von 1932 mini|Rekonstruktionsversuch eines spätrömischen Straßenwachturms Der römische Burgus Hörbranz (auch Burgus Erlach) befindet sich in der gleichnamigen Marktgemeinde im Bezirk Bregenz, Bundesland Vorarlberg in Österreich. Solche Burgi wurden während des 3. und 4. Jahrhunderts errichtet und waren Teil eines Überwachungssystems, welches das südliche Rheinufer gegen Invasoren und Plünderer aus dem freien Germanien sichern sollte. Der 1932 entdeckte Wachturm ist das einzige auf österreichischem Boden erhaltene Bodendenkmal des spätrömischen Donau-Iller-Rhein-Limes.
Name Wie die Römer diesen Turm benannten, muss mangels schriftlicher Quellen unbeantwortet bleiben. Dass sie dies zumindest auch bei anderen Wachtürmen dieser Zeitstellung getan haben, beweist die Bauinschrift des spätantiken Wachturm Koblenz-Kleiner Laufen in der benachbarten Schweiz.
Lage Im Süden grenzt Hörbranz an den Bodensee, im Osten erheben sich die bewaldeten Ausläufer des Pfänders gegen Möggers hin, während sich im Norden die Hügellandschaft nach Hohenweiler öffnet und zum Grenzfluss Leiblach im Westen. Der spätrömische Limes folgte um 400 n. Chr. wohl dem Seeufer und dem Leiblachtal bzw. der das Tal durchquerenden Heerstraße (via militaria). Seinen weiteren Verlauf durch den Allgäu konnte man grob anhand der Reste der Römerstraße bei Heimenkirch und eines dem Bau der Bahnstrecke nach Scheidegg zum Opfer gefallenen Burgus südwestlich der Pfarrkirche von Dreiheiligen (nahe dem Bahnhof Röthenbach) in Richtung Isny verfolgen. Die etwa 80 m über dem Bodensee befindliche Turmstelle – strategisch günstig an einem leicht abfallenden Hang (Parzelle Erlach am Betzentobel) – gewährt eine unverstellte Sicht auf das Rheintal, den Bodensee (Bregenz, Kastell Arbon), das Leiblachtal und ist der westlichste burgus Raetiens.Adolf Hild: Spätrömischer rätischer Grenzburgus zu Hörbranz, Vorarlberg. Germania, Nr. 16, De Gruyter, Berlin 1932, S. 292. Adolf Hild erwähnt in seinem Bericht nur eine Grundstücksnummer, 1696/1, eine etwas genauere Georeferenzierung blieb er jedoch schuldig. Die Lage des Hörbranzer Burgus konnte jedoch nach den Bodenradarmessungen von 2011 exakt verortet werden.
Limesverlauf In seinem näheren Umfeld muss auch die Trasse der Nord-Süd verlaufenden Limesstraße zu finden sein, die vermutlich in großen Teilen mit der heutigen, ca. 110 m unterhalb verlaufenden Landstraße L1 identisch ist. Der nächste (gesicherte) Wachturm dürfte im bayerisch-schwäbischen Abschnitt des Leiblachtal gestanden haben, sein (mutmaßlicher) Standort „am Burgstall“ in der bayrischen Gemeinde Sigmarszell befindet sich unmittelbar nördlich der Staatsgrenze, einen Kilometer von Hohenweiler entfernt. Die Distanz zwischen dem Hafen von Bregenz und dem Burgus von Hörbranz beträgt ca. 6 km, zwischen Hörbranz und Hohenweiler nur 5 km. Der nächstgelegene archäologisch nachgewiesene Wachturm stand in der Gemeinde Meckatz, 9 km von Sigmarszell/Hohenweiler entfernt. Ein weiterer dieser Türme wird auch nahe Hörbranz, im Weiler Gwiggen vermutet. Die im Rahmen der archäologischen Landesaufnahme vorgenommenen Erhebungen haben allerdings keine entsprechenden Befunde erbracht. Lediglich der Verlauf der Limesstraße konnte aufgrund von – bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch sichtbaren – Resten rudimentär erschlossen werden. Die durchschnittliche Distanz zwischen den jeweiligen Wachtürmen dürfte um die 5 km betragen haben – was im Vergleich mit anderen Limes-Abschnitten an Hochrhein und Iller – relativ groß ist, bis dato konnten jedoch keine entsprechenden, mit dem Burgus von Hörbranz vergleichbaren Gebäude im Vorarlberger Teil des Leiblachtal gefunden werden.
Als römische Grenzmarkierung wird (unter Berücksichtigung eines etwas weiter gefassten Stadtgebietes des antiken Brigantium) die 6 bis 15 km westlich der Leiblachtalstraße fließende Argen vermutet. Am Vorarlberger Streckenabschnitt ist bislang nur der Burgus von Hörbranz die einzige archäologisch gesicherte Militäranlage dieser Art. Der südliche Teil des Landkreises Lindau muss im 4. Jahrhundert daher noch zum Weströmischen Reich gehört haben. Aussagekräftige, spätrömische, Befunde stehen für das Gebiet bis an die Argen aber noch aus. Lediglich die wohl im 3. Jahrhundert zerstörte Villa von Lindau-Aeschach wurde möglicherweise in der Spätantike noch genutzt, bzw. wieder neu besiedelt. Diese noch in Sichtweite der Limesstraße gelegene, vorgelagerte Zone könnte daher noch zum römischen Hoheitsgebiet gehört haben, zumal die Ostgrenze des Siedlungsgebietes der alamannischen Lentienses im 4. Jahrhundert unklar ist. Auf einer Strecke von ca. 10 km verläuft der spätantike Limes im Leiblachtal auf heutigem österreichischem Staatsgebiet (zwischen Bregenz und Hohenweiler). Diese Grenze am Übergang zwischen Alpen und Alpenvorland dürfte also durch die Römerstraße und den Verlauf der Leiblach markiert gewesen sein. Diese Linie lebt – wohl mit einer Unterbrechung im Frühmittelalter, als sich hier der Argengau etablierte – in den Landgerichtsgrenzen (Lindau und Hofrieden) sowie in der heutigen Staatsgrenze fort.Fundberichte aus Österreich, Band 50/2011, Bundesdenkmalamt Wien 2012, darin: Andreas Picker: Ländliche Besiedlung und spätrömischer Limes. Neue Einblicke in alte Fundstellen im Leiblachtal (Vorarlberg). Der spätrömische Burgus von Hörbranz, S. 103–107.
Entwicklung Eine römische Fernverkehrsstraße führte von Augsburg (Augusta Vindelicorum) in Richtung Südwesten über Kempten (Cambodunum) nach Bregenz (Brigantium) und damit auch durch das Leiblachtal. Mit der Zurücknahme des Limes auf die Grenzlinie Rhein–Bodensee–Iller–Donau wurde auch das Gebiet der Civitas der Brigantier (wie schon zur frühen Kaiserzeit) wieder zum militärischen Aufmarschgebiet. Der einzige nicht an einem größeren Flusslauf orientierte Abschnitt des spätantiken Donau-Iller-Rhein-Limes wurde wohl in der Zeit der ersten Tetrarchie (293–306) entlang dieser Straßenverbindung festgelegt. Die Datierung des Hörbranzer Burgus bleibt bis heute ungewiss. Sie reicht von Aussagen wie spätestens seit Kaiser Diokletian (284–305) bis valentinianisch. Nach verheerenden Germaneneinfällen legte Kaiser Valentinian I. (364–375) ein Bauprogramm von größeren und kleineren Befestigungen (castra et castella) entlang der Rhein- (Rhenus) und Donaugrenze (Danuvius) auf, um die Sicherheit des Reiches weiter gewährleisten zu können. Ab 369 entstanden daher am Hochrhein eine Vielzahl von Militäranlagen in Steinbauweise, die für die Provinz Raetia I von der Forschung auf 370/372 n. Chr. eingegrenzt werden konnten. Nach dem Abzug der römischen Truppen von der Rheingrenze unter Stilicho, im Winter 401/402, wurden die Türme niedergebrannt oder dem Verfall preisgegeben.Michael Mackensen: Besiedlung und militärisches Grenzgebiet im unteren Illertal und an der oberen Donau in der spätrömischen Kaiserzeit. In: Ulmer Museum (Hrsg.): Römer an Donau und Iller – Neue Forschungen und Funde. Begleitbuch zur Ausstellung, Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-0410-9, S. 150.
Garnison Die Besatzung der Straßenposten des mittelkaiserzeitlichen Raetiens bestand nach Helmut Bender in der Regel aus beneficiarii, die mit heutigen Militärpolizisten vergleichbar sind. Es handelte sich dabei meist um Legionäre, welche dem Statthalter unterstanden. Aus dakischem und thrakischem Provinzen sind Inschriften bekannt, die die Besatzung der dortigen burgi als "burgarii" bezeichnen. Ob sie zu eigenständigen Einheiten gehörten oder lediglich Milizionäre waren, ist fraglich. In den Nordwestprovinzen belegen bisher keine schriftlichen Quellen ihre Existenz. Darum geht man in der Forschung weiterhin davon aus, dass es sich auch bei der Besatzung der spätrömischen burgi um Benefiziarier gehandelt haben könnte.Franziska Sophie Reinhart: Wachttürme und burgi im Hinterland des raetischen Limes in der mittleren und späten Kaiserzeit. Masterarbeit im Studiengang Provinzialrömische Archäologie. Ludwig-Maximilians-Universität München Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie und Provinzialrömische Archäologie. München 2022, S. 35.Helmut Bender: Römische Straßen und Straßenstationen. Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands, Stuttgart 1975, S. 20f.
Funktion Die Befestigungen des spätantiken Rheinlimes wurden während der Regierungszeit von Kaiser Valentinian I. (364 bis 375 n. Chr.) verstärkt ausgebaut und zählten zu einem Überwachungs- und Nachrichtensystem, das sich von Basel (Basileum) bis an den Bodensee (Lacus Brigantiae) erstreckte. Die Wachtürme mussten hierfür in Sichtverbindung zueinander angelegt werden. Auf diese Weise konnten im Falle eines Angriffs der Germanen die Kastellbesatzungen durch Lichtzeichen oder Hornsignale alarmiert und an die jeweiligen Brennpunkte geleitet werden. Die Wachturmkette dürfte aber in erster Linie der Straßensicherung gedient haben. Dieser „Burgus-Limes“ war daher wohl eine ziemlich durchlässige Grenze und keine streng überwachte Sperrzone.
Die Besatzungstruppe (vermutlich germanische Söldner) ist unbekannt, sie wurde wohl von einem der benachbarten Kastelle gestellt. Obwohl die Zuständigkeitsbereiche der dortigen Kastelle spekulativ bleiben müssen, wird der Limes im westlichen Allgäu dem Rayon des Dux Raetiae primae et secundae, und damit der in der Notitia Dignitatum genannten ala II Valeria Sequanorum, stationiert im Vemania (Isny), zugeordnet. Der als Besatzung des Bregenzer Hafenkastells ebenfalls dort erwähnte numerus barcariorum wird als Marineeinheit keinen Dienst an der Landgrenze verrichtet haben.Fundberichte aus Österreich, Band 50/2011, Bundesdenkmalamt Wien 2012, darin: Andreas Picker: Ländliche Besiedlung und spätrömischer Limes. Neue Einblicke in alte Fundstellen im Leiblachtal (Vorarlberg). Der spätrömische Burgus von Hörbranz, S. 103–107 und Adolf Hild: Spätrömischer rätischer Grenzburgus zu Hörbranz, Vorarlberg. Germania, Nr. 16, De Gruyter, Berlin 1932, S. 292.Michael Mackensen: Besiedlung und militärisches Grenzgebiet im unteren Illertal und an der oberen Donau in der spätrömischen Kaiserzeit. In: Ulmer Museum (Hrsg.): Römer an Donau und Iller – Neue Forschungen und Funde. Begleitbuch zur Ausstellung, Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-0410-9, S. 150.
Forschungsgeschichte 1932 hatte Josef Fink – Schulleiter in Hörbranz – in der Nähe seines Wohnhauses auf Grund der Lage historische Baureste vermutet. Oberhalb der Allgäustraße unweit des Pfänderwaldhanges wurde das dorthin beorderte Grabungsteam des Vorarlberger Landesmuseums alsbald fündig. Bei der Grabung vom April 1932 stieß man auf die Grundmauern eines quadratischen römischen Burgus. Im Bauschutt fanden sich die Fragmente mehrerer römischer Grabsteine, eine Kleinbronze aus der Zeit von Theodosius I. (379–395) aus den Abfallschichten an der nordöstlichen Außenseite, ein Randstück einer grauen Kragenschüssel, Pferdeknochen, Küchenabfälle von Rindern, Schweinen und Hühnern sowie Hirschgeweih. Die Mauerfundamente wurden danach wieder zugeschüttet.Adolf Hild: Spätrömischer rätischer Grenzburgus zu Hörbranz, Vorarlberg. Germania, Nr. 16, De Gruyter, Berlin 1932, S. 293. Das Fundmaterial wurde zuletzt von Bernhard Overbeck partiell untersucht.